Angie Pfeiffer

Die Flucht

Vorsichtig hebt Paul den Kopf, beobachtet die Umgebung. Für ihn ist es kein Problem an den Soldaten vorbeizukommen, schon gar nicht im Schutz des dichten Waldes. Aber er hat für seine Frau und das Baby zu sorgen. Er dreht sich vorsichtig um, schaut zu ihnen hin. Lena hockt erschöpft auf dem weichen Waldboden. Sanft wiegt sie die Kleine in ihren Armen. ‚Unmöglich’, denkt er. ‚Das können wir nicht schaffen.’
Lena hebt müde den Kopf. „Geht es los?“
„Ja, wir kriegen das hin“, sagt er leise, bemüht sich um einen aufmunternden Tonfall, obwohl ihm zum Heulen zumute ist. „Es ist nicht mehr weit. Die Polen werden uns weiterhelfen.“
Sie nickt mechanisch, rappelt sich auf. An ihren Blicken erkennt er, dass auch sie zweifelt. Weiter geht es durch den Wald. Schließlich ein Stück Heide, flach, gut einsehbar. „Wir müssen schnell sein“, flüstert er. „Siehst du den Hang drüben? Dichtes Buschwerk, gut zum Verstecken.“ Er nimmt das Kind, rennt los. Lena folgt ihm blind.

Plötzlich Stimmen.

„Runter!“ Sie werfen sich lang in das Heidekraut, krallen sich in den Boden. ‚Die Kleine’, denkt Paul panisch. Als er sich hinwarf, ist er auf das Kind gefallen. ‚Um Himmels Willen, die Kleine, ich habe sie erdrückt!’ Paul ist versucht sich aufzurichten, nachzuschauen ob seine Tochter atmet. Doch er bleibt liegen, jede Bewegung kann sie verraten. Schritte, jemand sagt etwas. Dann entfernen sich die Soldaten. Paul zwingt sich liegen zu bleiben, obwohl sein Herz rast. Vorsichtig sieht er nach der Kleinen. Große blaue Augen schauen ihn an, blicken wissend, so als würde das Kind verstehen. Ein Kuss auf die Stirn, dann steht Paul vorsichtig auf. Auch Lena erhebt sich zögernd. Vorwärts geht es, immer schneller. Bald ist es geschafft. Der Hang ist zu Greifen nah.
„Stoj, nec!“ ertönt es hinter ihnen.
„Rennen“, schreit Paul, läuft zusammen mit Lena im Zickzack. Schüsse peitschen an ihnen vorbei. Der Hang vor ihnen, sicheres Unterholz. Paul mobilisiert die letzten Kraftreserven. Er ist schon ein Stück weit den Hang hinauf, da hört er den Schrei. Lena ist abgerutscht, liegt nun wieder fast unten.
‚Bitte, Gott, lass sie nicht getroffen sein!’, fleht Paul in Gedanken, hastet zurück, beugt sich vor, hält seiner Frau die Hand hin. „Verdammte Scheiße“, schreit sie so wütend, dass der Kraftausdruck sie fast wie von allein den Hang hinauf katapultiert. Paul zieht sie hinter sich her, in die Deckung. Endlich überqueren sie die Kuppe des Hanges. „Wir haben es geschafft“, ruft Paul freudestrahlend, doch er drängt zum Weitermarsch. Jeder weitere Meter bedeutet mehr Sicherheit.

Schließlich kommen sie an einen Bauernhof, betreten ihn vorsichtig. Der Bauer kommt ihnen entgegen. „Ihr kommt von drüber“, stellt er fest. „Kommt, kommt“, er winkt sie zum Haupthaus.
Das erste Morgengrauen sickert durch die Fensterläden, lässt Paul erwachen. Er liegt für einen Moment still da. ‚Wir haben es wirklich geschafft’, denkt er.  Plötzlich ist er voller Pläne. Er will nach Deutschland, dort lebt die Familie seiner Frau. Neben ihm bewegt sich Lena, sie blinzelt ihn an. „Du bist schon wach?“  Er legt für einen Augenblick beschützend den Arm um sie, schaut seine Frau liebevoll an. ‚Sie kann noch lächeln’, denkt er und ihn überkommt ein unglaubliches Glücksgefühl, denn er weiß, dass sie endlich Frieden gefunden haben.
 

Diese Geschichte habe ich vor Jahren geschrieben. sie behandelt die Flucht einer Familie 'in den Westen', wie sie nach 1945 wohl passiert sein könnte.
Schlimm: mit ein paar Änderungen könnte sie vielleicht in das Jahr 2022 passen ...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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