Martin Geiser

Feierabend

Es ist still geworden im Gebäude an der Hodlerstrasse. Auch die Stimmen, die sich gegenseitig einen erholsamen Sommerabend gewünscht haben, sind verklungen. Die wenigen Staatsanwälte, welche ihr Arbeitspensum noch nicht bewältigt haben, sitzen einsam hinter ihren Computern, tippen eilig die letzten Schriftsätze ein, damit sie anschliessend noch ein Bad in der Aare oder ein Apéro an der Front nehmen können.
Fiona steht am Fenster und denkt nicht daran heimzugehen. Es wartet ohnehin niemand auf sie. Selbst Merlin, ihr Kater, wird noch in der Gegend herumstreunen oder sich schnurrend auf den warmen Steinplatten der Terrasse entspannen.
Dem Glitzern der untergehenden Abendsonne in der Aare kann Fiona normalerweise nicht widerstehen; ihr Badezeug hat sie immer dabei, bereit für eine erfrischende Abkühlung nach einem langen Arbeitstag.
Heute nicht.
Sie seufzt und lässt sich wieder an ihrem Schreibtisch nieder. Vom Bildschirm ihres Monitors blickt Merlin ihr mit halb geschlossenen Augen schläfrig entgegen. Ein Kater müsste man sein!
Fiona bewegt die Maus, und der Computer wechselt summend in den Arbeitsmodus. Das Protokoll eines Verhörs ist geöffnet, das der Dienstchef der Fahndung mit einem Verdächtigen geführt hat, dem Geschäftspartner des Ermordeten.
Lukas, der Leiter der Ermittlungen, hat ausgezeichnete Arbeit geleistet; die Einvernahme ist sauber vorbereitet, die Niederschrift umgehend geliefert worden. Der Befragte ist entlastet, das Alibi wasserdicht. Eine Option weniger.
Vielleicht sollte sie wirklich einmal mit Lukas essen gehen. Sein freches Grinsen gefällt ihr; er ist durchtrainiert und attraktiv. Ausserdem hat er ein Flair für modische Kleidung. Er nennt sie ständig Frau Staatsanwältin und setzt sich locker auf die Kante ihres Schreibtisches, wenn sie etwas miteinander zu besprechen haben. Einmal wollte er sie, nach erfolgreichem Abschluss einer Untersuchung, zum Abendessen ins Verdi überreden. Doch sie lehnte dankend ab, obwohl ihr die Vorstellung eines gemeinsamen Abends ein Kribbeln im Bauch verursachte.
Man muss den Männern nicht gleich beim ersten Mal zusagen! Er würde es bestimmt nochmals versuchen.
Fiona möchte sich am liebsten der Vorstellung einer leckeren Pasta in Lukas’ Gesellschaft hingeben, doch sie schiebt diese Bilder weg und schlägt mit der flachen Hand auf den Schreibtisch.
Sie weiss nicht, was sie im aktuellen Fall tun soll!
Und das kommt sehr selten vor.
Genervt und schwungvoll steht sie auf; der Bürostuhl rollt nach hinten weg und knallt ans Bücherregal. Sie holt aus der untersten Schreibtischschublade eine Flasche Gin und ein Glas, das sie zwei Fingerbreit vollgiesst.
Alkohol während der Arbeitszeit – auch das ist eine absolute Ausnahme.
Sie streift sich die Pumps von den Füssen und lässt sich auf dem Couchsessel nieder, wie immer, wenn sie, völlig losgelöst von sämtlichen Dokumenten, gründlich nachdenken muss.
Auf dem niedrigen Glastisch vor ihr liegt das Foto des Toten. Stephan Brunner, umtriebiger und schwerreicher Bauunternehmer und gerngesehener Gast in der Boulevard-Presse. Auf seiner morgendlichen Jogging- Runde im Wald mit drei Schüssen niedergestreckt. Keine Zeugen, keine verwertbaren Spuren am Tatort, nichts! Und die Liste der Verdächtigen ist lang: ehemalige Geschäftspartner, die sich von ihm über den Tisch gezogen fühlen, gehörnte Ehemänner, deren Gattinnen er ins Bett gelockt hat, sitzengelassene Frauen, die sich von ihrer Affäre mit ihm mehr erhofft haben.
Fiona betrachtet aufmerksam das Foto. Ein schmales, sonnengebräuntes Gesicht, ein markantes und energisches Kinn, der Dreitagebart sorgfältig getrimmt, graumeliertes und volles Haar, und das, obwohl er erst im letzten Jahr seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hat. Ein attraktiver Mann …
Das war er bereits vor rund zwanzig Jahren. Da ist sie ihm zum ersten Mal begegnet, am Sommerfest des Turnvereins. Sie ging damals noch ins Gymnasium, er war gerade zum Verwaltungsratspräsident einer international operierenden Metallbaufirma gewählt geworden und im Ort bekannt wie ein bunter Hund. Der Stephan, der hier aufgewachsen war und der es zu etwas gebracht hatte. Überall Händeschütteln, Lobeshymnen, Schulterklopfen. Ein Mann von Welt, der sich aber nicht zu fein war, um sich bei Bier und Wurst in seinem Heimatdorf unters gewöhnliche Volk zu mischen.
Es ist ihr klar, dass sie diese Untersuchung wegen Befangenheit nicht leiten dürfte. Doch es weiss ja keiner, dass sie ihn gekannt hat. Und niemand wird es je erfahren. So einfach ist das! Spätestens seit dem Besuch bei Frau Brunner, der Witwe des Getöteten, hat Fiona Gewissheit erlangt, dass ihr Entscheid, den Fall selber etwas genauer zu untersuchen, richtig gewesen ist.
Lukas schnalzte verächtlich, als sie ihm mitteilte, sie wolle sich selber ein Bild von Brunners Zuhause machen.
«Was verspricht sich die Frau Staatsanwältin davon?», meinte er etwas ruppig. «Wir haben mit Frau Brunner gesprochen und das Büro des Toten auf den Kopf gestellt. Vertraust du unserer Arbeit etwa nicht?»
Doch sie liess sich von ihrer Idee nicht abbringen. Sie wollte die Frau sehen, die es so viele Jahre mit diesem Frauenverächter, der sie ständig betrog, ausgehalten hatte. Spekulationen über seine zahlreichen Affären waren in sämtlichen Klatschblättern genüsslich verbreitet worden.
«Die Frau hat ein wasserdichtes Alibi», ergänzte Lukas. «Sie war zur Tatzeit im Fitness-Center. Wir haben alles überprüft. Es gibt keinen Zweifel an ihrer Unschuld.»
Fiona stellte seine Arbeit nicht in Frage. Darum ging es ihr nicht. Sie meldete sich bei Frau Brunner zu einem Besuch noch für den gleichen Tag an. In der prächtigen Villa fand sie die Witwe völlig aufgelöst vor. Sie sass in einem Sessel und stammelte unverständliche Worte, während ihr die Tränen über die Wangen strömten. Fiona musste sich zusammenreissen; am liebsten hätte sie die Frau gepackt und kräftig geschüttelt. Wie konnte man so einem Casanova auch nur eine Träne nachweinen?
Sie sieht ihn wieder vor sich, damals am Anlass des Turnvereins. Sie war noch eine Gymnasiastin, voller Flausen und Ideale.
Mit ihren zwei Freundinnen sass sie auf der harten Festbank; sie hatten schon ziemlich viel Alkohol getrunken und lachten ohne Unterbruch. Es war ein Abend zum Feiern! Zuerst hatte sich ein paar Kollegen zu ihnen gesetzt, um auch ihren Spass zu haben, waren dann aber kopfschüttelnd wieder gegangen.
Und dann hatte sich plötzlich, wie aus dem Nichts, Brunner zu ihnen gesetzt, ihnen geschmeichelt und das Du angeboten. Stephan, der grosse Geschäftsmann! Er hatte sie aus dem Festzelt in die Bar geschleppt, ihnen einen Drink spendiert und mit ihnen geflirtet, stets ein gewinnendes und sympathisches Lächeln auf dem Gesicht. Nicht so plump, wie die Jungs zuvor. Die Mädchen genossen seine Gesellschaft, fühlten sich wie Erwachsene und wandten all ihre Überredungskünste an, als er ankündete, wieder ins Zelt zurückgehen zu wollen. Es gelang ihnen nicht, ihn etwas länger bei ihnen zu behalten, und nachdem er sie verlassen hatte, blieben sie zunächst verzaubert zurück, bevor das aufgeregte Getratsche unter ihnen losging.
Etwas schwankend vom doppelten Gin erhebt sich Fiona in ihrem Büro aus dem Sessel. An der Kante ihres Schreibtisches muss sie sich abstützen und kurz warten, bis der Schwindel vorüber ist.
Frau Brunner schien ihren Mann tatsächlich sehr geliebt zu haben. Bestimmt wusste sie von seinen Affären. Hatten sie eine Übereinkunft getroffen? Hatte sie seine Demütigungen einfach weggesteckt oder gar akzeptiert? Als sie sich während des stockenden Gesprächs mit der Hand durchs Haar strich, rutschte der Ärmel der weiten Bluse etwas nach hinten. Der kurze Blick auf die blauen Striemen und Hämatome genügte Fiona, um festzustellen, dass der Mistkerl sich kein bisschen geändert hatte.
Fiona fixiert die Maserung ihres Schreibtisches. Dann öffnet sie das Fenster. Die Hitze hängt allerdings noch drückend über der Stadt. Wie erfrischend wäre jetzt ein Bad in der Aare! Nichts da. Sie stösst sich vom Fensterrahmen ab. Eine Entscheidung muss her.
Aus einer Schublade ihres Schreibtisches, unter einem Stapel Dossiermappen, nimmt sie die Pistole und streicht über das kühle Metall. Sie legt die Waffe neben das Foto des Unternehmers und setzt sich wieder hin.
Was, wenn jetzt jemand in ihr Büro käme? Fiona, etwas angesäuselt, mit einer Waffe vor sich auf dem Tischchen? Was, wenn es gar Lukas wäre? Sie verwirft die Bedenken. Niemand würde es wagen, das Büro der Staatsanwältin zu betreten, ohne vorher anzuklopfen. Nicht mal Lukas!
Sie greift nach der Pistole, dreht sie in ihrer Hand und betrachtet sie von allen Seiten. Ihr Magen dreht sich, ein Teil des Mittagessens schiesst die Speiseröhre hoch.
Gewiss ist es purer Zufall gewesen, das weiss Fiona. Und trotzdem rätselt sie immer noch darüber, ob es nicht eine glückliche Fügung gewesen ist.
Während des Besuches bei Frau Brunner musste sie kurz die Toilette aufsuchen. Nachdem sie die Spülung betätigt und die Hände gewaschen hatte, suchte sie erfolglos nach einer Möglichkeit, um sie abzutrocknen. Sie wollte das Bad schon mit feuchten Händen verlassen, doch dann entschied sie sich zu einer Portion Frechheit und öffnete den Schrank, in dem sie die Frottierwäsche vermutete.
Unter den Handtüchern lag die Pistole.
Das richtige Kaliber, und drei Patronen fehlten im Magazin. Es gab keinen Zweifel an der Schuld der Ehefrau. Doch wie war sie zu ihrem Alibi gekommen? Dank guten Freundinnen, die sie bei ihrer Tat unterstützt, vielleicht sogar dazu motiviert hatten? Egal, für Fiona spielt es keine Rolle.
Sie hätte Frau Brunner anschliessend mit ihrer Entdeckung konfrontieren müssen; die Frau wäre vermutlich sofort eingebrochen. Doch sie steckte die Waffe ein und verabschiedete sich. Sie musste in Ruhe darüber nachdenken, wie es nun weitergehen sollte.
Weshalb hatte Frau Brunner die Pistole nicht weggeworfen, sondern sie so nachlässig im Badezimmer versteckt? War es ein Hilfeschrei? Hatte sie vielleicht sogar gehofft, als Täterin enttarnt zu werden? Damit ihr die zentnerschwere Last, die auf ihr lag, endlich abgenommen wurde?
Und plötzlich wurde Fiona klar, dass der verzweifelte Zustand, in dem sie die Witwe angetroffen hatte, nicht durch den Tod ihres Mannes verursacht worden war, sondern durch das Bewusstwerden, was sie getan hatte und die Angst, dass man sie einsperren würde.
Fiona erhebt sich aus ihrem Sessel und giesst sich einen weiteren Gin ein – dieses Mal nur noch einen Fingerbreit. Neben der Flasche entdeckt sie ein Päckchen Zigaretten. Wie lange liegt das schon in ihrer Schublade? Wann hat sie das letzte Mal geraucht?
Sie kann sich nicht beherrschen und zündet sich eine an, tritt erneut ans Fenster und zieht den Rauch tief in ihre Lungen. Ein angenehmer Schwindel überwältigt sie erneut, und sie leert das Glas in einem Zug. Die Zweifel und Bedenken, die sie seit dem Auffinden der Waffe quälen, zerstreuen sich immer mehr – dem Alkohol sei Dank, der ihre Klarsicht schärft und die anstehende Entscheidung zementiert.
Als sie sich erneut niederlässt, schliesst Fiona die Augen und geniesst das Drehen in ihrem Kopf. Ohne gross nachzudenken, greift sie nach ihrem Handy und wählt aus der Anrufliste die Nummer der Brunners. Sie muss lange warten, bis endlich abgehoben wird und die Witwe sich meldet.
«Ja bitte?»
«Frau Brunner?»
Stille am anderen Ende, doch die Anspannung ist beinahe greifbar.
«Frau Brunner, sind Sie noch dran?»
Tiefe Atemgeräusche, doch kein Wort. Das Schweigen wird unerträglich, und Fiona schimpft sich innerlich einen Dummkopf, dass sie sich zu solch einer spontanen Aktion hat hinreissen lassen.
«Sie wissen es.» Die Worte sind leise und emotionslos.
Nun sucht Fiona nach Worten. Verdammt, was hat sie nur mit diesem Anruf bezwecken wollen?
«Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Brunner», sagt sie schliesslich und legt auf. Ihr Herz rast; sie umklammert das Smartphone mit beiden Händen und hält es an die Brust.
Sie hat gedacht, dass es vorbei ist. Endlich. Dass sie die Geschehnisse von damals verarbeitet hat – auch ohne psychologische Hilfe.
Doch nun steigt ihr wieder dieser ekelhafte Geruch nach Grillwurst und Bier in die Nase. Es ist wie ein Trigger. Sie könnte sich augenblicklich übergeben. Genauso hat es gerochen – damals hinter dem Festzelt. Er hatte ihr aufgelauert und sie in den Wald gezerrt. Sein gieriges Hecheln ist ihr heute noch in den Ohren. Irgendwann wurde ihr klar, dass sie strampeln und schlagen konnte, wie sie wollte. Er war stärker als sie. So liess sie es über sich ergehen.
Danach machte sie sich selber Vorwürfe. Ja, der Ausschnitt ihres Dekolletés war sehr freizügig gewesen und ja, sie war betrunken gewesen und hatte hemmungslos mit ihm geflirtet. Sie schämte sich und schwieg. Jahrelang. Niemandem erzählte sie auch nur ein Wort davon.
Aber wegen dieses furchtbaren Erlebnisses entschied sie sich für ein Jurastudium. Der Gerechtigkeit dienen, das Böse bekämpfen, die Straftäter hinter Gitter bringen.
Verbrecher wie der feine Herr Brunner, der ihr die Unschuld und den Glauben an das Gute geraubt hat.
Alle Puzzle-Teile liegen an der richtigen Stelle. Das Gesamtbild stimmt. Der Kreis schliesst sich.
Fiona ist sich nun sicher, was zu tun ist. Manchmal gibt es doch noch sowas wie Gerechtigkeit. Der Mord an Brunner wird unaufgeklärt ins Archiv kommen, dafür wird sie sorgen! Schade für Lukas’ gute Arbeit. Aber sie wird ihn zu einem Abendessen einladen.
Sie packt ihre Unterlagen zusammen, die Pistole verstaut sie im Aktenkoffer.
Es wird heute keine Erfrischung in der Aare geben, sondern eine Jogging-Runde durch den kühlen Wald.
Und sie weiss bereits, wo sie die Waffe vergraben wird.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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