Patrick Rabe

Gegrilltes Ich und der Dunst erhitzter Körper

Gegrilltes Ich und der Dunst erhitzter Körper

 

Sie betrat seinen Raum. Er war sexy, fand sie, aber wirkte etwas schlumig. An seiner Wand hing ein Druck des Philipp-Otto-Runge-Bildes „Der Morgen“.

 

Sie erschrak, und dachte ganz kurz: „Jetzt sagt er bestimmt: „Bei dir geht mir die Sonne auf.“ Doch er sagte es nicht.  Er grinste, und sie dachte „schmierig.“. Es konnte aber auch an seinen ölverschmierten Händen liegen, mit denen er bis eben noch an einer Installation gearbeitet hatte. Es war eine Babypuppe mit steil aufgestellten Haaren – offensichtlich mit Gel hochgestylt- die in einer Art Metallgitter auf einem winzigen, elektrischen Stuhl saß.

 

„Gefällt dir, was du siehst?“, fragte er. „Naja.“, sagte sie. „Weiß nicht. Was soll denn das sein?“. Sie hatte ja in ihrem langjährigen Singledasein und bei ihrer Suche nach neuen Beziehungen zumindest eines über Männer, die Kunst machten, begriffen. Das man zumindest denen, von denen man unter Umständen etwas wollte, nicht das Gefühl geben durfte, dass man sich für ihre Kunst nicht interessierte. Das galt vor allem für Installationskünstler. 

 

„Was soll denn das bedeuten?“, fragte sie daher. „Das soll die Lage zeigen, in der wir heute fast alle sind.“, sagte er. „An ein falsches Licht gefesselt, das uns ganz lange vorgaukelt, wir seien mutig ausprobierende Kinder in einer Art Schutzraum, der unser ganz eigener Bereich ist, und dann verdrahten und verkabeln wir unseren Schutzraum, weil wir denken, dass uns ein Computer besser mit der ganzen Welt verbindet, als wenn wir rausgehen, und wirklich mit Leuten sprechen würden,  und setzen uns darin auf eine Art Gemütlichkeitsthron.

 

Und dann bemerken wir zu spät, dass wir auf einer Art elektrischem Stuhl sitzen, dem elektrischen Stuhl der Aussortierungsgesellschaft, die uns bereits als untaugliche Subjekte gebrandmarkt hat, wir bekommen von unseren Computern noch mehrere Optionen angeboten, in welche Nischen wir fliehen könnten, an welcher digital gesteuerten Revolution wir noch eventuell als umprogrammierte Menschen, Vampire, elektrische Impulse, Bits oder Bytes teilnehmen wollten, oder wie wir uns noch in irgendeiner uns eigentlich widerstrebenden, meist entwürdigenden Position nützlich machen könnten, und wenn wir dann „Nein“ sagen, werden all unsere an uns noch tauglichen und überlebensfähigen Seiten, und vor allem auch unsere zartesten Eigenschaften, unsere inneren Kinder, unsere Seelen und unsere Iche auf diesen vollverdrahteten, elektrischen Stühlen geröstet. Wer in einem scientologisch beeinflussten Staat nicht bis zu einem bestimmten Alter so und so viel Kohle wieder in die Kassen gespült hat, wird eben zur hohlen Puppe umfunktioniert, die vor sich hinlallend die Straße putzen, und die Zigarettenkippen aufsammeln darf. Oder man wird ein eben so hohler Roboter in einer höheren Position. Man überlebt dann immer. Nur eines verliert man auf jeden Fall. Sein Menschsein, und seine echte Menschlichkeit und Individualität.“.

 

Sie sah ihn an und war erschrocken. „Glaubst du wirklich?“, fragte sie. „Und wie kommt man da dann wieder raus, aus diesem elektrischen Stuhl?“. Er lachte. „Sie wollen einem einreden, dass man sich davon unabhängig machen muss , dass einen Lob oder Tadel beeinflussen, und dass es einem egal sein muss, wie andere einen finden. Sie wollen, dass man sich von seinen ganzen seelischen Eigenschaften und Gefühlen trennt, weil die einem angeblich im Weg stehen, und sich lieber für die Rückmeldungen entscheiden soll, die einem der Computer gibt, oder Leute in den „sozialen Medien“.

 

Man soll sich also für die Isolation in seinen eigenen vier Wänden und für die Abkehr von seinen Mustern oder „Engrammen“, wie die Scientologen das nennen, befreien, um ein emotionsloses, rein geistiges Wesen werden zu können, das dann alles kann. Vor allem soll man sich von seinen Liebesgefühlen, seinem Mitgefühl für andere und seinem Sexualtrieb befreien. Und man soll irgendwelche Diätvorschriften einhalten, die die einem dann als religiöses Fasten verkaufen. Essensphobiker, Allergiker, Bulimiker und Veganer sind auch ein gefundenes Fressen für die. Denen müssen sie nicht mal mehr begründen, warum man nichts essen sollte.

 

Nur leider wird, wenn man sich in ihrem Sinne leer gemacht hat, nicht der Allgeist oder heilige Geist oder sonstwas in einen eingegossen, sondern eine Art Fremdlenkung, die einem die Möglichkeit zu selbstständigen Handeln und Denken nimmt. Deutschland hat leider zuviel Kohle von denen angenommen. Genauso nämlich, wie sie auch Leute in die Privatinsolvenz führen können, können sie auch ganze Staaten in die Insolvenz führen. Sie sagen einfach: „Euers ist Mist, unseres ist besser. Kauft unsere Technologien, unsere Spiritualität und nehmt unser Geld an, dann geht es mit euch wieder bergauf. So arbeiten die. Konnte man in den letzten Jahrzehnten auch gut an Städten wie Detroit und Chicago sehen und an der ganzen Art, wie sie die Trump-Ära mitgesteuert haben, und sich nun in der Biden-Ära verhalten. Und vor allem auch darum, um von den Verhältnissen im eigenen Land und vor der eigenen Haustür abzulenken. Es geht immer darum, irgendwen oder irgendwas runterzurocken und irgendwen oder irgendwas hochzujubeln. Die runtergerockten Städte werden aufgegeben und verschrottet, die „aufgewerteten“ Städte und ihre Bewohner werden zu ausgelutschten, „clearen“ Arbeitsmaschinen umerzogen, denen per elektrischen Impulsen Glücksgefühle einsuggeriert werden. Es geht immer gegen das Individuum und das Ich, das keiner Vorgabe entspricht. Und natürlich darum, Ideologien zu unterstützen, die verbreiten, das Ich wäre das Problem, oder am Besten gleich, der Mensch hätte gar kein Ich, und keinen freien Willen,  sondern das wäre nur eine Illusion, die man überwinden müsse. Oder das Ich und der freie Wille wäre per se böse. Die „Feind-Freund-Bildung“ auf Facebook ist auch ein gutes Beispiel für ihre Strategien. Aus meiner Sicht sind die schon dabei, Hamburg in ihrem Sinne umzumodeln.“.

 

„Was sollen wir denn dann tun?“, fragte sie. „Die Sonne aufgehen lassen.“, lachte er. „Ich hab’s doch gewusst.“, dachte sie. „Er sagt es doch.“

 

 

 

© by Patrick Rabe, 5. März 2022, Hamburg.

 

 

 

 

 

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