Heinrich Baumgarten

Die längste Sekunde

Leicht verlegen zupfte Friedhelm seine Krawatte zurecht.

Die junge Frau auf der Parkbank hatte ein Buch auf dem Schoß, las darin und hatte gerade umgeblättert.

Sonderbar – nicht das Umblättern, nicht die Parkbank nicht die junge Frau allein. Sonderbar war das Zusammentreffen dieser drei Wahrnehmungen, das Friedhelms Verlegenheit auslöste.

Ein Déja vu, der Zipfel einer Erinnerung, deren roter Faden ihm sofort wieder entglitt. Aber er wußte etwas. Wann, was, wobei war das gewesen, daß er zum ersten Mal dasselbe Gefühl gehabt hatte, daß etwas ausgelöst worden war in ihm in einer Situation, die dieser glich wie die identische Stelle in einem zurückgespulten Film?

Nein, nicht Verlegenheit hatte ihn befallen, sondern Verblüffung ihm die Situation wie eine gläserne Wand in den Weg gestellt. Er konnte durch sie hindurchschauen, aber dahinter nichts erkennen. Er sah eine Szene aus seinem Leben in nebelhafter Spiegelung – in einem vom Hauch eines unbegreiflichen Atems beschlagenen Spiegel.

Die junge Frau sah auf von ihrer Lektüre und blickte Friedhelm an, eigentlich nur in seine Richtung, ohne seine Gestalt wirklich zu fokussieren. Fast träumend, ziellos, ohne erkennbare Absicht. Hatte sie etwas gespürt, und wenn, was?

Kann Verblüffung wie ein Impuls jemanden anders stimulieren, ohne daß Blickkontakt bestanden hat?

Sie nahm die Lektüre wieder auf, und Friedhelm ließ seine Krawatte los.

Er setzte seinen Weg fort, und ihm wurde erst jetzt klar, daß er gar nicht stehen geblieben war.

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