Heinrich Baumgarten

Wertstoff - Dubioses System Deutschland

Wertstoff - Dubioses System Deutschland


Omnia fluctuant - alles fließt. Und daß es vor allem kreisförmig zurückfließe, rezykliert werde, ist Bestreben der Politiker, die sich der Umwelt und ihrer Gesundung angenommen haben. Die Guten ins Töpferchen, die Schlechten woandershin.
Doch pardon, die Schlechten gibt es nicht mehr. Eigentlich ist alles gut, wiederverwendbar, wertvoll, kurz Wertstoff.
Was früher Abfall war, kann, soll und muß rezykliert werden.
Nur Chemie- und Arzneimittel-Reste sowie Exkremente gewohnheitsmäßiger Fast-Food-Esser gelten als Sondermüll und werden einer entsprechenden Entsorgung zugeführt.
Aber sonstige menschliche Ausscheidungen, etwa von Säuglingen samt dem sie einhüllenden Recycling-Papier-Material, gelten als voll kompostierbar. Die Krönung des produktgebundenen Recycling in diesem Zusammenhang bietet ein Hersteller von Toilettenpapier, der textet: „…naturbraun“.
Ende gut, alles gut.
Wenn wir also Eierschalen, benutzte Filtertüten, Essensreste, den alten Weihnachtsbaum und alles andere Organische per la Compostella loswerden können, dann wird es allerhöchste Zeit, daß sich die Städteplaner und Baubehörden darüber Gedanken machen, wo Familien - besonders in Ballungsgebieten - ihren kompo-konvertiblen pro-Kopf-Ausstoß an Wertstoff zwischenlagern können, bis er dann irgendwann, zu Humus geworden, zur Verschönerung der städtischen Anlagen auf den dafür zur Verfügung stehenden Flächen ausgebracht werden kann. Sicher wäre es ratsam, zur Lösung dieses Problems auch den Sachverstand der Mitarbeiter der Gartenämter zu nutzen. Benutzer von Balkonen könnten, ohne daß dafür vermehrter Verwaltungsaufwand nötig wäre, per Nachtragsklausel in den Mietverträgen zu sofortiger kompostolischer Nutzung ihrer Außensitzflächen verpflichtet werden. Ein bundesweit geltendes Balkon-Lastenausgleichsgesetz (BalAG) würde ihnen künftig, ganz im Sinne einer Re-Solidarisierungs-Offensive, zwingend auferlegen, die Kompostabilien balkonloser Nachbarn aufzunehmen. Es ist schwer nachzuvollziehen, daß eine in ihrer Organisation und Ablaufplanung so stimmige Gesetzgebungs- bzw. Verwaltungsaufgabe bisher so lange hat auf sich warten lassen. Für alle anderen Wertstoffe bestehen ja bereits seit geraumer Zeit Regelungen, die greifen, vor allem in die Portemonnaies.
An jeder Wertstoff-Insel finden sich mittlerweile drei Container für Glasiges: Weiß-, Braun- und Grünglas. In weniger hoch entwickelten Regionen werden die beiden letztgenannten Kategorien subsumiert unter „Buntglas“.
Welche Gewissenskonflikte durch derart glasklare Differenzierung bisweilen entstehen können, mußte ich vor ca. zwei Wochen erfahren. Der Hand meiner Freundin entglitt eine Murano-Vase und (zerschall?, zerscholl?) zerschellte auf dem erbarmungslos harten, unsensiblen Fliesenboden ihrer Küche.
Zunächst erschrocken, dann recht erleichtert darüber, daß so dickes Glas in soviele kleine Stücke zerspringen kann, machte ich mich daran, die Scherben mittels einer Briefwaage in dreiannähernd gleich schwere Häufchen aufzuteilen, deren jedes ich dann einem der Weiß-, Braun- beziehungsweise Grünglas-Behälter überantwortete in dem befriedigenden Bewußtsein, trotz eigentlich bestehender Unvereinbarkeit so etwas wie proportionale trikolore Ausgewogenheit zustandegebracht zu haben.
Während der Beschickung der drei unterschiedlichen Schlünde fiel mir ein Mann auf, der eigentlich nichts Auffälliges an sich hatte, was seine Erscheinung betraf. Allerdings verhielt er sich ein wenig merkwürdig. Unsere Wege hatten sich einige Male gekreuzt, als ich meine drei integrierten Gesamtportionen, er seine braunen, weißen und grünen Flaschen einwarf. Nun stand er unschlüssig vor den Gehäusen, in der Hand die drei Plastiktüten, in denen sich sein Leergut befunden hatte.
Ja, eine davon war offensichtlich noch nicht leer, das sah ich an der Ausbeulung. Hilfesuchend schaute er mich an, und ich fragte ihn, ob er ein Problem habe.
„Wir trinken zum Bier Steinhäger“, sagte er traurig.
„Warum denn, wenn er ihnen nicht schmeckt?“ fragte ich.
„Nein, er schmeckt ja, aber die Flaschen.“
Die brauchen doch auch nicht zu schmecken, dachte ich und wußte im gleichen Moment, daß er etwas anderes gemeint haben mußte.
„Die Flaschen sind doch aus Steingut, und hier steht überall dran, daß man die nicht hineinwerfen darf!“
Richtig! Ich hatte das auch gelesen, aber da mich als Rotweintrinker das nicht betrifft, gleich ad acta gedacht.
Ich wußte dem armen Kerl keinen Rat und gedachte der Zeiten, da die Flaschen noch in der Tonne landeten und die Müllmänner jeden Säufer in der Straße kannten. Jeder kann heute die Höhe seines Konsums kaschieren durch eigenhändige Beseitigung der verräterischen Behältnisse - außer den Stein- und Schinkenhäger-Trinkern. Ein klarer Fall von Minderheiten-Diskriminierung. Das Leben ist halt ungerecht.
So Glas, so weit, so gut.
Eine weitere Farbe hat uns zu beschäftigen, die früher vornehmlich den Neid symbolisierte: das Gelb. Inzwischen hat sich die Symbolik zeitgeistig gewandelt und ist dual-systematisch-deutsch eingerastet auf den Wertstoff-Kontext „Metalle, Kunststoffe, Verbundmaterialien“. Gelb ist in Ballungsgebieten seither die Farbe zusätzlicher Tonnen, die tunlichst nicht mit Briefkästen verwechselt werden sollten. Auf dem platten Land ist es die Farbe großer Säcke, die in aufgerollter Form zu 50 Stück von der Gemeinde jedem Haushalt zur Verfügung gestellt werden. Und auf allem (allen) prangt der „Grüne Punkt“ - da als markiges Zeichen inzwischen sattsam bekannt - durchaus schon mal in schwarz.
Was will uns die Existenz dieser neuartigen Behältnisse sagen?
Zunächst einmal, daß die Rechnung für kunststoffverarbeitende Betriebe offenbar aufgegangen ist. Der Aufdruck gibt Kunde von der gelungenen Wiederverwendung von etwas bereits vorher einmal Benutzten. Bravo!
Was kommt nun hinein, was soll auf den Grünen Punkt gebracht werden?
Da wären zunächst die Umhüllungen für alles Flüssige, was nicht in Flaschen vertrieben oder erworben wird: Weichblechdosen für Suppiges und Gemüsiges, Softquader für H-Milch, Fruchtsäfte und komatogene Penner-Glühwein-Zubereitungen.
Ferner gehören dort hinein Joghurtbecher nebst den ihnen zum Verschluß dienenden Deckeln aus Aluminium. Blister-Verpackungen, Alu-Folie aus dem Abbrand der häuslichen Brat- und Schmor-Arbeit sowie aus PVC Gefertigtes - vom Spielzeug bis zur Tiefkühlschachtel - das vor dem Zahn der Zeit kapituliert hat. Ja, auch Schaumstoff - Styropor - ist genehm. In der Gebrauchsanleitung für Einsteiger in das System wird darauf hingewiesen, daß alle Behältnisse tunlichst von Speiseresten zu befreien seien, was bedeutet, daß der Hausmann (hier einmal zuerst genannt) und die Hausfrau die Restwärme des Wassers im Spülbecken nutzen sollten.
Spülmaschinen-Benutzer sollten aus ballistischen Gründen - vielleicht einmal pro Woche, auch um den Extra-Aufwand an Energie in Grenzen zu halten - auf Handbetrieb umschalten. Bescheidenes, aber trotzdem nicht zu unterschätzendes Nebenprodukt am Rande der Flut, die allwöchentlich oder vierzehntäglich von allen Haushalten losgelassen wird?
Es sind Inhaber neuer Arbeitsplätze (Umweltschutz schafft sie ja, wie wir seit Jahren hören müssen), die keinerlei Qualifikation erfordern. Zwei Hände muß der Bewerber/die Bewerberin haben; Hände, die zupacken können. Schutzhandschuhe werden gestellt. Eine Nase braucht er/sie nicht; die wäre fast hinderlich. Aber ein Mundschutz ist nötig, damit niemand auf den Gedanken kommt, von den Resten zu naschen.
Am Fließband sollt ihr stehenund mit eurer Hände Arbeit aussortieren, was denn zu trennen ist: Alu zu Alu,Weißblech zu Weißblech, PVC zu PVC. Beim Styropor fraget den Vorarbeiter, der dessen Dicke und Beschaffenheit vorbeurteilen oder bevorurteilen möge, bis daß ihr den rechten Schacht findet.
Wer einem technisch interessierten Laien und PC-Nutzer heute weismachen möchte, es sei nicht möglich, derartige Sortierarbeit zu automatisieren, der spielt mit gezinkten Karten. Was der Industrie als lohnend erscheint, wird machbar gemacht. Es ist seit langem kein Problem mehr, Eisen von Aluminium zu unterscheiden. Es dürfte auch keine unzumutbare Herausforderung sein, im Bereich der Kunststoff-Chemie Möglichkeiten zu entwickeln, unterschiedliche Verbindungen voneinander zu unterscheiden. Der Industrie ist die Machbarkeits-Machung nicht interessant. Als Beleg mögen die vielen Halden dienen, die in Industriegebieten zu finden sind, die auf die Abrißbirne warten. Auch wissen wir seit längerem, daß in Dritt-Welt-Ländern größere Mengen undefinierbaren, aber zweifellos gelbumhüllten Materials gelagert werden. Die Empfänger (Ignoranten?) haben jedoch bisher keinen Euro überwiesen für den Erwerb der Wertstoffe, sind im Gegenteil für deren Entgegennahme bezahlt worden.
Nun könnte ein Verantwortlicher freilich entgegnen, es handele sich bei derartigen Exporten um einen Baukostenzuschuß, weil ja in den angesprochenen Regionen Behausungen vornehmlich aus rezyklierbaren Materialien erstellt würden. Wer denn partout unfair sein will, kann natürlich einwenden, daß für ein Hüttendachrechteckige, ziegelähnliche Objekte eher angebracht seien als kreisförmige. Dagegen kann überzeugend ins Feld geführt werden, daß Aluminium in Form runder Joghurtbecher-Deckel viel länger vor Korrosion geschützt bleibt.
Das „Duale System Deutschland“ macht seinem Namen alle Ehre, da es wirklich zweifach wirkt:
Einerseits macht es den Deutsch ein besseres Gewissen (falls das noch möglich ist), andererseits mutiert es quasi zur Entwicklungshilfe. Haben wir es bisher verkannt?
Die war ein Versuch, ihm endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
(Anmerkung des Verfassers: Wieso wird Gerechtigkeit in unserer Sprache immer mit dem widerlichen „wider ohne e“ verbunden, das Opposition impliziert, wenn sie denn endlich mal zu ihrem Recht kommen sollte?)
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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