Rüdiger Wulf

Von Zauberspiegeln, Glasbergen und Flaschengeistern

Spiegel und Glas im Märchen

Es war einmal ein kleines graues Männchen. Das entführte den König. In seinen Teich. Den Teich des grauen Männchens. Einen tiefen Teich. Und die Königin? Sie beuftragte einen Fachmann. Einen Zauberer, der den König finden und befreien sollte. Und der Zauberer? Der legte einen Spiegel ans Ufer des Teiches, in dem der König gefangen gehalten wurde. Da tauchte das kleine graue Männchen aus dem Teich auf, nahm den Spiegel, blickte hinein und freute sich. Weil es sich selbst im Spiegel sehen konnte. Und weil es nie gedacht hätte, dass es so schön war. Der Zauberer bot ihm einen Tausch an: Es dürfe den Spiegel behalten, wenn es den König einmal nach oben lasse und aus dem Wasser hebe. Das graue Männchen willigte ein. Doch kaum hatte es den König aus dem Wasser gehoben, da flog er fort. Er konnte sich nämlich in einen Vogel verwandeln. Damit hatte das graue Männchen nicht gerechnet. Es zerschlug den Spiegel und verschwand in seinem Teich.

Auch der „bösen“ Königin bestätigt ein Spiegel, dass sie schön ist. Die Schönste im ganzen Land! (Und sicher auch schöner als das graue Männchen im Teich, aber das ist wohl Geschmackssache.) Doch der Spiegel ist ehrlich. So ehrlich, dass er der Königin irgendwann ins Gesicht sagt, dass ihre Stieftochter mittlerweile noch schöner ist als sie. Spiegel sagen die Wahrheit. Immer. Und so erfährt die Königin auch, dass Schneewittchen noch lebt. Dass sie die Mordanschläge überlebt hat. Weil der Spiegel immer noch von ihr spricht, sie immer noch schöner nennt als die böse Stiefmutter.

Aber warum spielt der Spiegel das böse Spiel überhaupt mit? Warum versagt er nicht der Königin seine Dienste? Wo er doch so edel, so ehrlich, so wahrheitsliebend ist … Das hat sich wohl auch Herr Musäus gefragt. Johann Karl August Musäus, der in den 1780er Jahren mit seinen „Volksmährchen der Deutschen“ berühmt wurde. In seiner Version der Geschichte vom Spiegel der bösen Königin wird eine Regel eingeführt: Wenn man den Spiegel aus Vorwitz und Neugier befragt, oder um sein zukünftiges Geschick zu erfahren, beginnt er zu rosten und wird schließlich blind. Was dann auch geschieht: Schon nach dem zweiten Mordanschlag der Königin Richilde auf ihre schöne Stieftochter Blanka hat der Rost den Spiegel zerstört.

„Schau in den Spiegel, der lässt sich nicht irremachen, der zeigt dir mein Bild, wie es in Wahrheit ist“, sagt die verzauberte Königstochter zu dem Jüngling, der ins Schloss der goldenen Sonne gekommen ist, um sie zu erlösen. Der junge Mann ist erschrocken vom Anblick der Prinzessin. Weil sie so hässlich ist. Doch der Spiegel bringt es an den Tag: Sie ist in Wahrheit (natürlich!) die schönste Jungfrau der Welt.

Um den Zauberer zu besiegen, der die Prinzessin verwandelt hat, braucht man eine Kristallkugel, die als Dotter in einem glühenden Ei steckt, das ein feuriger Vogel im Leib trägt. Lässt man das Ei zu Boden fallen, entzündet und verbrennt es alles ringsum. Das Ei schmilzt und mit ihm die Kristallkugel. Hört sich das nicht irgendwie nach dem Prozess an, bei dem mit furchterregenden Temperaturen Glas hergestellt, erschmolzen wird?

„Kristallomantie“ heißt die Kunst des Wahrsagens mit Hilfe von Kristallen. Tatsächlich jedoch geht es hier meistens darum, Visionen zu erleben, indem man auf spiegelnde Gegenstände blickt. Spiegelnde Gegenstände, wie Glaskugeln, oder eben Spiegel, Zauberspiegel nämlich.

So einen Zauberspiegel entdeckt auch die Tochter armer Leute. Ohne zu wissen, was es ist. Denn sie hat noch nie im Leben einen Spiegel gesehen. Und so bemerkt sie auch nicht, dass sie doch selbst die Jungfrau ist: die wunderschöne Jungfrau, die ihr der Spiegel zeigt. Die jedoch Kleider trägt wie eine Königin und eine goldene Krone auf dem Kopf. Erst sehr viel später blickt sie wieder in einen Spiegel. Zufällig. Da ist sie bereits auf wundersame Weise Königin geworden und erkennt, wen ihr der Spiegel einst gezeigt hat.

Zauberspiegel können aber nicht nur in die Zukunft schauen, sondern auch in die weite Ferne. Wie der Spiegel der Königin, die zugleich Zauberin war und im Spiegel immer sehen konnte, wo sich ihr Mann, der König, gerade aufhielt. Dass sie auch die Macht besaß, ihren Gatten immer dorthin zu lenken, dorthin gehen zu lassen, wohin sie wollte, sei hier nur am Rande vermerkt.

Hatten wir festgestellt, dass Spiegel immer die Wahrheit sagen? Dann müssen wir das jetzt korrigieren. Oder zumindest eine Ausnahme zulassen. Denn der Spiegel des Teufels, der Spiegel, den der Teufel geschaffen hat, sagt (natürlich!) nicht die Wahrheit. Er macht alles Große, alles Gute und Schöne, das sich in ihm spiegelt, hässlich und klein. Er lässt das Böse und Schlechte hervortreten und macht es noch ärger als es ohnehin schon ist. Und wenn er zerbricht, der Spiegel des Teufels, dann fliegen Billionen von kleinen, nur sandkorngroßen Splittern den Menschen in die Augen, die daraufhin alles verkehrt sehen. Oder nur noch Augen für das Verkehrte an einer Sache haben. Und das ist noch nicht mal das Schlimmste: Manche Menschen erwischt eine größere Scherbe des Spiegels mitten ins Herz, das dann zu Eis wird. Der kleine Kai ist so ein Fall: Als sein Herz zu einem Eisklumpen gefriert, folgt er brav und willig der bösen Schneekönigin in ihr Schloss. Erst sehr viel später, am Ende einer langen Geschichte, bringen die heißen Tränen seiner Freundin Gerda Kais Herz wieder zum Schmelzen und lassen die böse Spiegelscherbe, die immer noch darin steckt, wieder verschwinden.

Hans Christian Andersen, der uns 1844 von Kai und Gerda und der bösen Schneekönigin berichtet, hat seine Märchen selber geschrieben. Anders als die Brüder Grimm, die dreißig Jahre zuvor ihre „Kinder- und Hausmärchen“ veröffentlichten: Märchen, die man sich im Volk erzählte. Märchen, die die Grimms gesammelt und ein wenig bearbeitet hatten. Märchen wie das folgende … und auch viele andere, die wir noch zitieren werden. Oder schon zitiert haben.

Es geht noch mal um einen Spiegel. Den Spiegel nämlich, den ein Mädchen hinter sich wirft, als es auf der Flucht ist, zusammen mit seinem Bruder. Auf der Flucht vor der bösen Wassernixe. Der Spiegel verwandelt sich in einen Berg, einen Spiegelberg, der so glatt ist, dass die Nixe ihn nicht überqueren kann. Und bis sie eine Axt geholt hat, um den Spiegelberg zu zerschlagen, sind die fliehenden Kinder längst über alle Berge …

Einem Spiegelberg oder Glasberg begegnen wir öfter im Märchen. Man erkennt den Berg schon von weitem am Leuchten und Blitzen des Glases. Seine Haupteigenschaft ist natürlich, dass er glatt ist. Spiegelglatt eben. Und zuweilen auch glitschig. Wer ihn besteigen will, rutscht immer wieder ab. Die Füße finden keinen Halt, und man selbst findet sich im Nu am Fuße des Berges wieder. Wo manchmal noch die Opfer früherer Versuche liegen. Sogar Ross und Reiter. Denn auch Pferde gleiten aus und stürzen ab beim Versuch, den Glasberg zu erklimmen.

Gläserne Berge sind aber nicht nur glatt, sie sind auch hoch. Himmelhoch. So hoch wie drei normale Berge, übereinander gestapelt. Was das Besteigen noch mehr erschwert. Aber … warum will man das überhaupt? Was will man auf dem Berg? Was erwartet einen dort oben?

Manche müssen den Glasberg nur überqueren, weil er sie am Weiterkommen hindert, ihnen im Weg steht. Oder in den Weg gestellt wurde. Aber die interessieren uns jetzt nicht. Uns geht es um die, die auf den Berg hinauf wollen. Oder müssen. Und dafür gibt es einen Grund, ein Hauptmotiv, das immer wieder vorkommt: das Motiv nämlich, die Hand der Prinzessin zu gewinnen …

Eine Königstochter – sie ist natürlich wunderschön – will endlich das Werben dreier Prinzen um ihre Hand beenden und stellt ihnen daher eine Aufgabe: die Aufgabe, ihr das Kleinod zu bringen, das sich oben auf dem gläsernen Berg befindet. Von dem wir aber nicht mehr erfahren, als dass es offenbar einem Drachen gehört. Doch das interessiert uns im Moment auch nicht weiter – sind wir doch schon bei der nächsten Prinzessin. Die selbst oben auf dem Glasberg sitzt. Mit einem goldenen Apfel in der Hand – der Hand, die man(n) gewinnt, wenn man(n) sich den goldenen Apfel holt. So hat es ihr Vater, der König, bestimmt, der für die Vergabe der Hand zuständig ist. Ebenso wie der König im nächsten Fall:

Auf dem Glasberg werden Kampfspiele abgehalten. Von tausend Rittern. In Anwesenheit des Königs. Und wer gewinnt, darf (na klar!) die Königstochter heiraten. Genau wie im folgenden Märchen. Doch da liegt der Fall etwas komplizierter: Die Prinzessin wurde verzaubert, auf den Glasberg verwünscht, heißt es. Wer sie heiraten möchte, muss sie zuvor erlösen. Wozu er natürlich den glatten Berg erst mal erklimmen muss. Und genau da liegt das Problem. Leider erfahren wir nicht, wer die Prinzessin verzaubert hat. Ebenso wie in der nächsten Geschichte.

Hier wartet die Königstochter oben auf dem Glasberg in einem Schloss auf ihren Erlöser, der das Schloss, wenn er den Berg bezwungen hat, dreimal umrunden muss, um seine Zukünftige zu erlösen. Über das Schloss wird nichts weiter berichtet. Dass es sich dabei um jenes Schloss auf einem gläsernen Berg handelt, von dem ein anderes Märchen behauptet, dass es von einem Löwen und einem Drachen bewacht wird, ist aber eher unwahrscheinlich, denn das hätte der Erzähler bestimmt erwähnt. Ebenso wie die erstaunliche Tatsache, dass Löwe und Drache mit Brot und Speck zu besänftigen sind. Aber das führt uns jetzt doch zu weit ab, gilt es doch schließlich nun, noch eine weitere verzauberte Königstochter zu erlösen.

Auch sie wartet in einem Schloss auf ihre Befreiung. Im goldenen Schloss von Stromberg nämlich, von dem wir aber auch nicht viel mehr erfahren, als dass es oben auf einem Glasberg steht. Und dass es von der Prinzessin, als ihr Retter naht, in einem Wagen, warum auch immer, dreimal umrundet wird. Erheblich spannender ist da schon die nun folgende Geschichte.

Die Königstochter ist in die Gewalt einer Hexe geraten und auf den Glasberg gebannt worden. Jeden Tag muss sie mit ihren beiden Schwestern im See baden. Aber ohne ihr Hemd, das ihr der Trommler – der Titelheld des Märchens – gestohlen hat, kann sie nicht wieder zurückfliegen. Er gibt ihr das Hemd zurück, will ihr auch helfen, muss dafür aber auf den Glasberg steigen, um sie aus der Gewalt der Hexe zu befreien.

Auf dem Glasberg liegt eine Ebene. Darauf ein altes Haus mit einem Fischteich vor der Tür. Und einem finsteren Wald im Hintergrund. Der Trommler klopft, und es öffnet ihm eine alte Frau, die ihm Einlass, Kost und Logis gewährt, wenn er für sie drei Arbeiten verrichtet … für die wir aber jetzt keine Zeit mehr haben, wartet doch schon der nächste Glasberg auf uns.

Und das nächste Hemd! Denn auch diesmal stiehlt der Held der Geschichte einem Mädchen, das er beim Baden im Teich beobachtet, ihr Hemd. Was zur Folge hat, dass das Mädchen sich nicht, wie üblich, in eine Ente verwandeln und auf den Glasberg zurückfliegen kann, wo es mit seiner Mutter – einer Hexe!! – in einem schönen Schloss wohnt. Doch die junge Frau ist clever. Sie trickst den Dieb aus und holt sich das Hemd zurück. Allerdings nicht, ohne einen Zettel zu hinterlassen:

„Meine Heimat ist auf dem gläsernen Berge“, schreibt sie und veranlasst so natürlich den jungen Mann dazu, ihr auf den Berg zu folgen. Wo auch er drei Aufgaben der Hexe erledigen muss, um die Hand ihrer Tochter zu gewinnen … Aber wir, Sie ahnen es gewiss schon, müssen die drei jetzt verlassen, um uns einem anderen Glasberg zuzuwenden.

Und der liegt dieses Mal ziemlich weit entfernt: Das Rote Meer muss der Held des Märchens erst überqueren, um zu dem Glasberg zu gelangen und die Prinzessin zu erlösen. Die aber gar nicht auf dem Glasberg ist. Dort erwartet den durstigen jungen Mann nämlich nur ein „Weib“, das ihm ein Getränk anbietet. Das er aber, wie er weiß, ablehnen muss … handelt es sich doch um einen Schlaftrunk! Wenn die Prinzessin aber, wie angekündigt, auf den Glasberg kommt, muss ihr Erlöser wach sein. Sonst wird es nichts mit der Erlösung.

Wie nicht anders zu erwarten, erliegt der Durstige, wenn auch erst beim dritten Angebot des „Weibes“, schließlich doch der Versuchung und trinkt. Und schläft ein. Und schläft immer noch, als die Prinzessin eintrifft. Die jedoch zum Glück gar nicht in der Kutsche sitzt! Es ist nur ihre Schwester, die älteste von zwölf Prinzessinnen. Als dann doch noch die erhoffte jüngste Schwester erscheint, wird der Schläfer gerade wach, und die Prinzessin ist erlöst. Und muss nun nicht mehr, wie ihre elf Schwestern, jungen Männern den Kopf … nein, nicht verdrehen, sondern abschlagen.

Was uns oben auf dem Glasberg erwartet, oder besser: erwarten könnte, wissen wir jetzt. Nach Durchsicht von bislang immerhin schon 22 Märchen! Doch das nur am Rande. Was uns nun interessiert, ist die Frage, wie man hinaufkommt. Auf den spiegelglatten, himmelhohen Glasberg.

Der Versuch, Stufen ins Glas zu hauen, erweist sich rasch als vergeblich. Und der sprechende Storch, der den Weg kennt und mich hinaufbringen könnte, ist zu schwach: Schon auf halber Höhe muss er mich wieder absetzen. Am besten, man nimmt ein Pferd. Doch es reicht nicht aus, sich ein junges, starkes Tier zu besorgen. Und selbst wenn man dem Pferd die Hufeisen schärfen lässt: Ross und Reiter rutschen immer wieder ab! Es muss schon ein besonderes Tier sein. So wie das Pferd, das der Held eines Märchens drei Räubern abluchst: Mit ihm kann man überall hinreiten, wohin man will!

Infrage käme auch eins der drei Wunderpferde, die der Held eines anderen Märchens drei Riesen abgenommen hat. Oder das schwarze Ross, das einem das graue Männchen schenkt, das man zum dritten Mal beim Heustehlen ertappt hat, aber nicht verrät … Der Braune und der Schimmel allerdings, die einem das Männchen beim ersten und zweiten Ertapptwerden geschenkt hat … die schaffen es nicht bis zum Gipfel des Glasbergs.

Gleich alle drei jener (sprechenden!) Pferde hingegen, die der starke Hans im Märchen „Das treue Füllchen“ von Johann Wilhelm Wolf im Stall eines ebenso prächtigen wie geheimnisvollen Schlosses entdeckt, schaffen es, ihren Reiter auf den Glasberg zu bringen: In mächtigen Sätzen hetzen sie bergauf, dass die Funken und Glassplitter nur so fliegen! Doch wer ist Johann Wilhelm Wolf?

Er war ein Märchensammler wie die Brüder Grimm. Und ist nach ihnen am häufigsten, mit gleich vier Märchen nämlich, in unserer Auswahl von Spiegel- und Glasmärchen vertreten. Wolf veröffentlichte seine Märchen um 1850. Zur gleichen Zeit wie sein heute bekannterer Kollege Ludwig Bechstein, der ebenfalls von einem Pferd, einem kleinen Pferdchen sogar, zu berichten weiß, das es schafft, den Glasberg zu erklimmen.

Es ist das Pferdchen, das Johannes ertappt hat als Hirsedieb im Garten seines Vaters. Das er aber nicht verraten hat. Und das ihn nun, als Gegenleistung, auf den Glasberg bringt. Und zwar mühelos. Als sei es den Weg schon hunderte Male gelaufen. Was allerdings auch stimmt, entpuppt sich das kleine Pferdchen doch als das Zauberpferd der zu erlösenden Prinzessin, das seine Reiterin jede Nacht für eine Stunde, eine einzige Stunde, in der sie den Glasberg verlassen darf, nach unten trägt, ins Tal.

Am schnellsten aber gelangt man auf (oder über) den Glasberg, indem man fliegt. Doch in Zeiten ohne technisches Fluggerät und den Märchen aus diesen Zeiten benutzt man zuweilen auch zum Fliegen ein Pferd: einen Schimmel zum Beispiel, wie jenen, den sein zukünftiger Reiter erlistet hat, indem er – vermeintlich! – den Streit dreier Brüder schlichtete, die sich um das Erbe ihres verstorbenen Vaters stritten … das einzige Erbstück: jenen Schimmel nämlich, der durch die Luft ebenso gut laufen kann wie auf Erden.

Zuweilen benötigt man auch noch nicht mal ein ganzes Pferd. Da tut es auch schon mal der Sattel allein. Wenn es ein Sattel ist wie der, den der Trommler im gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm den beiden sich darum streitenden Männern abluchst: Der Sattel trägt einen überall hin. Wohin man sich wünscht. Auch auf den Glasberg. Und im Handumdrehen ist man oben.

Fliegend gelangt auch ein anderer Märchenheld auf den Glasberg. Er legt die Feder, die ihm ein Rabe geschenkt hat, unter die Zunge und verwandelt sich selbst in einen Raben. Zuvor hat er sich schon mit Hilfe von Haaren, die ihm ein Bär und ein Wolf geschenkt haben, in einen Bären und einen Wolf verwandelt. Aber die Versuche, mit den Bärentatzen Stufen in das Glas des Berges zu graben oder sich mit den Wolfszähnen im Glas festzuhalten, sind gescheitert.

Doch der Versuch, sich im Glas Halt zu verschaffen beim Erklimmen des Berges, muss nicht unbedingt scheitern. Eine Prinzessin, die auf der Suche nach ihrem Prinzen einen Glasberg überqueren muss, erhält von einer alten Kröte drei Nadeln zum Geschenk, die ihren Füßen dann, ins Glas des Berges gestoßen, Halt geben beim Aufstieg.

Anstelle von Nadeln tun es auch Hühnerknochen. Wie bei dem jungen Mann, der unterwegs zum Glasberg ist, um eine verzauberte Königstochter zu erlösen. Nach einem Mittagessen im Wirtshaus steckt er die Hühnerknochen ein, um sie später als Steighilfen ins Glas des Berges zu schlagen … was auch klappt, aber kurz vorm Gipfel bemerkt er, dass ihm ein Knochen fehlt! Was tun? Doch er ist clever und kennt die Lösung. Er schneidet sich den kleinen Finger ab … Womit er jedoch nicht der Einzige ist. Wie die folgende Geschichte zeigt.

Auf ihrer Suche nach dem Glasberg, auf den sie eigentlich der Titelheld dieses Märchens von Bechstein, der weiße Wolf nämlich, bringen sollte, der sich (natürlich) später als schöner Prinz entpuppt … Auf ihrer Suche nach dem Glasberg also trifft die Königstochter eine alte Frau, den Wind, die Sonne und den Mond, die ihr alle eine Hühnersuppe kochen. Und ihr anschließend die Knochen überlassen, aus denen sie, am Glasberg angelangt, eine Leiter anfertigt, die aber leider nicht ganz bis zum Gipfel reicht, weil sie unterwegs einen Hühnerknochen verloren hat. Und so kommt es, wie es kommen muss … aber nur im Märchen kommen kann: Die Prinzessin schneidet sich ein Stück vom kleinen Finger ab und ergänzt damit die fast fertige Leiter! Aber da war doch noch was …

Woran erinnert uns diese Geschichte? Richtig! An die Schwester der sieben Raben, die endlich ihre Brüder wiedergefunden hat und nun das Hühnerbeinchen sucht, mit dem sie das Tor zum Glasberg, in dem die in Raben verwandelten Brüder leben, aufschließen kann … Doch sie hat es verloren! Da ist guter Rat teuer. Sehr teuer sogar. Denn als Ersatz für das verlorene Hühnerbein taugt nur der kleine Finger der Schwester! Der dafür natürlich abgeschnitten werden muss.

Die sieben Raben wohnen nicht auf dem Glasberg, sondern im Glasberg, in seinem Innern also. Ein neues Thema, dem wir uns zuwenden müssen.

Die sieben Raben wohnen nicht allein im Glasberg. Vermutlich weil sie jemanden brauchen, der sie füttert. Der Zwerg nämlich, der ihre Schwester begrüßt, als sie den Glasberg betritt, schafft anschließend auch Speisen und Getränke herbei. Auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen. Schließlich sind Raben ja auch klein. So klein wie Zwerge. Und auch wenn keine Raben im Spiel sind, gibt es Zwerge im Glasberg. Wie der Zwerg, der dem Prinzen hilft, auf den Berg zu gelangen, um das Kleinod zu holen, das ihm die Hand der Prinzessin beschert. Und der als Gegenleistung für seine Hilfe erwartet, dass der Prinz den Drachen tötet, der offenbar ebenfalls im Glasberg haust, zusammen mit mehreren Zwergen.

Ein Zwerg ist offensichtlich auch das kleine schwarze Männchen, das in einem Saal unten im Glasberg Hochzeit feiert. Den Saal erreicht man vom Gipfel aus über eine Treppe. Doch der kleine Mann ist nicht wirklich ein Zwerg. Er wird von der Königstochter erlöst. Der Prinzessin, die, wie wir schon hörten, ein Stück ihres kleinen Fingers geopfert hat, um auf den Glasberg zu gelangen. Und dann wird der Zwerg zum Prinzen, und der Prinz heiratet die Prinzessin, und … aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Wir bleiben noch bei denen, die im Glasberg wohnen.

Leider erfahren wir nicht, wie die Wohnung der Jungfrau aussieht, die sich immer wieder in einen Schwan verwandeln muss. Wir hören nur, dass die Jungfrau im Glasberg wohnt. Und dass der „Jägerbursch“, der sie erlösen soll, schon am Fuße des Berges scheitert. Dort gibt es nämlich eine Quelle, die den jungen Mann, der nach langem Ritt furchtbar durstig ist, zum Trinken verleitet. Was ihm eine Stimme aber ausdrücklich verbietet. Als er dennoch trinkt, schläft er ein. Und verpasst so die Ankunft der Schwanenjungfrau. Die sich erbost entfernt, dem Burschen aber noch eine Chance gibt, indem sie ihn anderswo hinschickt, um nach ihr zu suchen. Der Glasberg jedoch verschwindet.

Wir aber kehren noch mal zurück zum Fuß des Glasbergs. Dort sitzt nämlich eine Frau, die auf Reiter wartet, um sie und ihr Ross im Boden versinken zu lassen. Zunächst nur bis zum Knie, dann ganz und gar. Doch dem Bruder eines ihrer Opfer gibt sie ein Fläschchen, dessen Inhalt den Toten wieder zum Leben erweckt … Aber das ist wieder eine neue Geschichte. Die uns vom Thema abbringt. Vom Glasberg, zu dem wir noch eine wichtige Frage beantworten müssen: die Frage nämlich, wie man den Glasberg findet.

Eigentlich ist es ganz einfach. Wir müssen nur im Wald die Augen aufhalten. Bis wir eine Mühle sehen. Und dann den Müller fragen, ob er der Müller vom gläsernen Berg ist. Wenn er die Frage bejaht, haben wir schon fast gewonnen. Denn der Müller wird uns bestimmt auch seinen Geißbock leihen. Und ihn sogar für uns satteln. Damit wir es bequem haben, wenn die wilde Jagd abgeht. Der Bursche ist nämlich sehr schnell. Schneller als das beste Pferd! Doch auf den Glasberg hinauf kann uns der Bock nicht bringen – unten am Fuße des Berges wirft er uns ab und macht sich auf den Heimweg. Aber es gibt ja noch eine andere Möglichkeit, um zum Glasberg zu gelangen.

Wo wir schon mal in Wald und Feld unterwegs sind, um nach der gesuchten Mühle Ausschau zu halten, sollten wir gleichzeitig auch mal auf Hasen achten, die uns begegnen: Ist vielleicht einer darunter, der nur drei Beine hat und schon etwas klapprig wirkt? Dann könnte es der alte dreibeinige Hase sein, der dem jungen Mann den Weg zum Glasberg zeigt, der nach dem Mädchen sucht, das sich nach dem Bad im Teich immer in eine Ente verwandelt.

Doch Schluss jetzt mit der Suche. Gehen wir einfach mal davon aus, wir haben den Glasberg gefunden und fragen uns nun, ob wir tatsächlich hinaufklettern sollen … Der Trommler im gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm steigt nach oben, bleibt drei Tage dort und muss, als er wieder unten ist, feststellen, dass drei Jahre vergangen sind. Wollen wir dieses Risiko tatsächlich auf uns nehmen?

„Wie mag so ein Glasberg entstanden sein?“, geht uns plötzlich eine ganz andere Frage durch den Kopf. Dazu finden sich leider kaum Antworten in den Märchen. Und nicht jeder Glasberg wird aus einem Krug entstanden sein: einem gläsernen Krug, wie ihn der kleine Ferdinand vom Großvater erhalten hat. Der Wunderschimmel – so auch der Titel dieses Märchens von Theodor Vernaleken … Der Wunderschimmel also rät dem kleinen Ferdinand, als beide auf der Flucht vor dem bösen grünen Jäger sind, er soll den Glaskrug hinter sich werfen. Und der Krug verwandelt sich in einen Glasberg, den der Jäger nicht überqueren kann. Was uns natürlich wieder an die böse Wassernixe erinnert, der die flüchtigen Kinder nur entkommen, weil sie einen Spiegel hinter sich werfen, aus dem ein Spiegelberg wird. Apropos Spiegel …

Auch im wohl bekanntesten Spiegelmärchen, das bei den Brüdern Grimm übrigens nicht „Schneewittchen“, sondern „Sneewittchen“ heißt … im „Sneewittchen“ also ist der Spiegel nicht das einzige Requisit aus Glas. Lassen die Zwerge doch einen gläsernen Sarg für Schneewittchen anfertigen, damit man es in seiner unvergänglichen Schönheit auch nach dem Tode noch betrachten kann. Ein harmloses Anliegen, das jedoch nicht jeden umtreibt, der in Märchen junge Frauen in Särge aus Glas steckt. Ein Mädchen von größter Schönheit etwa – die Tochter eines Grafen – wacht irgendwann in einem Glassarg auf … Doch halt. Wir müssen etwas früher beginnen in der langen Geschichte … dem Grimmschen Märchen vom „gläsernen Sarg“ nämlich.

Ein Hirsch, der zuvor einen Stier besiegt und getötet hat, öffnet einem Schneiderburschen die Tür, die in einen Felsen führt. Flammen schlagen heraus, gefolgt von Dampf. Eine unheimliche Szenerie! Doch eine Stimme versichert dem Schneider, dass ihm kein Leid geschehen werde, wenn er die Höhle betritt. Was er dann auch tut. Er gelangt daraufhin in einen großen Saal, dessen Wände, Decke und Boden glänzend geschliffene Steine bedecken, in die merkwürdige, dem Schneider unbekannte Zeichen gehauen sind.

In einer älteren Fassung der Geschichte ist, als es um die Zeichen geht, von „Charakteren“ die Rede. „Charaktere“ sind Zauberzeichen, magische Symbole mit zauberischer Wirkung. „Charaktere“ muss man ringsum an den Rand des Zauberkreises zeichnen: des magischen Zirkels, den man auf den Boden zeichnet, wenn man Dämonen beschwören will. Oder gar den Teufel selber. Damit er einem zu Diensten ist oder man mit ihm einen Pakt schließen kann: den berüchtigten Teufelspakt, bei dem man am Schluss seine Seele an den Teufel verliert.

„Teufelsbanner“ wird denn auch der Besitzer der Höhle genannt, in die unser Schneider geraten ist. „Teufelsbanner“ oder – in der neueren Grimmschen Fassung des Märchens – „Schwarzkünstler“. Was im Grunde dasselbe ist: ein Zauberer nämlich, der mit Hilfe des Teufels oder seiner Dämonen „schwarze Magie“ treibt. Ein Erzbösewicht also, der die Grafentochter im gläsernen Sarg gefangen hält, weil sie ihn abgewiesen hat, nicht seine Geliebte werden wollte. Aber wir greifen schon wieder vor.

Der Schneider gelangt, von einem roten Stein in die Tiefe getragen, in einen zweiten Saal der Höhle, dessen Wände zahlreiche Nischen aufweisen mit Gefäßen aus durchsichtigem Glas, angefüllt mit „farbigem Spiritus“ oder bläulichem Rauch. Dann fällt der Blick des Schneiders auf einen gläsernen Kasten … in dem er ein schönes Gebäude erblickt: einem Schloss ähnlich, umgeben von Wirtschaftsgebäuden, Ställen, Scheunen und „einer Menge anderer artiger Sachen“. Alles ist winzig klein, aber überaus sorgfältig gearbeitet, scheint „von einer kunstreichen Hand mit der höchsten Genauigkeit ausgeschnitzt zu sein“.

Erst als wieder die geheimnisvolle Stimme ertönt und ihn darauf aufmerksam macht, bemerkt der Schneider einen zweiten Glaskasten, in dem eine „über alle massen schöne und wohl gebildete, gantz nackende, und der Länge lang ausgestreckte Weibes-Person“ liegt.

In der Bearbeitung des Märchens durch die Brüder Grimm ist die junge Frau ganz von ihrem Blondhaar eingehüllt … und schlägt alsbald die Augen auf: „Wenn du den Riegel an diesem gläsernen Sarg wegschiebst“, verrät sie dem verblüfften Schneidergesellen, „bin ich erlöst.“

Die junge Frau ist die Tochter eines reichen Grafen und wurde von dem Teufelsbanner und Schwarzkünstler, dem die Höhle gehört, bewusstlos in den Glassarg gesperrt, weil sie seinen Nachstellungen nicht nachgegeben hat. Als sie sich, wieder aufgewacht, weiterhin weigerte, seine Geliebte zu werden, hat der Bösewicht sie in einen tiefen Schlaf versetzt.

Zuvor schon hatte der rachsüchtige Zauberer das ganze Schloss, in dem die Grafentochter lebte, mit allem Zubehör verkleinert und in den zweiten Glaskasten versetzt. Ihre Leute aber, die Menschen, die mit ihr im Schloss wohnten, hat der Magier in Rauch verwandelt: den Rauch, den der Schneider in den Glasgefäßen an den Wänden des Saales gesehen hat.

„Wenn du den Riegel an diesem gläsernen Sarg wegschiebst, bin ich erlöst.“ Und richtig. Der Zauber erlischt, als die Glasgefäße geöffnet werden: Den gläsernen Sarg mit der nackten Schönen öffnet der Schneider, die gläserne Kiste mit dem Miniaturschloss und die Gefäße mit dem Rauch öffnet die Grafentochter. (Nachdem sie ihre Blöße verhüllt hat, versteht sich.) Alles nimmt wieder normale Gestalt an, und der Hochzeit der beiden steht nichts mehr im Wege.

Ein Glasgefäß als Gefängnis, in das jemand durch Zauber hineingelangt ist: Genau so etwas entdeckt auch der Sohn des armen Holzhackers im Märchen „Der Geist im Glas“. Als er im Wald einer Stimme folgt, die „Lass‘ mich heraus! Lass‘ mich heraus!“ ruft, findet er bei den Wurzeln einer „großen, gefährlichen“ Eiche, die „gewiss schon viele hundert Jahre alt ist“, eine Glasflasche …

Aber warum eine Eiche? Und warum nennen die Brüder Grimm die Eiche gefährlich? Vielleicht weil der Baum in einem schlechten Ruf stand, seit christliche Priester ihn, im wahrsten Sinne des Wortes, verteufelt hatten. Die Eiche genoss in heidnischer Zeit große Verehrung. Dementsprechend suspekt war sie natürlich den christlichen Missionaren: Sie machten aus ihr einen bösen, ja teuflischen Baum. Böse Geister, so hieß es, säßen in den Eichen, Hexen und Teufel gäben sich unter ihnen ein Stelldichein.

In der Glasflasche, auf die der Sohn des Holzhackers im Wurzelwerk der Eiche stößt, springt etwas auf und nieder: ein „Ding, gleich einem Frosch gestaltet“. Frösche und Kröten sind Teufelstiere! Sagt der Aberglauben. Auch noch zur Zeit der Brüder Grimm.

Der Sohn des Holzhackers zieht den Pfropfen aus der Flasche, mit dem sie fest verschlossen war, und ein Geist steigt heraus: ein entsetzlicher Kerl, der wächst und wächst, bis er halb so groß ist wie die alte Eiche! Und mit fürchterlicher Stimme brüllt: „Weißt du, was der Lohn dafür ist, dass du mich herausgelassen hast?“ „Den Hals muss ich dir brechen!“ „Denkst du, ich wäre aus Gnade so lange eingeschlossen worden? Es war zu meiner Strafe; ich bin der großmächtige Merkurius. Wer mich loslässt, dem muss ich den Hals brechen.“

Auch wenn es gerade spannend wird, müssen wir doch kurz innehalten, um uns mit dem Namen zu beschäftigen: Mercurius, zu Deutsch Merkur, war der römische Gott des Handels und des Verkehrs. Die Römer hatten ihn von den Griechen übernommen, die ihn Hermes nannten. Er war der Beschützer der Kaufleute. Und der Diebe. Und auch der Reisenden, denn er war viel unterwegs: als Bote von Göttervater Zeus nämlich. Dass er es als Götterbote eilig hatte, sieht man auch seinen Darstellungen in der Kunst an, trägt er doch eine geflügelte Kappe und geflügelte Sandalen. Oder Stiefel. Flink wie der Götterbote ist auch der Planet, der seinen Namen erhielt: Merkur ist der Planet, der am schnellsten die Sonne umrundet.

Mit Hermes, dem Gott, der unter anderem für Magie und Wissenschaft zuständig war, hat auch der sagenhafte Vater der Alchemie zu tun: Hermes Trismegistos, der Dreimalgrößte Hermes. Von ihm sollen etliche astrologische und okkultistische Schriften der Spätantike stammen.

Und in der Alchemie taucht dann auch der Name Mercurius auf. So nannten die Alchemisten nämlich das Quecksilber: ein Metall, das ebenso flink und unstet war wie der Planet und damit auch der Gott, nach denen es benannt wurde. Und nicht nur das. Metalle erhielten, so glaubten die Alchemisten, von „ihrem“ Planeten die Eigenschaften; der Planet war mit seinen Strahlen an der Entstehung des Metalles beteiligt. Und das war im Falle von Merkur und Quecksilber immer noch nicht alles. Aus dem natürlichen Element Quecksilber meinten die Alchemisten nämlich noch ein „Prinzip Quecksilber“ ableiten zu können, das sie den „Mercurius philosophicus“ nannten.

Das erstaunliche Quecksilber schien zugleich metallische und nichtmetallische Eigenschaften zu besitzen: Farbe, Glanz und Gewicht waren eindeutig die eines Metalls, doch die Tatsache, dass Quecksilber bei Raumtemperatur eine verdampfbare Flüssigkeit bildet, machte aus ihm zumindest ein sehr ungewöhnliches Metall. Was die Alchemisten dazu veranlasste, aus den Eigenarten des Quecksilbers den „Mercurius philosophicus“ abzuleiten: das Prinzip, das sich durch gleichzeitige Metallität, Flüssigkeit und Verdampfbarkeit auszeichnete. Und das nach Meinung der Alchemisten in unterschiedlicher Kombination mit ein, zwei anderen Prinzipien einen Grundbestandteil aller Materie und vor allem der Metalle bildete.

Oberstes Ziel der Alchemisten war es, den „Lapis philosophorum“ herzustellen, den „Stein der Weisen“. Und auch dabei spielte der „Mercurius philosophicus“ eine wichtige, wenn auch unterschiedliche Rolle: Mal war er der nicht näher beschriebene Ausgangsstoff, mal eines von zwei Prinzipien, die sich vereinigen mussten für die Herstellung des „Steins der Weisen“. Und mal wurde sogar der Stein selbst als „Mercurius philosophicus“ oder auch nur „Mercurius“ bezeichnet.

Mit dem „Stein der Weisen“ ließe sich, so glaubten die Alchemisten, unedles Metall wie Blei, Quecksilber oder Eisen in Silber oder Gold verwandeln. Und das war noch nicht alles: Auch Krankheiten heilte der „Lapis philosophorum“ – alle Krankheiten sogar, wenn man manchen Alchemisten Glauben schenkte …

Doch kommen wir zurück zu unserem Märchen vom „Geist im Glas“. Der „großmächtige Merkurius“ droht, seinem Befreier aus der Flasche den Hals umzudrehen. Und der junge Mann will sich auch in sein Schicksal fügen, wenn … ja, wenn ihm der Geist noch einmal beweist, dass er tatsächlich in die kleine Flasche passt.

„Das ist eine geringe Kunst“, antwortet der eitle Merkurius und geht in die Falle, aus der ihn der clevere Sohn des armen Holzhackers erst wieder befreit, als er neben dem Versprechen, unbehelligt zu bleiben, von Merkurius eine solide Gegenleistung erhält … in Gestalt eines kleinen Lappens, der Wunden heilt, wenn man sie mit einem Ende des Lappens bestreicht, und Eisen oder Stahl in Silber verwandelt, wenn es mit dem anderen Ende des Lappens in Berührung kommt. Der Sohn des Holzhackers hat von Merkurius, wenn auch natürlich in märchenhafter Gestalt, den „Stein der Weisen“ erhalten.

Die Herstellung des „Steins der Weisen“ erfolgte durch Erhitzen der benötigten Substanzen in einem hermetisch verschlossenen Gefäß aus Glas, dem „vas hermeticum“: einer runden Flasche mit kurzem Hals, die mit einem Pfropfen verschlossen wurde. Das Gefäß ist immer wieder auf bildlichen Darstellungen der „Chymischen Hochzeit“ zu sehen: der Vereinigung der benötigten Substanzen oder Prinzipien zur Zeugung des „Steins der Weisen“.

Dargestellt sind die Beteiligten allegorisch meist in menschlicher Gestalt. Zuweilen jedoch, wie in einer Alchemistenschrift des späten 16. Jahrhunderts aus England, taucht auch eine Kröte auf: sie steht hier für die Urmaterie, die „materia prima“, die den Ausgangspunkt zur Herstellung des „Steins der Weisen“ bildet. Kröten wurden oft nicht von Fröschen unterschieden. Womit wir wieder beim Märchen vom „Geist im Glas“ angelangt sind, den die Brüder Grimm ja „gleich einem Frosch gestaltet“ auf- und abspringen lassen in seiner fest verschlossenen Flasche.

1621 erscheint das erste gedruckte Buch über „Die Kunst des Glasmachens“. Geschrieben hat es ein Alchemist. Alchemisten und Glasmacher lernen voneinander. Fürsten des 16. und 17. Jahrhunderts lassen Werkstätten für die „Feuerkünste“ errichten, in denen neben den Alchemisten, die Gold machen wollen und nach dem „Stein der Weisen“ suchen, auch Handwerker arbeiten, die Metalle schmelzen, Porzellan herstellen, Edelsteine fälschen und Glas machen … um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Und es gibt schon im 16. Jahrhundert kluge Menschen, die den Unterschied erkannt haben: den Unterschied zwischen dem vorgetäuschten Goldmachen der Alchemisten, das nur Lug und Trug ist, und der echten, wahren Kunst, bei der tatsächlich, wie von den Goldmachern nur versprochen, aus unedlen und unscheinbaren Materialien auf zauberhafte Weise und bei höllischer Hitze etwas höchst Wertvolles entsteht, nämlich edles, kostbares, prunkvolles, in allen Farben erstrahlendes, wie Kristall glitzerndes und glänzendes, dabei doch oft auch sehr zartes und höchst zerbrechliches Glas.

P.S. Eine Liste aller 29 Märchen, die im Text vorkommen, schickt Ihnen der Autor auf Anfrage – unter ruedwulf@t-online.de – gerne zu.

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