Heinrich Baumgarten

Die Hinterlist der Modalverben

Kabarettist und Münchner Urgestein Karl Valentin versuchte, sie alle unter einen Hut zu bekommen. Daß das unmöglich ist, wußte er sicherlich; aber trotzdem gelang ihm ein köstlicher Spruch: „Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.“
Lange danach machte der gelernte Zahnarzt und Komiker Günter Willumeit darauf einen vergnüglichen Song.
Während meines Studiums verdiente ich mir ein Zubrot als Englischlehrer am Gymnasium Ochtmissen (Lüneburg). Im Zuge seiner Aufsichts- und Fürsorgepflicht besuchte mich der Gründer und Leiter der Anstalt, Herr Dr. Bienz, im Unterricht, als ich gerade damit befaßt war, den Schülern und Schülerinnen die Problematik der „modal auxiliaries“ zu vermitteln. Wie immer war sein Schäferhund Rex mit dabei, geliebt und respektiert von allen – lange bevor in einer Fernseh-Serie ein gleichnamiger Vierbeiner zum Kommissar befördert wurde.
In der Nachbesprechung meiner Unterrichtsstunde erteilte mir Dr. Bienz eine prägende Lektion über die Aufarbeitung grammatischer Regelhaftigkeiten, die Schülern greifbar und begreifbar gestaltet werden müßten. Meine Vermittlung des Stoffes sei korrekt und angemessen gewesen, lautete sein Urteil. Aber er konnte mein tieferes Verstehen anschieben.
Die modalen Hilfsverben seien wie die Farbscheiben vor den Theater-Scheinwerfern, die ein-  und dieselbe Szene in jeweils anderem Licht erscheinen lassen.
Gemessen an der heutigen Situation in Deutschland wähle ich das Vollverb „arbeiten“.
„Ich arbeite.“
Das ist eine wünschenswerte, verläßliche Aussage.

„Ich kann arbeiten“.
Das ist eine Aussage, die von Selbstvertrauen oder Stolz geprägt ist.

„Ich möchte arbeiten“ spiegelt die Meinung der Mehrzahl der offiziell zugegebenen 5,2 Millionen beschäftigungslosen Bürger(Innen) wider.
Das „Innen“ spare ich mir, bis das Anti-Diskriminierungsgesetz Rechtskraft erreicht.

„Ich will arbeiten“ ist eine deutliche Steigerung der letzten Aussage.

„Ich soll arbeiten“ klingt wie die Beschwerde eines Sozial-Schmarotzers, der seine tägliche Pils-Tour unterbrochen wähnt.

„Ich mag arbeiten“ ermutigt. Packmas!

„Ich muß arbeiten“ ist eine Aussage, die früher selbstverständlich war. Der Lebensunterhalt hing ab von der Arbeitsleistung, und Arbeitsverweigerung verbot sich damit von selbst.

„Ich brauche nicht zu arbeiten“. Das ist eine Formulierung, die unterschiedliche Lösungen anbietet. „Ich habe es nicht nötig zu arbeiten“,  „Ich bin Millionen-Erbe“, „Es paßt nicht in meine Lebensplanung zu arbeiten.“

Und außerdem ist letzteres Modal durch Heinz Rühmann unsterblich geworden: „Wer ‚brauchen‘ ohne ‚zu‘ gebraucht, braucht ‚brauchen‘ gar nicht zu gebrauchen.“

Klar. Die alten Gymnasial-Säcke.

Aber verliert die deutsche Sprache nicht wieder ein wenig von dem Rest dessen, was ihr ein wenig Rhythmus verlieh?

„Du brauchst  nicht helfen“ klingt doch flacher als „Du brauchst nicht zu helfen“.
Bedauerlicher als das ausgelassene „zu“ ist allerdings in diesem Kontext die Ersetzung der Fügung durch das nicht statthafte „Du mußt nicht.“
Aus dem Englischen kennen wir als Gegenteil von „must“ das Modal „you need not“.
Sagen wir im Deutschen: „Du mußt ihn doch nicht immer ärgern!“, dann meinen wir eigentlich: „Laß das, bitte, sein; denn das darfst du nicht.“
Damit finden wir die englische Entsprechung des Modals „must not“, das nicht die negative Antwort auf die Frage „Must I…?“ ist, sondern der Ausspruch einer Autorität.
Der Arzt sagt: „You must not smoke“, der Polizist erklärt dem Autofahrer: „You must not park here“.
Ein Besuch im Londoner Zoo bringt den Englischlernenden ins Grübeln. An den Gehegen ist zu lesen: „You may not feed the animals“.
Die Briten sind als höflich bekannt. Die Zoo-Schilder implizieren als Antwort die vorausgegangene Frage „May I feed the animals?“.
Nun decken sich die grammatischen Phänomene, was die Modale betrifft.
„Darf ich…?“ wird beantwortet mit „Ja, du darfst“ oder „Nein, du darfst nicht“.
„Must I…?“ wird beantwortet mit „Yes, you must“ oder „No, you need not“.
“Muß ich...?” wird beantwortet mit “Ja, du mußt...” oder „Nein, du brauchst nicht… zu…“
Und nun haben wir noch ein Problem.
„Eine gekonnte Aktion“, „eine gewußte Lösung“… „Gedurfte“, „gemußte“ und andere Möglichkeiten, das Partizip Perfekt der Modale abzuleiten, sind glücklicherweise nicht in Gebrauch.
Hier erscheint eine weitere Besonderheit der Modale. Das Perfekt wird nicht mit der deutschen Vorsilbe „ge“ versehen, sondern gleicht dem Infinitiv.
Er hat arbeiten „müssen, dürfen, können, sollen, wollen“.
Damit wären wir schon fast beim Blondinen-Plusquamperfekt :“Er hatte mir das nicht gesagt gehabt“ – aber das ist eine ganz andere Geschichte…
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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