Klaus Mattes

St. Bernhard entdeckt: Was reden die Leute

 

Der Fotograf Sepp Dreissinger zählt schon auch zum Clan jener immer Gleichen, die das Plazet der, von Bernhards Bruder und Erben Peter Fabjan geleiteten, „Bernhard Privatstiftung“ genießen, unser Gedenken an den Meister zu formen und zu verzieren. Andere Namen, die hier zu nennen wären: Wendelin Schmidt-Dengler, Herausgeber der großen Werkausgabe, bis zu seinem Tod 2008 Österreichs bekanntester Germanist; Hans Höller, Autor der Rowohlt Monographie; sowie noch einer, der sogar in den sechziger Jahren schon über den noch jungen Bernhard promovieren konnte: Manfred Mittermayer, Autor der Suhrkamp BasisBiographie, noch einer von den Werkherausgebern, hier wieder mit der Einleitung zum Buch beauftragt. Dann natürlich noch Raimund Fellinger, langjähriger Handke-Lektor im Haus Suhrkamp, seit den Achtzigern auch Bernhard-Lektor, zu des Verstorbenen Spott, von Handke-Spezeln hielt der Grantler nicht so viel.


 

Nie aufgenommen in diese Germanisten-Runde wurde der Häusermakler und für einige Jahre „Eckermann“ Bernhards: Karl Ignaz Hennetmair. Dessen Bedeutung wird durch beharrliches Fast-Nicht-Erwähnen in den Bernhard-Kommentaren der eben Genannten heruntergespielt. Hennetmairs Bernhard-Protokolle fürs Jahr 1972 wurden heimlich, gegen den Willen des Freunds, zum Zwecke des Gelderwerbs von einem Nicht-Literaturkenner angefertigt. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre ist allerdings keiner der Genannten und der für das hier angezeigte Buch Befragten dem Schwierigen auch nur halbwegs so dicht und listig auf die Pelle gerückt. (Zum Hennetmair-Buch später und anderntags mal mehr. Das wird letztlich wichtiger bleiben als dieses hier.)


 

Sepp Dreissinger fotografierte Thomas Bernhard vom Ende der siebziger Jahre an immer wieder. Es entstanden einige Bernhard-Bildbände und Interviewsammlungen. Kleine Porträtfotos hat er auch in diesen Band eingerückt, die Hauptsache sind sie allerdings nicht. Man wird ein wenig misstrauisch. Beim mittlerweile zurückgelegten zeitlichen Abstand vom Dasein des Autors, konfrontiert auch mit einem grassierenden Geniekult (Lektor Fellinger: „Ich glaube, Bernhard wird eines Tages in der Welt für die deutsche Literatur dieselbe Stellung einnehmen, wie es Hermann Hesse vor ihm getan hat, bei Hesse sind es jetzt ungefähr 90 Sprachen, in die er übersetzt worden ist, bei Bernhard auch schon 55“) könnten die ungeschminktesten Memoiren wohl kaum erwartet werden, eher die netteren. Verdienstvoll ist das Buch jedoch in jedem Fall.


 

Dreissinger stellt die klassische Frage „Erzählen Sie mal, wie war der denn so?“ meist an Angehörige einer Altersgruppe, die er bis zum Jahr 2010 bei körperlicher Gesundheit und geistiger Frische gerade noch antreffen konnte. Viele aus Bernhards Umgebung sind ja um einiges älter als er, Jahrgang 1931, gewesen, als direkte Zeugen also nicht mehr greifbar. So verstarben der Chef vom „Demokratischen Volksblatt“ und nachmalige Salzburger Festspiele-Direktor Josef Kaut 1983, der Verleger Wolfgang Schaffler 1989, der Nationalratspräsident Alfred Maleta 1990, seine Frau Gerda im Jahr 2007, Reichsgraf Alexander von Üxküll-Gyllenbrand, den er immer wieder besuchte und in dessen Brüsseler Wohnung er seinen „Frost“ verfasste, 1999, der Kapellmeister und Jugendfreund Rudolf Brändle 2002, der Komponist Gerhard Lampersberg 2002, der Lektor und Bernhard-Bildbände-Herausgeber Wieland Schmied im Jahr 2014. Die Bernhard-Vernarrte Grete Hufnagl war schon kurz nach dessen Tod mit Demenz ins Pflegeheim gekommen. Sie alle überlebte der Hennetmair, der erst 2018 mit 97 Jahren verblich. Er ist hier im Buch aber nicht vertreten. Nur kurz wird von ihm und seinem manischen Bernhard-Forschertum gesprochen.


 

Ich greife jetzt absichtlich eine ungewöhnlich unfreundliche Beschreibung von Bernhards privatem Sozialverhalten heraus, um zu zeigen, dass nicht alle Zeugen ihn, den man zu Lebzeiten „Scheusal“, „Stänkerer“ und „geldgierig“ schimpfte, zwanzig Jahre später zum Poeten-Heiligen stilisiert hatten. Wolfgang Pauser, Philosoph, Marketing-Berater für Unternehmen, Trendforscher, hat Phasen seiner Jugend im Traunkreis, also in der Nähe von Bernhards oberösterreichischem Vierkantbauernhof Obernathal, verlebt. Pausers Vater, ein Maler, gehörte zum kleinen Zirkel Zugezogener, eigentlich Wiener Gut- und Bildungsbürger, zu denen Bernhard sich streckenweise alle paar Tage hinüber begab, wie sehr er Medien und Leserpublikum gegenüber auch auf seine Ausgesetztheit und Menschenfeindlichkeit abheben mochte.


 

Charakteristisch für diesen Kreis ist gewesen, dass Thomas Bernhard der angeschwärmte Hahn im Korb mehrerer Damen war, deren Gesellschaft er einerseits genoss, auch benützte, die er sich körperlich aber immer vom Leib hielt. (Übrigens waren dieselben meist eigentlich verheiratet und, wie Fotos zeigen, mitnichten schön.) Sowohl für eiserne Keuschheit wie für umwerfenden Charme Frauen gegenüber ist er bekannt gewesen. Mehr noch als über Frau Pausers Freundlichkeiten konnte sich der Mann Bernhard in vertrauten Unterhaltungen mit Hennetmair übers von ihm schon als Nachstellung erlebte Schmachten der Frau des ÖVP-Granden Maleta, Gerda Maleta, sowie der Gattin des Wiener Architekten Viktor Hufnagl aufregen.


 

Solcherart vorinformiert versteht man besser die nachtragenden Worte von jemand, der damals ein zwölfjähriger Sohn einer Schwärmerin gewesen war: Wolfgang Pauser. Die Familie zog sich dann nach Wien zurück; Sergius Pauser (vom Stil her ein wenig an Christian Schad erinnernd) starb 1970. Mutter Pauser hielt Bernhard weiter die Treue.


 

Die Beziehung zwischen uns war stets von Sympathie getragen, aber sicherlich keine persönliche, weil das mit ihm prinzipiell nicht möglich war. Er konnte Gespräche von Mensch zu Mensch einfach nicht führen, was ich aus meinen Beobachtungen schließen konnte. Ich erinnere mich zwar an ein klares Bild von Thomas Bernhard, aber er war immer gleich, daher die Schwierigkeit beim Erinnern. Er hat sich nur in einem unernsten Sprachgestus mit Mitmenschen aufhalten können, stetiges Monologisieren und ständige Sprachwitze. Die Lacheffekte hatten keine schwerwiegende Bedeutung, sondern bestanden in banalsten Dingen, die auftauchten und aufgegriffen wurden. Den einfachsten Dingen wurde Situationskomik in brillanter Technik abgerungen und daher konnte er ganze Runden von Menschen unterhalten. (...) Einen problematischeren Menschen kann man sich gar nicht vorstellen. (...) Er war nicht nur beziehungsunfähig, sondern er war nicht einmal zu einem Dialog fähig.

 


Sepp Dreissinger: Was reden die Leute, 58 Begegnungen mit Thomas Bernhard, 2011, Verlag Bibliothek der Provinz, 384 Seiten, gebunden, 29 €

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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