Heinz-Walter Hoetter

Drei unterhaltsame Geschichten

1. Auf der Suche nach dem Haus des Glücks
2. Das Eichhörnchen und der Zwerg
3. Das Geheimnis der Trias-Muschel


 

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Auf der Suche nach dem Haus des Glücks


 


 

Ein reicher Mann reiste viele Jahrzehnte ruhelos in der Welt herum. Trotz seines Wohlstandes fühlte er sich unzufrieden. Deshalb war er immer auf der Suche nach seinem Glück, denn er hoffte, es eines Tages irgendwo zu finden.

Schließlich hörte er von einem Gerücht, dass es an einem fernen Ort angeblich ein Haus des Glücks geben würde. Wer es betritt, der könne unendlich glücklich werden und eine unbeschreibliche Zufriedenheit erlangen.

Der reiche Mann machte sich sofort auf den Weg. Er schwor zu sich selbst, so lange nach dem Haus des Glücks zu suchen, bis er es finden würde. Er ließ nicht locker, forschte überall herum, las in vielen Büchern, bis er eines Tages in einer abgelegenen Klosterbibliothek unverhofft auf einen alten, aber sehr weisen Mönch traf, der ihm den entscheidenden Hinweis geben konnte.

"Das Haus des Glücks befindet sich an einem Ort, der zwar weit in der Vergangenheit zurückliegt, aber dennoch ganz real für ihn existiere. Er müsse nur seinem suchenden Herzen folgen, dann würde er ihn finden", sprach der weise Mönch.

Der reiche Mann dachte eine Weile nach, bis ihm plötzlich der Gedanke kam, wo sich das Haus des Glücks möglicherweise befinden könnte. Der alte Mönch hatte ja gesagt, er solle nur seinem Herzen folgen. Also tat er es und machte sich schon bald auf den Weg.

Eines Tages war es dann soweit. Schon aus der Ferne entdeckte er das kleine Dorf, wo er mal als Kind mit seinen Eltern gewohnt hatte. Leider waren Vater und Mutter viel zu früh durch einen schweren Autounfall ums Leben gekommen. So wuchs er bei der unverheirateten Schwester seiner verstorbenen Mutter auf, die ihn damals nach diesem tragischen Ereignis bei sich aufgenommen und liebevoll großgezogen hatte.

Voller Herzklopfen näherte er sich dem kleinen Dorf, das in einem wunderschönen Tal in der Nähe einer großen Gebirgskette lag. Als er das Dorf betrat, welches sich nur wenig verändert hatte, kam ihm rein zufällig eine sehr alte Frau auf dem Dorfplatz entgegen, die ihn auf einmal anstarrte, als sei er ein Geist. Es hatte den seltsamen Anschein, als würde sie ihn kennen, doch war sie sich wohl nicht sicher genug. Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht aber. Im nächsten Augenblick ging sie auch schon direkt auf den völlig verblüfften Mann zu, betrachtete eine Weile sein braungebranntes Gesicht, bis sie plötzlich laut zu schreien anfing und immer wieder seinen Namen rief. Sie hatte ihn offenbar erkannt.

"Unser Josef ist wieder da! ! Er ist zu uns zurück gekehrt!" rief sie mit lauter Stimme nach allen Seiten über den weiten Dorfplatz. Dann warf sie sich dem Mann in die Arme, der nicht ahnen konnte, dass ausgerechnet sie die Schwester seiner längst verstorbenen Mutter war, bei der er seine gesamte Kindheit verbracht hatte. Dass er sie nicht gleich wiedererkannt hatte, dafür schämte er sich jetzt zutiefst und fing an zu weinen.

Die Rückkehr ins Dorf seiner Kindheit hatte sich schon bald wie ein Lauffeuer im Ort verbreitet. Von überall her strömten die Dorfbewohner auf den großen Dorfplatz. Alle wollten den reichen Mann sehen, den sie schon bald liebevoll ihren "Josef" nannten. Es brach eine richtige Volksfeststimmung aus.

Schon bald kam auch der Bürgermeister herbei, der ihn ganz offiziell begrüßte. Anschließend marschierten alle zusammen zu einem kleinen Haus am Rande des Dorfes, wo die Schwester seiner verstorbenen Mutter immer noch wohnte. Hier hatte er als Kind gelebt und gespielt. Er spürte plötzlich zu diesem Ort seiner Kindheit eine tiefe Verbundenheit und innige Liebe in seinem Herzen, das vor lauter Glück zu zerspringen drohte.

Die Leute des Dorfes waren hinter ihm stehen geblieben, als er ganz alleine auf das einsam da stehende Häuschen zuging. Niemand sprach auch nur ein Wort. Alle Augen waren auf den reichen Mann gerichtet, der nach Hause zurück gekehrt war.

Plötzlich blieb ihr "Josef" stehen, drehte sich auf der Stelle herum und rief den Leuten des Dorfes zu: "Ich habe das Haus meines Glückes gefunden. Ich bleibe für immer hier!"

Die Dorfbewohner brachen in einen unbeschreiblichem Jubel aus. Noch am gleichen Abend feierte das ganze Dorf ein großes Fest für ihren Rückkehrer, der seinen nicht unerheblichen Reichtum bald für viele Projekte im Dorf großzügig zu Verfügung stellte.

Noch heute lebt Josef in diesem Dorf, das sich in einem wunderschönen Tal ganz in der Nähe einer lang gezogenen Gebirgskette mit schneebedeckten Bergen befindet.

Er ist ein hochangesehener Bürger seines reizvollen Ortes geworden. Durch ihn wurde sein Dorf zu einem weltbekannten Urlaubsparadies. Wollt ihr wissen, um welchen Ort es sich handelt? Oh, das müsst ihr schon selbst heraus bekommen.

Mittlerweile ist Josef selbst ein alter Mann geworden, der aber immer noch bei bester Gesundheit ist. Ich kenne ihn schon seit vielen Jahren. Wir sitzen oft in jener Dorfwirtschaft zusammen, die er kurz nach seiner Rückkehr vom ehemaligen Besitzer gekauft hatte. Er ließ sie innen und außen komplett renovieren, allerdings ohne dabei viel an dem traditionellen Äußeren zu verändern. Die alte Wirtschaft ist in der Tat ein echtes Schmuckstück im Dorf und steht heute sogar unter Denkmalschutz.

Bei einem schmackhaften Schweinsbraten und einer kühlen Mass Bier hat mir mein Freund Josef diese wunderbare Geschichte erzählt, die ich für euch extra aufgeschrieben habe.

So hat Josef schließlich in das Haus seines Glücks zurück gefunden. Nur wenige Monate später nach seiner Rückkehr starb auch Mutters Schwester, die ihn so fürsorglich aufgezogen hatte, im hohen Alter von 96 Jahren. Sie wurde im Grab der Familie auf dem Dorffriedhof beigesetzt.

Viele Jahrzehnte ist er als Vagabund ruhelos in der Weltgeschichte herum gereist ohne zu wissen, dass sein großes Glück im heimatlichen Dorf lag.

Dorthin war er zurück gekehrt, und in hier würde er auch sterben.




(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

***

 

 

Das Eichhörnchen und der Zwerg


 

Der Herbst war schon längst ins Land gezogen. Nach und nach fielen auch die letzten Blätter von den Bäumen, und es wurde von Tag zu Tag kälter.

Überall stellte sich Mutter Natur auf den kommenden Winter ein. Die meisten Tiere hatten sich bereits eine dicke Speckschicht angefressen und suchten nun zum Winterschlaf ihre Behausungen auf.

Meister Petz, der Braunbär zum Beispiel, zog sich in seine warme Höhle zurück, rollte sich gemütlich zusammen, steckte seine Schnauze unter die pelzbehaarten Vorderpfoten und schlief bald tief und fest ein.

Reinecke Fuchs dagegen dachte überhaupt nicht daran, den ganzen Winter über nur zu schlafen. Deshalb war er wie immer stets aktiv und jagte gerne Kaninchen oder kleine Mäuse, die seine Lieblingsspeise waren.

Isegrim, der Wolf, wollte ebenfalls nichts von einem Winterschlaf wissen. Er zog es dafür lieber vor, auch bei kältestem Frost noch nach Beute zu jagen und schlich deshalb überall in seinem weit ausgedehnten Revier suchend herum.

Grimbart, der Dachs, dagegen lag schon längst, wie sein Kollege Meister Petz, in seinem unterirdischen Bau und schlief den Schlaf des Gerechten.

Mutter Natur sorgte gut für ihre Schützlinge und jedes Tier folgte brav seinen angeborenen Gewohnheiten,

Doch halt! Jedes Tier?

Da gab es ein übermütiges Eichhörnchen, das einfach nicht schlafen wollte. Offenbar war es noch nicht so weit. Es sprang munter von Ast zu Ast, raste an den verschneiten Baumstämmen rauf und runter, wälzte sich ausgelassen im Schnee hin und her oder schlug vor lauter Lebensfreude manchmal sogar lustige Purzelbäume. Eigentlich war das Eichhörnchen ein ziemlich quirliges Tierchen und alle Tiere im Wald hatten es gern, weil es so lieb und putzig aussah.

Eine kleine Maus, die gerade aus ihrem verschneiten Loch schaute, sah das quirlige Eichhörnchen draußen herumtollen und fragte mit piepsender Stimme: „Was ist mit dir los, Eichhörnchen? Du bist noch wach? Warum gehst du nicht schlafen wie die anderen Tiere auch, die ihre Winterruhe oder ihren Winterschlaf brauchen?“

Das braunrot gefärbte Eichhörnchen hielt abrupt inne, sah die graue Maus verdutzt an und lachte noch im gleichen Moment los.


„Hahaha!“ rief es. „Was soll diese dumme Fragerei, mein kleiner Freund? Ich hab’ mich schon längst auf den Winter vorbereitet und viele Nüsse gesammelt. Sie liegen überall versteckt im weichen Waldboden. Ich brauche sie nur zu suchen und wenn ich sie gefunden habe, grabe ich sie wieder aus. So einfach ist das! Ich muss nicht hungern, denn ich finde meine vergrabenen Nüsse immer wieder, weil ich eine sehr gute Nase habe. Außerdem macht mir das Suchen viel Spaß. Das ist meine einzige Unterhaltung im Winter“, sagte das Eichhörnchen zur Maus, tollte einfach weiter auf den Bäumen herum oder jagte lose herumliegenden Blättern nach, die vom kalten Wind getrieben über die harsche Schneedecke rutschten.

Trotzdem solltest du dich ausruhen und schlafen gehen“, antwortete die Maus nachdenklich und verschwand wieder unter die Erde, wo sie sich eine kleine, aber warme Höhle eingerichtet hatte.

Doch das Eichhörnchen gab jetzt erst recht keine Ruhe. Es war einfach nicht gewillt, in seinen schützenden Kobel zurück zu gehen, wo es seinen nötigen Schlaf in Ruhe und Geborgenheit hätte angenehm verbringen können. Selbst dann noch, als es am späten Nachmittag immer kälter wurde und der klirrende Frost den Waldboden hart wie eine Betonplatte werden ließ, konnte man das Eichhörnchen noch draußen im tiefsten Schnee herum flitzen sehen.

Schließlich wurde es draußen dunkel. Zusätzlich heulte ein eisiger Wind durch die kahlen Äste der Bäume und der Himmel war mit dicken Schneewolken angefüllt.

Aber das Eichhörnchen hatte noch immer nicht genug. Es tollte weiterhin herum und kümmerte sich nicht die Bohne darum, wie kalt und ungemütlich es draußen mittlerweile geworden war. Erst als es heftig zu schneien begann und vor lauter Schneeflocken nichts mehr sehen konnte, wollte es zurück in sein warmes Nest, das hoch droben in einer großen, mächtigen Tanne untergebracht war. Dort oben war es vor allen Gefahren in Sicherheit.

Aber plötzlich knurrte der Magen des Eichhörnchens.

Ach was, das ist doch kein Problem für mich. Ich suche noch schnell ein paar Nüsse und schlage mir den Magen damit voll. Dann lege ich mich schlafen und verlasse mein Nest erst wieder, wenn es aufgehört hat zu schneien und die Sonne scheint“, sagte das Eichhörnchen zu sich selbst und kletterte von seinem Baum.

Doch der Boden war schneebedeckt und hart wie Stein. Das Eichhörnchen versuchte verzweifelt überall seine Vorratsplätze zu finden, aber schon bald musste es einsehen, dass es keine Chance hatte an sein vergrabenes Futter heran zu kommen.

Traurig und zitternd vor Kälte irrte es nach seinen Nüssen suchend im dunklen Wald herum.

Was soll ich jetzt bloß machen? Wenn ich nicht bald etwas zu fressen finde, werde ich verhungern und elendig erfrieren“, jammerte das Eichhörnchen.
Sein schöner, buschiger Schwanz war schon ganz nass und schmutzig geworden. Schlaff und kraftlos lag er im Schnee und das sonst so quirlige Pelztierchen sah schon das Ende nahen.

Noch einmal schreckte es hoch. War da nicht ein Geräusch gewesen? Dann hörte es plötzlich eine zarte Stimme, die irgendwo aus dem Schnee kam.

Hey Eichhörnchen!“ sagte das liebe Stimmchen. „Wenn du nicht bald zu mir kommst, wirst du bestimmt hier draußen in der kalten Nacht erfrieren. Ich weiß auch, dass du kein Futter findest, um deinen Hunger zu stillen. Noch hast du genug Kraft, um dich zu mir durch den Schnee zu graben. Fang am besten gleich damit an, bevor es dafür zu spät ist!“

Weil das Eichhörnchen genau wusste, dass es sich nicht mehr zurecht fand, folgte es einfach der Stimme und fing bald an zu graben. Schon bald gelangte es an eine kleine Holztür, die von dicken, knorrigen Baumwurzeln umwuchert war. Jemand öffnete sie von innen. Das Eichhörnchen schlüpfte hindurch und stand bald in einem gemütlichen Zimmer. Ein Feuer brannte im Kamin und davor saß ein kleiner Zwerg mit einer roten Zipfelmütze.

Ich habe von einigen Tieren gehört, dass du da oben im Wald herumgeirrt bist. Es war dumm von dir, so spät nach dem Futter zu suchen. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand gerne den ganzen Tag draußen im Schnee herumtollt, aber ein bisschen aufpassen solltest du schon auf dich und darauf hören, was andere dir zu sagen haben. Die Maus hat es ja nur gut mit dir gemeint. Du hättest besser auf sie hören sollen! Aber was soll’s? Es ist nicht mehr zu ändern. Komm her und wärme dich erst einmal am Kaminfeuer.“

Das Eichhörnchen nahm dankbar an und war schon bald warm und trocken.

Der Zwerg holte einen kleinen Sack voller Haselnüsse aus der Vorratskammer, öffnete ihn und die Nüsse rollten auf den Fußboden.

Eine Weile später, während das Eichhörnchen genüsslich aß, erzählte das Zipfelmützenmännchen seine Geschichte.

Leider ist das hier nicht mein eigenes Zuhause. Ich habe mich wie du im Wald verirrt, als es heftig zu schneien begann. Aber ich kenne mich hier einigermaßen gut aus. Die Wohnung gehört einem Dachs. Der schläft jetzt aber tief und fest und hätte bestimmt nichts dagegen, dass wir bei ihm Unterschlupf gefunden haben. Vielleicht ist es sowieso besser, wenn wir den Winter über hier bleiben und abwarten, bis der Frühling kommt. Der Schnee wird bis dahin geschmolzen sein und du kannst mich auf deinem Rücken nach Hause bringen. Jetzt finde ich den weiten Weg im tiefen Schnee bestimmt nicht mehr zurück. Außerdem ist es draußen bitterkalt und wir Zwerge mögen die Kälte nicht besonders gern.“

Mein lieber kleiner Freund! Ja, ich gebe zu, dass ich ziemlich dumm war“, sagte das Eichhörnchen und senkte beschämt den Kopf. „Wenn du mich nicht gerufen hättest, wäre ich wohl da draußen im eisigen Schnee elendig verhungert oder erfroren. Du hast mich gerettet. Ich stehe tief in deiner Schuld. Ich würde gerne hier bei dir bleiben und mit dir zusammen auf den Frühling warten. Der Dachs hat genug zu essen in seiner Wohnung. Ich könnte ja auch hin und wieder draußen nach Nüssen suchen.“

Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn du hier bleibst“, sagte der Zwerg. „Ich freue mich über deine Gesellschaft. Allein wäre es mir sowieso langweilig geworden. Zusammen macht alles viel mehr Spaß.“

Das Eichhörnchen nickte mit dem Kopf, aß noch eine ganze Menge Nüsse, bis es richtig müde wurde. Augenblicklich fiel es in einen tiefen Schlaf. Auch der Zwerg ging bald zu Bett und zusammen schnarchten sie gemeinsam um die Wette.

Viele Tage und Nächte vergingen, bis der Zwerg eines Tages den Kopf durch die Tür steckte und rief: „Hurra Eichhörnchen! Wach auf! Der Schnee ist geschmolzen, die Sonne scheint und der Frühling ist da!“

Das Eichhörnchen rieb sich die Augen und verließ seine Schlafecke. Bald stand es draußen mit dem Zwerg vor der kleinen Holztür und beide schauten nach oben in einen wunderschönen blauen Himmel.

Tatsächlich, der Frühling ist da“, jubelten die zwei, und die Freude war groß.

Pack deine Sachen und setzt dich auf meinen Rücken. Ich werde dich sofort nach Hause bringen!“ sagte das Eichhörnchen zu seinem Freund, dem Zwerg.

Der kleine Zipfelmützenträger ließ sich das nicht zweimal sagen, holte seine Sachen und kletterte auf den Rücken des Eichhörnchens.

Halte dich bloß gut fest!“ rief es dem Zwerg noch mit lauter Stimme zu, erklomm in Windeseile den nächsten Baum bis in die Krone, und schon ging es flugs von einem Ast zum nächsten.

Der Zwerg kniff vor lauter Angst die Augen zu und hielt sich mit aller Kraft am Fell seines Freundes fest. Als er zwischendurch für einen kurzen Moment die Augen wieder öffnete, sah er die weite Landschaft unter sich. So etwas hatte er in seinem ganzen Leben als Zwerg noch nicht gesehen. Zu seinen Füßen erstreckten sich hohe Berge, glitzernde Seen, breite Flüsse, auf denen alle möglichen Boote fuhren. Es gab große Wälder und weite Felder, die von fleißigen Bauern bestellt wurden.

Auf einmal jubelte der kleine Zwerg.

Da, Eichhörnchen! Da unten ist mein Zuhause! Ich kann es ganz genau sehen! Und so was! Da sitzt ja meine Frau auf der Terrasse und lässt sich von der Sonne wärmen. Ich muss sofort zurück zu ihr! Sie hat sich bestimmt schon große Sorgen um mich gemacht“, rief er aufgeregt und deutete mit der rechten Hand auf ein Häuschen am Ende eines tiefen Tales mit vielen Bäumen, die dicht an dicht standen.

Als die beiden endlich das Häuschen erreicht hatten, war die Freude groß. Herr und Frau Zwerg fielen sich sofort in die Arme und drückten sich ziemlich lange ganz lieb.

Ich freue mich, dass du wieder da bist“, sagte Frau Zwerg und blickte ihren Zwergenmann glücklich in die Augen. „Wo warst du die ganze Zeit?“ fragte sie ihn schließlich.

Mein Freund das Eichhörnchen und ich waren den ganzen Winter über zusammen. Wir beide verirrten uns bei einem Schneegestöber im Wald und fanden Unterschlupf bei Herrn Grimbart, dem Dachs. Als es endlich wieder Frühling wurde, nahm mich Eichhörnchen auf seinen Rücken und brachte mich nach Hause. Ja, ich bin ziemlich froh darüber, einen so guten Freund gefunden zu haben.“

Wir haben noch viele Nüsse im Keller“, sagte Frau Zwerg freundlich. „Wir laden Eichhörnchen ein, mit den Tieren des Waldes ein großes Frühlingsfest zu feiern. Auch die übrigen Zwerge werden kommen und dabei sein. Dann könnt ihr ihnen eure Geschichte erzählen, die ja noch mal gut ausgegangen ist.“

Das Eichhörnchen senkte den Blick und sagte: „Ich werde bestimmt nie wieder so dumm sein, wie im letzten Winter. Ich habe dazu gelernt und werde mich in Zukunft anders verhalten. Doch lasst uns jetzt alle unsere Freunde einladen, damit das Frühlingsfest bald beginnen kann.“

Einige Tage später.

Die Tiere des Waldes hatten sich bei der Familie Zwerg eingefunden und feierten ein lustiges Frühlingsfest bis tief in die späte Nacht hinein. Es ging ziemlich hoch her. Auch die vielen anderen Zwerge waren gekommen. Man konnte es gar nicht fassen, dass es von ihnen so viele gab.

Und wenn ihr mich jetzt fragt, liebe Kinder, wo sich das denn alles zugetragen hat, diese kleine Geschichte vom Eichhörnchen und dem Zwerg, dann kann ich euch nur wahrheitsgemäß darauf antworten: „Im Land der Fantasie, das es in jedem von uns gibt. Ihr müsst nur die Augen schließen und anfangen zu träumen...“



 

(c)Heinz-Walter Hoetter


 


 


 


 


 

Das Geheimnis der Trias-Muschel


 


 

Ich griff nach der großen Meeresmuschel im gelb weißen Sand, hob sie vorsichtig auf und hielt sie an das rechte Ohr.

 

Andächtig lauschte ich eine zeitlang wartend mit geschlossenen Augen, bis ich das gleichmäßige Rauschen eines uralten Meeres vernehmen konnte, über dessen unzählige Wellen ein warmer, stürmischer Wind hinwegfegte. Jedenfalls empfand ich es so. Beide Geräusche zusammen erzeugten in meinen Ohren einen seltsam anmutenden Widerhall, der mich stärker und stärker in seinen Bann zog. Ich wurde langsam schläfrig und bald wähnte ich mich in eine andere Welt versetzt.

 

Plötzlich sah ich vor meinem geistigen Auge eine einsame Bucht, wie sie vor vielen Jahrmillionen an gleicher Stelle, wo ich gerade stand, einmal ausgesehen haben muss. Weiße, schroff aussehende Klippen ragten in einen weiten, tiefblauen Himmel hinein, und urweltliche Reptilien schwammen im klaren Meerwasser ziellos nach Opfer suchend hin und her. Eine andere Reptilienart bewegte sich mit panikartigen Bewegungen schlangenförmig über den rauen Strand, wobei sie wechselseitig seltsam klingende Laute von sich gaben.

 

Wollten sie sich nur vor ihren Jägern in Sicherheit bringen?

 

Tatsächlich konnte ich mehrere dunkele Schatten im flachen, kristallklaren Wasser erkennen.

 

Einige grotesk aussehende Panzerfische stießen aus den Untiefen hervor, griffen die flüchtenden Kriechtiere pfeilschnell an und schlugen tiefe Wunden in ihre fleischigen Körper, sodass sich an vielen Stellen das aufschäumende Meerwasser blutrot einfärbte. Hier und da konnte man auch das furchterregende Brüllen eines Sauriers im fernen Urwald aus Palmfarnen vernehmen.

 

Dampfende Vulkankegel umringten den gesamten Horizont, ihre rötlich leuchtenden Schlote maserten den Himmel.

 

Das Rauschen der anbrandenden Wellen in der Meeresmuschel steigerte sich auf einmal zu einem unerträglichen Donnergetöse, das mit dem ansteigenden Heulen des stärker werdenden Windes zu wetteifern schien. Von einer Sekunde auf die andere befand ich mich plötzlich am flachen Ufer eines urzeitlichen Meeres in der Trias.

 

War alles nur ein Fata Morgana, eine Halluzination?

 

Ich wusste es in diesem Moment selbst nicht.

 

Schon wollte ich die Muschel vor lauter Schreck vom Ohr nehmen, als ich in diesem Geräuschgewirr mehrmals hinter einander einen dünnen, aber menschlichen Schrei vernahm. Verwundert suchte ich in meinem geistigen Bild die nähere Umgebung ab. Schließlich konnte ich in den unmittelbar vor mir liegenden weißen Kalkklippen, etwas oberhalb der Brandung, einen dunklen Höhleneingang ausmachen in dem eine junge Frau stand, die Hilfe schreiend mit einem langen Gegenstand um sich schlug. Offenbar wehrte sie etwas ab, das sie bedrohte. Das schäumende Wasser der auslaufenden Wellen umspülte mehrmals hintereinander die farbigen, jedoch etwas verschwommen wirkenden Bilder und bald sah ich weder die Frau, noch konnte ich ihre verzweifelte Stimme hören.

 

Vom Eindruck der sich mir bietenden, recht außergewöhnlichen Situation gefesselt presste ich die weiße Kalkmuschel noch fester ans Ohr.

 

Das kann doch gar nicht wahr sein. Wie ist so was möglich? Ich sehe in einem prähistorischen Höhleneingang ein menschliches Wesen stehen, das in diesem Zeitabschnitt der Erdgeschichte überhaupt noch nicht existiert hat“, flüsterte ich gebannt leise vor mich hin.

 

Da!

 

Jetzt trat eine deutlich sichtbare Gestalt aus der Höhle heraus und ging mit leicht wankenden Schritten auf den offen daliegenden Strand zu, wo eine wogende Welle nach der anderen anbrandete. Es war wieder diese unbekannte Frau. Sie lief direkt in mein Blickfeld .

 

Instinktiv riss ich den linken Arm hoch und schrie so laut ich konnte zu ihr rüber.

 

Halt! Um Himmels Willen, gehen Sie nicht weiter! Sie werden im Meer ertrinken oder von den Reptilien gefressen. Bleiben Sie stehen!“

 

Für einen Augenblick zögerte sie, sodass ich der rührigen Annahme war, sie hätte meine warnenden Worte tatsächlich verstanden. Kurz darauf lief sie jedoch weiter auf den tosenden Strand zu. Dann sah ich noch, wie sie etwas Großes aufhob und anschließend hastig in die Höhle zurück floh, wo sie sich offenbar vor den urzeitlichen Reptilien der Umgebung in Sicherheit wähnte.

 

Ich horchte weiter und bemerkte nach wenigen Sekunden, dass das Bild vor meinem geistigen Auge mit wachsender Geschwindigkeit verblasste. Im nächsten Augenblick wurde es dunkel. Dann begann wieder alles von vorne, wie bei einem Film, der sich dem Betrachter in einer Endlosschleife präsentierte.

 

Ich nahm die große Meeresmuschel für ein paar Sekunden vom Ohr und im gleichen Augenblick befand ich mich wieder in der Gegenwart meiner eigenen Zeit. Ein kleines Wellenpaar umspülte meine nackten Füße, die im weichen Sandstrand etwas eingesunken waren. Ich ließ meinen Blick in die nähere Umgebung schweifen und entdeckte plötzlich auf der anderen Seite der Bucht einen unscheinbar aussehenden Höhleneingang in der weißen, hoch aufragenden Felsenwand. Jetzt befand er sich allerdings nicht in Strandhöhe, sondern etwa zwanzig Meter weit darüber.

 

Zum letzten Mal lauschte ich in die Muschel hinein, schloss abermals die Augen und ließ die gleichen Bilder der uralten Küste vor meinem geistigen Auge vorbei ziehen. Für einen flüchtigen Moment sah ich wieder diese Frau, die immer noch am Höhleneingang stand. Ihr Gesicht sah blass und ausgemergelt aus und war von unmenschlichen Strapazen gekennzeichnet. Ihr schlanker Körper wurde von einem eng anliegenden, lederartigen Anzug umfasst, der ihr an einigen Stellen in Fetzen herunterhing. War sie vielleicht eine gestrandete Zeitreisende, die aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in ihre eigene Zeit zurückkehren konnte? Oder gehörte sie einer außerirdischen, raumfahrenden Rasse an, die schon vor 230 Millionen Jahren die Erde in der Trias mit einem Raumschiff besucht hatte und deren Besatzung möglicherweise hier in dieser Meeresbucht verunglückt war? Alle nur möglichen Theorien schwirrten mir durch den Kopf, bis ich es endlich aufgab, weiter darüber nachzudenken. Ich fand es außerdem irgendwie sonderbar, womit ich mich da beschäftigte.

 

***

 

Ich fand diese Millionen Jahre alte, erstaunlich gut erhaltene, nicht versteinerte Riesenmuschel bei Ebbe; sie lag am Strand zwischen zwei kleinen Felsen und leuchtete wie eine Perlmuttspirale durch das klare Wasser. Als ich sie zufällig an mein Ohr hielt, drangen diese seltsamen Bilder in mein Gehirn, die mich bald immer stärker in ihren Bann zogen, je länger ich sie auf mich einwirken ließ.

 

Später zertrümmerte ich die Muschel aus reiner Neugier und entdeckte tatsächlich tief im Innern des zerbrochenen Kalkgehäuses ein oval aussehendes, etwa acht Zentimeter langes Ding, das sich sofort in meiner Hand mit seinem zugespitzten Ende wie eine übergroße Kompassnadel stur auf einen ganz bestimmten Punkt ausrichtete, nämlich genau dorthin, wo sich jener Höhleneingang befand, den ich in der dargestellten Bildsequenz vor meinem geistigen Augen gesehen hatte. Ich erkannte schnell, dass es zwischen diesem eigenartigen Fundstück aus der Muschel und der entdeckten Höhle in der Wand des gewaltigen Kalksteinfelsens eine geheimnisvolle Verbindung geben müsse, was mich schließlich dazu bewog, der Sache näher auf den Grund zu gehen.

 

***

 

Ich brauchte etwa eine Stunde, bis ich unterhalb des Kalkfelsens stand und eine weitere, bis ich endlich in zwanzig Meter Höhe den über mir liegenden Höhleneingang erklommen hatte. Dann kroch ich auf allen Vieren durch die gähnende Öffnung und leuchtete mit der Taschenlampe in den schwarzen Schlund hinein. Zu meiner großen Überraschung verbreiterte sich der Eingang schon nach etwa zwei Meter zu einem mannshohen Gang, der noch weiter in den schroffen Fels hineinreichte und kein Ende zu nehmen schien.

 

Beeindruckt von seiner Größe beschloss ich, weiter in den Höhlengang vorzudringen. Überall lagen fossile Seemuscheln herum, die sich einst im subtropischen Meer wärmten. Vorsichtig tastete ich mich im Schein meiner Taschenlampe weiter vor, bis ich ganz überraschend gegen etwas metallisches stieß, das sich offenbar direkt vor mir befand. Der hin und her wandernde Lichtkegel meiner Taschenlampe erfasste schließlich ein etwa fünf Meter langes, röhrenartiges Objekt mit einem Durchmesser von etwa zwei Meter, das allerdings mit einer äußerst dicken Staubschicht überzogen war. Als ich vorsichtig daran herumkratze, brach gleich ein ganzes Stück wie eine kleine Schneelawine davon ab und legte eine darunter liegende Metallhaut unbekannter Herkunft frei, die mir trotz der verursachten Staubwolke im Schein meiner Taschenlampe silbrig glänzend entgegen leuchtete.

 

Der ovale Gegenstand aus der Trias-Muschel zuckte auf einmal in meiner rechten Jackentasche wie wild hin und her. Als ich ihn in meinen Händen hielt, sprang er wie von einem starken Magneten angezogen auf das sichtbar gewordene Stück Metall und raste unter der dicken Staubschicht hindurch bis in die Mitte der Röhre, wo er offenbar in einer Vertiefung verschwand. Kurz darauf vibrierte die Metallröhre wie Espenlaub und wenige Augenblicke später öffnete sich mit einem surrenden Geräusch ein schmaler, türgroßer Eingang. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück und stolperte dabei über einen herumliegenden Felsbrocken. Ich fuchtelte hilflos mit den Armen in der Luft herum, fiel kurz darauf der Länge nach hin, wobei mir die Taschenlampe aus der Hand glitt und mit dem Leuchtkopf auf den harten Felsenboden aufschlug. Klirrend zerbrach das Glas und das Licht erschloss.

 

Als ich mich in der pechschwarzen Dunkelheit noch völlig orientierungslos wieder hochgerappelt hatte, drang auf einmal helles Licht aus der Röhre, was mich dazu bewog, näher auf den geöffneten Eingang zuzugehen. Vorsichtig trat ich vor und blickte neugierig ins Innere des unbekannten Objektes, das mit einer atemberaubenden Technik bestückt war, die aussah wie das Cockpit eines modernen Düsenflugzeuges. Fasziniert starrte ich in den kleinen Raum hinein und bemerkte dabei nicht, wie sich direkt über mir geräuschlos zwei tentakelförmige Arme näherten, die mich blitzschnell mit ihren metallischen Klammern an beiden Armen festhielten und mit brutaler Gewalt in das röhrenförmige Gebilde hineinzogen. Kaum war ich drinnen, glitt hinter mir die Tür wie von Geisterhand bewegt wieder zu. Dann wurde ich in eine schalenförmige Vertiefung gedrückt und das Licht erlosch augenblicklich. Ich merkte noch, wie ich langsam mein Bewusstsein verlor.

 

***

 

Als ich wieder zu mir kam, saß ich immer noch in dem schalenförmigen Sitz, aber der Eingang des kleinen Raumes stand weit offen. Die zwei Metalltentakel waren verschwunden. Das röhrenförmige Gebilde befand sich offenbar immer noch in der gleichen Höhle, die allerdings jetzt vom eindringenden Tageslicht einigermaßen hell ausgeleuchtet wurde. Offenbar befand sich ganz in der Nähe ein Meer, denn ich konnte das Rauschen der heranrollenden Wellen hören. Noch ganz benommen verließ ich auf unsicheren Beinen das seltsame Objekt und trat hinaus in Freie, wo mich der Anblick einer urzeitlichen Welt wie ein Donnerschlag traf.

Ein Rudel kleiner, aber räuberischer Ceolophysis zog an mir vorbei, die den nahen Meeresstrand nach Beute absuchten. Die Luft war feuchtheiß und hinter mir sah ich einen dichten Urwald aus baumartigen Farnen in denen sich einige Pflanzen fressende Plateosaurus aufhielten. Ich wagte mich keinen Schritt weiter aus der Höhle, denn selbst diese hasenkleinen Raubsaurier hätten für mich gefährlich werden können. Sie verschmähten sicherlich auch kein Menschenfleisch.

 

Erst langsam begriff ich meine lebensgefährliche Situation. Ich war irgendwo in der Trias angekommen, wahrscheinlich 230 oder sogar 250 Millionen Jahre vor meiner Zeit. Aber auf welche geheimnisvolle Art und Weise die Zeitmaschine in der Triashöhle mich hier hingebracht hatte, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass ich da war. Mehr nicht.

 

Auf dem Rückweg zu dem Objekt in der Höhle fiel mir auf einmal dieses kleine ovale Ding wieder ein, das ich in der Trias-Muschel am Strand gefunden hatte. Es war irgendwo in der metallenen Außenhülle der Röhre verschwunden und seitdem nicht mehr aufgetaucht. Als ich endlich wieder vor der seltsamen Maschine tief im Innern der Höhle stand, war der Eingang hermetisch verschlossen und nichts deutete darauf hin, dass es an der von mir geglaubten Stelle überhaupt jemals einen Zugang gegeben hat. Panik stieg langsam in mir hoch. Im gleichen Augenblick krabbelte etwas über meine nackten Füße.

 

Erschrocken sprang ich zur Seite und erblickte zu meiner großen Überraschung das ovale Metallstück aus der Trias-Muschel, das jetzt auf winzigen Drahtfüßchen wie eine Robotermaus über den felsigen Boden dahinkroch. Es wollte offensichtlich die Höhle verlassen, um an den Strand zu gelangen, wo unzählige dieser riesigen, leeren Muschelgehäuse herumlagen. Hastig ergriff ich es von hinten mit beiden Händen und sofort zog es seine winzigen Beinchen ein, die im Innern des schlanken Metallkörpers verschwanden. Kurz darauf drehte sich das zugespitzte Ende wieder automatisch in Richtung der Röhre, als wolle es mir unmissverständlich sagen, wohin es will. Mir wurde klar, was das zu bedeuten hatte.

 

Ich setzte es also vorsichtig auf die Außenhülle der Zeitmaschine ab und im gleichen Moment sauste es auf dieser abermals mit hoher Geschwindigkeit entlang, bis zu jener verborgenen Öffnung der Metallhülle, in der es abrupt verschwand. Keine Sekunde später öffnete sich der Eingang wieder und die zwei Metalltentakel fuhren von oben leise von der Decke herunter. Dann verharrten sie in einer Art Wartestellung. Erleichtert stellte ich fest, dass ich jetzt in meine Zeit ohne Schwierigkeiten zurück konnte, denn ich hatte das Geheimnis der Trias-Muschel gelöst.

 

Bevor ich allerdings in das röhrenförmige Objekt wieder einsteigen wollte, nahm ich mir die Zeit dazu, mich noch ein wenig in der Höhle umzusehen.

Sie war recht groß und hatte in etwa die Ausmaße eines zweistöckigen Hauses. Erst jetzt bemerkte ich mit Schrecken, dass Teile des schroffen Höhlenbodens mit humiden Knochen und Schädel übersät waren. Als sich meine Augen an das diffuse Licht gewöhnt hatten, entdeckte ich die Überreste eines ledernen Anzugs zu meinen Füßen, in der sich noch der mumifizierte Körper eines weiblichen Menschen befand. War das die Frau gewesen, die ich in der seltsamen Aufzeichnung gesehen hatte? Der Bekleidung nach muss sie es wohl gewesen sein. Offensichtlich war sie dem Geheimnis der Trias-Muschel ebenfalls auf die Spur gekommen, wohl aber viel zu spät, denn das ovale Ding war mittlerweile unbemerkt aus der Höhle verschwunden und hatte sich in eines der zahllos herumliegenden Muschelgehäuse verkrochen. Ob es noch mehr von diesen teuflischen Apparaten gab? Die vielen herumliegenden Gebeine unglücklich gestrandeter ließen das jedenfalls vermuten.

 

Jetzt wurde mir auch klar, warum die Frau trotz der großen Gefahren immer wieder zum Strand runter gelaufen war. Sie hat verzweifelt nach diesem ovalen Apparat gesucht, ihn aber in den zahllos herumliegenden Riesenmuscheln nicht finden können. Das satanische Ding lag immer noch irgendwo am Strand und hatte sie von dort aus sogar beobachtet. Die Frau wusste nur, dass es der Schlüssel für die Rückkehr in ihre Zeit gewesen wäre. Als ihre Kräfte schließlich schwanden, starb sie, wie die anderen vor ihr auch, hier in der Triashöhle einen einsamen Tod in einer für sie völlig lebensfeindlichen Umwelt.

 

Ein Schauer lief mir bei dem Gedanken über den Rücken, dass mich beinahe das gleiche Schicksal ereilt hätte. Schnell ging ich zurück zur Zeitmaschine, die immer noch mit geöffnetem Eingang auf mich wartete. Während ich mich von den herab schnellenden Tentakeln absichtlich in die Zeitmaschine bugsieren ließ, machte ich mir Gedanken darüber, was ich mit ihr machen sollte, wenn ich wieder in meine Zeit angekommen bin. Den Höhleneingang in die Luft sprengen? Die Zeitmaschine zerstören? Das kam für mich irgendwie nicht in Frage, denn ihre Möglichkeiten waren beachtlich. Das Beste wird wohl sein, wenn ich diesem kleinen teuflischen Krabbelding alle Beine abzwicke, damit es mir nicht mehr davon kriechen kann. Sicher ist sicher. Und wenn es mich dann wieder mal juckt, mache ich einfach Urlaub in der Trias und suche am urzeitlichen Strand in den herumliegenden Muschelgehäusen nach weiteren seiner diabolischen Artgenossen.

 

Und wer weiß das schon? Vielleicht finde ich noch ganz andere Sachen, dort am Triasstrand. Denn von Menschenhand ist dieses Ding bestimmt nicht gebaut worden.

 

 


 

©Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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