Klaus Mattes

Lehrer / 3606

Schon 1987 im Seminar für Schulpädagogik (Gymnasien) bekamen wir gesagt: „Unser Beruf als Lehrer gehört zu denen mit ziemlich wenig Sozialprestige. Es gibt ganz viele Bücher von bekannten Schriftstellern, in denen die Lehrer schlecht wegkommen. Fast keiner von den Schriftstellern hatte über die Lehrer was Gutes zu sagen.“

 

Das Dumme ist, dass sie so oft Recht haben, die Lehrerhasser. Begebe dich, bei erwachsenen Menschen und außerhalb der Schule, ins Streitgespräch mit einem, der Lehrer ist oder war. Es könnte eine Mieterversammlung sein oder im Rahmen deines Wandervereins sich zutragen oder die Form von Mails annehmen, in denen ihr diskutiert, was Lebensqualität und Elend für die Leute in diesem Land bedeuten, sofort hast du sie live, die Selbstgerechtigkeit unserer Lehrer! Immer und überall und zu jeglichem Thema wissen sie es besser. Vor allem bezüglich der Dinge, die sie nie gelernt, nie gearbeitet und auch sonst praktisch noch nie erlebt haben. Lehrer, das bedeutet so viel wie unbelehrbar, gründlich unfähig, das kürzlich Gesagte auch nur ein einziges Mal nicht weiter zu interpretieren, nicht noch mal zu kommentieren, nicht zu hierarchisieren, einfach so zu lassen, wie alle es gehört oder gesehen haben.

 

Auch wissen sie meist kurz vorher, was man gleich sagen wird. Daher müssen sie nicht mehr richtig zuhören, wenn man es dann sagt. Über alles, was man ihnen gesagt hat, denken sie nicht lange nach, denn die patente Antwort befindet sich seit Jahren in ihrem Besitz. Was immer du geäußert hast, dankbar greifen sie es als Anregung auf, sich einmal selbst ordnungsgemäß darüber zu verbreiten.

 

Von den per Studium ausgebildeten Geisteswissenschaftlern aller Fächer verwandelt sich eine übergroße Mehrzahl in Lehrerinnen und Lehrer. Und es ist ja meine Überzeugung gewesen, dass digitale Intelligenz den Lehrerberuf letztlich nie wird ersetzen können. Allerdings können intelligente Automaten auch zahllose sonstige Dienstleistungen nicht ersetzen, für die es noch nie ein Studium gebraucht hat.

 

Denke hier an die differenzierten Laberer, die Priester aller Kulturwochen. Offenkundig bedarf die Menschheit dieser Autorität. Eine Kaste, die bei Ausstellungseröffnungen Ansprachen hält, für die Heimatzeitung Kleinkunstabende rezensiert, in Evangelische Akademien und Zentralen der Politischen Bildung zu Albrandseminaren über die „Wiedergeburt des Konservatismus“ einlädt. Mithin: Menschen, wie sie die FAZ entweder voll schreiben oder leer lesen.

 

Und immer wieder sind sie stolz darauf, dass sie strukturierte Konzepte sich erarbeitet haben. Sprich: sich angelesen haben, es durchdacht, es eingesehen und dann flugs übernommen haben, hinterher stramm diszipliniert abkopieren und durchpauken.

 

Als Teilnehmer in sogenannten Trainings für Langzeitarbeitslose, welche zum Beispiel von emeritierten Berufsschullehrern abgehalten werden, konnte ich das seit meinem eigenen Lehrer-Sein mehrmals über mich ergehen lassen. Das Herzstück vom Ganzen ist eigentlich immer dasselbe. Der Langzeitarbeitslose soll sich der breiten Palette seiner, ihm selbst aber zum Teil seit Jahrzehnten verborgen gebliebenen, Kompetenzen inne werden, diese von jetzt ab sehr clever in sein Bewerbungsmaterial hinein texten und in die eventuell sich einstellenden Vorstellungstermine überlegt, bescheiden und durchaus selbstbewusst einfließen lassen: „Ich kann gut mit Menschen umgehen und Arbeitsabläufe rationell organisieren. Das zeigte sich, als ich von der Firma Mayer und Töchter die Aufgabe übertragen bekam, das neue Außenlager in Moosburg aufzubauen.“ Eigentlich ist das schon alles, dennoch geht es immer mindestens vier Wochen, bis sie einem das eingeleuchtet haben. (Solltest du jemals eine Maßnahme in diesem Bereich mitkriegen, wo es anders zugeht, mir unbedingt melden, interessiert mich brennend.)

 

Alle Dozenten haben zu Hause Diagramme liegen, in denen Unterrichtsziele als Abfolge von Teilschritten eingezeichnet sind wie in der Tanzschule. Irgendwann mal haben sie das gefressen, für gut befunden, jetzt schneidern sie es sich passend für das Menschenmaterial, das in Wogen ständig neu herein sprudelt.

 

Selbst wollte ich so nie vorgehen, als ich noch Lehrer war. Ich war Deutschlehrer für Aussiedler. Deine freundlichen Kollegen könnten dir ihre Arbeitspapiere geben. Es wird immer noch gern mit Papieren unterrichtet, die kopiert, ausgefüllt, abgegeben, abgehakt und durchgezählt werden. In Jahren hingebungsvoller Kleinarbeit haben deine Kollegen ihre Aufgaben aus zwanzig verschiedenen Unterrichtswerken heraus gesammelt und individuell abgewandelt. Im Grunde würden sie dir diesen Zeitaufwand sozusagen schenken. Mir aber war's lieber, meine Papers von Tag zu Tag selbst zu texten. Noch lieber war mir, es aus dem Stand, aus meinem schlappen Ärmel hinaus zu schütteln vor einem Hintergrund aus unermesslichem Wissen.

 

Am Ende kam allerdings natürlich rum, dass die Materialien meiner Kollegen etwas didaktischer, klarer und eingängiger waren als die Verwicklungen, in denen ich mich verhedderte.

 

Flashback ins, vor dem Beginn der Examensprüfungen, geplatzte zweite Schuljahr meiner Referendarszeit. Eine Nacht hatte ich zur Entscheidung, ob ich kündigte, von meiner Seite aus, mich sollte man kündigen, hatte mein Direktor dem Oberschulamt vorgeschlagen, doch konnte man rechtlich nicht, zu wenig lag gegen mich vor, oder ob ich einen Antrag auf Versetzung an eine neue Wirkungsstätte einreichen würde.

 

„Schlafen Sie eine Nacht darüber. Fällen Sie diese Entscheidung nicht alleine! Reden Sie mit Menschen, die Ihnen nahestehen.“

 

Und noch nie hatte ich Lehrer sein wollen, noch nie! Ich ging hier unter mit Pauken und Trompeten. Ich bin eine durchsetzungsschwache Person mit wenig Talent zur Menschenführung.

 

Als Lehrer ist man gefordert, was Mitdenken und Aufpassen und schnelles Reagieren und Steuern der Stimmungen in Menschengruppen anbetrifft. Was immer abging, ich bekam es sehr wohl mit, war aber nicht in der Lage, es in meinen Griff bekommen. Das ist deine Tragödie, wenn die Gruppe merkt, du vertraust dir selbst nicht, dass du sie irgendwann noch führen wirst. Sofort existiert nur ein Spiel, das sie alle unterhält, ob sie dich mögen oder hassen: Zuschauen bei der kleinteiligen Zerlegung.

 

Im ersten Jahr ist in jeder Stunde, die ich halten durfte, ein Wachhund hinten drin gesessen. Im zweiten Jahr hast du die Klassen nur noch für dich. Du lässt Arbeiten schreiben und vergibst Zensuren. Unter Umständen entscheidest du über Versetzung oder Wiederholung einer Klassenstufe. Ich hatte eine 7. Klasse in Geschichte, eine 8. Klasse in Deutsch, eine 11. Klasse in Geschichte. Meine Schüler waren in etwa 13, 14 und 17 Jahre alt. Die Achte ist im Gymnasium die Klasse, wo man die meisten Deutsch-Stunden hat, Ende der Unterstufe, Ende des Grammatik- und Rechtschreibunterrichts, erste Lektüre eines kompletten Buchs. Ein schwieriges Alter und meine war als schwierige Klasse in der Schule schon bekannt, dazu eine schwache Klassenlehrerin (Englisch). Die Klasse war sehr groß.

 

Ausgehend von ein paar pubertierenden Jungs und einem verkorksten Zimtzicken-Mädel (die Mutter umzingelte mich in einem von ihr angesetzten Elterngespräch-Extratermin, schon verstand ich) griff das Spiel um sich: „Kann es gelingen, ihn so zu verwirren und schwach aussehen zu lassen, dass kein Unterricht mehr geht und er dennoch keinen zu fassen kriegt, der dran schuld ist?“ Glaube mir, sie schafften das. Wellen verbreiteten sich durch die Schule, meine Achte als Epizentrum. Schon entglitten mir die aus meiner Siebten auch noch, die Kinder. Am Ende flammte es bei den lammfrommen Elftklässlern auf (viele Mädchen dort, geneigt, ihren Referendar teilnehmend anzustrahlen). Nun aber Eltern, die ihre Kinder eigenhändig von dem vom Lehrer ungerechtfertigt verhängten Arrest wegholen. Klassenlehrer, die einem im Lehrerzimmer undurchschaubare Anfragen und Ratschläge zuraunen. Ein Fachleiter, ein Direktor, kurz vor der Rente alle beide, überfallartig die Lehrproben, zu denen sie sich nicht mehr anmelden. Beide präsidieren einvernehmlich eine Sonder-Elternversammlung (zur Achten), die ich sehr alleine im Lehrerzimmer abzusitzen habe, denn nur zur Vernehmung als Zeuge bekomme ich Zutritt. Die schriftliche Bitte des Schulleiters ans Oberschulamt, man möge mich entlassen, bekomme ich als Kopie vom Leiter des Seminars für Schulpädagogik (Gymnasien) überreicht mit der Bitte um schriftliche Stellungnahme. Telefonische Einbestellung ins Oberschulamt Stuttgart am frühen Nachmittag, der Termin dort am selben Tag, abends, nach Feierabend, die Zeit drängt, die Weihnachtsferien stehen vor der Tür.

 

„Schlafen Sie eine Nacht darüber!“

 

Wer sein Rad ab hat, von dem kann man nur abraten.

 

In den folgenden Jahren sagte man mir immer wieder, es wäre falsch gewesen, sich für die Kündigung zu entscheiden. Am besten sollte ich es neu probieren, noch einmal von vorne. Wobei ich immer einwarf: Lehrer wollte ich doch sowieso nie werden! Anscheinend ist das normal, dass man Lehrer wird, wenn man Literatur und Geschichte studiert. Ich sah auch immer schon wie ein Lehrer aus. Von meiner Art her müsse mir das liegen, bekam ich zu hören. Noch zwanzig Jahre, nachdem es gelaufen war, musste ich einigen Leuten erklären, dass es in Baden-Württemberg ein Höchsteintrittsalter für Referendare gibt. In etwa lag das bei Mitte 30 und wurde irgendwann mal kassiert, weil sie auf Nachwuchsmangel zuliefen.

 

Probleme mit ihrem Beruf haben die Lehrer fast alle. Geht nicht anders. Wurde schlimmer und dann noch schlimmer. Ich las ein Sachbuch über soziale Brennpunkte in Berlin. Da wird behauptet, es vergehe keine Unterrichtseinheit, ohne dass Stühle umgeschmissen werden. Nicht einen einzigen Satz mit mehr als sieben Wörtern könne der Lehrer ohne Unterbrechung zu Ende sprechen. Horrende Therapie- und Suizidzahlen. Ich schloss daraus, vergleichsweise ist es mir gut ergangen, seit ich geflüchtet bin, um mich selbst zu retten.

 

Auch war es niemals Zielvorstellung der klassischen Griechen, dass wir alle einen festen Arbeitsplatz und Wochenjob zu haben hätten, um auch essen zu dürfen. Die klassischen Griechen konnten sich auch noch anderes vorstellen, zu dem die begrenzte Zeit unseres hiesigen Daseins so eben reichen würde.

 

Gibt’s heute noch Lehrerzimmer, abgeteilte wenigstens, Teil-Räumlichkeiten, in welchen geraucht werden darf? Es handelt sich um Beamte in staatlich finanzierten Institutionen, welche der geistigen Heranbildung unserer Zukunft dienen.

 

Christiane F. - Wir Frauen vom Lehrerklo.

 

„Das Parlament ist mal leerer, mal voller, aber immer voller Lehrer.“ Diesen Spruch gibt es schon seit Ewigkeiten. Und vielleicht hat er für die Landtage im Kaiserreich zugetroffen. Heute müsste man sagen: „Vor dem Parlament stehen mal Jurten, mal Touristen, innen drin sitzen immer die Juristen.“ Ich hörte den Spruch fast allwöchentlich, als ich, Ende der achtziger Jahre, nach dem Abbruch meines Referendariats, mir die öffentliche Sauna vom Städtischen Hallenbad noch leisten konnte. „Die Sauna ist mal leerer, mal voller, aber immer voller Lehrer.“ Im Adamskostüm sah man den Herren nicht an, was sie im Leben darstellten, aber die Regelmäßigen kannten einander schon ganz gut. Ich war oft am späten Nachmittag dort. Nachmittag ist ja genau der Tagesteil, mit dem die Lehrer ihren Kontrast fahren gegen das viele Lesen und Denken und Disputieren mit Gescheiten und Doofen. Dann arbeiten sie im Garten oder fahren zum Tennisplatz. Abends dann vielleicht wieder ein bisschen Grünenpartei, Zuverdienst durch VHS-Kurse oder Engagement für den Arbeitskreis Heimatgeschichte.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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