Helmut Wurm

Das schreckliche Behandlungsszenario des Privatpatienten X

Das schreckliche Behandlungs-Kettenszenario des bedauernswerten Privatpatienten X, der nicht nach den Standard-Normen auf Medikamente reagierte

Der Privatpatient X hatte an einem Auge ein Druckgefühl aufgrund leicht erhöhter Innen-druckwerte und ging deshalb zu einem Augenarzt. Der untersuchte den Privatpatienten sehr gründlich, nahm alle ihm möglichen Messungen vor (ein Privatpatient bringt mehr Geld als ein Kassenpatient) und empfahl dann morgens und abends Augentropfen, die in der Umgebung des Auges die Poren der Zellen öffnen, wodurch das überschüssige Augen-Innenwasser in die Umgebung des Auges absickern kann.

Aber er hatte nicht berücksichtigt, und das konnte er zu Anfang der Behandlung auch noch nicht, dass Medikamente keine feste Postadresse für Ihren Wirkungsort haben, dass der Privatpatient X sehr aktive Botenstoffe hatte und diese den Befehl zur Porenöffnung im ganzen Körper verteilten.

Bei dem Patienten senkte sich dadurch nicht nur der Augeninnendruck, es öffneten sich auch die Poren der Magenwände und produzierten erheblich mehr Salzsäure als nötig (er bekam Sodbrennen und ausgeprägten Reflux), es öffneten sich auch die Poren der Beinvenen und Lymphe sickerte in das umliegende Gewebe (die Beine schwollen dadurch an) und die Gehirndurchblutung wurde erhöht (der Patient konnte nicht mehr erholsam schlafen).

Der Augenarzt hielt einen Zusammenhang mit den Augentropfen für unsinnig und empfahl dem Patienten, sich von einem Gefäßspezialisten auf Verschluss-Stellen in den Beinen untersuchen zu lassen, sich einer Magenspiegelung zu unterziehen und ein Kopf-MRT vornehmen zu lassen.

Der Gefäßspezialist legte eine umfangreiche Patientenakte an, untersuchte alle Arterien und Venen des Patienten, fand aber keine Verschlüsse, denn der Patient X war Nichtraucher und aß nur begrenzte tierische Eiweißmengen. Der Internist schickte den Patienten deshalb zu einem Dermatologen, der wieder eine ausführliche Patientenakte anlegte, einen mehrfachen umfangreichen Allergietest vornahm und schließlich, weil er nichts Konkretes finden konnte, eine Cortison-Salbe und De-Sensibilisierungstabletten verschrieb.

Die Magenspiegel (voraus gingen in einer Krankenhausabteilung für Innere Krankheiten wieder das Anlegen einer umfangreichen Patientenakte, eine Ultraschalluntersuchung aller Organe im Brust- und Bauchbereich) ergab eine chronische Magenschleimhautentzündung mit Befall durch Helicobacter-Bakterien. Der Internist verordnete einen kräftigen Antibiotika-Stoß zur Vernichtung des Helicobacter-Befalls und Tabletten, die die Magensäure-Produktion reduzieren.

In einer radiologischen Klinik wurde (nachdem wieder eine umfangreiche Patientenakte angelegt worden war) an dem Patienten eine Ganzkörper-MRT und dann etwas später eine Kopf-MRT vorgenommen, es wurde nichts gefunden und man verordnete ihm allgemeine Sedierungstabletten, damit er besser schliefe.

Der bedauernswerte Privatpatient X, der nur für die Anlage der Patientenakten und die Voruntersuchungen jedes Mal gesondert anreisen musste, nahm mittlerweile folgende Medikamente: Augentropfen gegen Glaukom, Cortison-Salbe, De-Sensibilisierungstabletten, Antibiotika gegen Helicobacter, Pantoprazol zur Reduzierung der Magensäure und 2mal täglich eine Sedierungstablette zum besser Schlafen.

Der Privatpatient X fühlte sich bald immer müder und schlapper. Er suchte deswegen einen Psychotherapeuten auf. Der entdeckte im Rahmen der Erstellung der Patientenakte und der verschiedenen psychisch-psychiatrischen Voruntersuchungen, dass Herr X an Depression zu leiden begann ( für wen ist das ein Wunder?). Er verordnete ihm deshalb im Endgespräch ein Antidepressivum, dessen Wirkung zwar langsam begänne, das aber langfristig wirken würde. Das Medikament hätte anfangs einige Nebenwirkungen wie Muskelschwäche, Schwindel und Benommenheit, das würde aber bald schwinden.

Nach all diesen Arztbesuchen und Medikamenten fiel dem Privatpatient auf, dass er öfteren Harndrang hatte und nachts öfter auf die Toilette musste. Er ging deswegen zu seinem Hausarzt, der den PSA-Wert bestimmte und feststellte, dass dieser erhöht war. Der Hausarzt schickte den Patienten deswegen zu einem Urologen. Dieser riet, nach der üblichen Erstellung der Patientenakte, eine Multiparameter-MRT zu machen. In der nächsten Stadt gäbe es ein Krankenhaus mit einer sehr modernen urologischen Klinik.

Nach einem Vorgespräch in dieser Klinik und einer ausführlichen Erstellung der Patientenakte verwies diese Urologie den Privatpatienten an die radiologische Abteilung des Krankenhauses, denn man mache selbst keine MRT-Aufnahmen. Dort in der Radiologie machte man nach der üblichen umfangreichen Erstellung einer Patientenakte und einem längeren Vorgespräch die Multiparameter-MRT und fand, dass an einer Stelle der Prostata ein unklares Phänomen vorhanden wäre. Die urologische Abteilung schlug anschließend vor, diese Unklarheit durch eine sehr moderne, ausführliche Biopsie zu klären. Weil aber bei dem Privatpatient X eine völlig neue Form der Biopsie unter Narkose vorgenommen werden solle, müsse er sich vorher in der Narkoseabteilung vorstellen. Dort bestand man auf der Erstellung einer speziellen, sehr ausführlichen Patientenakte und einem Vorgespräch.

Nach dem Ergebnis dieser Biopsie wurde dem Privatpatient in der Urologie mitgeteilt, dass das Prostata-Phänomen doch etwas gravierender sei, als anfangs angenommen und man entweder bestrahlen oder besser die Prostata wegoperieren solle. Auf jeden Fall solle sich der Privatpatient X vorher einer Hormon-Therapie in Tablettenform unterziehen, wodurch das Wachstum der eventuellen Krebskörper verlangsamt oder sogar gehemmt würde. Als Nebenwirkung dieser Hormontabletten seien aber häufige depressive Verstimmungen und Brüstewachstum beim Mann beobachtet worden.

Was die Entstehung der Karzinome in der Prostata betreffe, so äußerte der Urologie die Vermutung, dass daran die Tropfen gegen Glaukom schuld sein könnten. Diese Tropfen und die Überreaktions-Neigung beim Privatpatienten X hätten auch in der Prostata die Poren erweitert und so den Krebszellen erleichtert, Nahrung aus dem umliegenden Gewebe anzusaugen. Er solle jetzt aber die Augentropfen trotzdem weiter nehmen, das Unglück wäre ja schon passiert.

Abschließend, so fügte der Chefarzt der Urologie feinfühlig hinzu, habe der Privatpatient ohne Hormontherapie und OP mindestens noch eine Lebenserwartung von 3 Jahren, mit einer Hormontherapie und OP sogar von mindestens 5 Jahren und mehr.

Der Privatpatient ging daraufhin zum früheren Augenarzt und teilte ihm mit, was der Urologie vermutet hätte. Der Augenarzt nahm das ziemlich ruhig zur Kenntnis und antwortete, er habe eine so große Praxis, weil er der einzige Augenarzt weit und breit sei, dass er sich nicht auch noch um atypische Reaktionen auf Medikamente und um seltene Nebenwirkungen kümmern könne (das kann man bei den vielen Mängeln unseres Gesundheitssystems gut verstehen). Er empfahl abschließend einen entspannenden Urlaub weiter weg.

Der bedauernswerte Privatpatient, der die letzten Monate in Sprechstunden, Arztpraxen und mit Untersuchungen verbracht hatte, der alle Stunde ein anderes Medikament nahm (denn er sollte die Medikamente getrennt voneinander einnehmen) und dessen Frau die Nachmittage weitgehend mit dem Einreichen der fast täglich ankommenden kleineren und größeren Arztrechnungen und dem Kauf der Medikamente verbracht hatte, beschlossen, sich endlich einen entspannenden Urlaub zu gönnen, vorher aber ihre privaten Angelegenheiten (Willens-Erklärungen, Testament, Patientenerklärung usw.) zu ordnen. Sie verbrachten einige Tage damit, diese verschiedenen Schriftstücke handschriftlich aufzusetzen und durch einen Notar bestätigen zu lassen. Nachdem dieser einige tausend Euro Honorar dafür berechnet hatte, fuhren sie etwas erleichtert nach Italien ans Mittelmeer.

Beim Packen hatte aber der Privatpatient, der vor lauter Medikamentenwirkungen und Nebenwirkungen schon nicht mehr ganz klar denken und planen konnte, die große Schachtel mit den vielen Medikamenten zu Hause auf dem Tisch stehen lassen. Als sie das abends im Hotel beim Auspacken merkten, beschlossen sie resigniert, wenigstens die Urlaubstage ohne alle diese Medikamente zu verbringen. Aber bereits am nächsten Tag stellten sie fest, dass es dem Privatpatient besser ging und jeden Tag ohne Medikamente ständig besser. Daraufhin verlängerten sie den Urlaub und nach 6 Wochen waren alle diese Medikamentenwirkungen und Nebenwirkungen wie ein Albtraum vorbei und der Privatpatient fühlte sich so gesund wie früher.

Daraufhin teilten sie anschließend von zu Hause aus allen früheren behandelnden Ärzten mit, dass sie nicht mehr kämen und aus der privaten Krankenversorgung ausgetreten wären. Darauf kamen keinerlei Antworten von Seiten der Ärzte. Und wenn sie bei Spaziergängen oder beim Einkaufen an Krankenhäusern oder Arztpraxen vorbei kamen, machten sie einen großen Bogen darum herum. Und wenn sie wegen Kleinigkeiten einmal zum Arzt mussten, verschwiegen sie, dass sie Privatpatienten wären und sagten, sie seien arme Selbstzahler.

Jetzt muss abschließend noch etwas nachgetragen werden: Diese ganze unglückliche Entwicklung für einen atypisch reagierenden Privatpatienten spielte sich nicht erst kürzlich ab, sondern es ist schon länger her, so ca. 10 Jahre. Und der Privatpatient X hat mittlerweile in Italien ein Ferienhäuschen gekauft und verbringt dort regelmäßig schöne Urlaube.

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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