Heinrich Baumgarten

Spiegelküsse

Schon wieder. Die Spiegel auf der Mädchen-Toilette mit Lippenstift-Küssen verschmiert.
Sehr schlecht zu entfernen, einfach lästig.
Hausmeister Drews kannte sich mit allen Moden und Macken der jungen
Leute aus - immerhin war er seit 20 Jahren im Dienst, hatte Flummis,
Tamagotchis, Slime & Co. kommen und gehen sehen.
Immer etwas Neues, für immer kürzere Zeit. Jetzt herrschten Smartphones
im Schulalltag, und alles, was damit anzustellen war, veränderte Leben und
Wirken in der Schule.
Das Neueste waren wohl Lippenstift-Kußmund-Selfies für die sozialen
Netzwerke. Facebook, Whatsapp, Instagram bestimmten und förderten,
was gerade „in“ war. Auf Dating-Seiten waren nicht nur erwachsene, sondern
auch Girlie-Singles unterwegs. Das Kuß-Emoy reichte momentan nicht mehr
aus; daher wurde ein Spiegel-Selfie mit integriertem Lippenstift-Küßchen auf
der reflektierenden Fläche geappt. Ein „Must“, sozusagen. Drews’ Must war
 die Entfernung der mündlichen Spuren. Auch die Putzfrauen klagten
immer wieder, daß sie mit ihrer normalen Reinigungslösung mit diesen
Flecken nicht fertig wurden und extra mit einem Glasreiniger der
aggressiveren Sorte nacharbeiten mußten.
Stets war Drews der Adressat der Beschwerden, und er wiederum versuchte,
bei der Schulleitung Hilfe einzuholen. DienRektorin hatte zwar in einem
Rundbrief, der in alle Klassen ging, die Schülerinnen gebeten, die
Lippenstift-Streiche zu unterlassen. Vergeblich. Was in ist, muß rausgelassen
werden, und die Erwachsenen sind sowieso immer Spielverderber.
Die Halbjahreszeugnisse drohten, und Drews hoffte, daß nach den paar
Ferientagen die Mädels so gesättigt sein würden vom Whatsappen,
Facebooken und Twittern, daß die Welle verebbt wäre.
Weit gefehlt. Dieselben Mundgraffitti fanden sich auf den Toilettenspiegeln.
Same procedure as before. Nun denn - guter Rat mußte her. Zeitnah, wie es
so schön auf neusprech heißt.
Plötzlich kam Drews  d i e  Idee. Ja, das müßte hinhauen. Ganz bestimmt!
In einer großen Pause näherte er sich der Traube von Mädchen, die ständig
 zusammenstanden.
„Moin, Mädels! Ihr habt doch sicher auch erfahren, welche Probleme es auf
euren Klos im Moment gibt, nich? Ich meine, mit den Lippenstiftspuren.“
„Hmm“, antwortete Susan, unangefochtene Gruppenerste. „“Was ist damit?“
„Ich dachte mir, ich führe euch einmal vor, wie schwer diese Flecke zu
entfernen sind. Vielleicht spricht sich das dann ja weiter. Natürlich glaub ich,
ihr habt nichts damit zu tun.“
„Klar“ sagte Susan, und die anderen nickten dazu.
„Dann kommt doch einfach mal mit. Dauert auch nicht lange.“
Im Gänsemarsch begab man sich in den Sanitärbereich. An vieren der acht
dortigen Spiegel fanden sich die Lippenspuren.
„Jetzt paßt mal auf“, sagte Drews und zof ein Papiertaschentuch aus seiner
Kitteltasche.
„Ich versuche jetzt mal, das hier abzuwischen.“ Er rubbelte über die rote
Stelle an einem der Spiegel. „Hier, alles verschmiert auf der Spiegelfläche.
und hier auf dem Tuch auch. Bringt also nix. Klappt auch mit Klopapier nicht oder
feuchtem Wischtuch. Da muß was Stärkeres ran. Und so mache ich das
schon seit einiger Zeit.“
Er betrat eine der Kabinen und kam heraus, in der Hand die dort stationierte
Klobürste.
Die nahm er und begann, von oben nach unten in weiten Schwüngen den
Spiegel abzuwischen. „Das ist das einzige Werkzeug, das richtig wirkt!“
Anschließend trocknete er mit dem bereits benutzten Papiertaschentuch und
einigen zusammengeknüllten Blättern von der Klorolle den Spiegel, bis er
blank war und auch keinen der bräunlichen Flecken mehr zeigte.
„Das war’s eigentlich schon, was ich euch demonstrieren wollte.“
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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