Klaus Mattes

St. Bernhard formuliert eine Andeutung (Die Ursache)

 


Nach vielen Jahren, beim Wiederlesen des ersten von den fünf autobiografischen Romanen aus den siebziger Jahren, wundert man sich übers eigene Gedächtnis. Die Erinnerung hatte aus diesem Buch ein völlig anderes werden lassen.

Behandelt werden Thomas Bernhards Lebensjahre zwischen zwölf und fünfzehn. Damals lebte die Familie in Traunstein, Oberbayern. Um das Salzburger Gymnasium besuchen zu können, hatte man den Jungen in einem kirchlichen Internat untergebracht. Die Handlung spielt zum größten Teil noch im Krieg, dann auch im Österreich der unmittelbaren Nachkriegszeit. Bernhard gliedert das in zwei große Abschnitte, die er nach den Rektoren des Internats „Grünkranz“ und „Onkel Franz“ betitelt. Ersterer ein Nazi durch und durch, der den Schüler Bernhard und dessen Aufsässigkeit nicht ertragen kann und ihn prügeln lässt. Letzterer dann auch nur dessen erzkatholische Doublette, gleichermaßen von autoritärem Ungeist erfüllt.

Das eben, glaubt man sich zu erinnern, sei das Thema dieses autobiografisch inspirierten Romans gewesen: die von Bernhard in späteren Jahren und Texten oft wiederholte Behauptung, Nazismus, Antisemitismus und Katholizismus seien in Österreich, insbesondere Salzburg, eine unauflösliche Vermählung eingegangen, die bis in die Gegenwart hinein (bis in die achtziger Jahre) die Gesellschaft vergifte. Äußerlich sei das Alpenland reizvoll, mental aber so gut wie unbewohnbar.

Bernhards hemdsärmelig hingeworfenes Memoirenbuch geriet zum Skandalerfolg. Der ehemalige katholische Internatsleiter lebte seinerzeit noch und setzte per Gerichtsbeschluss die Änderung des Namens einer Figur durch.

In Wahrheit, so findet man beim Wiederlesen heraus, wird über Charakter und Benehmen vom „Onkel Franz“, obwohl das halbe Buch nach ihm heißt, in „Die Ursache“ fast nichts berichtet. Und das Wenige ist sehr vage gehalten. Vom Grünkranz zum Franz sei kaum ein Unterschied gewesen, Unterdrücker alle beide. Damit hat es sich. Über Thomas Bernhards sonstige Lehrer und Mitschüler aus dieser Zeit erfahren wir erst recht nichts.

Anders wird das nur am Ende des Buchs, wenn - vergleichbar der stiisierten Freundschafts-Dreifaltigkeit im späteren „Untergeher“ - im Geiste, also erst aus der Rückschau des Schreibenden heraus, drei Figuren zu einem Bund vereinigt werden, der im tatsächlichen Leben niemals bestanden hatte. Eine Gemeinschaft der Außenseiter, der Ausgesonderten, in die sich der Autor gerne hinein schreibt. Da ist ein im Rollstuhl sitzender Junge, vom Erzähler als „Krüppel“ eingeführt; um ihn aufzuheitern, unterhält der jugendliche Thomas sich mit ihm, wenn er nach der letzten Stunde im Treppenhaus des Schulgebäudes auf seine Mutter wartet, die ihn die Stiegen hinabtragen wird. Für den Text wird dann noch ein nicht für voll genommener Lehrer für Erdkunde, fachlich brillant, aber wegen seiner auffälligen Hässlichkeit zum Gespött der Schule geworden, den zwei Schülern zugesellt.

Selbst für Bernhard’sche Verhältnisse ist „Die Ursache“ ein erschreckend waghalsig und nachlässig zusammengestückeltes Textkonglomerat. Ein Nebenwerk, das sich in nicht erhellenden Anekdoten verliert. Jede sich andeutende Geschichte packen und rücksichtslos zerstören, das, worauf Bernhard sich so viel zu Gute gehalten hat, so kann man es auch machen.

Lange steht hier der Vorkriegs-Schriftsteller Johannes Freumbichler im Mittelpunkt, Thomas Bernhards Großvater mütterlicherseits. Seine Unnachgiebigkeit wird gepriesen und seitenlang von Freumbichlers Jugend erzählt, also aus einer Zeit, die viele Jahre vor der Geburt des sich hier angeblich Erinnernden lag. Es stimmt einfach nicht und wir haben das falsch im Kopf gehabt: dass Bernhard in diesem Buch seine eigene Seelenlage als Jugendlicher beschreiben oder mit den Nazis von Salzburg abrechnen würde.

Nicht entgehen lässt dieser Schreiber mit seinem ewigen Interesse am Tod sich einige grausame Szenen aus dem Bombenkrieg, den es in der wunderschönen Salzach-Stadt nämlich auch gegeben hat, wenn auch vergleichsweise wenige und glimpfliche. Einmal findet der junge Thomas im Trümmerschutt eine Puppenhand, welche sich dann als Körperteil eines toten Kindes herausstellt. Wer den Erzähler Bernhard kennt und ein wenig abgebrüht ist mit dessen Vorliebe für auf die Spitze getriebene „Beobachtungen“, wird rundweg abstreiten, dass das so je wirklich passiert ist. Doch wer könnte es ihm beweisen? Dieses ist ja sowieso ein ewiger Vorteil auf Bernhards Seite in seinen „Erinnerungen“. Wer konnte ihm je laxen Umgang mit der Wahrheit vorwerfen, wenn die Gegenüber, von denen er schrieb, dann immer schon tot waren, wenn die Bücher erschienen: der Großvater, die Mutter, Wittgensteins Neffe, Glenn Gould, die Perserin, der eigene Erzeuger, Tante Hede, sein Lebensmensch.

Wie eigentlich von jedem anderen Bernhard-Text (na ja, ausdrücklich ausgenommen seine beiden schlechtesten Bücher: „Der deutsche Mittagstisch“ und „Immanuel Kant“) geht auch von „Die Ursache“ ein mit der Zeit sich immer weiter steigernder sprachlicher Sog aus. Dieser Katarakt aus Worten schlägt einen mit seiner Motorik und Melodik in Bann. Leider wissen wir am Ende immer noch nicht, wieso dieses Buch je angefangen wurde, worauf es abzielen, was es transportieren, wovon es handeln wollte.

 

Wie jede Diktatur ist auch die nationalsozialistische über den Massensport mächtig und beinahe weltbeherrschend geworden. In allen Staaten sind zu allen Zeiten die Massen durch den Sport gegängelt worden, so klein und so unbedeutend kann kein Staat sein, daß er nicht alles für den Sport opfert. Aber wie grotesk ist es doch gewesen, an Hunderten von Schwerkriegsverletzten, zum Großteil beinahe gänzlich Verstümmelten, die auf dem Hauptbahnhof buchstäblich wie eine lästige, mangelhaft eingepackte Ware umgeladen worden sind, vorbei, auf den Gnigler Sportplatz zu gehen, um dort um Siegernadeln zu laufen.


Die Ursache - Eine Andeutung, 1975, 122 Seiten, diverse Ausgaben, zum Beispiel dtv-Taschenbuch, 10 €, DAV-Hörbuch im mp3-Download (gelesen von Ulrich Matthes), 14 €

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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