Klaus Mattes

St. Bernhard zeigt seine Preise


Bezeichnend für den Thomas Bernhard der späteren Jahre, dass er, nachdem er sich in den siebziger Jahren mit den autobiografischen Romanen als literarischer Einzelgänger eingeführt hatte, zu Beginn der achtziger Jahre auf die Idee verfiel, eine Sammlung von kleinen Geschichten um die ihm einst zuerkannten Literaturpreise könnte ein relevantes und ersprießliches Wortkunstwerk werden. Aufgegangen ist dieses Projekt dann nicht, aber von den anfangs geplanten vierzehn bis fünfzehn Preisverleihungen haben es immerhin neun in „Meine Preise“ geschafft.

Geehrt worden, beharrt Bernhard sei er mit keiner dieser Auszeichnungen! Immerhin der gemeinhin als Deutschlands vornehmster Literaturpreis behandelte Büchnerpreis dabei, den er 1970 bekommen hat, sechs Jahre nach Ingeborg Bachmann, zwei Jahre vor Elias Canetti, drei Jahre vor Peter Handke. Bei Literaturpreisen, schreibt Bernhard, gehe es immer darum, dass Kleingeister und kulturlose Ministeriums-Apparatschiks sich selber wichtig tun, indem sie Künstler vorführen und somit kompromittieren.

Warum er seine Preise dann überhaupt angenommen hat, wenn er sie doch nie respektiert hatte und ab Mitte der siebziger Jahre verbreiten ließ, jeden weiteren Preis werde er zurückweisen, das will er mit den hier vorgelegten Anekdoten illustrieren. Übrigens darf gesagt werden, dass er sich Hoffnungen auf den Literatur-Nobelpreis schon noch machte. Fürs Jahr 1972 ist das belegt im Buch „Mein Jahr mit Thomas Bernhard“ von Karl Ignaz Hennetmair und die entsprechenden Hoffnungen starben wohl erst 1981 mit dem Nobelpreis für Elias Canetti, der als Österreicher galt, was für die absehbar bemessene Lebenszeit Bernhards einen weiteren Österreich-Nobelpreis so gut wie ausschloss. Und noch mal ein Übrigens: Den Feltrinelli-Preis 1987 hat er tatsächlich verweigert, was in diesem Buch aber ebenso wenig behandelt wird wie der Nobelpreis.

Exemplarisch spielen die Elemente Bernhard'scher Außenseiter-Stilisierung in der Geschichte um den Österreichischen Staatspreis 1967 zusammen. Dabei habe es sich mitnichten um den Großen Staatspreis gehandelt, den man für sein Lebenswerk erhalte, sondern nur der Kleine Staatspreis sei gemeint, den sozusagen alle zweiundzwanzigjährigen, modern gekleideten Wiener Hörspielautoren vor ihm schon mal mitgenommen hätten. (Na ja: Gerhard Fritsch, Hans Lebert, Marlen Haushofer, Christine Busta, Christine Lavant, Milo Dor, Humbert Fink, Herbert Eisenreich, Rudolf Bayr, Ilse Aichinger.) Damals sei er schon Mitte bis Ende dreißig gewesen, der internationale „Frost“-Erfolg habe hinter ihm gelegen. Jetzt so ein Zwergerlpreis mit einer Feier, zu welcher ihm der Unterrichtsminister ein auf einer Südseeinsel spielendes Buch angedichtet und ihn als im Ausland geborenen Nicht-Österreicher vorgestellt hätte. Für das Kind einer unverheirateten Haushaltshilfe und mit der Vaterangabe „unbekannt“ hatten Bernhards Großeltern dafür gesorgt, dass die Entbindung 1931 in einem Krankenhaus im äußersten Süden der Niederlande stattgefunden hatte. (Der Dichter in seiner Freiheit hatte seinerseits später seine Nähe zum Wasser darauf zurückgeführt, dass er in den ersten Tagen auf einer Gracht im Hausboot geschaukelt hätte. Grachten, wie sie damals noch neu waren in der Aachen-Maastrichter Gegend.)

Man mag sich fragen, wie er überhaupt in die Auswahl hinein gekommen war, wenn die Anwärter für diese Auszeichnung sich selbst zu bewerben hatten. Ach, der Halbbruder Peter Fabjan hätte das, ohne seine Kenntnis, am letzten Tag der Einreichefrist, persönlich an der Pforte des Wiener Ministeriums besorgt. Zu verhindern wäre sein Aspirantentum nicht mehr gewesen. Da er ja sowieso ein gemeiner Mensch wäre, hätte er den Preis, entgegen dem Ratschlag wohlmeinender Leute, die das Ding unter seiner Würde fanden, nicht zurückgewiesen, das Geld wäre gerade recht gekommen. (Na ja, er steckte mitten in den Wiederherstellungsarbeiten an seinem oberösterreichischen Vierkanthof.)

Derartiges Geraunze ist keine Literatur und wird auch nie mehr zu einer werden. Eher ist es eine Art von Kabarett-Theater und da sind die Österreicher bekanntlich nicht untalentiert, wie die Namen Johann Nestroy, Helmut Qualtinger, Georg Kreisler, Josef Hader und auch durchaus Elias Canetti anzeigen. Einen hübschen Spaß auf deren Niveau vermittelt „Meine Preise“ schon. Dazu gehört hinfort auch die Mär vom ganz kurz vor der Preisverleihung gekauften Anzug, in dem ihn niemand mehr erkannt hätte, als er sich, gekränkt, in die zehnte Reihe unter die Zuschauer gesetzt hatte. Als dann die Subalternen ihn nach vorn auf seinen Ehrenplatz gebeten hätten, habe er sie barsch beschieden, da müsse schon der Chef persönlich kommen und ihn bitten.

Diese Episode hat man ähnlich schon mal gelesen. Damit befinden wir uns 1971 in Wien bei der Übergabe des Grillparzer-Preises der Akademie für Wissenschaften für das Theaterstück „Ein Fest für Boris“. Sie war Gegenstand auch in „Wittgensteins Neffe“. Dort aber war Bernhards Begleiter noch der „Lebenskünstler-Philosoph“ Paul Wittgenstein gewesen, da er den Aufhänger fürs Buch hatte abgeben und sich posthum zum allerbesten Freund und Vorbild Bernhards ernennen lassen müssen. In Wirklichkeit, so bezeugen es andere Quellen, soll Bernhard, wenn Wittgenstein das Kaffeehaus betrat, sich weggeduckt und geknurrt haben: „Der schreckliche Mensch schon wieder.“ Hier in „Meine Preise“ ist es nun Bernhards langjährige Vertraute Hedwig Stavianicek, geborene Hofbauer, die ihm Zuspruch und Stärke verleiht, dem öffentlichen Kasperltheater seine spöttische Stirn zu bieten. Er schreibt, sie war 81, obwohl sie beim Grillparzer-Preis erst 77 war, es sich bei der Preisverleihung also um die der Bundeswirtschaftskammer 1976 für „Der Keller“ gehandelt haben muss.

Alles hier scheint hastig und unkonzentriert in die alte Walzenmaschine gehackt worden zu sein. Bernhards eruptiver Arbeitsstil ist legendär. Lange tat er nicht viel, genoss vielmehr sein Leben, dann verstand er es, sich unter massiven Zeitdruck zu setzen und haute in langen, isolierten Arbeitstagen sprachlich brillante Texte wie ein Berserker heraus. In diesem Fall, es ist ja zu Lebzeiten nie herausgekommen, wurde leider nicht nachgearbeitet. Deswegen sind zu viele Ungereimtheiten und Belanglosigkeiten im Buch.

Was ich zum Beispiel für belanglos halte: dass der Franz-Theodor-Csokor-Preis (1972 an Bernhard) nicht nur nach einem Mann benannt ist, mit dem sich Bernhards eigener Schriftsteller-Großvater Johannes Freumbichler bisweilen am Wallersee getroffen hat, nämlich in einem Gasthaus, das um die Ecken herum zur Bernhard-Sippe zählender Verwandtschaft gehört habe, dass dort manchmal der veritable Ödön von Horváth auch vorbeigeschaut habe, man stelle sich vor, die Triumvirn Freumbichler, Csokor und Horváth. Und hierzu als Vierter eben der Thomas Bernhard, welcher noch Kind war. Doch lange nicht genug! Als er erwachsen geworden war, wäre Bernhard diesem Herrn Csokor wieder begegnet und dieses Mal sei als dritter Mann der George Saiko mit im Boot gewesen, von dem das Buch „Der Mann im Schilf“ (ein Hit 1956) stammt. Doch nicht genug, am folgenden Tag wäre Bernhard stracks nach Venedig abgereist und wer wäre ihm als erster Landsmann bei der Lagune über den Weg gelaufen, wenn nicht Franz Theodor Csokor, unter dessen Namen das österreichische PEN-Zentrum ihm Jahre später seinen Literaturpreis verleihen würde. Aber besser noch: Sie hätten, da sie sich so gut verstanden, ihre Unterhaltung genau an der Stelle fortgesetzt, an der sie sie anderthalb Tage zuvor beendet hatten. Dann hätte Csokor gesagt, als Nächstes ginge es nach Ancona und ob Bernhard nicht mitkommen wollte. Da nun hätten die Wege sich getrennt.

Thomas Bernhard muss gemerkt haben, dass er mit dem kleinen Opus in die Irre ging. Er stoppte es. Im Jahr 2010, als der siebzigste Geburtstag heranrückte, reichte Suhrkamp es schließlich nach. Mit Thomas Bernhard ist es ähnlich wie mit den Beatles. Man könnte jedes zweite Jahr noch eine Platte bis Platin verkaufen, wenn irgendwas im Schrank noch wäre.

Zurück zum Kleinen Staatspreis von 1967. Damit ist der erste aller Bernhard-Literatur-Skandale verbunden und letztlich hat dieser Skandal seinem Fortkommen mehr genützt als das Geld oder die Ehre, die der Preis brachten. Bernhard erzählt es so: Während seiner Dankesrede sei der Ignorantenminister aufgesprungen, hätte die Worte „Und dennoch sind wir weiter stolze Österreicher“ gebellt, wäre aus dem Saal gestürzt und hätte eine Glastüre „mit lautem Knall“ zugeworfen. Knall oder Klirren, darf man fragen. Wie auch immer, wenige Sätze später war es nämlich „das Fenster“, das der Autor hat splittern hören, also Glas, kein Knall. All die Schranzen und Speichellecker springen auf und rennen dem Herrn hinterher, einsam bleibt Bernhard am Pult stehen. Jetzt sieht er sich um und erkennt, dass das Glas der Türe (des Fensters?) nicht kaputt gegangen ist. So hatte es sich nur angehört, aber tatsächlich gesplittert war es nicht, das Holz der Glastüre.

Der Text jener Rede kann heute noch nachgelesen werden. Er ist relativ kurz, ziemlich wirr und teilweise geradezu unverständlich. Politisch oder gar parteipolitisch ist er auf gar keinen Fall, eher existentiell, in etwa besagend, was sind wir alle doch für Wurschtel (österreichisch für Kasper, nicht Würste), wenn man des Todes gedenkt, der uns blüht. Bernhard gibt an, er hätte sich die längste Zeit auf diesen Anlass nicht vorbereitet gehabt und am Morgen schnell noch was „zusammen geschmiert“. Wie gesagt, macht der Text einen wirren Eindruck, ist aber sicher nicht schnell zusammen geschmiert worden. Der Kultusminister tat dem Schriftsteller unfreiwillig den Gefallen, ihn als Schmäher der Republik Österreich, deren Regierung und Bewohner misszuverstehen. Aus diesem, seitens der Regierung erstmalig geäußerten Verdacht, Thomas Bernhard stehe in radikaler Opposition zu einer Gesellschaft, die ihn hervorgebracht und ausgezeichnet habe, sollte Bernhard Jahre später noch gutes Kapital schlagen.

Hier zur Unterhaltung was viel seltener Zitiertes, den Bremer Literaturpreis betreffend (1965, der zweite größere Preis, den Bernhard erhielt, für den Roman „Frost“), anzeigend, was man unter Bernhard'scher Sprachclownerie zu verstehen hat.

 

Zu meiner größten Verblüffung zog plötzlich einer der Herren, ich weiß wieder nicht, welcher, aus dem Bücherhaufen auf dem Tisch, wie mir schien wahllos, ein Buch von Hildesheimer heraus und sagte in umwerfend naivem Tone und geradezu schon im Aufstehen zum Mittagessen: Nehmen wir doch Hildesheimer, nehmen wir doch Hildesheimer und Hildesheimer war gerade jener Name, der während der ganzen stundenlangen Debatten überhaupt nicht gefallen war. Nun war plötzlich der Name Hildesheimer gefallen und alle rückten auf ihren Sesseln und waren erleichtert und stimmten in den Namen Hildesheimer ein und binnen ein paar Minuten war Hildesheimer zum neuen Bremer Preisträger bestimmt. Wer wirklich Hildesheimer war, wußten sie wahrscheinlich alle nicht."


Meine Preise, 142 Seiten, ehemals gebunden, inzwischen Suhrkamp Taschenbuch (2018), 8 €, Hörbuch - gelesen von Claus Peymann - als 3 CD 20 €, als mp3-Download 14 €

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