Marcel Hartlage

Blind Date (Kapitel 7)

Beim Abendessen herrschte drückende Stille. Obwohl ich nicht dabei gewesen war, konnte ich erahnen, dass meine Eltern sich erneut gestritten hatten. Sie mieden die meiste Zeit Blickkontakt und sprachen auch sonst kaum miteinander, und irgendetwas sagte mir, dass das diesmal nichts mit mir zu tun hatte. Ich musste daran denken, wie besorgt meine Mutter heute Morgen wegen unseres Familiengrabes gewesen war, so als wäre in Stein gemeißelt, dass meine verstorbenen Großeltern das nächste große Los gezogen hätten. Was auch immer sie meinem Vater als Präventivmaßnahme vorgeschlagen hatte, er hatte sie nicht ernst genommen. Wenn Übervorsicht auf Dickköpfigkeit traf.

Um sie ein wenig aufzuheitern, bot ich mich für den Abwasch an. Ich war noch keine fünf Minuten dabei, als mein Handy in der Jeanstasche vibrierte, und ich es ungelenk aus der Tasche nestelte.

Sie war es.

Adrenalin durchfuhr mich. Ich ließ den Abwasch stehen und liegen und eilte zur Terrassentür, wobei ich den Anruf mit zitternder Hand entgegennahm. »Leila?«

»Steven.« Sie klang verunsichert.

»Hey …« Ich schloss die Tür hinter mir und stellte mich ans Terrassengeländer, überblickte den Hof, über den sich allmählich die goldene Glasur der Abenddämmerung zog. Mit pochendem Herzen lauschte ich auf ihre Worte.

»Steven, ich … ach, verdammt –«

»Ganz ruhig. Ich freue mich, dass du anrufst.«

»Hast du Zeit? Für ein längeres Gespräch, meine ich?«

Ich blickte über die Schulter durchs Küchenfenster. Vorwurfsvoll blickte der Abwasch zurück.

»Kann ich dich in ein paar Minuten zurückrufen? Ich muss meiner Mutter gerade helfen. Ich glaube, ihr geht es im Moment nicht so gut.«

»Du hast mir gefehlt.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, die Schüchternheit darin etwas völlig Fremdes.

Ich lächelte. »Du mir auch.«

»Rufst du ganz sicher zurück?«

»Gib mir fünf Minuten.«

»Okay.« Ein Zögern. »Ich werde warten.«

»Bis gleich.«

Noch nie hatte ich Teller und Gläser so schnell geschrubbt wie an diesem Abend. Als ich fertig war, ging ich jedoch nicht auf mein Zimmer hinauf. Das hier hatte nichts mit unseren bisherigen Traditionen zu tun. Das hier ähnelte mehr einem Bruch als einer Wiederaufnahme, und da ich nicht wusste, ob wir hiernach überhaupt noch mal miteinander reden würden – eine Tatsache, die ich in Betracht ziehen musste –, beschied ich es für das Beste, dieses Telefonat nicht zum Teil unseres bisherigen Rituals hinzuzuzählen. Aus diesem Grund sagte ich meinen Eltern rasch Bescheid, dass ich noch einen Spaziergang machen würde, und dann stahl ich mich aus dem Haus und verschwand in den angrenzenden Mais.

Vogelgezwitscher begleitete meinen Marsch in die Reihen. Sobald unser Hof nicht mehr zu sehen war, holte ich mein Handy aus der Tasche und kontaktierte Leila. Sie nahm nach dem ersten Klingeln ab. Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte unsichere Stille, in der der eine auf die Worte des anderen wartete.

»Ich höre Vögel«, sagte sie dann überrascht.

»Ja.« Mit der freien Hand strich ich Maisblätter beiseite. »Ich wollte nicht im Haus bleiben. Das hätte sich irgendwie falsch angefühlt … falls das Sinn ergibt.«

»Ich sitze bei uns im Garten.«

»Oh. Okay.« Sie hatte also genauso gedacht wie ich.

»Steven, hör zu.« Das Rascheln am anderen Ende verriet, dass sie ihre Sitzposition veränderte. »Es tut mir leid, wie ich reagiert habe. Ich hätte dir zuhören sollen … fair sein sollen. Ich hatte sehr viel Angst in diesem Moment, dass du mich genauso abstempelst wie … wie all die anderen Typen es getan haben, die ich so nahe an mir herangelassen habe. Das war nicht fair von mir. Und sehr unüberlegt.«

»Ich möchte mich auch entschuldigen«, sagte ich. »Du hattest Recht mit deinen Vermutungen, und ich habe mir wohl etwas vorgemacht. Ich hätte es dir sagen sollen.«

»Nun, das hast du ja jetzt.« Ein zurückhaltendes Lächeln in ihrer Stimme. »Es hat gutgetan, deine Nachricht zu lesen. Deine Worte –« Sie lachte kurz auf. »Es mag abgedroschen klingen, aber sie haben mich … tja, berührt. Sie sind durchgedrungen.«

»Ich habe jeden Tag an dich gedacht«, sagte ich frei heraus.

»Und ich an dich. Es ist so schön, wieder mit dir zu sprechen.«

»Warst du heute dort?«, fragte ich. »In Greensburg?«

»Ja. Bevor ich deine Nachricht gelesen hatte, noch am Morgen. Ich war dort und habe mich umgesehen und Bilder gemacht, genauso wie schon in Hartsville. Ich …« Sie zögerte, doch ich ließ ihr Zeit. »So bin ich eben«, sagte sie dann. »Es fasziniert mich.«

»Und das ist in Ordnung.«

Ich hörte, wie sie den Atem ausstieß. »Trotzdem möchte ich versuchen, es zu erklären. Mich zu erklären. Falls das irgendwie Sinn ergibt und du es mir gestattest …«

Noch immer vernahm ich diese Vorsicht in ihrer Stimme. Diese Zurückhaltung, dieses Horchen auf Unglauben und Skepsis. Sie hatte Angst, dass ich sie durch das, was jetzt kam, noch einmal verstieß.

»Ich habe die ganze Nacht Zeit für dich«, sagte ich. »Versprochen, Leila.«

Ich hörte, wie sie tief durchatmete.

Dann begann sie zu erzählen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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