Marcel Hartlage

Blind Date (Kapitel 9)

Nachdem sie geendet hatte, blieb es lange still zwischen uns. Die Vögel waren verstummt und die Nacht ruhig, friedlich. Während des Gesprächs hatte ich mich zwischenzeitlich auf den Boden gelegt, und mein Blick fiel an den Maisstängeln vorbei in Richtung Sterne, die dort oben gleichgültig wie stumme Beobachter am Firmament hingen. Mücken schwirrten um meinen Kopf und setzten sich hier und da auf meine Arme. Aus irgendeinem Grund zögerte ich jedoch, sie einfach wegzuschlagen.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Leila.«

»Du hast zugehört, nicht wahr? Um mehr kann ich nicht bitten.«

Ihre Stimme klang noch immer ein bisschen belegt vom Weinen. In diesem Moment übermannte mich das beinahe feurige Bedürfnis, sie in die Arme zu schließen und zu trösten.

»Das … tut mir alles furchtbar leid.« Ich musste schlucken. »Ich weiß, das klingt abgedroschen –«

»Ich glaube dir.«

»–, aber es ist mein Ernst. Wenn ich etwas tun kann …«

»Steven«, sagte sie lachend, und heimlich imponierte es mir, wie aufrichtig dieses Lachen tatsächlich klang. »Das ist jetzt fünf Jahre her. Es geht mir gut.«

»Es muss dir schwergefallen sein, all das nochmal hochzuholen.«

»Es hat gutgetan. Glaube ich, zumindest.«

»Wie geht es deiner Schwester?«

Sie kicherte. »Es geht ihr gut. Ich grüße sie von dir, wenn du das möchtest.«

»Sehr gern. Was ist mit …« Aber ich verstummte.

Sie schien zu ahnen, was mir auf der Zunge lag. »Frag ruhig.«

Noch ein Schlucken, noch ein Zögern. »Was ist mit deinen Eltern? Hast du jemals … also, hast du in den letzten Jahren jemals etwas von ihnen gehört?«

»Nein. Mein Vater ist tot.«

Ich hob die Brauen. Doch dann wurde es mir klar. »Der Autounfall?«

»Vor zwei Jahren«, erklärte sie. »Meine Großmutter sagte es mir, nachdem meine Mom sich offenbar verpflichtet gefühlt hatte, sich zu melden. Zusammen mit zwei seiner Brüdern.«

Ich war ein wenig verwundert. Nicht, dass er tatsächlich gestorben war, sondern an der geringen Anteilnahem in ihrer Stimme. Sie hatte zwar gesagt, dass der Unfall sie nicht berührt hatte – und nun verstand ich auch, warum –, doch genauso wenig wie Trauer, schwang da Zufriedenheit oder gar Freude mit. Einfach nichts.

»Du klingst, als würde es dich überhaupt nicht scherren.«

»Es scherrt mich auch nicht«, sagte sie. »Ich habe mit ihm und meinem damaligen Lebensabschnitt abgeschlossen. Sophie hat es ein wenig schwerer aufgenommen, aber auch sie ist darüber hinweg. Dieser Mensch hat keinerlei Bedeutung mehr in unserem Leben. Genauso wenig meine beiden Onkel. Seinen dritten Bruder hatte es übrigens bereits bei einem epileptischen Anfall erwischt, kurz nachdem wir hergezogen waren. Ich betrachte all das als eine Art göttliche Gerechtigkeit.«

»Wünschst du dir nicht, du hättest es selbst tun können?«

Sie antwortete nicht. Nicht sofort, zumindest. Aus der Stille vernahm ich, dass sie sehr intensiv und lange über diese Frage nachdachte.

»Doch«, sagte sie schließlich. »Ein Teil von mir bedauert wahrscheinlich, dass es so gekommen ist. Ein Teil von mir mahlt sich immer noch aus, was ich alles hätte tun können, als er dort in meinem Zimmer vor uns lag. Ein Teil von mir denkt noch hin und wieder beim Einschlafen daran. Jetzt hoffe ich einfach nur, dass er in der Hölle schmorrt.«

»Ich hoffe mit dir, Leila.«

»Ja.« Ich hörte das zufriedene Lächeln in ihrer Stimme, bevor sie den Atem ausstieß. »Danke, dass du so geduldig warst, Steven. Ich habe ehrlich gesagt nicht erwartet, dass es mir gelingt, das Ganze am Telefon zu erklären.«

»Ja …«

Noch einmal ein Zögern. Beiderseits, wie mir auffiel.

»Also … was geschieht jetzt?« Da war ein unterschwelliges Zittern in ihrer Stimme.

»Naja …« Geistesabwesend zupfte ich Unkraut aus dem erdigen Boden. »Auflegen möchte ich jedenfalls noch nicht.«

Sie kicherte, aber sie klang sehr unsicher dabei. Noch immer dominierte die Angst in ihrem Hinterkopf.

Ich ließ vom Unkraut ab und drückte mein Handy fester ans Ohr. »Das hier beenden … nun, möchte ich genauso wenig. Sogar noch viel weniger als zuvor, wenn ich ehrlich bin.«

»Ich möchte dich kennenlernen«, kam es aus ihr heraus. Diese unterschwellige Hektik in ihren Worten zauberte ein Lächeln auf meine Lippen; offensichtlich hatte sie die letzten Minuten nur darauf gewartet, diesen Satz endlich loswerden zu können. »Persönlich, meine ich.«

Eine altvertraute, sehr von mir vermisste Wärme breitete sich in meinem Magen aus. »Ich möchte dich auch gerne mal treffen, Leila.«

»Wie wär’s, wenn du nächstes Wochenende zu mir kommst? Ich habe da frei, und Sophie ist außer Haus. Du kannst bei mir übernachten. Wir könnten … also, mehr als nur immer reden.«

Diese scheue Aufregung in ihrer Stimme fand ich süß. »Ich würde sehr gerne vorbeikommen.«

Das Lächeln war jetzt klar herauszuhören. »Okay. Ich bin sehr froh, dich zu haben, Steven. Im Ernst.«

»Das glaub ich dir, Leila. Im Ernst.«

Sie lachte. »Blöder Idiot. Ich schick dir meine Adresse, ja? Schreiben wir morgen Abend wieder?«

»Klar.« In meinem Magen flatterte es. »Darauf freue ich mich jetzt schon.«

»Ich mich auch. Dann … also, gute Nacht, würde ich sagen.«

Langsam kam ich auf die Beine. »Es war sehr mutig von dir, mir all das zu erzählen. Im Ernst, Leila.«

»Hör schon auf.« Doch ich hörte die Verlegenheit in ihrer Stimme, und wir beide wussten, dass es stimmte. Mich tröstete der Gedanke, dass sie heute Nacht friedlich würde schlafen können.

»Ich werde an dich denken, wenn ich mich später schlafenlege, Leila.« Dieser Satz, so kitschig er auch sein mochte, kam mir mit überraschender Gewissheit über die Lippen. Und ich schämte mich nicht, ihn zu sagen.

»Ich denke später auch an dich, Steven. Eigentlich denke ich sogar sehr viel an dich.«

Wir verabschiedeten uns voneinander – zwei junge Menschen, die sich womöglich nur noch der räumlichen Distanz wegen keinen Abschiedskuss erlauben konnten –, als mir plötzlich noch etwas in den Sinn kam. »Äh, Leila?«

»Hm?«

Ich tat mich ein bisschen schwer, das Ganze noch einmal anzusprechen. »Als du damals … als du und dein Vater damals in jener Nacht auf der Wiese wart, als er dir die Insekten … also …«

»In den Mund gestopft hat?«

»Äh, genau.« Ich zögerte. »Ich frage mich gerade … als er es am Ende umso energischer versucht hat, war das Insekt, das er dafür benutzt hat … ein, äh …«

»Ja.« Akzeptanz und Hinnahme erhärteten ihre Stimme wie Zement, formten sie zu einem Pfeiler, der jeglichem Spott trotzte. »Es war ein Tausendfüßler.«

Sie wünschte mir eine gute Nacht, bedankte sich noch einmal und ließ mich mit meinen Gedanken allein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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