Heinrich Baumgarten

Gewohnheitsmäßigung

„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“. Ein oft gehörter Spruch.
Sind wir Tiere mit Gewohnheiten?
Woran können sich Tiere gewöhnen?
An Umwelteinflüsse. An Nahrungsquellen. Aneinander. An Menschen.
Und woran gewöhnen wir Menschen uns?
Aneinander, an Klimate, an Lebensumstände, an Sitten und Gebräuche.
An Ernährungsweisen, an soziale Gefüge.
Wir entwickeln Vorlieben und Abneigungen, versuchen diese rational uns selbst und anderen verständlich zu machen, zu begründen.
Tiere sind - aufgrund ihrer Instinktsteuerung - weniger als wir Menschen durch Gewohnheiten prägbar. Die uns verbliebenen Instinkt-Reste ruhen unter der Schicht sozialer Prägung und Erziehung rudimentär und brechen sich allenfalls in Extremsituationen Bahn, bisweilen zum Erstaunen oder gar Entsetzen des Umfeldes.
Gewohnheiten sind also aus mehr oder minder eigener Entscheidung getroffene individuelle Verhaltens- oder Lebensmuster. Deren Anwendung und Einhaltung sind großenteils Ausdruck des Privaten, ganz Persönlichen. Darunter fallen auch Eigenarten oder gar Marotten, die Mitmenschen amüsieren oder den Kopf schütteln lassen. So hören wir gelegentlich: „Das ist eine dumme Angewohnheit“ . Gibt es auch kluge? Wer will die eine oder andere beurteilen? Angewohnheit klingt nach annehmen, sich anerziehen, sich aneignen. Etwas an sich heranlassen, was anders ist als ursprünglich Vorhandenes, Eigentümliches.
Daß Gewohnheiten Anderer unseren eigenen nicht entsprechen, ist verständlich. Unsere eigenen sind uns selbstverständlich. Wenn Selbstverständliches als Dauerzustand akzeptiert wird, ist die Welt scheinbar in Ordnung für den Betreffenden. Doch fühlt er sich betroffen durch die Erkenntnis des Grundes, Sinns oder der Sinnlosigkeit einer Gewohnheit, die er pflegt, liegt anscheinend etwas im Argen mit seiner Anschauung.
Vielleicht folgt dann die Überlegung, was die Gewohnheit, die Angewohnheit mit seinem Leben macht. Strukturiert sie? Ordnet sie? Verdeckt sie ? Dämpft oder fördert sie Erwartungen? Ist sie Antrieb oder Bremsklotz?
In dieser Phase der Rationalisierung kann Verwunderung, Verärgerung oder kopfschüttelndes Unverständnis die Ursache werden, das bisherige Leben im Lichte der erkannten und auf den Prüfstand gesetzten Gewohnheit abzuleuchten - in Ecken zu schauen, Staub und Spinnweben zu entdecken und zu entfernen. War eine Entsagung oder eine Übertreibung hinderlich für mich? Sind mir Vorteile oder Nachteile erwachsen? Je nach Antwort auf diese Fragen werde ich überlegen, ob und was ich ändern sollte, könnte, wollte oder müßte. Die eigene Entscheidung ist nützlicher und wirkungsvoller als die Reaktion auf Kritik an meiner Gewohnheit, nachhaltiger als ein verfügter oder auferlegter Abschied von einer Gewohnheit.
Doch das menschliche Gewohnheitstier ist für gewöhnlich auf ungewohntem Terrain erst nach längerer Zeit der Eingewöhnung wohnlich eingerichtet…  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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