Heinrich Baumgarten

Ich - ein Möbelstück!(?)

Wenn ich mich denn vermöbeln soll, so will ich mir rechtzeitig überlegen, was ich werden soll. Nach meinem Willen und Entschluß. Nicht, daß mir später Klagen kommen von mir selbst und über mich. Ein Barockschrank werden wollen, aber nur gerade genug Holz für einen Hocker mitbringen. Großkotz, Hybris-Junkie.
Überhaupt – Schrank? Hocker als bescheidenere Alternative? Nesthocker, Nestflüchter? Assoziativer Chaot, ach ja.
Sitzmöbel: Bedenke, dass du dann dafür arbeitest, anderen Muße zu schenken.. Helfersyndrom für Sesshafte und Sitzgrößen, Sesselhocker.
Sitzbank vielleicht eher. Du darfst Härte zeigen und verkürzest die Verweildauer deiner Be-sitzer. Abwandlungen für Stuhl, Couch, Sofa & Co. Denkbar, aber wenig ergiebig.
Und Tisch? Auf den etwas kommt, an den man sich setzt, an dem (gesetzt, du bist rund) große Dinge zur Verhandlung kommen? Unter den etwas fällt, so dass du dann Unwichtiges bedachst und bedeckst?
Nein, dann doch eher gleich Teppich, unter den manches gekehrt wird? Auf dem alle bleiben sollen? Der als Orientale fliegen kann? Ich weiß nicht recht…
Als Möbel mach den Kopf mobil, laß ihn so bleiben und wähle weiter – nein, erst weiter überlegen.
Könntest du Spiegel sein? Dann lernst du viele Leute kennen, bekommst sie zumindest zu Gesicht und darfst Zeuge ihrer Eitelkeit, Betroffenheit werden. Doch bleibt dir nichts von ihnen – wie dem Sofa eine Einbeulung, dem Tisch ein Fingerabdruck, Fett- oder Kaffeefleck. Ob Abdruck oder Abbild – sehr fern, sehr weit weg von Originalem. Nicht sehr originell.
Sei es dann ein Ofen, der du sein magst? Ein Wärmespender, Mittelpunkt des gemütlichen Beisammenseins von Menschen? Doch vor die Wärme hat die Physik das Brennmaterial gesetzt, das man zuhauf in dich hineinstopft, auf dass du das Glühen lernst, bis dir die Asche aus dem Kasten staubt. Hm, je nun.
Was könnte dich denn wirklich reizen, Diplomskeptiker? Ein jedes Für verkommt bei dir zum Wider. Gib’s zu – sehr wählerisch und mäkelig gibst du dich. Oder bist du’s tatsächlich? Ich kenne dich und weiß daher, du bist immer gut für eine neue Überraschung.
Eine Lampe. Eine Lampe? Hänge-, Steh-. Decken-, Nachttischlampe? Lampe über der Haustür, Gäste zu begrüßen oder ihnen heimzuleuchten? Nein.
Dienstbarer Geist im Spül- und Waschgeschäft, ganz in Weiß und elektrisch, dreimal A in der Effektivität? Du kannst, du willst dich nicht entschließen, entscheiden. Du schiebst hin und her von Plus zu Minus, von links nach rechts, vom Ja zum Nein, bist eriwanisch prinzipiell. Ja – aber; nein – aber, doch kein Sowohl-als-auch.
Kauf dir nicht ständig den Schneid selber ab, sonst bist du bald pleite, und deine Möblierung geht den Weg alles Vergänglichen in die Lagerhalle eines Entrümpelungsunternehmens.
Nicht ein Möbel – nun weiß ich’s – will ich sein, sondern ein komplettes Mobiliar, eine Ausstattung. Stilistisch variiert – von allem ein wenig. Nicht perfekt durchstylt. Perfezione corrompe – Perfektion verdirbt. Du bestehest aus Barock – auch Gelsenkirchener -, Biedermeier, Louis-Seize, Jugendstil, Nierentischchen-Optik, Luigi Colani und Otto-Versand. Und als Tüpfelchen auf dem Identitäts-i darf’s ein Art-Déco-Objekt der zeitgeistigen Strömung durchaus sein…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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