Iris Bittner

Nicht so heil, die Welt. Eine Erzählung aus dem Dorf

Prolog

 

Die Landstraße führte beinahe kerzengerade durch das Dorf. Hätten nicht eine mittelalterliche Kirche mit großem Glockenturm, um die ein kleiner Friedhof lag, sowie das dazugehörige Pfarrhaus auf der linken Seite und das frühere Dorfschulhaus am Ortseingang rechts gestanden, hätte die Landstraße sogar fast kerzengerade am Dorf vorbeigeführt. Auf beiden Seiten Wiesen, Teiche und Felder. Grau und mächtig dann das alte Schloss in einem von hohen Bäumen bewachsenen Park. Lang kam nichts, und erst eine Weile später gingen zwei Seitenstraßen ab.

 

Richtung Osten gelangte man in die Ortsmitte. Da waren ehemalige Bauernhäuser, insgesamt nicht mehr als ungefähr 50 bis 60, fast jedes mit Stallgebäuden und Scheunen. Aber es gab keine Landwirte mehr, allenfalls noch Nebenerwerbsbauern, die nach Feierabend auf ihren Ackerflächen Mais anbauten, den sie als Biomasse an Besitzer von Biogasanlagen verkauften und, wenn es hochkam, noch ein paar Hühner hielten. Die Häuser waren hübsch modernisiert worden. In den Vorgärten blühten Stauden und Blumen, während sich im hinteren Teil der Gärten Gemüsebeete, Obstbäume und Rasenflächen befanden. Es folgte ein relativ neues Feuerwehrhaus mit Turm und Garage. Die Straße beschrieb einen leichten Bogen nach rechts, dann kam nur noch das Dorfgasthaus. Schon war man hinaus und wieder zwischen Wiesen, Teichen und Feldern.

 

Die zweite Nebenstraße, die nach Westen ging, führte zu einer Türenfabrik und damit zur einzigen Industrieansiedlung im Ort. Weiter hinten, nahe am Waldrand, fand man einige freundliche Siedlungshäuser, allesamt von großen Gärten mit uraltem Baumbestand umgeben. Die waren nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und offenbar mitten in den Wald hinein gebaut worden. Dort zogen in erster Linie Familien ein, deren Wohnungen in größeren Städten ausgebombt worden waren und die sich glücklich schätzten, ihren zugewiesenen Behelfsquartieren entkommen zu sein. Den meisten gelang es sogar im Laufe der Jahre, einen kleinen Betrag anzuzahlen, den Rest abzustottern, um so das Haus als Eigentum zu erwerben. Damals hatten die Dorfleute anfangs gefremdelt, die Bewohner dieser Siedlung wurden abschätzig als ´die Besseren´ tituliert. Die Nachkommen der Bewohner dieser Häuser waren inzwischen vollkommen in das Dorfleben integriert, verhielten sich nicht anders als die, die schon immer hier gelebt hatten. Schließlich handelte es sich um die dritte und vierte Generation. Es gab weder im Verhalten noch in den vertretenen Ideologien größere Abweichungen. Man hätte auch sagen können, das Dorf habe sie im Lauf der Jahrzehnte gründlich assimiliert.

 

Außer dem Schulbus und dem Werksbus eines Sportartikelherstellers gab es am Ort keinen erwähnenswerten öffentlichen Nahverkehr. Genauso wenig existierte irgendeine Art von Ladengeschäft, von Arzt, Apotheke, Grundschule und Kindertagesstätte ganz zu schwiegen. Für Letztere gab es, im Gegensatz zu den Vorgenannten, keinerlei Bedarf; die Aufzucht der Kinder beziehungsweise Enkel war schon seit jeher Aufgabe der Großmütter gewesen. Man war zufrieden, dass Kirche, Feuerwehrhaus und Kneipe da waren; und natürlich die Türenfabrik als zuverlässiger Arbeitgeber. Alles andere besorgte man in einem der Nachbarorte oder in der Kreisstadt. Während die Großeltern ihre Besorgungen noch mühsam zu Fuß, später allenfalls mit dem Fahrrad erledigt hatten, konnte sich heute keiner der Dorfbewohner mehr vorstellen, auch nur einen Tag ohne Auto existieren zu können. Jeder Haushalt besaß mindestens ein Kraftfahrzeug, wenn es auch bei einigen wenigen nur zum Motorroller gereicht hatte.

 

In diesem kleinen Dorf mitten im tiefsten Steigerwald geschah nicht oft etwas Böses. Genau genommen geschah überhaupt nichts oder wenigsten nichts, was der Rede wert gewesen wäre. Die Menschen, die hier lebten, kamen normalerweise gut miteinander aus, (wenn nicht, ging man sich eine Zeit lang aus dem Weg), trafen sich zum alljährlichen Fest der freiwilligen Feuerwehr, wo reichlich Bier und Schnaps flossen, und sonntags in der Kirche. Nach dem Gottesdienst begaben sich die Männer zum Frühschoppen in die Kneipe, während die Frauen nachhause gingen, um den Sonntagsbraten vorzubereiten. So war es seit Generationen, warum sollte man etwas ändern, wenn es doch so gut lief? Von Emanzipation wollte man hier nicht viel hören, dieses Übel war seit Jahrzehnten einigermaßen erfolgreich vom Dorf ferngehalten worden. Nur wenige Frauen hatten sich dem Willen der Eltern widersetzt und höhere Schulen besucht oder zumindest eine Berufsausbildung absolviert. Die meisten davon hatten dann auch rechtzeitig die Kurve gekriegt und dem Dorf den Rücken gekehrt. Die anderen, die hiergeblieben waren, waren jetzt verheiratet – mit einem ordentlichen Burschen aus dem Ort oder einem aus den Nachbardörfern, der sein Brot durch harte Arbeit mit den eigenen Händen verdiente – hatten drei, vier Kinder geboren, waren froh, dass sie versorgt wurden und versorgten ihrerseits besagte Kinder, Haus und Gemüsegarten und den Gemahl. Waren die Kinder aus dem Gröbsten raus, gingen sie, um das Familienbudget aufzustocken, stundenweise arbeiten. Frauen konnten in der Spielzeugfabrik in einem der Nachbarorte Kunststoffteile zusammenbauen, in einer holzverarbeitenden Fabrik leichtere Hilfsarbeiten ausführen oder in der Kreisstadt, wo sich das Zentrallager eines großen Sportartikelherstellers befand, Turnschuhe, Sporttrikots und Tennisschläger verpacken. Alle waren zufrieden. Das dritte Jahrtausend war im Grunde nur in Form größerer Autos sowie dem Gebrauch von Smartphones und Flachbildfernsehgeräten hier angekommen. Wem dies zu hoffnungslos war, der konnte ja gehen. Doch kaum einer verließ das Dorf. Hier hatte man sein Auskommen und seine Ruhe.

 

Sonntags beim Frühschoppen wurde große Politik gemacht. Themen, über die man aus der Lokalzeitung, Gesprächen mit Kollegen oder aus der Fernsehberichterstattung gehört hatte, wurden heiß und heftig debattiert. Da konnten schon die Fetzen fliegen, dass es krachte, aber niemals die Fäuste – schließlich war man zivilisiert. Recht behielten immer – wie konnte es anders sein – diejenigen, die die Meinung der einst großen, inzwischen deutlich kleiner werdenden christlichen Volkspartei vertraten. Weder ganz links noch zu weit rechts war akzeptabel. Wenn überhaupt, lag die Tendenz etwas mehr rechts. Im Prinzip war man jedoch eher so mittel eingestellt. Das war bequem und am sichersten; auf Experimente war man nicht scharf. Die drei Wählerinnen der ´Grünen´ waren namentlich bekannt und wurden mitleidig belächelt.

 

Über den Gartenzaun beredete man die örtlichen Ereignisse, das war nicht viel. Mal war bekannt geworden, dass der Ehemann einer Nachbarin im volltrunkenen Zustand zuhause randaliert hatte, ein anderes Mal hatte der Sohn eines Dorfbewohners seinen nagelneuen Wagen zu Schrott gefahren, wobei er glücklicherweise mit nur leichten Blessuren davongekommen war.

Nebenbei wurde vermutet, dass die ältere Tochter des Feuerwehrkommandanten lesbisch sei – der Haarschnitt und die Kleidung gaben hinreichend Grund zu dieser Annahme. Die Vielfalt der Gesprächsthemen hielt sich in engen Grenzen, sah man vom Austausch von Gartentipps und Kochrezepten ab und ließ man das Lästern über Frisur und Outfit einiger Mitbürgerinnen außer Acht.

 

Manch einer wünschte sich heimlich einen saftigen Skandal, so wie damals, als eine zugezogene Frau ihren braven Ehemann (hier geboren und aufgewachsen) wegen eines vorbestraften Junkies (der Gott weiß woher kam) verlassen hatte. Aber das war schon vor vierzig Jahren geschehen, kaum einer dachte noch daran.

 

Die letzten Verbrechen waren die Brandstiftung im Sägewerk vor mehr als dreißig Jahren gewesen, begangen von einem geistig minderbegabten Jungen aus dem Nachbarort, und der nie aufgeklärte Tod einer alten Dame, die auf mysteriöse Weise überfahren worden war. Auch das lag lange in der Vergangenheit. Jüngere Dorfbewohner kannten Verbrechen und Skandale nur aus dem Fernsehen und aus den Erzählungen der älteren. Glückliche, sichere, heile Welt, in der die Vögel noch sangen, die Bienen summten, die Luft sauber und die Seele rein war.

 

 

1

 

Bevor ich vor wenigen Monaten hier in meinem neuen Zuhause ankam, hatte ich mein Leben mit schweren Straftaten verbracht. Nach einem der besonders schmutzigen Fälle hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Um Missverständnissen vorzubeugen: ich hatte keine der Straftaten begangen – vielmehr hatte ich mich nach meinem Jurastudium entschlossen, zur Staatsanwaltschaft zu gehen und mich damit in die nicht immer einfache Lage manövriert, täglich mit mal mehr und mal weniger schweren Verbrechen konfrontiert zu sein. Was mir, zugegeben, nicht jedes Mal leichtfiel. Ich bin aber ein fanatischer Anhänger der Gerechtigkeit, die, das muss ich eingestehen, in so manchem Fall nicht hergestellt werden konnte. Ich tat meinen Part, die Justiz den ihren. Justitia ist im Lauf der Jahre leider stets blind geblieben, ohne dabei mehr Weisheit zu erlangen.

 

Ehe- und kinderlos – es hatte sich irgendwie nicht anders ergeben – konnte ich hinlänglich viel Geld zurücklegen, um nun in dem Alter, in dem Staatsdiener frühestmöglich ihre Pension beantragen dürfen, meinen Job als leitender Staatsanwalt an den Nagel zu hängen und einem hoffentlich langen, behaglichen Ruhestand entgegenzusehen.

 

Der Makler, den ich beauftragt hatte, mir einen Altersruhesitz mit allen Annehmlichkeiten zu suchen, schluckte mehrmals, als ich jedes Angebot in Stadtnähe, ausgestattet mit Pool, Sauna, Partyraum und ähnlichen Dingen, die er als Annehmlichkeiten empfand, ablehnte.

 

Wir lösten einvernehmlich den Vertrag auf; eigentlich hatte ich genug Zeit, mich selbst umzusehen. Meine Vorstellung eines angenehmen Lebens bestand in erster Linie aus Unabhängigkeit, Ruhe und Natur. Nichts lag demnach näher, als meine Suche dort zu beginnen, wo ich dies am ehesten vermutete, nämlich mindestens eine Fahrstunde von der Großstadt entfernt, in einer Landgemeinde mit brauchbarer Infrastruktur und viel Wald außen herum. Mehrere Wochen verbrachte ich mit gemächlichen Fahrten durch ländliche Gegenden, wobei ich keine Himmelsrichtung ausließ. Wo genau ich künftig leben würde, sollte der Zufall entscheiden.

 

Fündig wurde ich nach einiger Zeit in einem kleinen Ort tief im Steigerwald. Gut, mit der Infrastruktur haperte es ein wenig, aber ich besaß ja meinen fahrenden Untersatz, und wenige Kilometer entfernt verlief die Autobahn, über die ich jederzeit in die Großstadt gelangen konnte, sollte mir hier doch mal die Decke auf den Kopf fallen.

 

In einer Siedlung nahe dem Waldrand stand ein Einfamilienhaus zum Verkauf, in das ich mich sofort verliebte, nicht zuletzt wegen des für Großstadtverhältnisse unendlich weiträumigen Gartens, in dem sich sowohl alter Baumbestand als auch ein romantischer kleiner Teich befanden. Das Haus selbst war in gutem Zustand; nur wenige Investitionen würden notwendig werden. Von der nach Südwesten gerichteten Sonnenterrasse war ich sofort begeistert. Als ich dann noch den Kaufpreis vernahm – lächerlich gering im Vergleich zu dem Betrag, den ich für meine geräumige Eigentumswohnung in der Stadt zu erzielen gedachte – gab es nichts mehr zu überlegen. Ich wurde stolzer Besitzer eines Siedlungshäuschens in einem Dorf mitten im Steigerwald. Traum vieler Städter.

 

Die meisten meiner Freunde waren skeptisch wegen meines Entschlusses, einen so radikalen Wechsel durchzuziehen. Ob mir nicht das pulsierende Großstadtleben fehlen würde? Kino, Oper und Theater, schicke Restaurants und Bars? Und überhaupt? Salopp kündigte ich an, gerne ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, sollte mich der Drang nach Kultur übermannen. Tatsächlich klappte das mit den besten meiner Freunde dann hervorragend. Ich verbrachte, wenn mir danach war, anregende Abende in der Stadt und genoss im Übrigen die Ruhe auf dem Land.

 

Die Skepsis meiner Freunde legte sich ziemlich geschwind. Hatte erst mal einer einen milden Sommerabend, ein Glas guten Roten genießend, auf meiner Terrasse verbracht, der Stille gelauscht, nur untermalt vom Quaken der Frösche und dem Flöten der Amseln, und ließ sich, wie es gelegentlich geschah, auch noch ein Igel blicken, wurde sie meist durch Bewunderung und ein wenig Neid ersetzt – auf die Stille, die Frösche, die Amseln und den Igel, und auf meine entspannte Gesamtsituation. Die letzten Zweifler kriegte ich spätestens beim Frühstück im Freien unter dem Sonnenschirm. Ein kleiner Balkon, wo einem die Nachbarn ins Frühstücksei spucken konnten, konnte da einfach nicht mithalten.

 

Ich akklimatisierte mich erstaunlich rasch. Meine ausgedehnten Waldspaziergänge wurden mir bald zu einsam, weshalb ich in die Kreisstadt ins Tierheim fuhr, um mir einen treuen Vierbeiner zu besorgen. Auch der Garten schrie geradezu nach einem Hund. Rasse und Geschlecht waren mir egal. Worauf ich allerdings bestand, war, dass mein künftiger Mitbewohner nicht allzu lebhaft und bereits gut erzogen war. Einen Welpen aufzuziehen und ihm Manieren beizubringen, traute ich mir nicht zu. Nachhause kam ich mit einer mittelgroßen, undefinierbaren Rassenmischung, grau-weiß gefleckt und wollig, die auf den Namen Candy hörte. Da mir der Name für einen zweijährigen Rüden nicht eben passend erschien, rief ich ihn Gandhi. Wegen des ähnlichen Klanges hatte er kein Problem, auf den neuen Namen zu hören. Wir wurden die besten Freunde.

 

Gandhi folgte meist aufs Wort und legte keinen Wert darauf, im Wald Hasen und Rehen nachzujagen. Sein Jagdtrieb beschränkte sich darauf, die Eichhörnchen in unserem Garten laut bellend zu verfolgen. Meine Versuche, ihm dies auszutreiben, unterließ ich, nachdem ich beobachtet hatte, dass er keinerlei Chancen hatte, jemals ein Eichhörnchen zu erwischen – die waren sehr schnell auf einem der hohen Bäume. Gandhi sprang bellend am Baumstamm hoch, das Eichhörnchen saß frech oben auf einem Ast und lachte sich eins. Einmal meinte ich sogar zu sehen, dass eines Gandhi die Mittelkralle zeigte – da kann ich mich aber auch getäuscht haben.

 

Zu meinen Mitbürgern im Dorf hatte ich ein freundliches, aber niemals freundschaftliches Verhältnis, das über höfliches Grüßen, ein paar Worte über das Wetter und die rhetorische Frage nach dem Wohlergehen nicht hinausreichte. Meine Besuche in der Dorfkneipe hielten sich im sehr überschaubaren Rahmen - hatte ich vergessen, Tabak zu besorgen, und musste deshalb dort eine Packung Zigaretten holen, trank ich ab und zu bei der Gelegenheit ein Bier und wechselte ein paar belanglose Worte mit den anwesenden Gästen. Häufig geschah das nicht. Etwas suspekt erschien ich den Dorfleuten schon alleine deshalb, weil ich nie einen Gottesdienst besuchte, dies, obwohl der Name, der meinem Vornamen Georg folgt, Christ lautet. So heiße ich nun mal, bin es aber nicht. Jedenfalls nicht im Sinne einer Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft. Mein Verhältnis zu möglicherweise existierenden höheren Mächten halte ich für meine Privatsache. Im Großen und Ganzen lebte ich in friedlicher Koexistenz mit den anderen Bewohnern dieses kleinen Steigerwalddorfes.

 

Hochwürden traf ich das erste Mal, als ich eines schönen Frühsommertags mit Gandhi durch den Wald spazierte. Ich genoss die Stille, die gute Luft, das viele Grün um mich herum und was ein Wald eben sonst zu bieten hat, während der Hund interessiert am Boden herumschnüffelte. Da er sich nie wirklich weit von mir entfernte, ließ ich ihn ohne Leine gehen.

 

Mir kam eine Zeile Goethe aus alten Schulzeiten ins Gedächtnis. Im Gehen zitierte ich halblaut: ´Ich ging im Walde so vor mich hin, und nichts zu suchen...´, und „wo ist eigentlich der Hund geblieben?“, erhielt das Zitat ein völlig neues Ende. Ich rief nach ihm – keine Reaktion. Ich pfiff, ich brüllte „verflixter Köter, komm endlich her“, ohne damit irgendein Resultat zu erzielen. Also musste ich ihn wohl suchen. Mir blieb nicht erspart, den Weg zu verlassen, durch Brombeergebüsch und anderes dorniges Zeug zu kriechen. Ich geriet schließlich auf einen schmalen Trampelpfad, den ich für einen Wildwechselpfad hielt. Langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Gandhi hatte doch nicht etwa? Na, hoffentlich war kein Jäger in der Nähe, der ihn als Wilderer gleich abknallte! Schlimme Geschichten hatte ich schon darüber gehört. Während ich mich, bereits in leichter Panik, weiter vorwärtsarbeitete, abwechselnd freundlich lockte und lautstark den Köter verfluchte, fand ich mich unversehens auf einer sonnenbeschienenen Lichtung. Wie angewurzelt blieb ich stehen.

 

„Treten Sie ruhig näher, wir hörten Sie schon kommen“, sagte der Mann, der auf dem Boden saß, während Gandhi soeben ein großes Stück Fleischwurst aus seiner Hand fraß.

„Wir beide machen gerade eine kleine Vesper. Ihrem Gebrüll entnehme ich, dass es sich hier um Ihren Hund handelt?“ Er erhob sich, wobei Gandhi schwanzwedelnd, voller Hoffnung auf ein weiteres Stück Wurst, weder den fremden Mann noch seinen Rucksack, der auf der Erde lag, aus den Augen ließ, und streckte mir höflich die Hand entgegen.

„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Baumann, Leopold. Ich bin hier der Pfarrer.“

Langsam hatte ich mich von meiner Verblüffung erholt und stellte mich meinerseits vor:

„Christ. Georg Christ, aber ich mache keinen Gebrauch davon.“ Sofort biss ich mir auf die Lippen, denn der blöde Nachsatz, den ich so gerne bei der Vorstellung gebrauchte, war einem Pfarrer gegenüber sicher nicht angebracht. Doch der grinste nur.

„Das dachte ich mir schon. Andernfalls hätte ich Sie in meinen Gottesdiensten schon einmal gesehen. Dass Sie seit einiger Zeit hier sesshaft sind, haben mir meine Schäfchen bereits zugetragen. Na, schön, jetzt habe ich Sie endlich auch kennengelernt. Einen netten Hund haben Sie.“

 

Der Pfarrer, den ich auf ungefähr meine Altersgruppe schätzte, entsprach nicht wirklich dem üblichen Klischee eines Geistlichen. Mit dem ergrauten Haar, das lässig im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden war, und einem prachtvollen Bart im Gesicht hätte ich den Mann auf den ersten Blick für einen Künstler, Aussteiger oder Waldschrat gehalten. Er trug, genau wie ich, Jeans und Hemd – meines grau kariert, seines beige mit Grasflecken, und dazu Wanderschuhe. Er bückte sich nach seinem Rucksack.

 

„Ich war schon auf dem Heimweg, denn ich bin heute sehr früh losgegangen. Der Morgen war so wunderbar, da zieht es mich einfach hinaus. Ich wollte nur noch rasch nach dieser kleinen Plantage sehen, als ich Besuch von dem charmanten Burschen hier bekam.“ Er zeigte auf Gandhi, der, ein wenig schuldbewusst, nun ganz brav neben meinen Füßen saß.

„Es interessierte mich, ob die Pflanzen schon kräftig wachsen.“

 

Ich blickte in die Richtung, in welche er gedeutet hatte, und war zum zweiten Mal an diesem Tag rundweg verblüfft. Was ich als Ansammlung wild wuchernden Unkrauts gehalten hatte, einpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein von Menschenhand angelegtes, nicht allzu großes Feld junger Cannabispflanzen.

„Sind das Ihre? Lieber Himmel, lassen Sie sich damit bloß nicht erwischen!“

Wegen Anbaus verbotener Rauschdrogen hatte ich wahrlich genug Leute verhaften lassen müssen und wusste daher, dass die Justiz kaum einen Unterschied machte zwischen kleinen Hobbygärtnern und denjenigen, die im großen Stil professionellen Handel betrieben. Auch bei einem Geistlichen würde sie keine Gnade walten lassen, dessen war ich sicher. Ich war deshalb erleichtert, als er abwehrte:

„Oh nein, wo denken Sie hin. Als Dorfgeistlicher und Vorbild für die Jugend kann ich mir so etwas natürlich nicht erlauben. Ich habe keine Ahnung, wer der Eigentümer dieser Hanfkultur ist, und es interessiert mich ehrlich gesagt kein bisschen. Wenn Sie es als ihre Pflicht betrachten, die Polizei zu verständigen – nur zu. Ich habe Sie in diesem Fall einfach noch nicht kennen gelernt. Jedenfalls nicht ausgerechnet hier.“

 

Ich versicherte, dass auch ich kein Interesse hätte, den Plantagenbesitzer der Justiz auszuliefern. Im Gegenteil, ginge es nach mir, wäre Hanf als Genussmittel längst legalisiert worden. So teilte ich ganz plötzlich ein Geheimnis mit einem mir vor einer Stunde noch völlig unbekannten Menschen, der mir von Minute zu Minute sympathischer wurde.

 

Wenig später kämpften wir uns gemeinsam durch das Gestrüpp, wobei Baumann versuchte, die Zweige der Sträucher und Büsche hinter uns so hinzubiegen, dass sie einigermaßen natürlich aussahen und den Trampelpfad wieder ausreichend verbargen. Gandhi brauchte ich nicht anzuleinen, der lief folgsam hinter uns her. Beziehungsweise lief Rucksack des Pfarrers hinterher, aus dem es verlockend nach Fleischwurst roch.

 

Nach dem Nachhauseweg, auf dem wir einiges an Belanglosigkeiten ausgetauscht hatten – uns gegenseitig auszufragen verbot derzeit noch die Höflichkeit – stellten wir beim Abschied vor meinem Gartentor fest, dass wir uns einigermaßen gut verstanden. Wir verabredeten, künftig den einen oder anderen Spaziergang gemeinsam zu unternehmen.

 

Es sollten Hunderte werden, ebenso wie ungezählte anregende Abende im Pfarrgarten oder auf meiner Terrasse. Was wir zu besprechen hatten, sollte allerdings nicht immer nur angenehm und erfreulich bleiben.

er dem

Tja, so friedlich bleibt es natürlich nicht. Nach und nach lernt Georg Christ dieses idyllische Dorf von seiner dunklen Seite kennen. Und das wirklich Erschreckende: Alles ist wirklich so oder ähnlich geschehen. Nur nicht den wenigen Menschen, auf die ich diese Erlebnisse projeziert habe, es waren einige mehr. Wenn Ihr mehr erfahren möchtet - gern erzähle ich es Euch nach und nach in Fortsetzungen. Bis dahin also!Iris Bittner, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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