Klaus Mattes

St. Bernhard holt Atem (Eine Entscheidung)

Das eine Buch unter den autobiografischen Romanen Thomas Bernhards, das jeder kennen sollte, der den Autor und dessen fünfbändigen Memoiren-Werkzyklus (ein)schätzen lernen will. Möglicherweise ist das letzte Buch dieser Reihe, „Ein Kind“, gemäß der Ereignischronologie müsste es am Anfang stehen, wurde aber zuletzt geschrieben, künstlerisch noch gelungener, jedoch die übrigen drei („Die Ursache“ - Bernhards Schulzeit, „Der Keller“ - Bernhards Lehre, „Die Kälte“ - Bernhard in der Lungenheilstätte) sind es nicht.

In „Der Atem“ treffen sich die für Bernhard charakteristischen Motivkreise: Das Leben ist eine Krankheit zum Tod und die Entscheidung, radikal und gegen alle Widerstände man selber zu sein, sollte jeder treffen. Es geschafft zu haben, nimmt der Autor für sich in Anspruch. Dagegen wurde ihm der Schlussband „Ein Kind“ zur Idylle, zu allerlieblichsten Ausnahme, ist also nicht typisch fürs Gesamtwerk.

Etwas schade, dass eine der unvergesslichsten Szenen dieses Todeskomödianten, jenes Badezimmer im Spital, in das man den Achtzehnjährigen zum Sterben geschoben hat, wo er von einem herabfallenden nassen Wäschestück beinahe erstickt wird, schon recht bald nach dem Buchanfang erreicht ist. Verglichen damit ist das Buchende dann weniger fesselnd. Dort befindet er sich im „Vötterl“, einer Pension in Großgmain, direkt an der deutschen Grenze, wo der als geheilt Entlassene seine Atemwegserkrankung noch ausheilen soll, dann aber als Tuberkulose-Infizierter nach Salzburg zurückkehrt. Nachdem er uns eben noch von seinen heimlichen Grenzübertritt-Spaziergängen durch einen Bach erzählt hat, in den Nachkriegsjahren war die Grenze gesperrt, erscheint der abschließende Paukenschlag dann doch einigermaßen bemüht.

Da hält man sich besser an die erste Hälfte, bei welcher Bernhard sich auf einen anständigen Grusel versteht. Im Rahmen einer heute vorsintflutlich erscheinenden Krankenhaus-Medizin wird ihm die Bauchdecke mehrfach durchstoßen, um einen Pneumothorax anzulegen, einen künstlich erzeugten Gasschlauch unter der Haut, der, gewollt, einen Flügel der Lunge stilllegt.

Aber kümmern wir uns weniger ums Jahr 1949, in dem „Der Atem“ spielt, kümmern wir uns um die Zeit, in der er geschrieben und verlegt wurde. Dann befinden wir uns an einer Gelenkstelle in Bernhards Entwicklung. 1978. Im Jahr davor war einzig ein Theaterstück herausgekommen, aber in diesem Jahr wucherte der Autor mit kreativer Potenz, es wurden vier fertige Werke: „Ja“, seine autobiografische Novelle über eine Nachbarin, die in den Tod geht. „Immanuel Kant“, eine nicht ganz gelungene Clownerie für die Theaterbühne, welche in den folgenden Jahren immerhin das meiste Geld in Bernhards Haus spülen sollte (für die Uraufführung konnte man Karlheinz Böhm verpflichten). Dann gab es noch den „Stimmenimitator“, eine sperrige Sammlung grotesker Anekdoten, gesammelte Ideen aus mehreren Jahren, deren Ausarbeitung über die Fabel hinaus er hiermit wohl aufgab.

Und dann eben auch „Der Atem“, Zentralstück einer überraschend gut sich verkaufenden Reihe kleiner Romane, die, vertragswidrig am Suhrkamp-Verlag vorbei, dem Salzburger Residenz-Verlags-Chef Schaffler übergeben wurden, obwohl ihn Suhrkamps Siegfried Unseld schon vor dem vierten, dann auch vor dem fünften Buch noch mal, ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass dieser Streit auch vor Gericht enden könnte.

In den siebziger Jahren sind autobiografische Texte mit Erinnerungen an die Elterngeneration, die erste Nachkriegszeit und die damit einhergehenden NS-Hinterlassenschaften nicht nur in den kaputten Städten, sondern auch in den zerstörten Gemütern und Seelen, ist der intensivierte Blick in Familiäres und Privates eine Top-Modeerscheinung gewesen. Zugleich sind solche Bücher von den Achtundsechzigern bereits als Rollback-Literatur, als Rückkehr zu Schneckenhaus und Biedermeier (zumindest von der Wohnungseinrichtung her Bernhards liebster Stil) angeprangert worden. Thomas Bernhard war inzwischen Büchnerpreisträger geworden und wurde allgemein immer noch als der „Alpen-Beckett“ gesehen, das aber auch schon seit anderthalb Jahrzehnten. Allenthalben meldeten sich aus den Hochtälern der Alpenländer Germanistikstudenten, die das nächste absurde Endspiel entdeckt hatten. Von daher lag es wohl nahe, was einerseits unterhaltsam Autobiografisches, andererseits aber auch eine Perlenkette tiefschwarzer Todes-Anekdoten auszuspannen. Mann wundert sich in der Rückschau allerdings, wie oft diese fünf Romane schlicht in ihre Teile auseinanderfallen. War denn das Hingeschluderte, das eilig Zusammengestoppelte seinerzeit nicht schon kenntlich. (Wie gesagt, neben „Ein Kind“ funktioniert dieser eine Band noch am besten.)

Man darf um Himmelswillen nicht das „Selbsterlebte“ oder Mitgeteilte für tiefe Gedankenkunst nehmen. Man darf all die grotesken Anekdoten auf keinen Fall unkritisch für bare Münze nehmen! Es ist einfach so: Thomas Bernhard war immer ein Trickster. Besonders wenn er über sich selbst erzählte.

Zur Zeit dieser Niederschrift sind wir noch vor der Entdeckung von Bernhards größtem Skandalthema seines letzten Lebensjahrzehnts, der Erkenntnis, er könnte so etwas wie der einzig moralisch integre Kämpfer gegen die allenthalben anzutreffende österreichische Mischung aus verhocktem Provinz-Katholizismus, Antisemitismus und Nazi-Nostalgie sein.

Für den Autor Bernhard, der sich über Jahre schon auf einen Endzustand des Ausgeschrieben-Seins zubewegt hatte, bildeten die fünf „autobiografischen Romane“ schließlich die Brücke zu einem äußerst virtuosen Manier-Schreiben hinüber. Seine Prosa der achtziger Jahre wurde leichtfüßig, melodisch und unterhaltsam, immer besser, je weniger sie noch zu sagen hatte! Da scheiden sich fanatische Fans und Bernhard-Verächter ganz zu Recht. Er sagt doch fast nichts und immer wieder nur dasselbe, klagen die Einen. Er schreibt so herrlich klingend und zieht uns ewig mit sich fort, jubeln die Anderen.

Entsprechend meiner These, dass man Bernhards künstlerischen Rang für die Ewigkeit nicht an seinen Standpunkten, Gedanken, Haltungen festmachen sollte, sondern an seiner formalen Spielerei und nicht zuletzt an deren Unterhaltswert, zitiere ich hier eine Stelle, bei der ein stärkerer oder aufmerksamerer Lektor über Redundanz und stilistische Unsauberkeit nicht hätte wegschauen können.
 

In meiner Unwissenheit hatte ich meine eigene Krankheit, wahrscheinlich in Anwendung eines lebensnotwendigen Selbstschutzes, nicht als Lungenkrankheit klassifiziert, obwohl naturgemäß diese meine Krankheit nichts anderes als eine Lungenkrankheit gewesen war, schon von Anfang an. Aber unter einem Lungenkranken hatte ich tatsächlich etwas anderes verstanden, und ein Lungenkranker war ja auch ein anderer, ich war im exakt-medizinischen Sinne nicht lungenkrank, obwohl ich tatsächlich lungenkrank gewesen war, ich war aber kein Lungenkranker. Ich hatte aber doch Angst gehabt, hier in dem mit Lungenkranken und, wie gesagt, mit schwer Lungenkranken angefüllten Vötterl lungenkrank zu werden, die meisten dieser Lungenkranken im Vötterl hatten die offene und also die für die Umwelt gefährliche Lungentuberkulose, gegen die zu diesem Zeitpunkt, neuzehnhundertneunundvierzig, vorzugehen noch ziemlich aussichtslos war. Ein Lungenkranker hatte damals noch wenig Aussicht, davonzukommen.


Ich verstehe das schon als Selbstpersiflage und glaube sie immer mal wieder in seinen späten Büchern zu finden. Der aufs Geld erpichte und fast jeden verfügbaren Erscheinungstermin und alle verfügbaren Formate des Verlags Suhrkamp mit Beschlag belegende Autor macht sich einen Spaß daraus, das nächste gut verkäufliche Produkt in den Markt hinaus zu geben. Wo die Leute ihm Tod, Verzweiflung und Einsamkeit zugeordnet haben, sollen sie diese bekommen!

Man sollte sich vor dem Gedanken hüten, dieser egozentrische Mensch Thomas Bernhard hätte etwa uns geliebt oder nur geachtet, weil wir seine Bücher lieben. Er hätte vor allem eines: uns nie treffen wollen.

Der Atem. Eine Entscheidung, 1978, 109 Seiten, diverse Ausgaben, z.B. dtv-Taschenbuch, 11 €; Lesung mit Wolfram Berger, knapp vier Stunden, Der Audio Verlag, mp3-CD, 14 €

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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