Iris Bittner

Nicht so heil, die Welt Kap. 9 und 10

9

 

Während Hochwürdens Bericht war der Inhalt der ersten Flasche Messwein beträchtlich geschrumpft. Leo ging ins Haus und kam einige Minuten später mit einer neuen Flasche und einem Teller voll deftiger Käsebrote zurück. Auch ein gehöriges Stück Fleischwurst hatte er dabei, dessen Duft Gandhi sofort weckte. Wir schmausten langsam und mit Appetit. Leo und ich waren noch mit den Stullen beschäftigt, Gandhi jedoch hatte seine Wurst bereits gierig verschlungen, saß nun aufmerksam neben dem Geistlichen und zählte förmlich jeden Bissen, den dieser nahm. Der tätschelte Gandhi sanft:

„Ja, ich weiß, armer Hund, du bekommst zuhause von diesem bösen Mann nie etwas zu essen. Oje, ich wollte ja auch Wasser für dich mitbringen, warte, ich hole gleich welches.“

Doch mein Hund verschmähte das frische Leitungswasser und soff stattdessen das abgestandene Regenwasser aus einem Blumenuntersetzer.

 

Leo füllte unsere Gläser auf.

„Das ist aber jetzt das letzte Glas, ich bin schon ziemlich angedudelt“, kommentierte ich.

„Alles klar. Ich hoffe, du konntest meinen Ausführungen trotzdem folgen?“

Das war mir zwar gelungen, obwohl ich an deren bisherigem Verlauf wenig Dramatisches erkennen konnte. Witwer hat Stress in der neuen Beziehung. So was soll vorkommen. So unhöflich, Leo dies zu gestehen, wollte ich allerdings nicht sein. Stattdessen fragte ich ihn, woher er seine Informationen über die Familie Berger eigentlich habe.

„An vieles kann sich deine Lissi bestimmt überhaupt nicht mehr erinnern. Wen außer ihr hast du danach gefragt?“

„Ach, ein Teil ist sicherlich Dorfklatsch. Manches habe ich von einer der ältesten Frauen aus meiner Kirchengemeinde, einer Zeitzeugin quasi, die zum Glück für ihr Alter ein tolles Gedächtnis hat. Als ich erst mal Lissis große Schwester Petra aufgespürt hatte, konnte diese die wohl glaubwürdigsten Fakten beisteuern. Unmittelbar nachdem ich Lissi damals gefunden hatte, hatte ich mich auf die Suche nach Petra gemacht. Deren Wohnort herauszufinden, war nicht besonders schwierig, denn sie hat immer noch Kontakte zu ihren früheren Bekannten hier im Dorf. Sie hat sich im Lauf der Zeit gottseidank zu einer sehr patenten, hilfsbereiten Frau entwickelt. Mit der anderen Schwester, Sonja, ist sie bitterbös zerstritten. Es besteht also keine Gefahr, dass sie Lissis Geheimnis ausplaudert.“

 

Es lag wahrscheinlich am Wein, dass ich Leos letzten Worten keinen tieferen Sinn entnehmen konnte. Von welchem Geheimnis redete er da? Einen Zusammenhang mit dem verlassenen Haus konnte ich bisher nicht sehen. Warum er Lissis Schwester ausfindig machen musste und wie, wo und warum er Lissi gefunden hatte, hatte ich ebenfalls nicht begriffen. Hatte Leo das überhaupt erwähnt? Daher schien es mir richtig, den Abend zu beenden. Ich bedankte mich bei Leo für Speis´ und Trank und den Anfang einer Geschichte, von der ich hoffte, dass sie bald ein bisschen spannender werden würde. Er versprach, dass das eigentliche Drama bald folgen würde.

 

„Um alles zu verstehen, musst du die Vorgeschichte eben kennen, sonst fehlt dir später bei manchen Ereignissen das Verständnis für deren Ursache. Alles, was ich im Folgenden zu berichten habe, stammt übrigens aus sicherer Quelle, denn das hörte ich von Lissi persönlich. Das wird praktisch ein neues Kapitel. Ich erzähle es dir demnächst, wenn du willst.“

 

Und ob ich wollte. Auf dem Nachhauseweg sah ich das düstere, leere Haus mit dem verwilderten Garten mit weniger gleichgültigen Augen an als bisher, und ich fragte mich, welche Geheimnisse es wohl verbarg.

 

An den folgenden zwei Tagen hatte Leo zu tun. Ich nicht, jedenfalls nichts besonders Sinnvolles. Beim Versuch, den Gartenteich von Algen zu befreien, nahm ich ein unfreiwilliges Vollbad. Das war aber schon das einzige erwähnenswerte Ereignis dieser Tage. Bisher war mir nicht so stark aufgefallen, wie langweilig das behagliche Rentnerleben sein konnte. Aber seit ich auf die ausgedehnten Hundespaziergänge verzichten musste, wusste ich häufig nicht viel mit mir anzufangen. Ich begann ernsthaft, über ein Ehrenamt nachzudenken. Leider verfüge ich über keine besonders ausgeprägte soziale Ader und kann weder mit ganz alten Menschen noch mit Kindern viel anfangen. Für die Freiwillige Feuerwehr war ich sicherlich zu alt, ebenso für den Fußballverein. Singen kann ich auch nicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als ungeduldig auf Leos Besuch zu warten, der in meiner derzeitigen Situation ein geschätztes Highlight darstellte.

 

Für unser Treffen auf meiner Terrasse hatte ich Bier kühl gestellt. Ein Getränk, das weniger Alkohol enthielt, schien mir meiner Aufmerksamkeit zuträglicher zu sein.

 

„Und, ihr beiden? Ich hoffe, ihr hattet zwei ebenso aufregende Tage wie ich?“

Leo schilderte die Schlägerei während einer Hochzeitsfeier, zu der er gestern als der Priester, der die Trauzeremonie geleitet hatte, eingeladen war, und lachte Tränen in der Erinnerung daran, wie letztendlich die frischgebackene Schwiegermutter resolut den Bräutigam und den angeheirateten Schwager trennte, die aus geringem Anlass wie wilde Stiere aufeinander losgegangen waren.

Den Montag hatte er auswärts mit einer wichtigen Sache verbracht, über die zu sprechen jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei. Das klang sehr geheimnisvoll; umso mehr fühlte ich mich alt und ausgemustert.

 

„Naja, geht so“, seufzte ich. „Hab mir nasse Füße geholt, das war eigentlich alles.“

Nach einem tiefen Zug aus der Bierflasche lehnte sich Leo zurück.

„Lust auf die Fortsetzung?“

„Und wie. Ich warte schon gespannt darauf, wie es weitergeht. Doch zunächst habe ich ein paar Fragen. Zum Beispiel, wie und warum du Lissi gefunden hast. Und ihre Schwester auch. Das habe ich neulich wahrscheinlich überhört. Kann aber auch sein, dass ich es vergessen habe.“

„Gut, dann beginne ich damit. Du hast es nicht überhört, ich erwähnte es bisher nämlich noch nicht.“

 

 

10

 

Aus Gründen, auf die er nicht näher einging, war Baumann eines Tages vor etwas mehr als einem Jahr wieder einmal in Nürnberg. Er hatte noch ein wenig Zeit bis zu seiner Verabredung und schlenderte ziellos durch die Altstadt, als er von einer Zeitungsverkäuferin angesprochen wurde. Für zwei Euro zwanzig kaufte er ihr ein Exemplar einer Obdachlosenzeitung ab.

 

„Kennst du…?“ Ja, natürlich war mir das Blatt bekannt, mit dem eine gemeinnützige Organisation eine sinnvolle Beschäftigung für Obdachlose geschaffen hatte, die einigen davon sogar schon als Sprungbrett in ein geregeltes Leben mit eigenem Einkommen gedient hatte. Die Inhalte konnten durchaus mit denen professioneller Redaktionen mithalten. Ganz besonders gern las ich den Teil, den die Zeitungsverkäufer in ihrer Schreibwerkstatt selbst verfasst hatten.

 

Noch während er das Blatt faltete und in der Tasche verstaute, zupfte ihn die Frau zaghaft am Ärmel.

„Pater Leo?“

Er war wie immer in Zivil unterwegs, darum hatte er zuerst keine Erklärung, wie ihn eine wildfremde Nürnbergerin als Pfarrer erkannt haben konnte.

„Erkennen Sie mich denn nicht? Ich bin doch die Lissi.“

Jetzt erkannte er sie. Als Kind süß, als Jugendliche gefährlich hübsch und als erwachsene Frau eine Schönheit, hatte Lissi auch jetzt, in ihren Endvierzigern, nichts an Attraktivität eingebüßt. Trotz der widrigen Lebensumstände hatte sie ihr bezauberndes Lächeln behalten. Sie trug ziemlich abgerissene Kleidung und roch nicht besonders fein. Wahrscheinlich hatte er sie deswegen nicht sofort erkannt. Lissi war vor über zwei Jahren spurlos aus dem Dorf verschwunden, kurz nach dem zweiten Feuer in der Haustürfabrik.

 

Ich hob die Hand.

„Erlaube mir eine Zwischenfrage“, unterbrach ich Leo. „Ich dachte, das Sägewerk sei vor über dreißig Jahren abgebrannt?“

„Ja, das auch. Du sprichst eindeutig zu wenig mit deinen Mitmenschen, sonst hättest du längst von dem Großbrand gehört, der vor etwa drei Jahren das gesamte Werk zerstörte. Ein knappes Jahr später brannte es dann gleich noch einmal, wenn auch nicht mehr in diesem Ausmaß. Aber ich glaube, als du hierhergekommen bist, war der Wiederaufbau bereits fertiggestellt. Doch nun weiter mit Lissi.“

 

Anfangs hatte man nicht einmal bemerkt, dass sie nicht mehr da war. Sie lebte seit dem tragischen Tod ihres Vaters ganz alleine und sehr zurückgezogen. Als es dann doch jemandem auffiel und die Leute begannen, zu spekulieren, wo sie abgeblieben sein könne, und als ein besonders Neugieriger sogar rundheraus ihren Schwager nach ihr fragte, erhielt der nur lapidar die Antwort: „Die ist halt weg, na und? Ist schließlich erwachsen, kann machen, was sie will.“

 

Die Spekulationen hielten nicht sehr lange an, bald wurde eine andere Sau durch das Dorf getrieben. Lissi war fort, es würde schon alles seine Richtigkeit haben, was geht uns das an? Wie es eben hier so ist.

 

Leo seufzte: „Auf einer Seite ist es schon in Ordnung, dass sich jeder um seinen eigenen Kram kümmert. So wird viel böses Blut vermieden. Völliges Desinteresse am Schicksal seiner Mitmenschen ist jedoch auch nicht das Gelbe vom Ei. Ein guter Mittelweg wäre phantastisch Ich finde oft genug selbst keinen. Nun hatte ich Lissi durch einen Zufall als Obdachlose in Nürnberg aufgespürt, und ehrlich, ich hatte keine Ahnung, was ich mit dieser Tatsache anfangen sollte.“

 

Kurzerhand lud er Lissi auf einen Burger samt Cola ins McDonalds ein. Das konnte sie sich selbst bestimmt nicht leisten. Er freute sich zu sehen, wie sie mit gutem Appetit in das glitschige Zeug biss. Er selbst mochte das Fastfood nicht, er begnügte sich mit einem großen Becher Kaffee. Um Konversation zu machen und auch aufgrund seiner seelsorgerischen Pflichten, begann Pfarrer Baumann, Lissi nach ihren derzeitigen Lebensumständen auszufragen.

 

„Ach, Herr Pfarrer, das ist eine lange Geschichte. Dafür haben Sie wahrscheinlich keine Zeit. Ich übrigens auch nicht, ich will versuchen, noch ein paar Hefte zu verkaufen.“

 

Da er an diesem Tag tatsächlich noch eine wichtige Verabredung hatte, verabschiedeten sich Leopold und Lissi bald.

„Frau Berger, wenn Sie…“,

„Nein“, lachte Lissi. „Sagen Sie bloß nicht ´Sie ´zu mir. Das hat noch nie jemand getan. Hier auf der Straße erst recht nicht.“

„Also gut, Lissi: Ich habe mindestens einmal jeden Monat hier zu tun. Wenn du also reden möchtest, lass es mich wissen. Vielleicht kann ich dir ja helfen? So ein Leben auf der Straße, ist das wirklich okay für dich? Ich habe Kontakt zu mehreren Einrichtungen, an die du dich wenden kannst, wenn du einen Wohnplatz brauchst. Überhaupt, warum kommst du nicht einfach zurück? Du besitzt immerhin ein Haus für dich alleine.“

Lissi wehrte heftig ab. „Um Himmels Willen, bloß das nicht. Nie mehr, nie, nie, nie! Der Toni bringt mich um, Sie werden schon sehen.“

 

Hatte die Ärmste, zusätzlich zu ihrer verminderten Urteilsfähigkeit und ihrer Naivität, die im ganzen Ort bekannt waren, nun auch eine Psychose entwickelt? Verfolgungswahn? War sie deshalb ausgerissen? Vorsichtshalber reichte Baumann Lissi seine Karte, auf der Mobil- und Festnetznummer zu lesen waren.

„Ruf mich an, wann immer dir danach ist. Überleg dir das mit dem Schlafplatz, mir wäre wohler, wenn ich dich weg von der Straße wüsste.“

„Herr Pfarrer! Ich kann doch nicht lesen, haben Sie das schon vergessen?“

„Kennst du jemanden, der dir die Zahlen vorlesen kann? Dann lass den eben für dich anrufen. Wenn Not am Mann ist, kann ich jederzeit nach Nürnberg kommen.“

 

Sie trennten sich, und Leo ging zu seinem Termin. Lissi schlenderte durch Nürnbergs Altstadt. Lächelnd ließ sie sich mit ihren Zeitschriften auf der sonnigen Treppe der Lorenzkirche nieder.

 

Es vergingen mehrere Wochen, bis sich Lissi bei Pater Leo meldete. Schüchtern fragte sie, ob er noch immer Interesse an ihrer Geschichte habe, und besonders, ob das Angebot, eine Wohnung für sie zu finden, noch stehe. Er bejahte beides. So verabredete man sich für Dienstag. Bei schönem Wetter an der Lorenzkirche; sollte es regnen, im Hauptbahnhof am Informationsschalter.

 

Leopold hatte inzwischen einen ihm bekannten Streetworker, der im Auftrag der katholischen Kirche Menschen, die in Nürnberg ohne festen Wohnsitz lebten, betreute, kontaktiert und von diesem die Adresse eines Wohnprojektes erfahren, das Baumann, nachdem ihm sein Bekannter ein wenig darüber erzählt hatte, für Lissi in Betracht ziehen wollte. Zumindest hatte er vor, dieses Projekt mit Lissi zusammen zu besuchen. Die Entscheidung läge natürlich bei Lissi.

 

Nach dem Verzehr eines weiteren Hamburgers fuhr Leopold mit Lissi Richtung Osten aus der Stadt hinaus. Relativ weit entfernt von der Großstadt, näher an der Oberpfalz als am Knoblauchsland, fand er den Gutshof, den ihm sein Bekannter empfohlen hatte. Die Träger mehrerer Wohlfahrtseinrichtungen hatten sich hier zu einem Zweckverband zusammengetan und den Hof, den die ohne Erben verstorbene Eigentümerin zu gleichen Teilen beiden großen Landeskirchen vermacht hatte, in ein Wohnprojekt für Gescheiterte umgewandelt. Finanziert wurde es aus einer Stiftung.

 

Andy, der Streetworker, führte die Gäste durch die Anlage. Er erklärte die Bedingungen, unter denen es gestattet sei, hier zu wohnen.

 

„Das ist ganz einfach“, sagte er. „Du darfst nicht saufen, kein Rauschgift konsumieren, möglichst nicht kiffen, du sollst dich friedlich und kooperativ verhalten, und schon bist du willkommen. Wenn du dich nach einiger Zeit einbringen möchtest und auf dem Hof mithelfen, nimmt dir das jedenfalls keiner übel. Du entscheidest aber alleine, wann du so weit bist und auch in einem gewissen Rahmen, welche Aufgaben du dann übernimmst. Du bist zu keiner Zeit auf irgendeine Art eingesperrt, das heißt, du kannst jeden Tag kommen und gehen, wie du willst, und wenn du eines Tages total verschwinden möchtest, steht dir auch das frei. In dem Fall wären wir jedoch sehr froh, wenn wir rechtzeitig davon erführen. Allerdings hat von dieser Freiheit bisher noch niemand Gebrauch gemacht, offenbar wohnen alle ganz gern hier.“

 

Andy begleitete uns zu den Wohneinheiten. Im großen Gutshaus befanden sich acht Wohnungen, davon zwei für Paare bzw. Mütter mit Kindern, sowie sechs Einzelappartements. Eins davon bewohnte er selbst. Es handelte sich um geräumige Zimmer, jeweils mit Sanitäreinrichtung und einer kleinen Pantryküche. Im Erdgeschoss des Gutshauses befanden sich darüber hinaus eine große Gemeinschaftsküche mit Speisesaal und mehrere Räume zur gemeinsamen Freizeitgestaltung.

 

„Dort, in den beiden längeren Gebäuden, waren früher Pferdeställe. Die wurden ebenfalls zu Wohnungen umgebaut. Da wohnen nochmal achtzehn Leute, darunter, – warte mal, muss ich schnell zusammenzählen – genau, es sind sieben Kinder dabei. Die wurden alle mit ihren Müttern von der Straße aufgelesen. So ein Elend kann man sich kaum vorstellen. Etliche sind schwer traumatisiert. Um sie kümmern sich außer mir noch zwei Sozialpädagogen, und bei den ganz krassen Fällen ziehen wir auch einen Psychologen hinzu.“

 

Er wandte sich an Lissi: „Im Haupthaus haben wir noch ein Appartement frei. Wenn du magst, kannst du gleich hierbleiben und zur Probe dort wohnen. Sagen wir für eine Woche?“

Lissi sah Baumann fragend an. Leopold, der nicht mit diesem Tempo gerechnet hatte, jetzt aber sehr froh war, dass alles so schnell und besonders so unbürokratisch ging, nickte ihr aufmunternd zu.

„Nur los, versuch es doch einfach mal. Du hast es ja gehört, es besteht kein Zwang. Musst du nochmal nach Nürnberg zurück? Ich meine, hast du irgendwo deine Sachen deponiert, die wir holen müssen?“

„Nein, ich habe nichts. Was ich brauche, ist alles hier in meiner Tasche.“ Lissi deutete auf den bunten Sportbeutel, den sie bei sich trug.

 

Pater Leo verabschiedete sich herzlich von Lissy. Es wurde verabredet, dass er nach Ablauf der Probewoche erneut vorbeikäme. Dann werde man sehen, wie es weitergehe.

„Dann hören Sie auch, warum ich abgehauen bin. Oder wollen sie das jetzt gar nicht mehr wissen? Ach ja, Pater Leo: Sie dürfen auf gar keinen Fall Sonja oder Toni verraten, wo ich bin. Ich habe es Ihnen schon gesagt: der Toni will mich tot sehen. Versprechen Sie mir das?“

Baumann versprach es. Ob er denn die andere Schwester informieren dürfe?

„Petra? Ja, meinetwegen, wenn Sie sie finden. Ich habe von ihr schon ewig nichts mehr gehört, keine Ahnung, wo die jetzt steckt. Ich glaube sowieso nicht, dass die sich noch an mich erinnert. Ist mir auch egal. Aber verpetzen darf sie mich nicht.“

 

Während Andy mit Lissy plaudernd zum Gutshaus ging, stieg der Geistliche zufrieden in seinen Wagen und begab sich auf den Heimweg.

„Das war mal wirklich eine sinnbringende seelsorgerische Tat“, sagte er laut zu sich selbst, suchte im Autoradio einen Sender, der Rockmusik brachte, drehte die Lautstärke auf Maximum und bog, den Takt auf das Lenkrad hämmernd, auf die Autobahn.

 

 

 

„Noch Fragen?“ Leo setzte die Bierflasche an und trank den Rest in einem langen Zug aus. „Gar nicht so übel, das Bier. Hast du noch eins?“

Ich holte uns die nächsten Flaschen aus dem Kühlschrank.

„Nein. Jetzt habe ich begriffen, wie du Lissi gefunden hast. Hat sie dir dann später erzählt, warum sie ihr Haus verlassen hat?“

„Auch hier muss ich dich um ein wenig Geduld bitten. Wir beide, also Lissi und ich, sind noch mitten im Aufarbeiten der ganzen Sache. Sie erzählt genau, eins nach dem anderen. Wenn meine anderen Aufgaben es erlauben, fahre ich zurzeit etwa alle zwei Wochen zum Gutshof, wo Lissi nach ihrer Probewoche einen ausgezeichneten Platz zum Leben gefunden hat und sich pudelwohl fühlt. Das möchte ich auf keinen Fall riskieren, indem ich sie mit der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit überfordere. Ich lasse mir jedes Mal nur eine kleine Episode berichten, und selbst das nicht immer. Oft sitzen wir auch einfach nur gemeinsam in der Sonne. Lissi lässt es sich dann nicht nehmen, mir einen selbstgebackenen Kuchen oder Brötchen, auch selbstgebacken, mit natürlich selbstgemachter Konfitüre zu kredenzen.

Sie hatte, als sie sich eingelebt hatte, keinerlei Schwierigkeiten damit, sich in die Gemeinschaft einzubringen und schwingt nun tüchtig das Zepter in der Gemeinschaftsküche. Denn in diesen Dingen macht ihr keiner so schnell etwas vor. Darin ist sie einsame Spitze, und ihre Mitbewohner lassen sich gern von ihren Kochkünsten verwöhnen. Im Gemüsegarten ist sie übrigens auch schon mehr oder weniger die Chefin. Wo wir schon bei dem Thema sind: Hast du dich eigentlich wieder einmal nach der Hanfplantage umgesehen?“

Ich verneinte. Gandhi war mit seiner verletzten Pfote zwar wieder ganz gut zu Fuß, aber eine Strecke außerhalb befestigter Wege oder gar quer durch ein Gebüsch wollte ich ihm noch nicht zumuten.

„Na, das wird ohne uns genauso gut gedeihen. Vielleicht können wir nächste Woche einen Versuch wagen?“

„Sobald die Tierärztin grünes Licht gibt und der olle Trichter weg ist“, versprach ich.

„Also leidest du immer noch unter Langeweile?“ fragte Leo mit einem lauernden Unterton in der Stimme.

„Ach, so wild ist das gar nicht. Irgendwie kriegen wir den Tag noch immer herum, ich werde mich bestimmt bald vollkommen an das träge Leben gewöhnt haben.“

„Und wenn ich für dich etwas zum Zeitvertreib hätte?“ Leos Ton irritierte mich immer mehr.

„Sag mir zuerst, was du im Schilde führst. Und versuch bitte gar nicht erst, an mein soziales Gewissen zu appellieren. Ich habe nämlich keins.“

„Nein, nichts dergleichen“, beruhigte er mich. „Aber du erinnerst dich sicher, dass ich ganz am Anfang erwähnt hatte, dass mich Lissi bat, ihre Geschichte für sie aufzuschreiben. Bisher habe ich alles nur in Stichpunkten notiert, damit ich, wenn ich jemals Zeit dafür finde, nichts Wichtiges auslasse. Wahrscheinlich erst am Sankt Nimmerleinstag, denn momentan werde ich mit jeder Menge Gemeindeangelegenheiten überhäuft. Die Zeit, die ich mir für Lissi nehme, muss ich manchmal buchstäblich stehlen. Auf meine langen Spaziergänge möchte ich aber auch ungern verzichten. Darum kommst du jetzt ins Spiel, hör zu: Ich genieße die Zeit, wie wir beide zusammen verbringen, von Herzen. Nur frage ich mich, ob wir hier nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden sollten. Also kurz gesagt“ - hier blickte mir Hochwürden mit einem Hundeblick, der dem Gandhis in nichts nachstand, tief in die Augen. „Bitte, Schorsch, würdest du für mich Lissis Geschichte niederschreiben?“

 

Erschrocken sah ich ihn an und antwortete ebenso spontan wie unhöflich:

„Nein, auf keinen Fall. Also ich meine, natürlich bin ich dir gern behilflich, bei allem Möglichen, du musst nur sagen wobei. Aber ganz bestimmt schreibe ich keine Geschichten auf. Das kann ich noch weniger als alles andere. Im Übrigen bist du hier der Schreiber. Durch das Verfassen deiner Predigten hast du bestimmt so viel Erfahrung im Schreiben, dass du sicherlich geradezu ein Schreibmeister bist. Jedenfalls tausendmal besser als ich.“

 

„So wild ist das auch nicht“, gab Leo zu. „Die meisten meiner Predigten kann ich mehrmals verwenden. Ich muss nur ausreichend Zeit dazwischen lassen und sie manchmal ein wenig an das Tagesgeschehen anpassen. Zuhören tut ja sowieso kaum einer, also fällt es auch nicht auf. Du gibst dich wohl auch der irrigen Annahme hin, pastorale Arbeit bestehe hauptsächlich daraus, kluge Predigten zu schreiben und sonntags den Gottesdienst abzuhalten. Stimmt nicht, das ist genaugenommen das Wenigste an dem Job.

Aber nochmal zu meiner Bitte: Sieh mal, Lissi erwartet ganz bestimmt keine literarischen Höchstleistungen. Damit kann sie ja ohnehin nichts anfangen. Aber während ihrer Zeit als Verkäuferin dieses Obdachlosenblattes war sie ab und zu mit in der Schreibwerkstatt und ist nun voll Bewunderung für die Leute, die ´das drauf haben´, wie sie es ausdrückte. Die ihre eigenen Geschichten so aufschreiben, dass andere sie nachempfinden können. Sie träumt davon, ihre Geschichte eines Tages in der Obdachlosenzeitung veröffentlicht zu sehen. Obwohl sie sie ja selbst nicht wird lesen können. Aber fast alle anderen Bewohner des Gutshauses haben irgendeinen Schulabschluss. Also wird es ihr jemand bestimmt vorlesen. Wenn es denn erst mal geschrieben ist.“

 

Leo hob den Stoffbeutel, den er bei seiner Ankunft unter dem Tisch hatte verschwinden lassen, auf seine Knie, zauberte eine Flasche meines Lieblingswhiskys daraus hervor und stellte sie vor meine Nase.

„Vielleicht kannst du dich ja mithilfe einer guten Flasche Whisky mit dem Gedanken anfreunden?“

„Vielleicht aber auch nicht. Woher weißt du denn, welches meine Lieblingsmarke ist?“, fragte ich verblüfft.

„Das weiß ich seit gerade eben. Ich habe einfach meine Lieblingsmarke gekauft, für den Fall, du magst vielleicht keinen. Dann kann ich ihn auch gerne wieder mitnehmen.“

Schnell griff ich nach der Flasche.

„Also gut. Zeit dafür habe ich genug. Aber Schreiben kann ich wirklich nicht. Jedenfalls nicht so, dass es irgendjemand lesen möchte, auch nicht die Leser von Obdachlosenzeitungen. Die sind Besseres gewohnt.“

Leo ließ dieses Argument nicht gelten. „Schon in der Bibel steht: ´Du sollst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen´. Außerdem werde ich dir ja helfen, besonders am Anfang. Wenn du erst mal ein paar gute Formulierungen hinbekommen hast, wirst du von alleine immer besser. Probiere es doch einfach mal. Es kann nichts passieren außer, dass es nichts wird. Kleines Risiko, findest du nicht?“

 

Da ich Leos Argumenten und besonders der Verlockung durch den Whisky nichts mehr entgegenzusetzen hatte, nickte ich schließlich ergeben.

„Na gut, ich versuche es. Aber wenn ich nicht weiterkomme, nimmst du mir diese Bürde wieder ab, ist das klar?“

„Ja, natürlich. Vielleicht kommt es aber gar nicht dazu, dass du den Gefallen, den du nicht zuletzt auch Lissi damit tust, als Bürde empfindest. Warten wir es doch einfach ab.“

 

Während wir uns der Versuchung des Whiskys genussvoll hingaben – „ein Schluck als Absacker geht auf jeden Fall“ – fiel mir ein, dass irgendwo in einer bisher nicht ausgepackten Umzugskiste ein alter Kassettenrekorder mit Aufnahmefunktion herumliegen müsse. Wenn ich schon für Leo schreiben sollte, wollte ich dies so komfortabel wie möglich gestalten und mich nicht permanent mit seinen Notizzetteln herumschlagen müssen. Ich schlug vor, den Rekorder als eine Art Diktafon zu benutzen und seine bisherigen Notizen aufzunehmen. Auch Leo fand die Idee nicht schlecht und sagte zu, seine Aufzeichnungen im Lauf der nächsten Woche deutlich auf Band zu sprechen.

„Und langsam!“ bat ich. „Ans Tippen muss ich mich erst wieder gewöhnen, das habe ich schon länger nicht mehr gemacht.“ Auch das versprach Leo.

 

Als Hochwürden sich verabschiedete, begann ich bereits, an meinen schriftstellerischen Fähigkeiten zu zweifeln. Wie konnte ich so voreilig sein und mich zu so einer anspruchsvollen Aufgabe überreden lassen? Nach dem zweiten Glas Whisky erschien mir der Gedanke schon nicht mehr so abwegig, und nach dem dritten grübelte ich bereits darüber, ob es denn unbedingt eine Obdachlosenzeitung sein müsse? Einen ganzen Roman zu verfassen, schien mir in meinem angedudelten Zustand sehr viel sinnvoller.

 

In dieser Nacht träumte ich von Beststellerlisten, erfolgreichen Lesungen in renommierten Buchläden, Ruhm und Ehre als neuer Stern am Autorenhimmel, und als ich gerade in der Paulskirche einen hochdotierten Literaturpreis entgegennahm, wachte ich mit einem fetten Kater und dumpfem Pochen im Kopf ernüchtert auf.

 

An den folgenden Tagen fuhr ich mit Gandhi zur Tierärztin und ließ ihn von Trichter, Fäden und Verband befreien. Ich prüfte meinen Laptop auf Tauglichkeit des Schreibprogramms und besorgte mir ein aktuelleres, kaufte auch Druckerpatronen und Papier und war im Übrigen mehrmals täglich hin- und hergerissen, ob ich mir da nicht wirklich zu viel zugetraut hatte und Leo nicht lieber absagen sollte.

 

Doch dann erschien Hochwürden mit dem Aufnahmegerät und stellte es aufmunternd lächelnd vor mich auf den Tisch.

 

„Bereit, mein Freund? Die ersten Kapitel warten darauf, niedergeschrieben zu werden. Du hast übrigens freie Hand, wie du das Ganze gestalten möchtest. Also eher sachlich oder ausgeschmückt, dramatisch, oder was dir eben dazu einfällt. Hauptsache, du bleibst nah an den Fakten. Damit hast du bestimmt Arbeit genug für die nächsten Wochen. Die Zeit für unsere Spaziergänge musst du dir allerdings freihalten, darauf bestehe ich.“

In seinem salbungsvollsten Tonfall fügte er, ganz der Priester, hinzu: „Ich hoffe, dich damit von deiner tödlichen Langeweile befreit zu haben.“ Ja, so konnte man es natürlich auch sehen.

Später saß ich vor einem blütenweißen leeren Word-Dokument, ließ Leos Aufnahme laufen und fuhr den Laptop anschließend unverrichteter Dinge wieder herunter. Erst zwei Tage später gelang es mir, die ersten Worte zu Papier (konnte man das so überhaupt sagen?) zu bringen. Ab da fiel es mir im Lauf der Zeit wirklich von Tag zu Tag etwas leichter, Lissis Geschichte aufzuschreiben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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