Iris Bittner

Nicht so heil, die Welt Kap. 14, 15, 16

14

 

Im Lauf des Sommers hatte ich den Großteil von Leos Tonbandaufnahmen niedergeschrieben. Hin und wieder gab ich Leo die ausgedruckten Blätter. Er las sie aufmerksam durch, kritzelte häufig Vorschläge für bessere Formulierungen an den Rand und fand auch den einen oder anderen Rechtschreibfehler. Allzu ernst nahm ich meine schriftstellerische Aufgabe nicht. Ich unterbrach sie manchmal für mehrere Tage, an denen ich mir die Zeit mit Rasenmähen, Unkrautjäten oder einfach nur süßem Nichtstun, das ich jetzt wieder genießen konnte, vertrieb. Wenn mich die Sehnsucht nach Kultur überkam, gab ich Gandhi in Leos Obhut und verbrachte anregende Tage in der Großstadt. Natürlich unternahm ich mit Leo und dem Hund, dessen Pfote inzwischen völlig ausgeheilt war, auch wieder regelmäßig lange Waldwanderungen.

 

Wir waren soeben von einer dieser Touren zurückgekommen und hatten uns ziemlich erschöpft auf die bequemen Stühle auf meiner Terrasse gelümmelt, zogen stöhnend die Wanderschuhe aus und versicherten uns gegenseitig, wie tapfer wir doch wieder gewandert seien, trotz der herrschenden Schwüle.

„Da haben wir uns unser Bier redlich verdient“; bemerkte Leo. „Ich hoffe, du hast genug davon kaltgestellt?“

Das hatte ich in der Tat. Ich erhob mich und tappte barfuß zum Kühlschrank. Die Whiskyflasche, deren Pegelstand schon ein gutes Stück gesunken war, brachte ich samt dazugehörenden Gläsern auch gleich mit. Wir prosteten uns zu und kippten den ersten tiefen Zug des erfrischenden Getränks schneller hinunter, als Gandhi seinen Wassernapf leerschlabbern konnte.

Die zweiten Flaschen wurden geöffnet, die wir uns nun in gemäßigterem Tempo schmecken ließen.

 

„Warst du wieder einmal in Nürnberg, also vielmehr in dem Kaff hinter Nürnberg, auf dem Hof bei Lissi?“, fragte ich Leo. „Langsam könnte ich Nachschub brauchen. Deine bisherigen Bänder sind alle soweit verarbeitet.“

Leo schlug vor, ich solle vorerst seine Korrekturvorschläge ordentlich einarbeiten, denn aktuellen Nachschub habe er nicht.

 

„Ja, in Nürnberg war ich schon dieser Tage, aber Lissi habe ich diesmal nicht aufgesucht. Ich hatte meine ganze Zeit für Charlotte reserviert. Sie hatte Geburtstag. Den wollte ich ohne Zeitdruck mit ihr verbringen.“

„Ah, ja, klar. Wer nochmal, sagtest du, ist Charlotte?“

„Ojemine! Da ist mir jetzt etwas herausgerutscht, worüber ich eigentlich gar nicht sprechen wollte. Oder besser gesagt, nicht sprechen darf. Maulkorberlass, du verstehst?“ Baumann schwieg einige Minuten, dann atmete er tief durch.

 

„Also gut, Schorsch. Wir sind ja in der letzten Zeit schon recht gute Freunde geworden. Komm, lass uns den traurigen Rest aus der Whiskyflasche vernichten, während ich dir von meiner Charlotte berichte.“

 

Leopold Baumann hatte sein Theologiestudium in Eichstätt erfolgreich hinter sich gebracht. Er hatte die vorgeschriebene Zeit als Kaplan in einer Pfarrei in Nürnberg absolviert. Vor nicht allzu langer Zeit war er mit einer festlichen Primiz zum Priester der Römisch–Katholischen Kirche geweiht worden. Ausgerechnet da, zur Unzeit, als quasi alles zu spät war, traf Baumann die Frau seines Lebens. Sämtliche schmerzlichen Versuche, seine Gefühle für Johanna, die im Pfarrbüro der Gemeinde als Sekretärin beschäftigt war, zu unterdrücken, scheiterten kläglich. Leopold litt unbeschreibliche Gewissensqualen. Die wurden nicht weniger, als er an Johannas Blicken und Gesten erkannte, dass sie seine verbotenen Gefühle erwiderte. Er versuchte, ihr aus dem Weg zu gehen, und suchte dennoch, mehr unbewusst, immer wieder ihre Nähe.

 

Das ging so lange gut, wie es eben gutging. Nämlich genauso lange, bis sie beide schwach wurden. Sie fielen einander in die Arme und pfiffen auf alle Regeln des Zölibats.

Nach wenigen solcher „Schwächeanfälle“, wie Leopold es ausdrückte, stellte Johanna entsetzt fest, dass sie schwanger war.

 

Während langer, mal trauriger, dann wieder hoffnungsfroher Gespräche versuchten beide, mit dieser schwierigen Situation fertig zu werden. Irgendwann war es Zeit geworden, dass Leo seinem Vorgesetzten seinen Fehltritt eingestehen musste. Es folgten lange Diskussionen mit hochgestellten Mitgliedern des Erzbischöflichen Ordinariats, die darin mündeten, dass Leo nahegelegt wurde, sich von Frau und Kind abzuwenden oder andernfalls sein Priesteramt aufzugeben. Im ersten Fall würde die Katholische Kirche mit großzügigen Geldsummen für den Unterhalt für Mutter und Kind, später auch für die Ausbildung des erwarteten Nachwuchses, sorgen. Im letzteren habe Baumann schlicht keinen Beruf mehr und müsse sehen, wie er künftig zurechtkäme.

 

Leopold Baumann war hin- und hergerissen. Er konnte sich nicht entscheiden. Bedeutete ihm die Liebe zu Johanna mehr als seine Berufung zu Gott? Lange Zeit haderte er innerlich schwer mit seinem Chef.

„Augenblick mal“, warf ich ein. „Du hast wirklich nur innerlich mit deinem Chef gehadert? Wäre es nicht klüger gewesen, ein offenes Wort mit ihm zu reden, deine Fragen auszusprechen?“

„Ja, natürlich habe ich das auch versucht.“

Leo drehte seine Augen nach oben. „Aber ehrlich, mein Freund, von dem bekommst du keine vernünftige Antwort. Da kannst du beten und fragen, bis du schwarz wirst. Deine wichtigen Entscheidungen darfst du ganz alleine treffen. Der alte Mann da oben wartet nur lässig auf den Tag, an dem du den Jordan überquert haben wirst und reumütig zu seinen Füßen liegst. Dann spricht er sein Urteil.“

 

Leo befeuchtete seine Kehle mit einem großen Schluck aus der Bierflasche, die er anschließend heftig auf dem Tisch aufsetzte. „Nein, mein Junge, den Alten brauchst du gar nicht erst zu fragen. Aber das darfst du nicht weitersagen. Öffentlich vertrete ich in dieser Sache natürlich die gegenteilige Position.“

 

Gerecht verteilte Leo den allerletzten Rest Whisky in unsere Gläser, bevor er seine Rede wieder aufnahm.

 

Letzten Endes hatte sich der junge Pfarrer zu seiner Berufung bekannt. Er hatte alle Auflagen und Bedingungen seiner Kirchenoberen angenommen und entsprechende Übereinkünfte unterschrieben. Zum Dank dafür bekam er eine eigene Pfarrei. Er sollte sich fortan um die Belange einer kleinen katholischen Gemeinde am Arsch der Welt kümmern. Dort blieb er für den Rest aller Tage hängen.

 

Von Charlottes Geburt erfuhr er durch eine knappe Mitteilung des für ihn zuständigen Ordinariats. Die war so unpersönlich gehalten, dass ihm die Galle sauer wurde. Immer mehr zweifelte er an seinem Entschluss, doch seine Bindung an die Kirche war eben auch sehr stark. Aber er hatte auf keinen Fall vor, für immer auf sein Kind zu verzichten. Über Umwege nahm er Kontakt zu Johanna auf. Ab da fanden alle paar Monate heimliche Zusammenkünfte außerhalb Nürnbergs statt, wo die drei zwangsweise auseinandergerissenen Menschen fröhliche Tage als junge Familie verbrachten.

Diese schönen Tage endeten aufgrund der veralteten Bestimmungen der Kirche leider stets in Melancholie. Mit steigendem Alter Charlottes wurden die Verabredungen häufiger, und als Charlotte erwachsen geworden war, hatte sich längst ein allmonatliches Vater–Tochter–Treffen als festes Ritual eingebürgert.

 

Baumann atmete tief durch. „Jetzt kennst du also das finstere Geheimnis eines armen Sünders. Da ich zum Schweigen verpflichtet wurde, muss ich dich nun leider auch in dieses Redeverbot miteinbeziehen.“

„Egotepsoffo“, nuschelte ich feierlich.

„Hä?“

„Ego te absolvo“, artikulierte ich sehr langsam und deutlich, wobei ich mit beiden Händen vor Baumanns Gesicht herumfuchtelte. Leo erkannte meine bedeutungsvollen Gesten leider nicht als das Kreuzzeichen, das sie darstellen sollten. Dann umarmte ich ihn fest und brüderlich zum Abschied.

 

Was für eine Geschichte! dachte ich. Hätte ich nicht erwartet, aber, immerhin… Dann jubelte ich innerlich, denn diese Geschichte brauchte ich endlich einmal nicht aufzuschreiben.

 

Im Bett grübelte ich noch eine Zeit lang über Leos Lebensbeichte. Was war wohl aus Johanna geworden? Ich hatte nicht gewagt, ihn danach zu fragen. Jetzt war ich entschlossen, dies auch nicht nachzuholen. Auch ein sehr enger Freund hat schließlich ein Anrecht auf ein Stück Privatsphäre. Aber über die Sache mit dem Arsch der Welt im Zusammenhang mit unserem schönen Dorf bestand noch ein stückweit Redebedarf. So nicht, Hochwürden! Nicht so respektlos, bitte! Mit diesem Gedanken in meinem alkoholbenebelten Kopf schlief ich endlich ein.

 

Eine weitere, trotz der herrschenden Hitzewelle für mich sehr angenehme Woche verstrich. Dann brachte Baumann die nächsten besprochenen Bänder. Es handelte sich um Tonaufnahmen, die Lissi selbst angefertigt hatte. Sie besaß neuerdings ein eigenes Aufnahmegerät und besprach die Tonbänder, wann immer ihr danach war. Zum ersten Mal hörte ich Lissis Stimme. Ein wenig würde ich mich an deren Sprachstil gewöhnen müssen. Ungefähr jeder zweite Satz begann mit: „Und dann, und da, und dann hat er…“, und ähnlichen schlichten Formulierungen. Ich hörte mich eine kurze Zeit lang ein, dann kam ich auch damit zurecht. Ungleich schwerer fiel es mir, den Inhalt des Gesagten zu verarbeiten. Ich brauchte eine gewisse Zeit, bis ich mich innerlich ausreichend davon distanzieren konnte. Jetzt saß ich wieder regelmäßig, den Laptop auf einem kleinen Klapptisch vor mir, im Schatten meiner neusten Errungenschaft, eines überdimensionierten Marktschirms, und setzte die Aufzeichnungen mit einem neuen Kapitel fort.

 

 

 

15

 

Nach Ludwigs Ansicht hatte Anni sich inzwischen ausreichend eingewöhnt. Es wurde Zeit, sie für einen Sprachkurs anzumelden. Sehr erleichtert war er, als er in der Kreisstadt ein Institut fand, das solche Deutschkurse speziell für Teilnehmerinnen anbot. So konnte vermieden werden, dass seine hübsche Frau begehrlichen männlichen Blicken ausgesetzt wurde. Jeden Mittwochvormittag setzte er Anni vor den Toren der Bildungseinrichtung ab. Unterwegs zu seiner Arbeitsstelle kam er sowieso daran vorbei. War der Unterricht gegen Mittag zu Ende, nahm Anni den Schulbus nach Hause, der neben Schulkindern, sofern Platz war, auch andere Reisende beförderte.

 

Anni machte rasch große Fortschritte. Lernen fiel ihr leicht. Einige besonders schwierige Sprachregeln hatte sie aber noch nicht verstanden.

Ludwig betrat die Küche, wo Anni, ihr Heft mit Arbeitsblättern vor sich, stirnrunzelnd am Tisch saß. Lissi saß teetrinkend daneben.

„Hier, wie geht das? Ich nicht verstehen diese Satz. Du mir bitte helfen?“ Lissi gab gelassen zurück: „Oh, nein, das kann ich leider nicht. Weißt du denn gar nicht, dass ich dumm bin? Ich hab´s nicht so mit Lesen und Schreiben. Gut, ein paar Wörter, das geht vielleicht gerade noch. Mehr habe ich nicht kapiert. Frag den Papa, der ist gescheiter.“

Ludwigs Seele wurde warm und leicht, als er Anni antworten hörte:

„Nein, nein, meine liebe Lissi. Du nicht dumm. Du vielleicht nicht richtig lesen, aber in deine Herz du bist eine kluge Frau. Ich fragen später dein Papa.“

 

So konnte nur eine wirkliche Mutter sprechen. Wieder wurde ihm bewusst, dass er eine goldrichtige Entscheidung getroffen hatte. Gerührt trat er heran und drückte beide Frauen in einer einzigen großen Umarmung an sein Herz.

 

Sein Glück sollte am nächsten Unterrichtstag erbarmungslos zerstört werden. Davon konnte Ludwig Berger an diesem sonnigen Mittwochabend natürlich noch nichts ahnen.

 

*

 

In den heißen Mittagsstunden nach der letzten Unterrichtsstunde war es im Bus kaum auszuhalten gewesen. Gemächlich schlenderte Anni von der Bushaltestelle nachhause. Die Sonne brannte angenehm auf ihren Schultern, ein leichter Sommerwind bauschte den weiten Rock ihres leichten Kleides um ihre Beine.

 

„Na, Schönheit?“

Ach so, Toni war es. Familie von Ludwig, irgendeine Art Sohn. Das Wort Schwiegersohn konnte sie sich nicht merken, geschweige denn fehlerfrei aussprechen.

Selbstverständlich hatte Ludwig seine Braut auch seiner älteren Tochter und deren Ehemann vorgestellt. Großes Interesse war auf keiner Seite zu erkennen gewesen.

 

„Hast es wohl nicht nötig, zu grüßen“, stänkerte Toni, der, als sei das selbstverständlich, an ihrer Seite ging.

„Guten Tag, Toni“, gab Anni freundlich zurück und schenkte ihm ihr bezauberndes Lächeln.

„Und? Wie ist er denn so, der Alte?“

„Was meinen du?“

„Na, ficki ficki, du weißt schon. Bringt er noch was? Muss ganz schön mühsam für dich sein, so Nacht für Nacht mit dem Opa. Aber wenn du einmal einen richtigen Mann brauchst – also ich könnte da gern aushelfen.“

Anni beschleunigte ihre Schritte. Schnell, nachhause und die Tür geschlossen. Tonis Anzüglichkeiten hatte sie genau verstanden. Nicht jedes Wort, der Tonfall aber war unverkennbar.

„Nun renn doch nicht gleich weg, dumme Pute. Ihr Negerweiber seid doch ganz scharf auf starke Männer!“

Auf Tonis Gesicht machte sich ein schmutziges Grinsen breit.

„Auf Wiedersehen, Toni“, sagte Anni höflich. „Ich jetzt heimgehen zu meine Mann.“

„Ha, ha, dein Mann! Pass auf, du Nutte. Jetzt lernst du einen echten Mann kennen. Nur, damit du auch mal den Unterschied siehst.“

 

Brutal packte Toni Anni am Arm und zog sie weg von der Dorfstraße. Dort stand eine verlassene Scheune. Gewaltsam schob Toni die zierliche Frau durch das lose in den Angeln hängende Scheunentor und schubste sie auf einen modrigen Heuhaufen.

„Aufhören!“ schrie Anni verzweifelt. „Ich das nicht wollen!“

„Ach, geh doch weiter. Das glaubst du ja selbst nicht. Komm, sei nicht so kratzbürstig!“

Schon hatte er sich auf sie geworfen. Mit einem schnellen Handgriff fetzte er ihr dünnes Kleid von oben bis unten auf. Genauso schnell zerriss er ihren schmalen Slip. Anni schlug um sich, versuchte zu beißen, wand sich und strampelte. Als es Toni zu blöd wurde, machte er kurzen Prozess. Hart schlug er Anni seine Faust gegen die Schläfe. Sie sackte in sich zusammen.

„Na siehst du. Geht doch.“

Toni ließ sich mit seinem Verbrechen viel Zeit, genoss es, die beinahe bewusstlose Frau mehrmals zu vergewaltigen und ließ sie wie ein altes Kleiderbündel liegen, als er endlich fertig war.

 

Anni kam wieder zu sich. Ihr ganzer Körper schmerzte, Blut lief an ihren Schenkeln hinab. Sie taumelte aus dem Gebäude, raffte ihre zerrissene Kleidung so gut es ging über dem geschundenen Leib zusammen und taumelte gedemütigt und weinend nachhause.

 

Zwei Frauen, die gerade über den Gartenzaun hinweg den neusten Klatsch besprachen, sahen ihr erstaunt nach.

„Oh, Gott, was hat die denn? Die sieht ja aus, als sei sie unter den Mähdrescher geraten. Und hast du gesehen? Ich glaube, sie blutet. Wahrscheinlich besoffen hingefallen. Diese Ausländerinnen heutzutage! Na, da muss man eben auf seinen Weg achten, dann fällt man auch nicht auf die Nase.“

Man wandte sich wieder einem interessanteren Thema zu.

 

„Du bist aber heute spät dran. Hatte der Bus Verspätung? Ach du Scheiße, was ist dir denn passiert?“

Lissi erhielt keine Antwort. Anni schlich umgehend ins Gästezimmer und schloss die Tür hinter sich ab. Dort blieb sie. Sie beteiligte sich nicht an Lissis Küchenarbeiten, wollte auch keinen Nachmittagstee im Garten einnehmen. Langsam machte sich Lissi große Sorgen. Anni hatte so schlimm ausgesehen. Hoffentlich war ihr nichts passiert?

 

„Papa, irgendetwas ist mit Anni. Sie kommt nicht aus dem Gästezimmer. Da ist sie schon den ganzen Nachmittag“, empfing sie Ludwig an diesem Abend, kaum dass er das Haus betreten hatte.

„Ach was. Sie wird eben müde sein. Bei dem schönen Sommerwetter den halben Tag im Kurs sitzen und lernen, da kann man schon mal kaputt sein. Lass sie einfach in Ruhe. Zum Abendessen wird sie schon auftauchen. Was gibt´s denn Gutes?“

„Nichts, nur Wurst und Brot. Willst du wirklich nicht nach Anni sehen? Sie war so komisch, als sie nachhause kam.“

„Na, gut. Wenn du meinst, kann ich ja zu ihr hineingehen. Wirst sehen, nichts ist passiert. Anni ist sicher schon wieder putzmunter. Kann ich bitte ein Bier zum Abendbrot haben?“

 

Brot, Wurst und Bier waren vergessen, als Anni nach mehreren Aufforderungen, die Tür aufzusperren, und schließlich der Drohung, die Tür einzutreten, zögernd aus dem Zimmer kam. Ihre sonst goldbraune, frische Gesichtsfarbe war einem fahlen Grau gewichen. Die mandelförmigen Augen lagen verquollen und gerötet tief in den Höhlen, das schwarze Haar hing glanzlos am Kopf herunter. Ihre demolierte Kleidung hatte sie gegen einen unförmigen Jogginganzug getauscht.

 

Stockend und schluchzend versuchte sie, Ludwig zu berichten, was ihr angetan worden war. Es dauerte eine Weile, bis er aus dem Gestammel annähernd schlau wurde.

„Welches Schwein war das? Hast du ihn erkannt? Na warte, dem schlag ich den Schädel ein! Den bring ich um!“

„Bitte nicht töten. Besser Polizei holen. Deine Tochter Sonja sonst sehr traurig, wenn ihre Mann tot.“

„Was? Sag das nochmal. Toni? Das war Toni? Erschlagen werde ich ihn, auf der Stelle.“

Zaghaft mischte sich Lissi ein: „Was hat der Toni denn gemacht? Hat er dir wehgetan? Ja, das macht er gern. Sonja schlägt er auch oft, wenn sie Streit haben. Habt ihr auch gestritten?“

Ludwig war froh, dass wenigstens seine kleine Tochter den Begriff Vergewaltigung und deren Begleitumstände nicht kannte und deshalb auch nicht richtig einordnen konnte.

„Papa, du wirst Toni doch nichts tun? Mörder kommen ins Gefängnis, das weiß jeder. Geh zu ihm und schimpfe ihn ordentlich aus. Warte, ich komme mit und zerkratze ihm das Auto. Da ärgert er sich bestimmt!“

Ludwig beruhigte Lissi. „Nein, ich werde ihm nichts tun, versprochen. Aber grün und blau schlagen werde ich ihn doch. Das hat er verdient, mindestens.“

„Auch nicht schlagen, bitte.“ Anni hatte sich ein wenig gefasst. „Du sollen Polizei rufen. Toni ein böser Mann. Müssen eingesperrt werden. Dann nicht mehr Sonja schlagen und alle Frauen in Ruhe lassen.“

„Sieh mal, mein Schatz: Die Polizei zu verständigen, wäre genau das Falsche. Die lassen ihn sowieso gleich wieder frei, damit ist nichts erreicht. Dann wird alles nur noch schlimmer. Liebes, stell dir mal den Skandal im Dorf vor! Du kannst sicher sein: ein paar Ordentliche auf die Fresse sind besser geeignet, um so ein Untier zu Verstand zu bringen.“ Voller Wut stapfte Ludwig zur Wohnung seiner Tochter.

 

„Toni, du Dreckschwein, mach auf!“ brüllte er, während er mit den Fäusten gegen die Tür hämmerte.

„Papa? Was ist denn jetzt schon wieder los? Musst du hier so herumschreien? Toni ist nicht zuhause, der ist mit ein paar Kumpels unterwegs.“

„Los, mach auf. Dann rede ich eben mit dir.“

Kaum hatte ihn Sonja eingelassen, schilderte er mit atemlos hervorgestoßenen Worten seiner entsetzten Tochter Tonis Gräueltat.

„Der hat ein Riesenglück, dass ich ihn nicht angetroffen habe. Keinen gesunden Knochen hätte er mehr im Leib, darauf kannst du dich verlassen.“

„Wirklich?“ Sonja grinste spöttisch. „Du glaubst tatsächlich, Toni ließe sich von dir zusammenschlagen? Aber Papa, du kennst ihn doch. Lass mich das erledigen. Ich werde mit ihm reden. Vielleicht schaffe ich es, dass er sich bei Anni entschuldigt. Ein bisschen Geld wird ihn das auch kosten. Frag sie doch einfach, wieviel sie als Wiedergutmachung verlangt. Und jetzt geh lieber, bevor Toni nachhause kommt. Ich will nicht, dass ein Unglück geschieht.“

 

Geschlagen und unverrichteter Dinge schlurfte Ludwig in sein Haus zurück.

 

Als Toni spätabends, nicht mehr ganz nüchtern, zu Sonja in die Wohnung kam, wurde er von einer wütenden Frau empfangen.

Noch bevor er gänzlich durch die Tür getreten war, hatte sie ihm bereits zwei kräftige Ohrfeigen ins Gesicht geknallt.

„Du blödes Schwein, lass bloß die Griffel von anderen Frauen!“ keifte sie ihm entgegen.

„Hey, du saudummes, Weib, was fällt dir ein? Seit wann schlägt eine ordentliche Frau denn ihren Mann? Und überhaupt hast du mir gar nichts zu sagen, doofe Kuh. Also halt dein Maul!“

 

Selbst im Nachbarhaus hörte man trotz geschlossener Fenster die lautstark geführte Auseinandersetzung. Grund zur Beunruhigung sah man darin nicht. Dass es bei Toni und seiner Schlampe öfter heiß herging, war schließlich nichts Neues. Morgen würde man die beiden wieder einträchtig Hand in Hand durch den Ort schlendern sehen. Besser nicht einmischen. Toni konnte übel zuschlagen.

 

Man hörte noch ein lautes Krachen, als Toni seine Ehefrau grob gegen die Wohnungstür schleuderte. Es folgte eine Anzahl hässlicher Wörter, von ihm boshaft gegrölt, von ihr hysterisch gekreischt und soweit unter der Gürtellinie angesiedelt, dass jeder Zuhälter davon errötet wäre. Dann war wieder Ruhe.

 

Am nächsten Morgen entdeckte Toni im Lack seines BMW, den er heiß und innig liebte und ausdauernd polierte, hegte und pflegte, einen tiefen Kratzer. Niemand konnte sich erklären, woher der kam. Lissi war abends doch nur hinausgegangen, um einen frischen Blumenstrauß zum Friedhof zu bringen…

 

„Wann kommen Polizei? Bald? Holen Toni?“ Hoffnungsvoll blickte Anni Ludwig entgegen.

„Nein, meine Liebe. Ich sagte doch bereits, Polizei kommt nicht infrage. Hör zu: Toni kommt morgen, um sich bei dir zu entschuldigen. Er wird dir auch Geld geben. Du musst nur sagen, welche Summe du als Entschädigung haben möchtest. Davon kannst du dir kaufen, was du magst. Dann hätten wir den Fall aus der Welt geschafft und alles ist wieder in Ordnung.“

 

„Nichts in Ordnung. Du versprochen, mich beschützen. Ich will nicht Geld. Meine Körper nicht verkaufen, hörst du? Toni soll weg, sonst ich viel Angst, er macht wieder Böses.“

„Gehen wir erst einmal schlafen. Was du am nötigsten brauchst, ist jetzt Ruhe. Morgen sieht die Welt bestimmt schon wieder anders aus. Die Zeit heilt alle Wunden.“

 

Noch mehr Plattheiten hatte Ludwig gerade nicht parat. Die hätten ihm auch nichts genutzt, denn am nächsten Tag sah seine Welt tatsächlich anders aus. Aber nicht so, wie er es gerne gehabt hätte.

 

Anni begab sich mit gesenktem Kopf ins Gästezimmer und versperrte die Tür hinter sich. Auf Ludwigs letzte, in seiner Hilflosigkeit sicher gut gemeinte Sätze, hatte sie nicht geantwortet.

 

 

16

 

Morgens gab sich Ludwig große Mühe, das Haus möglichst leise zu verlassen. Seine beiden Mädchen sollten ausschlafen, er wollte sie nicht stören. Heute Abend würden sie sich bestimmt beruhigt haben.

 

Während er seiner Arbeit nachging, musst er sich eingestehen, dass er erheblich unkonzentrierter als gewöhnlich war. Seine Gedanken drehten sich unaufhörlich um den furchtbaren Tag gestern. Er hatte getan, was er konnte. Aber hatte das gereicht? Wie ging es den beiden Frauen zuhause? Bei der Vorstellung, was geschähe, sollte Toni die beiden heimsuchen, wurde ihm speiübel. Er hielt es nicht mehr aus, meldete sich krank und fuhr am frühen Nachmittag nachhause.

 

„Hallo, ihr zwei Hübschen!“, rief er betont munter, als er durch die Haustür trat. Er stellte seine Arbeitsschuhe unter die Garderobe und schlüpfte in ausgetretene Sandalen. „Hallo? Wo seid ihr denn?“ Klar, bei diesem schönen Sonnenschein fände er die Mädchen bestimmt im Garten. Bevor er sich zu ihnen gesellte, wollte er rasch einen Schluck Wasser trinken. Es war reichlich heiß, er hatte gewaltigen Durst.

 

Ludwig betrat die Küche und blieb überrascht stehen. Am Tisch bei Lissi saßen Horst und Susi. Eine niedergedrückte, düstere Stimmung schlug ihm entgegen, noch ehe einer der Anwesenden ein Wort gesprochen hatte.

 

Statt eines Grußes stieß Ludwig schockiert hervor: „Großer Gott! Ist denn schon wieder etwas passiert?“

Horst sah ihm ruhig in die Augen. „Setzt dich erst einmal hin, Ludwig, alter, guter Freund. Ja, es ist etwas passiert. Ich sage es dir lieber sofort. Ludwig, sei jetzt bitte stark: Anni…“

„Was ist mit Anni? Hat Toni schon wieder…? Nein, lass es bitte nicht wahr sein. Ich hätte ihn umbringen sollen, den Mistkerl, jawohl. Gleich gestern hätte ich ihn erschlagen müssen.“

Ludwig ließ sich fassungslos auf einen Stuhl fallen.

„Nein, Ludwig. Anni ist in Ordnung. Aber wie du siehst, ist sie nicht hier.“

„Was heißt das, nicht hier? Das sehe ich auch. Ist sie noch immer im Gästezimmer? Dann lasst sie gefälligst in Ruhe. Sie braucht eben ihre Zeit.“

„Nein, Papa, Anni ist gar nicht mehr hier.“

Das war Lissi, die ihn mit Tränen in den Augen mitleidig anblickte. „Anni ist zurückgefahren. Horst hat sie weggebracht. Nach Thailand, wo sie herkommt. Schau mal, ihren schönen Elefanten hat sie mir zum Abschied geschenkt.“

 

Lissi hob die geschnitzte Holzfigur hoch. Der Elefant, ungefähr 40 Zentimeter groß und reichlich schwer, offenbar für irgendein Fest feierlich herausgeputzt, hatte bisher einen Ehrenplatz auf der Anrichte im Wohnzimmer eingenommen. Annis einziges Andenken an ihre Heimat war sehr dekorativ. Lissi war sehr stolz, dass die hübsche Figur jetzt ihr gehörte. Noch viel lieber aber hätte sie Anni hierbehalten. Als Mutter, als Freundin, als Vertraute.

 

„Ach, pfeif doch auf das Stück Holz“, knurrte Ludwig gereizt. „Nun erzählt schon, was geschehen ist. In Thailand ist Anni bestimmt nicht. Wie sollte sie denn so schnell dahin kommen? Horst, du sagst mir auf der Stelle, wohin du sie gefahren hast, damit wir sie schnell wieder zurückholen können.“

 

„Ich nicht glaube, das wird gehen.“ Susi sah Ludwig aus ihren braunen, leicht schrägstehenden Augen ernst an. „Meine Mann sie gebracht zu Institut nach Nürnberg. Sie dort bekommen Geld für Heimfliegen. Anni heute Morgen zu mir gekommen. Viel geweint. Du nicht genug sie lieben. Du nicht aufpassen, dass Frau nichts passieren. Du nicht beschützen vor böse Mann. Anni sehr traurig, und viel Angst. Will zurück. Schlechte Leben zuhause besser als hierbleiben, sie gesagt. Du nicht sollen kommen und holen.“

 

Ludwig polterte aufgebracht los: „Was soll das? Nur weil…, äh, hat sie erzählt, was gestern passiert ist? Wie auch immer, deshalb kann sie doch nicht gleich davonlaufen. Das hätte ich schon irgendwie wieder in Ordnung gebracht. Horst, fahr mich nach Nürnberg. Den Fatzken von der Partnervermittlung werde ich etwas erzählen. Die können sie doch nicht einfach dabehalten und nach Thailand zurückschicken. Ist ja kein Paket, das man retournieren kann. Menschenretouren, das wäre ja noch schöner. Für mich grenzt das an Entführung. Entführung, jawohl, das ist das richtige Wort. Horst, du hast meine Frau entführt! Jetzt hole sie gefälligst wieder zurück. In zwei Stunden ist Anni wieder hier, verstanden?“

Er erhob sich, griff zum Telefon und wählte die Nummer des Instituts, die er von ungezählten früheren Telefonaten auswendig kannte.

Auf keinen Fall werde man Anyanee zu ihm zurückschicken, beschied man ihm unfreundlich und bestimmt. Sie sei in einem derart schlimmen, verstörten, außerdem auch körperlich verletzten Zustand angekommen, dass dieses Ansinnen völlig ausgeschlossen sei. Nein, ihren genauen Aufenthaltsort gäbe man natürlich nicht preis. Das Ergebnis der bereits erfolgten ärztlichen Untersuchung habe die Befürchtung bestätigt, dass Anyanee körperliche Gewalt angetan worden sei. Was die seelischen Verletzungen beträfe, darüber könne man nur spekulieren.

„Herr Berger, Sie können von Glück reden, dass wir nicht die Polizei hinzuziehen. Anyanee hat uns unter Tränen darum angefleht. Lieb ist uns das nicht. Ganz sicher sollten Sie sich dessen auch nicht sein. Möglich, dass sie in ein paar Tagen, wenn sie sich etwas beruhigt, hat, die Sache anders sieht und man Sie zur Rechenschaft ziehen wird. Herr Berger, wenn wir Frauen aus Asien nach Deutschland vermitteln, dann ganz gewiss nicht, um sie solchen Scheusalen, wie Sie eines sind, auszusetzen. Wir haben nicht immer alles in der Hand. Doch wir wissen, dass wir für die Frauen eine große Verantwortung übernehmen. Guten Tag. Nebenbei: Von dem hinterlegten Betrag haben wir bereits ein Flugticket für Anyanee reserviert.“

 

Matt sank Ludwig auf seinen Stuhl. Er spürte eine unsägliche Leere und eine Traurigkeit, wie er sie seit Luises Tod nicht mehr gefühlt hatte. Lissi, der die Tränen noch immer über die Wangen rollten, stand auf, trat hinter ihren Vater und streichelte ihm tröstend über die Schultern.

 

Als Leo und Susi schließlich gegangen waren, saßen Vater und Tochter trübsinnig im Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät, aus dem unbeachtet eine Quizshow leierte. Ludwig brütete vor sich hin. Lissi streichelte die polierte Oberfläche des Elefanten. Sie sah auf und blickte aus ihren großen blauen Augen Ludwig direkt ins Herz:

„Papa, sei nicht traurig. Ich verspreche dir: Ich laufe nicht weg. Mich wirst du für immer behalten. Weil deine kleine Lissi ihren Papa über alles liebt.“

„Geh schlafen, Schneewittchen!“, gab Ludwig gerührt zurück. „Danke, mein Kind. Jetzt geht es mir schon viel besser. Schlaf gut, mein Herz.“

 

Irgendwann erhob sich Ludwig Berger, schaltete das Fernsehgerät ab und ging zu Bett. Schlaflos und verschwitzt wälzte er sich in den Laken. Es gelang ihm einfach nicht, die Frauen, die er begehrte, festzuhalten. Was war nur mit ihm los? Was hatten andere Männer, das ihm fehlte?

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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