Iris Bittner

Nicht so heil, die Welt Kap. 17, 18

17

 

Ludwig Berger machte sich nicht die Mühe, aufzustehen. Er rief in der Firma an, meldete sich krank und drehte sich knurrend auf die andere Seite, als Lissi besorgt nach ihm rief. Wie immer hatte sie das Frühstück für ihren Vater vorbereitet. Auch Lissi war das Herz schwer. Dennoch wäre es ihr niemals in den Sinn gekommen, ihre häuslichen Pflichten zu vernachlässigen. Papa musste pünktlich zur Arbeit, egal was geschehen war.

„Papa, du musst jetzt endlich aufstehen, oder willst du zu spät kommen?“

Keine Antwort aus Papas Zimmer.

„Papa, was ist? Frühstück ist fertig! Papa, bist du krank?“

Leise betrat Lissi Ludwigs Schlafzimmer. Ihr geliebter Papa krank? Das konnte nicht sein. Ludwig richtete sich im Bett auf.

„Lass mich in Ruhe. Raus hier! Siehst du nicht, dass es mir schlecht geht? Scheiß auf Arbeit!“

 

Lissi hatte in ihrem ganzen Leben noch nicht erlebt, dass Papa sie so grob anfuhr. Sie ging in die Küche und richtete liebevoll ein Tablett mit Ludwigs Frühstück her. Ganz bestimmt hatte sie etwas getan, weshalb Papa so wütend auf sie war. Sie versuchte, den gestrigen Tag in Gedanken zu rekonstruieren. War es ihre Schuld, dass Anni weg war? Hätte sie mehr tun sollen, um Anni zu halten? Aber was? Sie war ja selbst schrecklich unglücklich über den Verlust ihrer Freundin. Bestimmt hatte sie etwas Wichtiges übersehen. Sie allein hätte das Unglück verhindern können. Wenn sie nur wüsste, wie. Aber ein gutes Frühstück würde vielleicht Papas Stimmung verbessern. Dann würde sie sich bei ihm entschuldigen, und Papa hätte sie wieder so lieb wie vorher.

 

Schweigend trug Lissi das Tablett in Ludwigs Schlafzimmer und stellte es auf der Bettkonsole ab.

„Papa, bitte verzeih mir!“, flüsterte sie, während sie den duftenden Kaffee in die beste Tasse schenkte, die sie hatte finden können. Als keine Antwort kam, verließ sie eingeschüchtert den Raum. Auch ihr war der Appetit auf Toast und Kakao vergangen.

 

Gedankenverloren saß sie am Küchentisch, als Ludwig eine Stunde später, noch immer in Schlafanzug und Pantoffeln, mit dem Tablett in den Händen in die Küche schlurfte. Er hatte nichts angerührt. Scheppernd stellte er das Tablett auf die Anrichte, bevor er wortlos im Badezimmer verschwand. Als er auf dem Rückweg seine Tochter schluchzend auf ihrem Stuhl sitzen sah, übertraf das Mitleid mit ihr kurzzeitig das eigene Leid. Deshalb trat er zu ihr, streichelte Lissi zart über den Kopf und brummte:

„Na, da haben wir jetzt den Salat. Nicht weinen, Süße. Wir beide kriegen das schon wieder hin“, drehte sich um und verschwand in seinem Zimmer.

 

Eine Stunde später, als Ludwig, nun ordentlich angezogen, wenn auch unrasiert, wieder erschien, war seine Laune nicht merklich besser. Immerhin nahm er etwas von dem Kaffee, den Lissi warmgehalten hatte, zu sich. Mit der Kaffeetasse in der Hand saß er für den Rest des Vormittags schweigend in der Küche. Teilnahmslos nahm er wahr, dass Lissi eifrig werkelte, Gemüse schnitt, Fleisch würzte, kurz, dass seine Tochter dabei war, ein Mittagessen zuzubereiten, als sei nichts geschehen. Er bat sie, damit aufzuhören. Lissi räumte still die Lebensmittel auf. Verderben durfte trotz allen Elends nichts. Oma Linde hatte sie das streng gelehrt.

 

Den restlichen Tag verbrachte Ludwig in grauer Stimmung, mal vor sich hinbrütend, gelegentlich in unruhigem Schlummer, auf der Couch im Wohnzimmer. Lissi schlich auf leisen Sohlen durch das Haus. Sie fing einige Arbeiten, die ihr sonst immer leicht von der Hand gingen, an, ohne eine einzige zu einem sinnvollen Ende zu bringen.

 

Es wurde Abend. Ludwig bedachte die Meldungen der Tagesschau mit einem gebrummten „Auf der ganzen Welt nur Mist, wo soll das nur hinführen?“, bevor er sich schwerfällig in sein Zimmer bewegte und auf das Bett fallen ließ. Dort fand er keinen Schlaf. Zu seinem Schmerz um den Verlust Annis hatte sich ein fürchterlicher Gedanke gesellt. Wie sollte er Lissi beschützen? Nächste Woche würde er wieder an seinem Arbeitsplatz erscheinen müssen. Was geschähe in den langen Stunden, in welchen Lissi alleine zuhause war? Toni, dem Mistkerl, traute er alles zu. Für den wäre es ein Leichtes, von seiner Arbeit in der Türenfabrik zu verschwinden, die Straße zu überqueren und sein teuflisches Werk fortzusetzen. Seine Abwesenheit fiele dort wahrscheinlich nicht auf. Ihn führte seine Aufgabe, die Maschinen zu warten und Störungen zu beheben, den ganzen Tag kreuz und quer durch die Betriebshallen. Zu keinem Zeitpunkt wusste man genau, wo sich Toni gerade aufhielt. Nur wenige Minuten reichten aus, und Lissi könnte grauenhaftes Leid geschehen. Das musste er mit allen Mitteln verhindern. Vage bildete sich eine Idee in seinem Kopf.

 

Samstagmorgen nahm Ludwig appetitlos ein paar Bissen Toast zu sich, erhob sich abrupt vom Tisch und forderte Lissi auf, sich fertig zu machen Sie würden zusammen in die Kreisstadt fahren. Lissi war begeistert. Papa schien es besser zu gehen. Ein Ausflug in die Kreisstadt war für sie immer etwas Besonderes. Ohne Annis Begleitung in Modehäusern und Schuhgeschäften herumzustöbern, hatte zwar wenig Reiz für sie, doch allein der Gedanke, das Haus zu verlassen und ein paar Stunden mit Papa unterwegs zu sein, verscheuchte ihren Kummer sofort.

 

In der Stadt angekommen, stellte sie verwundert fest, dass Papa weder Kleidung noch Schuhe für sie kaufen wollte, sondern vielmehr einen Baumarkt ansteuerte. Puuh, wie langweilig! Ludwig kaufte eine dicke Eisenkette, mehrere starke Vorhängeschlösser und eine kräftige Haustürsicherung. Ohne einen Abstecher in die Eisdiele zu machen wie neulich mit Anni, fuhren sie anschließend sofort wieder zurück.

 

Ludwig machte sich sogleich ans Werk. Als er fertig war, war das Gartentor mit Ketten und Schlössern gesichert. Die Haustür ließ sich von innen doppelt und dreifach versperren. Kein Eindringling könnte diesen Schutzwall überwinden. Dann erklärte er Lissi die Vorsichtsmaßnahmen. Sie dürfe das Haus verlassen, solle sich aber nur im hinteren Bereich des Gartens aufhalten. Zurück im Haus müsse sie die Sicherheitsriegel sorgfältig vorlegen. Das Gartentor könne nur er allein öffnen. Die Schlüssel für die Vorhängeschlösser trüge er stets bei sich.

 

Lissi versprach, alles genau zu befolgen. Den Sinn verstand sie nicht wirklich. Aber alles, was Papa glücklich machen konnte, war richtig und in Ordnung. Ihren kurzen Spaziergang zu Mamas Grab, der bisher einzige Weg, den sie allein zurücklegen durfte, könnte sie schließlich auch abends nachholen, wenn Papa zurück war.

 

Das Wochenende verging schleppend und trübe. Nach seiner hektischen Aktivität beim Einbau der Sicherheitsvorkehrungen war Ludwig wieder in sein tristes Schweigen zurückgefallen und verbrachte die meiste Zeit auf dem Sofa. Lissi gab sich jede erdenkliche Mühe, ihn aufzuheitern. Aber weder der bunte Blumenstrauß auf dem Esstisch, der duftende Kuchen, das exzellente Mittagsmahl, selbst ihr strahlendes Lächeln, das Papa bisher stets hatte hinschmelzen lassen, erlösten ihn aus seiner Betäubung.

 

Ludwigs düstere Bitterkeit zog sich während der folgenden Wochen dahin. War er an seinem Arbeitsplatz, wurde Ludwig von den furchtbarsten Sorgen geplagt, ob seine kleine Lissi wirklich sicher genug war. Zuhause war er wortkarg und reizbar.

 

Einmal, als Lissi ihn mit einem asiatischen Gericht, das sie Anni abgeschaut hatte, überraschte, ließ er sich sogar zu einem Wutausbruch hinreißen, sodass Lissi, nachdem sie die Scherben weggekehrt hatte, stillschweigend die Reste und dazu sämtliche Asia-Gewürze in den Müll kippte.

 

Lissi unterdrückte ihre Tränen. Was als Festschmaus zu ihrem achtzehnten Geburtstag gedacht war – nun war es Müll. Den Geburtstag hatte Papa auch vergessen. Geschenke waren ihr egal. Von Papa bekam sie alles, was sie brauchte. Über ein kleines Extra hie und da freute sie sich immer wie ein kleines Kind, aber mehr als alles auf der Welt hatte sie sich gewünscht, dass Papa endlich wieder fröhlich sei. Oder wenigstens nicht mehr ganz so traurig. Nun hatte er ihren Ehrentag nicht einmal erwähnt. Wahrscheinlich verübelte er ihr noch immer, dass Anni ihretwegen gegangen war. Anders konnte sie sich Papas Verhalten nicht erklären. Sie nahm sich vor, in Zukunft noch aufmerksamer zu sein und dem armen Papa wirklich jeden Wunsch von den Augen abzulesen, noch bevor er ihn aussprechen konnte.

 

Die Lösung für seine quälenden Sorgen um Lissis Sicherheit fand Ludwig in der folgenden Woche, als er am Aushang in der Kantine einen Zettel entdeckte. Eine Küchenhilfe werde dringend gesucht, las er.

Schnurstracks ging er zum Personalbüro und erklärte: „Ihr sucht eine Kantinenhilfe? Den Zettel könnt ihr wegtun, ich kenne da jemanden. Meine Tochter Lissi ist genau die Person, die ihr braucht. Kochen kann die, sage ich euch, so gutes Essen gab es hier noch nie.“

Er erschrak, als die Mitarbeiterin lakonisch erklärte: „Bewerbungsschluss ist nächste Woche. Bis dahin muss ihre schriftliche Bewerbung vorliegen. Ich denke, dass deine Tochter gute Chancen hat. Das Interesse ist bisher gering.“

„Äh…, geht das nicht mündlich? Sie muss schließlich nur kochen können. Denn, ehrlich gesagt, meine Lissi hat da so eine kleine Schreibschwäche. Aber ansonsten ist sie wirklich intelligent. Und ganz besonders fleißig. Wollt ihr es nicht mal mit ihr versuchen? Vielleicht auf Probe? Sie muss auch nicht viel Geld verdienen. Der Teufel soll mich holen, wenn ich meine Tochter nicht ernähren könnte. Genaugenommen täte Lissi euch einen Gefallen, in dieser Personalnotlage einzuspringen.“

Man versprach, darüber nachzudenken.

 

Es fand eine Besprechung zwischen Personalchef und Betriebsrat statt. Danach brachte Ludwig Lissi zu einem Vorstellungsgespräch. Da wirklich keine anderen Bewerbungen vorlagen, wurde Lissi für eine Woche auf Probe eingestellt. Ginge alles gut, habe sie nachher einen dauerhaften Job.

 

„Übrigens, Fräulein Berger: Sie müssen gar nicht kochen können. Dafür ist hier seit Jahren Dora zuständig. Sie sollen ihr nur zuarbeiten. Gemüse vorbereiten, Spülmaschine einräumen, Tische sauber halten. So etwas in der Art, was da eben alles anfällt. Also keine Sorge. Wird schon werden.“

 

Lissi war ein wenig enttäuscht, ihre Kochkünste nicht Papas Kollegen demonstrieren zu dürfen, war aber heilfroh, nicht mehr jeden Tag alleine zuhause eingesperrt zu sein. Stattdessen fuhr sie mit Papa nun täglich zu ihrem Arbeitsplatz in der Kantine. Manchmal sogar mit Papas Wagen, öfter nahmen sie den Werksbus. Sie brauchte nur kurze Zeit, um sich daran zu gewöhnen, ab jetzt regelmäßig Doras Anweisungen zu folgen und den Tagesablauf nicht mehr nach Lust und Laune einzuteilen.

 

Mit anderen Menschen hatte sie ohnedies noch nie Schwierigkeiten gehabt. Die wenigen, die sie in ihrem bisherigen Leben getroffen hatte, hatte sie immer gleich mit ihrer Schönheit und ihrem bezaubernden Lächeln für sich gewonnen. Genauso ging es ihr auch hier. Papa hatte ihr zwar verboten, mehr als nötig mit anderen Leuten zu sprechen. Besonders den männlichen Mitarbeitern solle sie möglichst weit aus dem Weg gehen. Sie hielt sich daran, so gut das ging, ohne andere vor den Kopf zu stoßen. Lächeln hatte Papa immerhin nicht verboten. Jeder höfliche Gruß eines Kantinenbesuchers, jeder freundliche Blick und jedes liebenswürdige „Dankeschön“ spornten sie an, noch fleißiger und sorgfältiger ihre Arbeiten zu erledigen. Die freundliche, behäbige Köchin Dora musste sie in ihrem Arbeitseifer gelegentlich sogar bremsen, war aber im Übrigen von der neuen Hilfskraft sehr angetan und voll des Lobes.

 

Einzig die Tatsache, dass Ludwig täglich mehrmals in der Kantine erschien, unaufgefordert die Küche betrat und Lissi besorgt nach ihrem Wohlergehen fragte, irritierte Dora ein wenig. Sie bat daher Lissi, ihren Vater davon abzubringen.

„Was will er eigentlich ständig hier? Glaubt er denn, ich sei eine fiese Chefin? Nein, nicht wahr? Das bin ich ganz bestimmt nicht. Lissi, wir zwei machen hier unsere Sache zusammen super. Das muss dein Vater nicht immerzu kontrollieren. Der geht mir langsam auf die Nerven.“

„Ach, der Papa hat eben Angst um mich. Seit damals diese schlimme Sache mit Anni geschehen ist, passt er besonders gut auf mich auf. Wissen Sie, zuhause hat er mich sogar eingesperrt, damit mir niemand etwas antun kann.“

Entsetzt sah Dora auf. Doch da Lissi keineswegs bekümmert wirkte, machte sie sich keine weiteren Gedanken darüber und wandte sich wieder ihren Kalbsschnitzeln zu, die kräftig flachgeklopft werden mussten. Einen besorgten Vater musste man gewähren lassen. Das ließe mit der Zeit hoffentlich von alleine nach.

 

Von der Sorge um Lissis Unversehrtheit weitgehend entbunden, gelang es Ludwig langsam, Stück für Stück, seine Gemütsverfassung in den Griff zu bekommen. So fröhlich und ausgelassen wie zu Annis Zeiten würde das Leben nie mehr werden, da war er sich sicher. Doch auch hier tat die Zeit ihren Part, und der Alltag wurde – ja wie? Nicht lustig, nicht unbeschwert, noch immer freudlos, aber immerhin ein wenig besser, als er es sich vor wenigen Wochen hätte vorstellen können.

 

Da Lissi alle im Haushalt anfallenden Pflichten jetzt nach Feierabend erledigte, beschloss Ludwig, entgegen seiner bisherigen Gewohnheit seine Tochter tatkräftig zu unterstützen. Manchen Abend ging es im Hause Berger beinahe wieder heiter zu. Lissi amüsierte sich herzlich über Papas erste Versuche mit Waschmaschine, Staubsauger und Geschirrspüler. Das Bügeleisen dagegen beherrschte er hervorragend. Klar, das gehörte schließlich zu seinem Beruf. Ein Schneider kann bügeln, das bewies er Lissi, sooft sie ihm einen Korb frisch gewaschener Wäsche in sein Nähstübchen stellte. In fast gelöster Stimmung endete der Sommer.

 

Vater und Tochter hatten sich gemächliche, abendliche Spaziergänge zur Gewohnheit gemacht. Oft raschelten sie durch buntes, trockenes Laub und sahen wehmütig den davonziehenden Vogelschwärmen nach. In solchen Momenten dachte Ludwig manchmal sehnsuchtsvoll an Anni. Wenigstens die Vögel kämen im nächsten Frühling zurück. Er dagegen bliebe für immer ein einsamer, verlassener Mann.

 

Der Oktober brachte noch mehrere ungewöhnlich warme Tage, von denen sich einige sogar mit dem Hochsommer messen konnten.

„Papa, schau mal! Dort hinten sieht es aus, als käme bald ein Gewitter. Komm, lass uns lieber umdrehen. Gewitter kann ich nicht leiden, die sind so laut. Papa, bitte beeil dich, dass wir daheim sind, bevor es anfängt!“

 

Zuhause angekommen, hatten sich die bedrohlichen Wolken wieder verzogen, sodass sie ihr Abendbrot ungestört im Freien einnehmen konnten. Das Fernsehprogramm, das sie sich danach gemeinsam ansahen, wurde ab und zu von leichten Störungen unterbrochen, Anzeichen eines weit entfernten Gewitters. Der Wetterbericht brachte keine Unwetterwarnung. Der Himmel war bedeckt, aber ohne die typischen Gewitterwolken. Nichts deutete auf das Unheil hin, das wenig später über sie hereinbrechen sollte.

 

Nicht ein Unwetter, sondern Ludwig Berger persönlich, seine ungestillte Sehnsucht, seine Unbeherrschtheit und ein lange nicht mehr gekanntes zehrendes Verlangen sollten das Leben Lissis und ihres Vaters für immer grundlegend verändern.

 

Überraschenderweise war in der Nacht doch noch ein heftiges Gewitter hereingebrochen. Grelle Blitze züngelten vom Himmel, laut trommelte der Regen auf das Blechdach des Gartenschuppens, tiefgrollender Donner erfüllte die Luft. Dazu heulte der Sturm dröhnend und unheimlich und versetzte Lissi noch mehr als das Gewitter in Angst und Schrecken. Als dann noch im nahen Wald einige Bäume krachend umfielen, hielt sie es nicht mehr aus. Lissi stand auf und öffnete die Tür zu Papas Zimmer.

 

„Darf ich zu dir ins Bett? So wie früher, als Mama noch da war? Ich habe solche Angst!“

Ludwig, den das Unwetter und schwere Gedanken wachgehalten hatten, richtete sich im Bett auf.

„Nein, wo denkst du hin? Lissi, geh schlafen. Für Papas Bett bist du nun wirklich zu alt.“

„Nein, bin ich nicht. Die Anni war noch viel älter als ich, die durfte das auch.“

Schon wieder krachte es draußen. Vermutlich hatte ein Blitz einen Baum erwischt. Aber Ludwig war unerbittlich.

„Weißt du, Schatz, mit Anni, das war etwas ganz anderes. Anni, das war so etwas wie Mama. Du aber bist ein großes Mädchen, das keine Angst haben muss. Verstanden?“

 

Direkt verstanden hatte Lissi nicht. Aber sie hatte die Gewissheit, dass Papa immer recht hatte und sie niemals anschwindelte. Verbot er etwas, hatte er seine Gründe dafür. Also fügte sie sich und zog sich, wenn auch schmollend, in ihr Zimmer zurück. Das Licht ließ sie vorsichtshalber brennen.

 

Währenddessen wälzte sich Ludwig unruhig in seinem Bett. Anni. Ja. Natürlich hatte Anni in seinem Bett geschlafen. Wie Mama. Genau. Wie damals seine geliebte Luise. Wie er es Lissi erklärt hatte. Ach, hätte sie Anni nur nicht gerade jetzt erwähnt! Nun spukten beide, Luise und Anni, in seinem Kopf herum. Je mehr er versuchte, die sehnsuchtsvollen Gedanken zu verdrängen, desto stärker wuchs sein Verlangen. Beinahe schmerzhaft fluteten männliche Hormone seinen Leib. Abermals ein gewaltiger Donnerschlag – jetzt war auch noch der Strom weg!

 

Lissi war mit einem Satz aus dem Bett gesprungen. Verbot hin oder her – sie fürchtete sich jetzt übermäßig und war mit wenigen Schritten in Papas Bett. Dort kuschelte sie sich eng an ihn, genau wie damals, als sie noch ein Kind war und sich geängstigt hatte. Ankuscheln hatte geholfen. Da war sie immer sofort eingeschlafen.

 

Voller Schreck rückte Ludwig ein Stück weg von dem warmen, weichen Leib seiner Tochter. Nein, das wollte er nicht. Das, was ihm unbeabsichtigt spontan durch den Kopf geschossen war, durfte er nicht einmal denken!

 

Dennoch, der zarte Frauenkörper an seiner Seite, der himmlische, weibliche Duft! Begierde, Lust, Verwirrung und Testosteron ließen Ludwig keine Wahl. In dieser Nacht, während ein schweres Gewitter im Wald schwere Schäden verursachte, machte er seine eigene Tochter zu seiner Frau. Skrupellos, ohne jede Rücksicht, nicht fähig, das Geschehen zu kontrollieren, brach er hemmungslos über sein unschuldiges Kind herein. Lissi lag reglos, protestierte nicht und wehrte sich nicht. Rasch fand er Befriedigung. Erleichtert schlief er tief und fest ein.

Beim Aufwachen sah er verwirrt, dass Lissi, friedlich schlafend, an seiner Seite lag. Mit Entsetzen erinnerte er sich an das, was in der Nacht geschehen war.

 

Lissi öffnete langsam ihre blauen Augen. „Papa? Bist du mir böse? Weil ich gestern doch noch in dein Bett geschlüpft bin?“

„Großer Gott, nein! Wenn jemand böse sein darf, dann bist du das. Lissi, meine kleine Lissi, was habe ich nur getan? Kannst du mir bitte verzeihen? Hat es dir sehr weh getan? Oh Gott, Kind, es tut mir so unendlich leid.“

„Was hat wehgetan? Meinst du, das Papa-Mama-Spiel, das du gespielt hast? Hat es denn Anni wehgetan?“

Konsterniert fragte Ludwig: „Papa-Mama-Spiel? Woher zur Hölle hast du denn dieses Wort?“

„Na, von Anni natürlich. Ich wurde manchmal nachts wach, wenn es in eurem Schlafzimmer so laut war. Einmal öffnete ich die Tür und wollte nachsehen, ob bei euch alles in Ordnung ist. Anni hat mir Zeichen gegeben, ich solle rasch in mein Zimmer gehen und die Tür wieder schließen. Am nächsten Morgen hat sie mir dann erzählt, was bei euch los war, und dass das eine ganz harmlose Sache sei. Das Papa-Mama-Spiel eben. Das spiele man, wenn man sich liebhabe. Du hast mich doch lieb, Papa?“

„Ja. Du weißt nicht, wie sehr, mein Kind! Aber das, was ich dir angetan habe…“

 

Ludwig stockte. Lissi hatte sein schweres Vergehen offenbar nicht als so schlimm empfunden, wie es in Wahrheit gewesen war. Gott segne jede Art von Unwissenheit. Ein Glück, dass Lissi niemals eine Aufklärung zuteilgeworden war. Nicht durch ihn, da er es nicht als die Aufgabe des Vaters gesehen hatte. Auch nicht durch die Großmutter. Die hatte Körperlichkeit und alles, was damit zusammenhing, seit jeher für unrein gehalten. Oma Linde hätte sich eher die Zunge abgebissen, als mit offenen Worten mit einer Heranwachsenden über Sexualität zu sprechen.

 

Während Lissi in der Küche gelassen wie immer Frühstück für sie beide bereitstellte, wanderte Ludwig unruhig zwischen Badezimmer und Küche hin und her. Er konnte selbst nicht begreifen, was er angerichtet hatte. Er hoffte, dass Lissi niemals klar werden würde, welcher Frevel ihr geschehen war. Aber er fühlte sich besser. Er hatte sein Kind nicht beschädigt. Lissi würde nicht leiden, nur weil er in der Nacht die Beherrschung verloren hatte.

 

Sie machten sich auf den Weg zur Arbeit. Unterwegs lenkte Ludwig immer wieder seinen prüfenden Blick auf seine Tochter. Allem Anschein nach war sie ruhig und liebenswürdig wie immer. Aber stimmte das? Man hörte, besonders in entsprechenden Fernsehberichten, dass böse sexuelle Erfahrungen Frauen, ach was, ein Mädchen war sie ja noch, extrem aus der Bahn werfen konnten. Lissi nicht? Er konnte nur hoffen, dass seinem Kind nicht durch seine Schuld das Herz brach. Oder war sie tatsächlich so naiv, so leichtgläubig und manipulierbar, dass sie seinen jämmerlichen Übergriff nicht als das wahrgenommen hatte, was er letztlich war? Schändung, Inzest, Entwürdigung? Er schämte sich unendlich. Seine Tat lag ihm bleischwer auf der Seele. Grübeln half nicht. Er wurde nicht klug aus Lissis unbeteiligter Miene. Doch er musste es wissen. Jetzt, sofort. Vielleicht fand er dann seinen Seelenfrieden wieder? Es seufzte tief. „Lissi? Lissi, meine Kleine, wie fühlst du dich?“

„Passt schon. Ich bin ein bisschen müde. Und ein wenig Bauchschmerzen habe ich. Papa, du bist ganz schön schwer.“

„Das ist alles? Kein irgendwie blödes Gefühl?“

„Nein. Papa, was meinst du damit?“

„Nun, zum Beispiel, dass du mich hasst. Oder dass du dich schämst. Fühlst du dich schmutzig?“

„Aber Papa! Ich habe doch heute früh geduscht. Ich kann gar nicht schmutzig sein. Wer gewaschen ist, braucht sich auch nicht zu schämen.“

 

So wenig Urteilsfähigkeit hatte er nicht erwartet. Er wusste, dass seine Tochter nicht besonders erfahren war. Dazu war sie viel zu lange durch ihn und Oma Linde von der Umwelt und dem wirklichen Leben abgeschottet worden. Aber so gar nichts? Auf eine eigenartige Weise war er ungeheuer erleichtert. Seine Gewissensqualen ließen schon ein wenig nach. Vielleicht gelänge es ihm im Lauf der Zeit, seinem Kind wieder so unbefangen wie zuvor gegenüberzutreten. Für den Moment half es nur, ebenfalls Gelassenheit an den Tag zu legen. Es fiel ihm nicht leicht. Lissi durfte ihm nicht anmerken, wie sehr er litt.

 

Plötzlich schoss ihm ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf: Was, wenn Lissi ganz ungezwungen mit Dora über das Papa-Mama-Spiel spräche? Da sie offenbar nichts Arges daran fand, war das jederzeit möglich. Dora würde ein Fass aufmachen, das ihn leicht den Job kosten könnte. Wenn nicht Schlimmeres.

„Lissi, hör zu: Unser Spiel ist ein besonderes Geheimnis, verstehst du? Du darfst es niemandem erzählen, versprichst du mir das bitte? Es gibt Menschen, die das Spiel nicht mögen, die könnten dann sehr wütend werden. Das wollen wir doch nicht. Nicht wahr, mein Kind?“

Lissi, die ihren Papa von Kindheit an für annähernd unfehlbar gehalten hatte, nickte folgsam. „Ja, Papa, das verspreche ich dir. Aber nur, wenn du dann nicht mehr so traurig aussiehst. Papa, ich hab dich lieb. Bitte mach wieder ein frohes Gesicht. Das musst du mir versprechen.“

 

Ludwig lächelte noch immer, als er die Stechuhr bediente und an sein Tagwerk ging. Bei seinen Kontrollbesuchen in der Kantine achtete er besonders auf Doras Verhalten. Die missmutigen Blicke, die sie ihm zuwarf, waren nicht neu. Die bezogen sich rein auf seine Anwesenheit. Sie verhielt sich genau wie jeden Tag. Lissi hatte Wort gehalten. Zum Glück.

 

 

18

 

Schon beim ersten Abhören der von Lissi besprochenen Tonbandkassetten war mir klar geworden, dass es mir nicht leichtfallen würde, dieses Kapitel aus Lissis Lebensgeschichte in einen lesbaren, trotz aller Härte noch verdaubaren Text zu befördern.

 

Während meiner langen Dienstzeit als Staatsanwalt hatte ich mir angewöhnt, die schrecklichsten Dinge von mir fernzuhalten. Im Lauf vieler Jahre war mir das meistens geglückt. Natürlich hatten mir einige schwere Fälle so manche Nachtruhe geraubt. Gelang es mir nicht, meine Gedanken ausschließlich auf den Täter zu konzentrieren, und entwickelte ich so zu viel Empathie für das Opfer, war mir immer noch der Polizeipsychologe geblieben. Diesen Komfort hatte ich hier nicht, und so war ich mehrmals versucht, alles hinzuwerfen und aufzugeben. Eisern kämpfte ich mich durch, bis ich alles dokumentiert hatte.

 

Diesmal war es nicht nur Mitgefühl für das Opfer, das mir zu schaffen machte. Der Vergewaltiger Toni gehörte hinter Schloss und Riegel, das war mir klar. Dagegen sprach einzig die Tatsache der Verjährung. Aber vom anderen Täter, Ludwig Berger, war ich schwer enttäuscht. Bislang war Berger stets als besorgter Vater, fleißiger Arbeiter und ordentlicher Bürger aufgetreten, der mit Frauen eben besonderes Pech hatte.

 

Gut, während Lissi aufwuchs, hatte er Wichtiges versäumt und sicherlich etliche gravierende Fehler begangen. Ich hielt ihm zugute, dass er es als der einfache Mann, der er war, sicherlich nicht besser gewusst hatte. Voll Mitleid brummte ich bisher oft bei verschiedenen Passagen „Armer Hund, du hast es auch nicht leicht“, vor mich hin. Das Mitleid war jetzt einer riesengroßen Wut gewichen. Am liebsten wäre ich aufgesprungen, zu dem gemeinen Kerl gelaufen und hätte ihn nach allen Regeln der Kunst vermöbelt. Ein paar Techniken der Selbstverteidigung, die ich in einem Judo–Kurs gelernt hatte, waren mir noch geläufig. Bestimmt konnte man einige davon auch als Angriff anwenden.

 

Dann machte ich mir klar, dass alles, was ich heute aufschrieb, lange zurücklag, und dass ich Ludwig nicht mehr verprügeln konnte. Wie ich mich erinnerte, war er eines tragischen Todes gestorben. Wann und wie, hatte ich bisher noch nicht in Erfahrung gebracht. Ich nahm mir vor, Hochwürden bei nächster Gelegenheit danach zu fragen. So blieb mir nur zu hoffen, dass der Alte jenseits des Jordans, so sehr er auch für seine Gnade und Barmherzigkeit gelobt wurde, diesmal kein Auge zugedrückt und Ludwig für alle Ewigkeit in die tiefste Hölle verbannt hätte.

 

Nachdem ich die letzten Wörter in die Tastatur geklopft und die Datei abgespeichert hatte, schlug ich den Laptop angewidert zu. Ich brauchte dringend eine Pause. Wer weiß, was da noch alles auf mich zukäme? Von Leo war ich einigermaßen angepisst. Der hätte mich wenigstens warnen können. Es war nicht fair, mich so unvorbereitet in eine so üble Geschichte stolpern zu lassen. Ein paar ernste Worte waren dringend nötig. Dazu, quasi als Sühne, eine neue Flasche Whisky. Die wollte ich ihm auf jeden Fall abknöpfen.

 

Ich ließ den Rest der Woche verstreichen, ohne den Laptop auch nur mit einem einzigen Blick zu beachten. Zurzeit hatte ich keinen Nerv, das Geschriebene nochmals durchlesen, Korrekturen anzubringen und meinen Kopf nach gelungeneren Formulierungen zu zermartern.

 

Noch war es Sommer, aber zwei Tage zeigten sich beinahe herbstlich. Die Luft kühlte merklich ab, ein kräftiger Wind blies, doch der erhoffte Regen blieb aus. Meine Spaziergänge mit Gandhi hatten auch bei diesem Wetter ihren Reiz.

 

Ich sah mich nach der Hanfplantage um. Die Pflanzen hatten beachtlich zugelegt, vermutlich war bald Erntezeit. Ich hatte keine Ahnung, wann dieses Kraut erntereif war. Genaugenommen konnte es mir auch egal sein. Waren ja nicht meine. Meine Gewächse im Garten brauchten im Sommer keine besondere Fürsorge. Für ab und zu ein paar Liter aus dem Gartenschlauch waren die Blumen und Sträucher dankbar, mehr verlangten sie nicht. Ich hatte von vorneherein keinen lehrbuchhaft angelegten Ziergarten geplant, der viel Pflege, Schnitt und Unkrautjäten erforderte und entsprechend arbeitsintensiv war. So verbrachte ich ein paar Tage in gelöster Faulheit.

 

Freitagabend meldete sich Baumann. Er kündigte sich für Samstagmorgen zum Frühstück auf meiner Terrasse an und schlug einen längeren Waldspaziergang im Anschluss vor.

„Du brauchst dich um nichts zu kümmern, ich bringe alles mit. Mach eine Kanne Kaffee und stelle Teller raus. Ich habe einige Delikatessen besorgt. Ich fürchte, ich muss Abbitte leisten.“

 

Als erstes stellte Leo unaufgefordert eine Flasche Whisky auf den Tisch.

„Frühstück?“ fragte ich grinsend und zog die Augenbrauen hoch.

„Nein“, gab er zurück. „Der Whisky ist deine Entschädigung. Als mir siedend heiß eingefallen ist, vor welche Zumutung ich dich mit Lissis neuesten Bändern gestellt hatte, habe ich ihn sofort besorgt. Ich wollte ihn dir gleich bringen, aber ich hatte wegen der bevorstehenden Firmung einiger Kommunionjahrgänge so viel zu tun, dass ich es gleich wieder vergessen habe. Also, Schorsch, bitte entschuldige. Ich hätte dich warnen müssen.“

„Alles klar, Leo. Danke für den Whisky. Ja, du hast recht, einfach war dieses Kapitel wirklich nicht. Manchmal hätte ich fast aufgegeben. Zum Glück ist das jetzt geschafft. Nur bitte, sag mir künftig vorher Bescheid, wenn wieder einmal so etwas Grauenvolles passiert, damit ich mich innerlich abschotten kann. Jetzt zeig mal, was du an Delikatessen für uns ausgesucht hast.“

 

Über eine Stunde schwelgten wir in frischen Brötchen, die wir mit Lachs, Seranoschinken, ausgesuchten Käsespezialitäten und kleinen, gekochten Wachteleiern verschwenderisch belegt hatten. Danach war der Spaziergang bitter nötig.

Wir kamen nicht besonders weit. Wie immer krochen wir durch die Büsche, um die Hanfpflanzen zu besuchen. Wer mehr erschrak, der junge Mann, der dort interessiert die Blütenansätze besichtigte und sie sachkundig abtastete, oder wir zwei harmlosen Spaziergänger samt Hund, war nicht auszumachen.

Gandhi, mutiger als wir alle zusammen, rannte freudig auf den Fremden zu und beschnupperte neugierig dessen Hosenbeine. Langsam beugte sich der Mann zu ihm hinunter und hielt ihm den Handrücken hin.

„Na, wie ein Polizeihund siehst du ja nicht gerade aus.“

Er trat einige Schritte auf uns zu. „Darf ich vielleicht mal wissen, wer Sie sind? Was haben Sie überhaupt hier zu suchen?“

„Ebenfalls“, gab Hochwürden selbstsicher zurück. „Ich denke, wir beide – der Herr Staatsanwalt“; er wies bedeutungsvoll in meine Richtung, „und meine Wenigkeit, haben mehr Grund, neugierige Fragen zu stellen.“

Dem jungen Mann war allerdings nicht entgangen, dass Leopold unter seinem Bart lustig feixte. „Staatsanwalt?“, fragte er, trotzdem noch unsicher.

„Naja, gewesener Staatsanwalt. Schon eine Zeit lang außer Dienst“, gab ich zu. „Ach kommt, meine Herren, lasst uns einfach Klarheit schaffen. Ich nehme an, hier hat niemand etwas zu befürchten.“

 

Der Mimik unseres Gegenübers war deutlich dessen Erleichterung anzusehen. Er nannte uns seinen Namen. „Ich bin Ben. Und, um es gleich klarzustellen: das hier sind meine Pflanzen, ich habe sie nicht für die Allgemeinheit freigegeben. Also, Finger weg.“

Mit gespielter Entrüstung gab Leo zurück:

„Junger Mann, Ben: Wie Sie leicht erkennen können, stehen Sie vor zwei gesetzten älteren Herren. Mein Freund Schorsch ist ein sehr seriöser ehemaliger Staatsbeamter. Ich bin Mitglied des katholischen Klerus.“

Da er sich so aufspielte, warf ich ein: „Also der Herr meint damit, dass er Dorfpfarrer ist.“

„Ja, genau. Pfarrer Leopold Baumann. Und, um auch etwas klarzustellen: Niemand will Ihren Pflanzen ein Blättchen krümmen. Allerdings – so ganz ungeschoren kommen Sie auch nicht davon. Mit ein paar Probiertütchen können Sie sich aber jederzeit rehabilitieren.“

„Okay, das klingt nach einem guten Deal. Möchten Sie gleich ein bisschen kosten? Ist allerdings von der Ernte vom Vorjahr. Diese Pflänzchen hier brauchen noch ein paar Sonnentage.“

Ben kramte in den Taschen seiner Jeans und sagte dann bedauernd:

„Mist, keine Blättchen.“

„Kein Problem.“ Leo zog aus seiner Tasche ein Briefchen Zigarettenpapier hervor. Er ließ sich im Gras nieder, nahm von Ben einen kleinen Beutel mit dunkelgrünen, zerbröselten Blättern entgegen und begann gekonnt, ein perfektes Dreiblatt zu basteln.

 

Ich staunte Bauklötze, was Leo zu der Bemerkung veranlasste: „Noch nie gesehen, wie jemand einen Joint baut? Tut mir leid, das kann ich nicht glauben. Du warst in den Siebzigern Student, ich bin sicher, du hast damals auch gekifft. Wie wir alle.“

„Stimmt. Das ist aber sehr lange her. Seitdem hatte ich nicht mehr das Vergnügen“, gestand ich.

 

Ben hatte zunächst misstrauisch, dann mehr und mehr amüsiert, unserem Gespräch gelauscht. Zwei alte Männer, die entspannt und freimütig über den Gebrauch THC-haltiger Genussmittel plauderten, kamen in seinem Weltbild nicht vor.

 

„Sie sind mir ja zwei komische Käuze“, sagte er kopfschüttelnd. „Als ich Sie durch die Büsche kriechen sah, befürchtete ich alles Mögliche. Aber das“ – er beschrieb mit seinen Händen einen Kreis, der die gesamte Szenerie umfasste, – „also das hier jedenfalls nicht.“

 

Leo war mit dem Joint fertig und reichte ihn Ben zum Anrauchen. „Nun, ich hoffe, du hast den Schrecken verkraftet. Ab sofort tritt das Gesetz in Kraft, dass das gemeinsame Rauchen einer Tüte zum Du verpflichtet. Ich bin Leo.“ Er zeigte auf mich. „Der da ist Schorsch. Ist dir doch recht, Schorsch?“

„Geht in Ordnung. Eure Tüte müsst ihr allerdings alleine rauchen. Ich bin das nicht mehr gewöhnt und fürchte, dass mir das Zeug nicht besonders gut bekommt.“

Ein Weilchen später konnte ich dann doch nicht widerstehen und probierte einen kleinen Zug. Das Aroma war würzig und erdig, die Wirkung mild anregend und keineswegs schwer berauschend.

„Guter Stoff“, lobte ich. Auch Leo und Ben, die den größten Teil des Joints genossen hatten, wirkten kein bisschen bekifft. Allenfalls tiefenentspannt.

 

„Jetzt erkläre uns bitte auch das Geheimnis deines Erfolges“, forderte Leo Ben auf. „Deine Pflanzen stehen da wie gemalt. Ich denke, das erfordert doch einige Mühe? Wie hast du das hinbekommen? Besonders bei dieser Trockenheit. Da wirst wahrscheinlich oft bewässert haben. Wir haben uns schon öfter gefragt, wie du das machst. Schleppst du eimerweise Wasser her? Das muss ja verdammt mühsam sein.“

„Ja, im ersten Jahr war es wirklich schwierig. Aber dann habe ich mir eine bessere Lösung überlegt. Habt ihr ein bisschen Zeit? Kommt mit, ich zeige euch meine Bewässerungsanlage.“

 

Wir erhoben uns und folgten Ben über die Lichtung. Bis hierher waren wir bei unseren Spaziergängen nie gekommen. Stets waren wir nach unseren Besuchen bei den Hanfpflanzen auf demselben Weg durch die Dornenhecke zurückgekrochen. Ben lotste uns durch eine weitere Hecke, die die Lichtung auf der anderen Seite begrenzte. Von da an stieg das Gelände stetig leicht an. Wir gingen vielleicht fünfzig Meter durch das Unterholz und erreichten den Waldrand. Unser Blick fiel auf einen größeren Weiher, der nah am Waldrand in einer mit hohem Gras bewachsenen Wiese lag. Ben führte uns zum Teichrand. Dort hatte er eine Pumpe installiert. Bei genauem Hinsehen erkannten wir einen grünen Schlauch, der von der Pumpe ausgehend sofort unter der Erde verschwand.

„Woher kriegt die Pumpe Strom?“, wollte ich wissen.

„Solarpaneel. Siehst du, dort? Fällt kaum auf.“

„Und wenn der Teichbesitzer hierherkommt? Der muss das doch sehen“, zweifelte ich.

„Der Teichbesitzer ist zum Glück mein Opa. Den Teich hat er schon längst aufgegeben, Karpfenzucht betreibt er nicht mehr. Das Wasser enthält längst nicht mehr genug Sauerstoff. Opa kommt nicht mehr her, und wenn, würde er nichts sagen. Er ist ab und zu schon ein bisschen wirr im Kopf. Aber sonst wirklich nett.“

„Wie aber gelangt das Wasser zu den Pflanzen?“, wunderte sich Leo.

„Das seht ihr auf dem Rückweg. Ihr seid vorhin direkt daran vorbeispaziert und habt nichts bemerkt, stimmt‘s?“

Erst als Ben uns direkt darauf hinwies, sahen wir die Anlage aus mehreren miteinander verbundenen großen Plastikkanistern, die im Gebüsch, das die Lichtung umgab, standen. Ein camouflagefarbenes Tarnnetz ließ die Behälter praktisch mit dem Laub der Hecke verschmelzen.

„Alter US-Army-Bestand“, erklärte Ben. „Kann man im Internet bestellen.“

Von den Kanistern ausgehend hatte Ben fachmännisch eine Tröpfchenbewässerungsanlage im Waldboden vergraben und zu jeder einzelnen Pflanze gelegt.

„Auch Internet. Diesmal Gärtnereibedarf. Das ganze Zeug zu verlegen, war eine Menge Arbeit. Dafür habe ich es jetzt umso leichter. Ich muss nur regelmäßig Flüssigdünger in die Kanister geben. So sind die Pflanzen immer gut versorgt, auch wenn ich manchmal weniger Zeit habe, nach ihnen zu sehen.“

 

Leo und ich bewunderten Bens Findigkeit. Sooft wir auch schon hier gewesen waren, dieses Kunstwerk der Wasserwirtschaft hatten wir nicht entdeckt.

Wenig später begaben wir uns auf den Rückweg.

 

Beim Abschied vor meinem Gartentor konnte ich mir nicht verkneifen, Leo die Frage zu stellen, die mir schon seit vorhin im Kopf herumspukte:

„Sag mal, Leo, ganz ehrlich: Du kiffst? Öfter?“

„Ach, naja. So gelegentlich. Ab und zu braucht auch ein geistlicher Herr etwas Erbauliches für die Seele.“

„Und woher bekommst du das Marihuana?“

„Charlotte teilt ihres mit mir. Die hat in Nürnberg natürlich ihre geheimen Quellen.“

Kopfschüttelnd sah ich Leo nach. Ein kiffender katholischer Landpfarrer, der den Stoff von seiner leiblichen Tochter bekam – wenn mir das früher jemand hätte weismachen wollen, ich hätte es nicht geglaubt. Ein cooler Typ, dachte ich anerkennend. Schön, so einen zum Freund zu haben.

 

Für Montag hatte mir Leo versprochen, neue Tonbänder mitzubringen. Ich beschloss also, den Sonntag besonders ruhig und entspannt zu verbringen. Wer konnte wissen, welche Überraschungen mich da wieder erwarteten. Ich war gespannt. Ich war übrigens auch ein bisschen ängstlich.

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