Heinz-Walter Hoetter

Vier schöne Kurzgeschichten

1. Albion, der Alchemist

2. Das Gleichnis mit dem Geldschein

3. Das Ich-Paradoxon

4. Der alte Farmer


 

***


 

1. Albion, der Alchemist

 

Der Wind strich sanft über die wogenden Ähren draußen in den weiten Feldern und kräuselte fast lautlos die silbrige Wasseroberfläche des nahe gelegenen Flusses, der sich träge durch die dunkle Landschaft schlängelte.

 

In weiter Ferne ragten die hohen Türme der wuchtigen Stadtmauern und ein Meer von Dächern, die nur vom hellen Mondlicht übergossen wurden, in einen nachtschwarzen, Sternen übersäten Himmel hinein.

 

Wie überall, so herrschte auch hier vor der Stadt stille Einsamkeit.

 

Eine feierliche Ruhe schwebte empor zu Albion, dem Alchemisten, die tief in sein Herz drang und ihm einen zufriedenen Seufzer entlockte.

 

Frei und glücklich fühlte er sich in dieser Nacht, wie schon seit langem nicht mehr. In wundervoller Klarheit nahm er seine Welt um sich herum gewahr, die er still und hingebungsvoll beobachtete.

 

Und doch schien sie ihm so unendlich fremd, ja schier unbegreiflich zu sein. Lag es an seinem gewagten Vorhaben, das er jetzt endlich und unwiderruflich verwirklichen wollte?

 

Seine Gedanken wanderten plötzlich unruhig hin und her.

 

Offenbarten sich die Wunder des Universums für ihn nur in den Laboratorien, in den Dämpfen brodelnder Mixturen oder beim Gezische siedender Elixiere?

 

Oder gab es da noch was anderes?

 

Er wollte es unbedingt heraus bekommen.

 

War nicht vielleicht der Wunder allergrößtes jene demütige Ehrfurcht, die von der schlummernden Natur in solch heiligen Augenblicken dem wagemutigen Versucher von irgendwoher auf geheimnisvolle Art und Weise zugetragen wurde, um ihn von seinem frevelhaften Tun abzubringen?

 

Und weiter fragte sich der Alchemist, ob die planvolle, harmonische Schönheit der Natur – der sanfte Schwung der fernen Hügelketten am Horizont, zu denen er gerade andächtig hinüberschaute, die spiegelnde Oberfläche des träge dahin fließenden Wassers, das klare, verzaubernde Licht des Mondes hoch über dem Fluss, welches sich wie ein Mantel des Unwirklichen über die weite Landschaft ausbreitete, ja musste das nicht in seiner Gesamtheit für alle Zeit ein unlösbares Rätsel für ihn bleiben, trotz seines scharfen Verstandes und seines alles überragenden Wissens? – Und gebar nicht jedes Rätsels mühevolle Lösung ein noch schwerwiegenderes, so dass die gefundenen Lösungen im Grunde genommen nie ein Ende nahmen? Was würde ihn erwarten, wenn sein bevorstehendes Experiment wirklich gelingen sollte?

 

Ja was?

 

Albions Gefühle schienen in einen tiefen Abgrund zu fallen.

 

Wenn er schon wusste, wie sich die Gestirne im All bewegten, wer erklärte ihm jedoch schlüssig den Ursprung der Kraft, die sie durchs Universum treiben? Wer kannte die Ursache dafür, warum sie nach ganz bestimmten Gesetzen in vorgezeichneten, unveränderlichen Bahnen liefen?

 

Ja wer?

 

Tief in Gedanken versunken machte sich Albion wieder auf den Weg zurück in sein Labor, wo das von ihm zusammen gebraute Elixier schon vor Tagen seiner Vollendung in großen bauchigen Gläsern entgegen gereift war.

 

Die schäbige alte Kutte, die ihm schlaff am Körper runter hing, schleifte über den schmutzigen Erdboden und erzeugte dabei ein seltsam kratzendes Geräusch. Sein Gesicht war fahl, die Wangen eingefallen, so dass die Backenknochen weit heraussprangen. Seit Tagen hatte er schon kein richtiges Essen mehr zu sich genommen und wie von dunklen Mächten innerlich gejagt, strebte er einem fernen Ziel entgegen, von dem er nicht einmal wusste, wo es lag.

 

In seinem Laboratorium angekommen, schloss er sorgfältig die schwere Eichentür hinter sich zu, ging hinüber zur bereit stehenden Retorte und trank ohne lange zu zögern die rötlich schäumende Flüssigkeit darin bis zur Neige aus.

 

Nur wenige Minuten später.

 

Schwer und schwerer ging Albions Atem. Auf seiner bleichen Stirn perlte der kalte Schweiß, die trockenen, halbgeöffneten Lippen zuckten…, sein Blick hing noch immer an dem Glas, das jedoch plötzlich seinen matten Händen entglitt und laut krachend auf dem Fußboden in tausend Stücke zerbrach.

 

Doch dann tat sich etwas.

 

Sein bebender Körper erstrahlte auf einmal in einem wundersamen Licht, ganz überirdisch klar erfüllte es den Raum mit einem milden, bläulichen Schein, der den Alchemisten immer schneller kreisend wie ein rasender Wirbelwind erfasste.

 

Dann, von einer Sekunde auf die andere, war er plötzlich verschwunden.

 

Zurück blieb sein stilles Labor, wo Albion fast sein ganzes Leben verbracht hatte.

 

***

 

Prinz Sidden von Gautama stocherte geistesabwesend mit einem Zahnstocher zwischen den Zähnen herum. Mit eingehender Sorgfalt musterte er den weiten Nachthimmel, der sich über ihn ausbreitete. Rechts erkannte er eine Spirale silbernen Nebels. Sein Licht verblasste neben dem blauen, abgeplatteten Gestirn, das nahe über dem Zenit hing. Sein tiefblaues Licht strömte durch das transparente Rumpfsegment auf die künstlich angelegten Gärten des kaiserlichen Flaggschiffes „NOMUR“. Die weichen, beigefarbenen Sanddünen der Gärten erschienen wie gewellte Teppiche. Gelegentlich huschte eine dekorative Eidechse über den losen Sand, der an manchen Stellen von einer unbestimmten Anzahl grüner Riesenkakteen bedeckt wurde.

 

Prinz Sidden von Gautama räkelte sich genüsslich auf seinem weichen Plüschsofa. Mit gespielter Lässigkeit wandte er sich um und sah in das fahle Gesicht seines 1. kaiserlichen Wissenschaftlers Albion und fragte ihn nach dem Stand seines neuesten Projektes.

 

Hoheit, wir stehen kurz vor der Vollendung des Antimaterie-Konverters. Diese bahnbrechende Erfindung wird unsere Raumschiffe in die Lage versetzen, mit Überlichtgeschwindigkeit zu fliegen. Und das ist erst der Anfang, mein Gebieter. Zeitreisen werden möglich sein. Des Kaisers Machtgebiet wird sich über alle bestehenden Grenzen von Raum und Zeit hinweg ausdehnen. Der jetzt schon gewaltige Einfluss des Herrschergeschlechts der Gautamas wird nicht mehr aufzuhalten sein.“

 

Der Prinz lächelte geschmeichelt.

 

Ich bin darüber hoch erfreut, mein lieber Albion und weiß deine überragenden wissenschaftlichen Fähigkeiten zu schätzen. Auch mein Vater tut das. Aber bis heute hast du mir nicht verraten, woher du so plötzlich gekommen bist. Ich bin der Sohn des mächtigen Kaisers und habe es nicht so gerne, wenn man mir aus irgendwelchen Gründen die Wahrheit verschweigt oder ein Geheimnis vor unserer Herrscherfamilie verbirgt, das besonders mich als Thronfolger beunruhigen könnte. Außerdem gehörst du nicht zu unserer Rasse. Ich kann dir deshalb nicht in dem Umfange mein absolutes Vertrauen entgegen bringen, wie ich es mir von ganzem Herzen wünschen würde. Ich wollte dich eigentlich wegen deiner eisernen Verschwiegenheit schon vor Tagen deswegen köpfen lassen, aber du bist nun mal einer unserer fähigsten Wissenschaftler und im Augenblick einfach unersetzlich. Mein Eindruck ist der, dass du eine Gefahr für uns werden könntest, Albion. Deine Fähigkeiten scheinen grenzenlos zu sein. Doch denke daran, dass sich die wohlmeinenden Umstände irgendwann zu deinen Ungunsten verschieben könnten, mein Guter.“

 

Albion hustete etwas gekünstelt und griff sich instinktiv an den Hals.

 

Hoheit würden mich sicherlich für schwachsinnig erklären lassen, wenn ich die Wahrheit über meine Herkunft erzählte. Aber wenn Sie es wünschen, werde ich alles offenbaren.“

 

Nun denn, mein lieber Albion, beginne er endlich mit seiner Geschichte, ganz gleich wie phantastisch sie auch immer ausfallen mag. Und lüge mich bloß nicht an, denn meine Gedankenwächter beobachten dich genau. Sei also auf der Hut, mein 1. kaiserlicher Wissenschaftler.“

 

Ich verstehe, mein Gebieter. Also möge er mir jetzt aufmerksam zuhören….“

 

Nach einer kurzen Denkpause fing Albion damit an, seine Geschichte zu erzählen.

 

Ich war vor langer Zeit in einem anderen Leben Alchemist und entdeckte die Formel für ein geheimnisvolles Elixier. Nach Jahren harter Arbeit ging ich eines Tages spät in der Nacht nach draußen vor mein einsam gelegenes Haus, in dem mein Laboratorium untergebracht war. Es war die letzte Nacht in dieser alten Welt, denn ich hatte das Elixier fertig gestellt und wollte es an mir selbst ausprobieren. Noch einmal schaute ich mir deshalb alles ein letztes Mal an. Alles war so unwirklich ruhig, als ich einsam draußen in der fahlen Dunkelheit die Gegend durchstreifte. Dann ging ich in mein Laboratorium zurück und nahm den Wundertrank zu mir, der mich augenblicklich aus meiner Welt verschwinden ließ. Zu meiner großen Überraschung tauchte ich auf eurem Raumschiff „NOMUR“ wieder auf und wurde von dem kaiserlichen Wachpersonal sofort fest genommen. Als Sie, mein hochwohlgeborener Prinz Sidden von Gautama, von meinen außerordentlichen Fähigkeiten erfuhren, die ich auch unter Beweis stellen konnte, wurde ich alsbald zum 1. kaiserlichen Wissenschaftler befördert, was ich persönlich als eine überaus große Ehre für mich empfand. Meine Heimat, die Erde, liegt allerdings irgendwo da draußen in der Unendlichkeit des Universums. Wie ich dahin zurück kommen soll, das weiß ich nicht, denn mir fehlen die entsprechenden Koordinaten dazu. Das ist alles, mein Prinz."

 

Plötzlich riefen die Gedankenwächter wie im Chor mit lauter Stimme: „Er lügt, Prinz Sidden von Gautama. Er kennt die Koordinaten genau und weiß, wo die Erde liegt. Wir haben seine Gedanken lesen können. Der 1. kaiserliche Wissenschaftler hat das Herrschergeschlecht der Gautamas belogen. Darauf steht die Todesstrafe.“

 

Albion der Alchemist zögerte jetzt nicht lange und griff im Beisein des völlig verblüfften Prinzen in seine rechte Brusttasche, holte ein kleines verschlossenes Glas mit einer rötlichen Flüssigkeit aus ihr hervor, öffnete den Verschlusskorken und trank es mit einem einzigen tiefen Schluck leer.

 

Noch im gleichen Augenblick wurde der Alchemist von einem bläulichen Schein umhüllt, der seinen Körper immer schneller kreisend wie ein tobender Wirbelwind erfasste, bis er schließlich ganz darin verschwunden war. Die Waffen der kaiserlichen Soldaten prallten von dem Lichtwirbel ab, wie von einer unsichtbaren Betonwand. Sie zeigten nicht die geringste Wirkung.

 

Zurück blieb nichts als Leere an dem Ort, wo der Alchemist noch kurz vorher seine Geschichte erzählt hatte.

 

***

 

Der Wind strich sanft über die wogenden Ähren draußen in den weiten Feldern und kräuselte fast lautlos die silbrige Wasseroberfläche des nahe gelegenen Flusses, der sich träge durch die dunkle Landschaft schlängelte.

 

In weiter Ferne ragten die hohen Türme der wuchtigen Stadtmauern und ein Meer von Dächern, die nur vom hellen Mondlicht übergossen wurden, in einen nachtschwarzen, Sternen übersäten Himmel hinein.

 

Wie überall, so herrschte auch hier vor der Stadt stille Einsamkeit.

 

Eine feierliche Ruhe schwebte empor zu Albion, dem Alchemisten, die tief in sein Herz drang und ihm einen zufriedenen Seufzer entlockte.

 

Frei und glücklich fühlte er sich in dieser Nacht, wie schon seit langem nicht mehr. In wundervoller Klarheit nahm er seine Welt um sich herum gewahr, die er still und hingebungsvoll beobachtete.

 

Und doch schien sie ihm so unendlich fremd, ja schier unbegreiflich zu sein. Lag es vielleicht daran, dass er eine andere Welt besucht hatte, in der er der 1. kaiserliche Wissenschaftler gewesen war und nur knapp einer Hinrichtung entkommen konnte, wenn er sein Elixier nicht rechtzeitig getrunken hätte?

 

Tief in Gedanken versunken machte sich Albion wieder auf den Weg zurück in sein Labor. Dort angekommen, öffnete er die schwere Eichtür, trat in sein vertrautes Laboratorium, ging unverzüglich hinüber zur bereit stehenden Retorte und trank ohne lange zu zögern die rötlich schäumende Flüssigkeit darin bis zur Neige aus.

 

Dann, von einer Sekunde auf die andere, war er verschwunden.

 

Wohin es den Alchemisten Albion diesmal verschlagen hat, das kann ich euch schon sagen. Er tauchte nämlich ganz plötzlich bei mir auf, erzählte mir schließlich noch diese kleine Geschichte, bevor er sich wieder von mir verabschiedete und mit unbekanntem Ziel weiterreiste, vielleicht wieder zurück in seine Welt oder in eine andere irgendwo da draußen in der Unendlichkeit von Raum und Zeit.

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

***

 

 

2. Das Gleichnis mit dem Geldschein


 

Auf dem Marktplatz einer großen Stadt in Deutschland stand ein bekannter Redner vor einer großen Menschenmenge, die sich um ihn herum versammelt hatte, um andächtig seinen weisen Erzählungen zu lauschen. Kurz vor dem Ende seiner Veranstaltung zog er plötzlich einen 50 Euro Schein aus der Tasche und hielt in weit nach oben in die Luft.

Dann rief er mit lauter Stimme ins Mikrofon: "Wer von euch diesen 50 Euro Schein haben möchte, der hebe die Hand."

Fast alle Hände gingen schlagartig nach oben und allgemeiner Jubel brach aus. Jeder wollte den Geldschein haben.

Der Redner bat die Zuschauer, ihre Hände wieder runter zu nehmen. Dann klemmte er den 50 Euro Schein in seine geschlossene Faust und zerknitterte ihn so stark, dass er wie ein Papierknöllchen aussah.

"Wer von euch will diesen Schein jetzt noch?" rief er abermals in die Menge.

Wieder gingen fast alle Hände nach oben. Jeder wollte den zerknüllten 50 Euro Schein trotzdem haben.

Plötzlich warf der Redner den lädierten Geldschein vor sich in den Dreck, trat sogar noch absichtlich darauf herum, hob ihn schließlich wieder auf und riss ihn grinsend vor aller Augen in vier Teile auseinander. Ein dumpfes Raunen ging durch die Menge, weil der 50 Euro Schein jetzt so gut wie unbrauchbar geworden war.

"Wer von euch möchte diesen Geldschein haben, obwohl er zerknüllt, dreckig und zerrissen ist?" frage er die Leute abermals und wartete ab, was geschehen würde.

Und siehe da, es gingen immer noch viele Hände nach oben, obwohl der 50 Euro Schein schon total kaputt vor ihnen lag.

Nach einer kurzen Pause ergriff der Redner dann wieder das Wort und sprach: "Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer! Ihr werdet von mir jetzt wohl wissen wollen, was ich euch mit diesem kleinen Experiment sagen wollte? Das ist einfach zu erklären! Nun, es kommt manchmal vor, dass wir in unserem Leben zu Boden geworfen werden und sprichwörtlich im Dreck landen. Zerknittert hadern wir dann mit unserem Schicksal, weil wir uns schlecht behandelt fühlen. In solchen Situationen kommen wir uns wertlos vor, halten unser Leben für gescheitert und sind verbittert. Das muss aber nicht sein. Denn, egal was auch immer mit uns passiert, jeder einzelne von uns verliert niemals an Wert, gleichgültig, ob er schmutzig geworden ist oder sich für sauber hält. Hat der 50 Euro Schein denn auch an Wert verloren, obwohl ich ihn zerknüllte, ihn mit Dreck besudelte und am Ende auch noch zerriss? Nein! Er hat trotz allem seinen Wert behalten. Gleiches gilt für das menschliche Individuum. Jeder von uns ist unendlich wertvoll und damit unbezahlbar. Die Schöpfung kennt kein sinnloses Leben. Das Gegenteil ist der Fall. Das Leben eines jeden einzelnen von uns muss als Geschenk der Liebe betrachtet werden. Wir haben den Auftrag, etwas sinnvolles daraus zu machen. Auch wenn wir in den Schmutz fallen oder uns das Schicksal schwer zusetzt und nicht selten in die Verzweiflung treibt, so verändert sich der Mensch im Kern nicht, weil sein ursprünglicher Persönlichkeitsanteil, die Seele, unsterblich ist. Das ist unser Persönlichkeitsanteil am ewigen Leben. Ihr habt ja gesehen, was ich mit dem 50 Euro Schein gemacht habe. Trotzdem hat sich der Wert des Geldscheines nicht verändert, obwohl er von mir fast bis zur Unkenntlichkeit beschädigt wurde. Denkt immer daran, was ich euch damit sagen will. Jeder einzelne Mensch behält seinen Wert, egal was auch immer mit ihm geschehen mag, sei es nun gut oder böse. - So, die Veranstaltung ist hiermit beendet. Ich wünsche euch allen noch einen schönen Tag und kommt gut nach Hause!"



(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

***

 

 

3. Das Ich-Paradoxon


 

Es ist schon sehr, sehr lange her, ich weiß nicht mehr wann, als mir als kleiner Junge vor meinem Vaterhaus begegnete ein alter Mann.

 

Wir kamen uns näher, gingen aufeinander zu. Als er schließlich vor mir stand, sagte er leise zu mir: „Mein kleiner Junge, ich bin du.“

 

Er sah mich aus traurigen Augen seltsam wehmütig an, dann ging er gebückt weiter, dieser geheimnisvolle alte Mann.

 

Ich habe ihn seit dem nie wieder gesehen und vergaß die Begegnung, als wäre sie in meinem Leben nicht geschehen.

 

Die Jahre vergingen, die Zeit strich dahin. Ich tat so viele Dinge, mal mit oder ohne Sinn. Irgendwann ich in einen Spiegel blickte und plötzlich erkannte dann; ich sah im Gesicht schon aus wie ein alter Mann.


©Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

***

 

4. Der alte Farmer


 

Ein alter Farmer in Australien hatte auf seinem riesigen Grundstück eine ausgedehnte Apfelbaumplantage. Dazwischen lagen immer wieder kleinere Seen, die auch zur Bewässerung der Bäume dienten.

 

Eines Tages marschierte der Alte mit einem Eimer Spezialfutter in der Hand gemächlichen Schrittes los, um seine jungen Karpfen zu füttern.

 

Als er schließlich an einem der Seen kam, hörte er plötzlich das laute, übermütige Lachen von einer Gruppe junger Frauen.

 

Langsamen Schrittes ging er noch näher ans Wasser heran und stellte zu seiner großen Verwunderung fest, dass sie sich nackt ausgezogen hatten, denn ihre gesamte Kleidung lag verstreut überall auf der nahen Uferwiese herum. Jetzt waren sie gerade dabei, ausgelassen ins kühle Nass zu springen.

 

Der alte Mann stellte sich darauf hin an den Rand des Gewässers und schaute den jungen Frauen interessiert eine Zeit lang beim Baden zu.

 

Aber schon bald hatten ihn die schönen Wassernixen bemerkt, denn plötzlich rief eine mit lauter Stimme zu ihm rüber: "Wir kommen erst aus dem Wasser, wenn Sie weg gegangen sind."

 

Der alte Farmer grinste ein wenig, rührte sich jedoch nicht von der Stelle.

 

Vielmehr dachte er kurz nach und rief dann zurück: "Ich bin bestimmt nicht hier hergekommen, um euch nackt beim Baden zuzuschauen, meine werten Damen. Ich bin doch kein Spanner! Von mir aus könnt ihr solange hier im Wasser herum planschen, wie ihr wollt. Ich habe nichts dagegen. Mir ist das wirklich egal."

 

Kurz darauf hob er jedoch spontan den blechernen Eimer für alle gut sichtbar mit beiden Händen in die Höhe und sagte mit deutlich hörbarer Stimme: "Ich will ja nur meine Jungkarpfen füttern. Leider befinden sich in diesem Teich auch manchmal Krokodile, die was von dem begehrten Futter abhaben wollen. Erst gestern habe ich hier ein größeres Exemplar gesichtet. Ihr solltet das Wasser lieber so schnell wie möglich verlassen, wenn ich das Fischfutter da rein werfe. Es könnte auch eventuell Krokodile anlocken.“

 

Als die jungen Frauen das hörten, blickten sie entsetzt nach allen Seiten und verließen in Panik schreiend das Wasser, so splitternackt wie sie waren.

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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