Iris Bittner

Nicht so heil, die Welt Kap. 22, 23

22

 

Auf einmal war die Weihnachtszeit da. Draußen war es nasskalt und schmuddelig, sodass Leo und ich unsere Spaziergänge drastisch verkürzten. Die Abende verlängerten sich dementsprechend deutlich. Bier und Wein hatten wir gegen Tee getauscht, der auch gern den einen oder anderen guten Schuss Rum enthalten durfte. So saßen wir oft stundenlang in meinem gemütlichen Wohnzimmer, bewunderten das Flammenspiel des Schwedenofens und sprachen meist sehr wenig. Jeder hing seinen Gedanken nach. Auch das Schweigen in Gesellschaft machte mehr Spaß als alleine, und wenn nicht Gandhi das Knistern der Holzscheite mit seinem Schnarchen übertönt hätte, wäre die Stille manchmal fast unheimlich gewesen.

 

Leo erhob sich. „Na denn, Schorsch. Ich muss jetzt. Morgen ist schon Heiligabend. Hast du Lust, dass wir zwei alten Herren gemeinsam Weihnachten feiern? Aus Messwein lässt sich ein vorzüglicher Glühwein brauen. Ich halte die Christmette, danach habe ich frei. Was meinst du?“

„Ooch“, sagte ich gedehnt. „Das ist mir zu spät. Um diese Zeit liege ich längst im Bett. Weihnachten habe ich schon lange nicht mehr gefeiert. Trotzdem, vielen Dank für die Einladung.“

 

Hochwürden lachte. „Ach, du alter Heide. Christmetten finden schon lange nicht mehr um Mitternacht statt. Zumindest nicht hier. Neunzehn Uhr, Dauer maximal eine Stunde. Mehr halten die Leute nicht durch. Also, spring schon über deinen Schatten. Vielleicht kannst du dich sogar dazu durchringen, die Mette zu besuchen? Als Gasthörer sozusagen? Würde mich teuflisch freuen, dich dort zu sehen.“

„Dann müsste ich aber Gandhi alleine lassen. Alleine schon deshalb geht es nicht. Nein, ich glaube nicht, dass ich kommen werde.“

„Bring ihn doch einfach mit!“

„Was? In die Kirche? Ist das denn erlaubt?“

„Klar. Das steht sogar in der Bibel, Bergpredigt: Lasset die Hündlein zu mir kommen. Oder so ähnlich. Mach dir keine Sorgen, nimm den Hund ruhig mit.“

 

So kam es, dass ich zum ersten Mal seit meiner Konfirmandenzeit, also seit gefühlten hundert Jahren, einen Weihnachtsgottesdienst besuchte.

Hochwürden sah fabelhaft aus. Mit seinem wallenden, langen Haar, dem grauen Bart und dem prächtigen Ornat sah er dem Gottvater meiner Kindheit so ähnlich, dass ich verblüfft zweimal hinsehen musste, um darin den lässigen, haschischrauchenden Waldschrat zu erkennen.

 

In seiner Weihnachtspredigt, die auf der Herbergssuche fußte, schlug er gekonnt den Bogen von Maria und Josef vor über zweitausend Jahren zu heutigen Vorurteilen, Ausgrenzung und falschen Gerüchten, die bei den Opfern schlimmste Folgen auslösen konnten. Manch einer der Gottesdienstbesucher hätte sich an die eigene Nase fassen können, wäre er Leos Worten so aufmerksam gefolgt wie ich. In einigen Passagen nahm Leo deutlich Bezug auf Lissis Geschichte. Das konnte natürlich nur ich wissen.

Der Organist stimmte den Schlusschoral an. Aber anstelle des erwarteten ´Stille Nacht´ intonierten Kirchenchor und Orgel ganz unerwartet ´Halleluja´. Von Leonhard Cohen. Die älteren Gemeindemitglieder quittierten das mit missbilligendem Kopfschütteln, die jüngeren mit erstauntem Raunen. Gandhi quittierte den Song auch. Kaum waren die ersten Töne erklungen, sang er mit. Laut und schrill überstimmte misstönendes Hundegeheul den feierlichen Kirchengesang. Mir blieb nichts anderes übrig, als zusammen mit dem unmusikalischen Tier die heiligen Hallen schleunigst zu verlassen. Ein Blick zurück aus dem Augenwinkel zum Altar zeigte mir, dass Leo über der festlichen Robe, die seinen Bauch umwallte, die Hände gefaltet hatte und vor Lachen bebte.

 

Wir verbrachten einen ruhigen Weihnachtsabend im Pfarrhaus. Zu meiner Überraschung zog Leo zwei knusprige Gänsekeulen aus dem Bratrohr in seiner Küche.

„Was? Du kannst kochen? Davon hast du bisher kein Wort verlauten lassen! Sieht prima aus“, sagte ich anerkennend.

„Nein, kann ich nicht. Ich kann aber sehr gut fertiges Essen aus der Dorfkneipe abholen und aufwärmen“, gab er grinsend zu.

Nachdem wir ausgiebig geschlemmt und uns auch reichlich des Glühweins bedient hatten, zogen wir uns auf die Ofenbank, die um den mächtigen Kachelofen lief, zurück. Ich lobte Leos beeindruckende Predigt und stellte etliche Fragen dazu, die er ausführlich beantwortete. Im Hintergrund dudelte kitschige Weihnachtsmusik aus dem Radio. Irgendwann erhob sich Leo und stellte das Gerät genervt ab. Eine CD mit Musik von Cohen war passender. Damit hatte der Abend schließlich auch begonnen. Gandhi blieb zum Glück mäuschenstill.

 

Leider waren wir aus berufsbedingten Gründen bald gezwungen, die kleine Feier zu beenden. Zwei aufeinanderfolgende Feiertage mit Messen in verschiedenen Gemeinden der Diaspora beanspruchten Baumanns volle Konzentration, für die er seine ausreichende Nachtruhe brauchte.

 

„Nach den Feiertagen fahre ich zu Lissi. Sie hat mir mitgeteilt, dass die nächsten Tonbänder fertig sind. Die letzten, wie sie erklärte. Ich würde nun unter anderem erfahren, sagte sie, wie ihr Vater starb und warum sie das Dorf fluchtartig verließ. Merkwürdig, ich dachte, ich wüsste Bescheid. Ludwig Berger kam bei dem Feuer in der Türenfabrik ums Leben. Aber offenbar ist das nur ein Teil der Wahrheit. Lissis Andeutungen zufolge steckt eine noch viel schlimmere Tragödie dahinter, als bisher angenommen. Komm gut nachhause, mein Freund. Bis nächste Woche dann.“

 

Die beiden Weihnachtsfeiertage verbrachte ich bei Freunden in der Stadt. Ich wusste nicht, welche Schreckensgeschichten mich erwarteten, aber ich befürchtete das Schlimmste. Ein wenig Abwechslung vorher könnte auf keinen Fall schaden.

 

 

23

 

Ludwig Berger war ein alter Mann geworden, das spürte er jeden Tag. Seine Aufgabe als Nachtwächter nahm er dennoch gewissenhaft wahr. Abend für Abend führte er seine Kontrollgänge durch, leuchtete mit der massiven Stablampe in alle Winkel und überzeugte sich, dass alles sicher verschlossen war. Schon vor Jahren hatte ihm der Chef einen Generalschlüssel für die Hallen anvertraut. In der Vergangenheit war es mehrmals vorgekommen, dass ein pflichtvergessener Vorabreiter es zu eilig gehabt hatte, in den Feierabend zu kommen, so dass das eine oder andere Tor über Nacht offengeblieben war.

 

Ludwigs Schlafbedürfnis war mit fortschreitendem Alter immer geringer geworden, und sein Gedächtnis hatte stark nachgelassen. Manchmal erinnerte er sich nicht mehr, ob er seine Runde durch das Werk schon absolviert hatte. Dann stand er mitten in der Nacht auf, nahm Lampe und Gehstock und ging nochmal los. Wer erst spät von der Kneipe nachhause wankte, konnte ihn häufig zu jeder erdenklichen Nachtzeit als leuchtendes Irrlicht über das Firmengelände geistern sehen. Mancher tippte sich dann vielsagend an die Stirn.

 

„Ja, ein alter Knochen bist du schon geworden,“ seufzte Ludwig still in sich hinein. „Aber immerhin noch rüstig. Es könnte auch schlimmer sein. Alles ist gut, solange ich nicht irgendwann zum Pflegefall werde und meiner Lissi zur Last falle. Mit etwas Glück gebe ich vorher den Löffel ab.“

Was nach seinem Tod – den er beileibe nicht demnächst erwartete, aber man konnte ja nicht wissen – mit Lissi geschehen würde, war zu seiner größten Besorgnis geworden. Also beschloss er, rechtzeitig Vorsorge zu treffen. Lange dachte er nach, wie er sein Kind bestmöglich über seinen Tod hinaus behüten könne. Die Lebensversicherung, die er vor vielen Jahren zu ihren Gunsten abgeschlossen hatte, brachte seit längerer Zeit kaum noch Gewinn, die Summe würde Lissi nicht für immer ernähren können.

 

Er fuhr mit dem Bus in die Kreisstadt, um sich von einem Notar Rat zu holen. Nach einem ausführlichen Gespräch wurde ein Erbvertrag aufgesetzt. Heute war er mit seinen drei Töchtern zur Unterschrift ins Notariat geladen.

 

Die Urkunde wurde verlesen. Nachdem alle Beteiligten ihre Unterschrift geleistet hatten, lud Ludwig seine Mädchen zur Feier des Tages in die Eisdiele ein. Das Zusammensein der Familie, die sich so fremd geworden war, wurde bald beendet. Viel hatten sie sich nicht zu sagen.

 

Gegen Ende der Woche erhielten Ludwig, Lissi, Sonja und Petra mit der Post je ihre Ausfertigung des Vertrages.

 

„Los, zeig her“, forderte Toni seine Ehefrau auf, als er nach Feierabend verschwitzt nachhause kam, und riss ihr das Papier aus der Hand.

„Was? Spinnst du? Diesen Scheiß hast du wirklich unterschrieben? Du bist wohl total verblödet? Schau doch mal, was da steht: Du und deine blöde Schwester erbt das Haus deines Vaters gemeinsam? Ha, ha. Lissi bekommt ein lebenslanges Wohnrecht. Na toll, die wird bestimmt 100. Aber alle Kosten tragt ihr natürlich zusammen. Was hast du denn davon? Aha, es geht noch weiter, hier steht: Die vorhandene Lebensversicherung wird als Ausgleich auf Petra umgeschrieben, dafür verzichtet sie auf ihren Pflichtteil. Na, toll. Aah, hier geht es weiter: Das Sparbuch eures Vaters wird treuhänderisch hinterlegt. Sieh einmal her, hier steht der Betrag. Wahnsinn, so ein Haufen Moneten. Ich frage mich, woher dein Vater so viel Geld hatte. Immer, wenn Lissi irgendwo Hilfe benötigt, sollen davon die entsprechenden Leute bezahlt werden. Ja, klar. Überall wird die blöde Kuh Hilfe brauchen, die kriegt ja nichts alleine auf die Reihe. Sag mal: Welche Kohle bekommen wir eigentlich? Für mich sieht es ganz so aus, als hätte dein Vater dich sauber über den Tisch gezogen. Los, wir gehen jetzt sofort zu ihm. Den Vertrag muss er ändern, das lassen wir uns nicht gefallen. Hoffentlich geht das noch. Du blöde Ziege hast ja alles brav unterschreiben. So doof kannst auch nur du sein.“

 

Wutschnaubend setzte sich Toni in Bewegung. Mit seiner Ehefrau im Schlepptau erschien er bei Ludwig Bergers Haus und betätigte ausdauernd die Türklingel am Gartentor, das wie immer sorgfältig versperrt war.

„Schwiegerpapa, wir müssen mit dir ein paar ernste Worte sprechen“, überfiel Toni Ludwig, kaum dass er das Haus betreten hatte. Um Toni, der ein boshaftes Glitzern in den Augen hatte, nicht noch mehr zu reizen, bat Ludwig die beiden ins Wohnzimmer.

„So, was gibt’s denn so Wichtiges zu dieser späten Stunde? Viel Zeit habe ich nicht, ich muss gleich auf Streife gehen.“

„Streife! Dass ich nicht lache. Du wirst in der Firma schon längst nicht mehr gebraucht. Der Chef bringt es nur nicht über sein Herz, dich rauszuwerfen. Deshalb erlaubt er dir immer noch deine blöden, nächtlichen Streifzüge zwischen den Werkshallen.“

„Ach, sei doch still. Du weißt genau, dass ich als Nachtwächter unentbehrlich bin. Erst neulich habe ich wieder ein paar junge Burschen beim Rauchen erwischt. Ganz schön gefährlich, so nah am Palettenlager zu rauchen. Denen habe ich Beine gemacht, das kannst du glauben. Aber nun komm schon zur Sache. Wie gesagt: Ich habe keine Zeit.“

„Bilde dir ein, was du willst, alter Mann. Deinen Erbvertrag kannst du dir jedenfalls irgendwohin schieben. So kann ich den leider nicht anerkennen, da ist für uns ja gar nichts drin. Aber für deine saudumme Isabella hier kann es wie immer nicht genug sein.“

Zornig deutete er auf Lissi, die am anderen Ende des Raumes auf dem Sofa saß und eine Fernsehsendung verfolgte.

 

„Du brauchst ihn nicht anzuerkennen, mein Lieber“, entgegnete Ludwig gelassen. „Es ist alles vom Notar geprüft und genehmigt, deine Frau hat den Vertrag unterzeichnet. Wo also ist das Problem? Ihr könnt ruhig wieder nachhause gehen, geändert wird hier nichts. Punktum. Gute Nacht. Jetzt verlasst bitte mein Haus.“

Ludwig griff nach Tonis Schulter, um ihn aus dem Zimmer zu schieben.

Sein Schwiegersohn schüttelte die Hand grob ab. „Rühr mich nicht an! Ich kann dir auch ganz schnell eine in deine blöde Visage hauen, wenn du mich behandelst, als sei ich Dreck für dich. Geh mir ja vom Leib!“

 

Sonja griff beschwichtigend Vaters Hand:

„Fass meinen Mann lieber nicht an. Das bekommt keinem gut. Siehst du nicht, dass er recht hat? Beschissen hast du mich auf der ganzen Linie. Nein Papa, so geht das nicht. Ich will meinen Anteil haben. Das steht mir genauso zu wie Lissi. Du hast jetzt die Wahl: Ändern, oder ich gehe vor Gericht. Such dir´s aus. So billig abspeisen lasse ich mich nicht.“

„Tu, was du nicht lassen kannst. Und jetzt verschwindet aus meinem Haus. Hört ihr? Raus!“

 

Sonja sah besorgt, dass Toni begann, den letzten Rest Ruhe zu verlieren. Eine Ader auf seiner Stirn schwoll gefährlich an, die Augen traten beinahe aus ihren Höhlen.

 

„Was? Rauswerfen willst du uns? Du blöder Ochse, was fällt dir eigentlich ein?“

Er machte einen schnellen Schritt auf Ludwig zu und packte ihn am Hals.

„Siehst du? Wenn ich will, kann ich dich zerquetschen wie eine Fliege. Du tust jetzt sofort, was ich verlange, sonst wirst du was erleben!“

Ludwig versuchte, sich zu befreien. Toni packte nur noch fester zu.

Inzwischen hatte Lissi den Aufruhr bemerkt und war leise hinzugetreten.

„Toni, lass meinen Papa in Ruhe“, bat sie ruhig.

„Halt die Schnauze, blöde Gans“, fauchte Toni.

Ludwig versuchte unterdessen, sich aus Tonis Würgegriff zu befreien. Toni gab keinen Zentimeter nach. Verzweifelt wand er sich. Wenn der gewalttätige Muskelprotz, mit dem seine ältere Tochter verheiratet war, nicht bald nachließ, würde er am Ende noch ersticken.

 

Toni schubste ihn grob von sich. Ludwig japste nach Luft. Nach einem tiefen Atemzug befahl er barsch:

„Ich sage es nicht noch einmal: Raus hier, alle beide. Verschwindet, und lasst euch hier nicht mehr blicken!“

„Vergiss es! Keinen Schritt machen wir hier heraus. Nicht, bevor der Scheißerbvertrag hier zerrissen ist“, brüllte Toni gehässig.

Er griff nach der Urkunde, die auf dem Esstisch lag, und machte Anstalten, sie entzweizureißen. Ludwig fiel ihm in den Arm. Bei Toni setzte das Kontrollvermögen restlos aus. Er griff nach dem nächstbesten Gegenstand, den er erwischen konnte.

 

Es war der reich verzierte Elefant aus Thailand, den Anni vor langer Zeit als Andenken an ihre Heimat mitgebracht und ihn dann Lissi als Abschiedsgeschenk überlassen hatte, mit dem Toni an diesem Abend seinem Schwiegervater den Schädel einschlug.

 

Lissi war außerstande, sich zu rühren. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf ihren Vater, der bewegungslos auf dem Fußboden lag. Um seinen Kopf breitete sich eine rasch größer werdende Blutlache aus. Mechanisch bückte sie sich und hob den Elefanten auf. Der war ganz glitschig von Vaters Blut, und Lissi ließ ihn mit einem Aufschrei wieder fallen.

 

Sonja fand als erstes die Fassung wieder. Sie packte ihre kleine Schwester am Ellenbogen und schob sie rüde in ihr Zimmer.

„Komm mit. Das musst du nicht sehen“, sagte sie rau. Dann zog sie den Schlüssel von Lissis Zimmertür ab und schloss diese von außen zu. Lissi hatte noch immer keinen Ton hervorgebracht. Auch jetzt schrie sie nicht noch wehrte sie sich. Wie in Trance nahm sie willenlos hin, dass sie eingesperrt wurde.

 

Ruhig nahm Sonia das Plaid vom Sofa und breitete es über ihren toten Vater. Vorwurfsvoll wandte sie sich an Toni. „Oh, Mann. Da hast du uns etwas eingebrockt. Was machen wir denn jetzt? Wir können Papa nicht einfach hier liegen lassen. Irgendwann kommt Lissi wieder zu sich und ruft die Polizei. Hallo! Toni! Toni, hörst du mich?“

 

Toni, der seit jeher vor keiner Grausamkeit zurückgeschreckt war, befand sich in einer Art Schockstarre. Mit verschleierten Augen war er auf das Sofa gesunken. Wie viele Menschen immer er krankenhausreif geschlagen hatte, wie oft er, auch gegen seine eigene Frau, brutal gewesen war – getötet hatte er bisher noch nicht.

 

Sonja dagegen spürte eine Eiseskälte in sich. Ihr war klar, dass sehr schnell etwas geschehen musste. Papa, der tote Papa, musste irgendwie verschwinden. Wie das vor sich gehen sollte, wusste sie zwar nicht. Das war auch nicht ihr Problem. Toni hatte schließlich die Tat begangen, nicht sie. Also musste er sich auch um die Beseitigung der Leiche kümmern.

 

Sie nahm die Flasche Kognak aus dem Fach in der Schrankwand und schenkte ein Glas randvoll ein.

„Hier, trink das.“ Sie hielt ihrem Mann den Schnaps vor das Gesicht. „Los, trink, und dann denk gefälligst nach. Lissi wird nicht ewig so ruhig bleiben. Nun mach schon.“

Toni stürzte den Kognak in einem einzigen großen Schluck hinunter. Er fröstelte kurz, dann erwachten seine Lebensgeister wieder. Seine Augen wurden klarer.

„Ja, Schatz, du hast recht. Lass mich überlegen. Wie sollen wir nur den Alten so schnell loswerden?“ Verwirrt schüttelte er den Kopf.

„Gefriertruhe? Ist die voll? Los, geh voraus und mach zuhause die Gefriertruhe leer. Dort können wir ihn vorläufig zwischenlagern.“

„Auf keinen Fall“, protestierte Sonja. „Ich habe erst neulich ein halbes Reh eingefroren. Glaubst du, ich werfe das teure Fleisch weg? Vergiss es. Außerdem will ich ganz sicher keinen Toten im Haus haben. Finde gefälligst eine bessere Lösung. Streng endlich einmal dein Hirn an!“

 

Toni goss sein Glas noch einmal voll. Während die aromatische Flüssigkeit langsam durch seine Kehle rann, erwog er in Gedanken verschiedene Möglichkeiten. Irgendetwas musste ihm jetzt einfallen, verflucht. Wozu verfolgte er jeden Abend die gewalttätigsten Thriller, die das Privatfernsehen sendete? Aber Hollywood war eben doch nicht die Realität. Dann hatte er endlich eine Idee.

 

Eines der großen Gebläse in einer der Hallen machte ihm schon seit geraumer Zeit immer wieder Ärger. Beinahe täglich musste er all sein Wissen als Maschinenschlosser und auch einige unkonventionelle Tricks anwenden, um die Anlage daran zu hindern, heißzulaufen. Besonders gefährlich war, dass das Gerät praktisch rund um die Uhr lief. Auch wenn nicht gearbeitet wurde, musste die Luft regelmäßig vom Staub der allgegenwärtigen Sägespäne gereinigt werden. Wie oft er den Chef aufgefordert hatte, die Maschine endlich austauschen zu lassen, wusste er nicht mehr. Viel zu geizig, der Junior!

„Ach, was, das geht schon noch. Du bist doch ein geschickter Handwerker, du kriegst das schon hin“, hatte der Junior ihn immer wieder abgewimmelt. Doch wenn ihm das auch nur einmal nicht mehr gelänge – das Ding würde in Flammen aufgehen, schneller als der Chef bis drei zählen konnte. Was dann geschähe, die staubgeschwängerte Luft und ein glühendes Maschinenteil – na, danke!

 

Das war die Chance. Toni war sicher, dass es ihm gelingen würde. Wer ein Unglück verhindern konnte, musste doch auch eines herbeiführen können?

 

„Schnell, gib mir den Schlüssel.“

„Welchen Schlüssel denn?“

„Den für die Fabrikhallen. Den hat dein Vater doch noch? Für seine Rundgänge? Los, nun fang schon an zu suchen.“

„Ja, ich glaube, den hat er noch. Warte, da habe ich ihn schon.“

Sonja zog einen Schlüsselbund aus Ludwigs Jacke, die wie immer an der Garderobe hing.

 

Toni erläuterte seiner Frau den Plan. Er wollte die Lüftungsanlage so manipulieren, dass sie in kurzer Zeit überhitzte. Zur Sicherheit würde er ein paar Kanister mit Lösungsmitteln öffnen. Deren Dämpfe waren hochentflammbar. Was die Staubexplosion nicht anrichtete, brennbare Dämpfe würden den Rest erledigen.

„Es wird nicht lang dauern, bis das Feuer ausbricht. Sobald das geschieht, rufst du den Notruf an. In der Zeit, bis die erste Feuerwehr ankommt, müssen wir es schaffen, die Leiche bei den alten trockenen Paletten, die hinter dem Gebäude herumliegen, zu verstecken. Wenn erst mal die Halle brennt, fangen die Paletten als nächstes Feuer. Wir müssen nur schnell sein. Das schaffen wir beide, nicht wahr? Wir sind doch schon immer ein gutes Team, Schatz.“

 

Sonja machte sich weniger Sorgen, dass ihr Mann in den Flammen, die er eigenhändig legte, umkommen könne. Toni würde schon wissen, was er tat. Aber ob sie es wirklich fertigbrächte, ihren toten Vater von den Flammen auffressen zu lassen?

Wie sich herausstellte, sollte sie es schaffen. Der perfide Plan ging minutiös auf. Das Großfeuer vernichtete große Teile der Fabrik und vertuschte für immer Tonis und Sonjas Verbrechen.

 

Lissi stand, vom Vorhang verdeckt, bebend am Fenster ihres Zimmers. Sie sah, wie Toni zu einer der Fabrikhallen ging und dahinter verschwand. Wenig später kehrte er zurück. Dann ein lauter Knall, eine Explosion. Bald schon schossen Flammen aus den Oberlichtfenstern der Werkshalle. Sie hörte Sonja aufgeregt ins Telefon sprechen. Dann eilten Sonja und Toni über die Straße, direkt auf das in Flammen stehende Gebäude zu. Toni trug ein schweres Bündel auf der Schulter. Papa, dachte Lissi traurig.

 

Der erste Feuerwehrwagen traf ein. Toni rannte gestikulierend auf den Kommandanten zu. Er habe den Brand entdeckt. Was er denn tun könne, um zu helfen? Er wurde aufgefordert, aus dem Weg zu gehen. Die Kriminalpolizei käme bestimmt auf ihn zu, wenn sie Fragen hätte. Er solle sich eben bereithalten.

 

Eine ganze Nacht lang wütete das Höllenfeuer. Erst in den Nachmittagsstunden gelang es den aus dem ganzen Landkreis angerückten Feuerwehren, die Flammen unter Kontrolle zu bringen. Immer wieder mussten Gaffer, die den Straßenrand belagerten, zurückgedrängt werden.

 

Schließlich blieb nur noch eine Brandwache zurück. Die Brandermittler konnten mit ihrer Arbeit beginnen. Man kam trotz gründlicher Nachforschungen zu keinem eindeutigen Resultat. Das Wahrscheinlichste schien, dass ein technischer Defekt die Katastrophe ausgelöst hatte.

 

Leider war ein Todesopfer zu beklagen. Einer der Ermittler fand eine stark verkohlte Leiche unter den Resten verbrannter Paletten. Anhand des Zahnprofils wurde Ludwig Berger identifiziert. Der alte Nachtwächter war wahrscheinlich wieder zu später Stunde über das Gelände gestrolcht, vermutete man. Alt und nicht mehr so gut zu Fuß – und die Flammen hatten so schnell um sich gegriffen! Schrecklich, so im Feuer ums Leben zu kommen. Bei Brandopfern, zumal in diesem Zustand, gab es meist nur geringe Erfolgsaussichten auf verwertbare Spuren. Routinemäßig wurden Ludwig Bergers sterbliche Überreste dennoch obduziert.

 

Bei der Autopsie wurde festgestellt, dass der arme Mann nicht nur verbrannt war. An mehreren Stellen befanden sich schwerst beschädigte Knochen. Auch der Schädelknochen am Hinterkopf war nicht intakt. Aufgrund der hohen Temperaturen, die auf den Körper eingewirkt hatten, konnte der Gerichtsmediziner jedoch keine eindeutigen Hinweise auf die Ursache dieser Knochenbrüche finden. Deshalb protokollierte er in seinem Bericht, auf den Körper herunterstürzende brennende Trümmerteile hätten Teile des Skeletts zertrümmert. Seinen besten Tag hatte der Pathologe da ganz sicher nicht gehabt.

 

Der erschütterte Juniorchef nahm Toni zur Seite. Er drückte ihm ein Bündel größerer Geldscheine in die Hand. „Bitte, Toni. Kein Wort über die defekte Maschine. Ich komme in des Teufels Küche, wenn das herauskommt. Das Geld aus der Brandversicherung ist dann futsch. Ich könnte das Werk niemals mehr wiederaufbauen. Denk bitte an die vielen Arbeitsplätze.“

Ab da hatte Toni nie mehr Geldsorgen. Immer, wenn er knapp bei Kasse war, konnte er sich, eines kräftigen Zuschusses gewiss, an seinen Arbeitgeber wenden.

 

Auch darüber, dass seine dumme Schwägerin seine Tat ausplaudern würde, brauchte er sich nicht zu sorgen. Noch am selben Abend hatte er Lissi aus ihrem Zimmer befreit. Er packte sie hart am Oberarm und wies auf die Flammen, die gegenüber tobten.

„Siehst du? Weißt du nun, was passiert, wenn man nicht auf Toni hört? Merk dir das gut. Ich rate dir, halt deine dumme Fresse. Kein Wort von dem, was du gesehen hast, ist das klar? Du hast dir alles sowieso nur eingebildet. Also, halte dich daran. Solltest du aber nicht auf mich hören und auch nur ein Sterbenswörtchen verlieren, dann gnade dir Gott. Das nächste Feuer brennt dann für dich. Ein schönes, großes Feuer für die kleine, dumme Lissi. Erwarte nicht, dass ich davor zurückschrecken würde.“

Schmerzhaft drückte er ihren Arm und schob sie unsanft von sich. Er befahl Sonja mitzukommen, verließ das Haus und schlug die Haustür hinter sich zu.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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