Iris Bittner

Nicht so heil, die Welt Kap 24 bis Epilog

24

 

Lissi, gelähmt und unfähig, ein Wort hervorzubringen, stand minutenlang bewegungslos da. Toni hatte keine Ahnung, ob sie seine Warnung überhaupt wahrgenommen hatte. Aber in Lissis Ohren dröhnte die Drohung, die Toni wütend ausgespuckt hatte, erbarmungslos nach. Über Stunden hallte in ihrem Kopf: „Feuer, für dich. Feuer, das nächste für dich.“ Irgendwann sank sie kraftlos auf das Sofa, auf dem nun kein Überwurf mehr lag. Sie starrte mit leeren Augen auf die Blutlache.

 

Nach einer Weile erhob sie sich mechanisch, bückte sich, hob den blutverschmierten Elefanten auf. Den verbarg sie unter ihrem Bett. Danach füllte sie einen Eimer mit Seifenlauge, kniete sich hin und bearbeitete den großen Blutfleck auf dem Teppich mit einer Bürste. Der verschwand nicht, sondern verteilte sich immer weiter. Wütend stieß sie den Eimer um. Mechanisch rollte sie den nassen Bodenbelag auf und schaffte das tropfende, schwere Teil in den Gartenschuppen, wo sie es in der hintersten Ecke unter einer Plane verbarg. Zu keinem logischen Gedanken fähig, ahnte sie doch instinktiv, dass es sich um ein Beweisstück handelte. „Das nächste Feuer für dich. Ein schönes, großes Feuer für Lissi“, tönte eine Endlosschleife in ihrem Geist. Sollte Toni je erwischt werden, würde er sicher so wütend werden, dass er seine furchtbare Ankündigung wahrmachte. Sie schleppte sich zurück ins Haus, sank auf die Couch und fiel erschöpft in einen unruhigen Schlaf.

 

Um Isabella Berger über den Tod ihres Vaters zu verständigen, zog man den örtlichen Seelsorger hinzu. Vom lauten Klingeln der Haustürglocke erwachte Lissi. Sie ließ den Polizisten und Pater Leo ein. So einfühlsam wie möglich überbrachte man ihr die traurige Nachricht. Sie reagierte nicht, wie erwartet, mit Tränen und Schock. Blicklos stand sie stumm im Türrahmen und starrte die Männer an.

 

Der Polizist drückte nochmals sein Bedauern aus und verabschiedete sich. Der Geistliche führte Lissi in die Küche und drückte sie auf einen Stuhl. Er suchte in den Hängeschränken, bis er Teebeutel und Tassen gefunden hatte. Er stellte den frisch bereiteten Tee vor Lissi auf den Tisch, nahm neben ihr Platz und griff nach ihrer Hand. Ohne ein Wort saßen sie lange Zeit nebeneinander, während der Tee kalt wurde. Selbst dem Kirchenmann war klar, dass Beten hier nicht helfen konnte. Irgendwann erhob sich Pfarrer Baumann. Er hatte eine Verpflichtung in der Nachbargemeinde, die er nicht verschieben konnte. Trotzdem wollte er Lissi nicht ohne Gesellschaft lassen.

„Lissi“, begann er leise. „Wenn du möchtest, bitte ich deine Schwester Sonja, zu dir zu kommen. Die wurde bereits verständigt und hat die Nachricht sehr gefasst aufgenommen. Vielleicht könnt ihr euch gegenseitig helfen, diese schreckliche Sache zu verkraften?“

Lissi erwachte kurzzeitig aus der Lethargie. „Nein, nicht! Bitte, bitte nicht“, rief sie in einem sich überschlagenden Tonfall. Auch Leopolds Vorschlag, einen Arzt herbei zu bitten, lehnte sie beinahe hysterisch ab. Der Geistliche respektierte ihren Wunsch und versprach, wieder zurückzukommen, sobald es seine Zeit erlaube.

 

Auf dem Weg ins Pfarrhaus machte er einen kleinen Umweg. Er wusste, dass Lissi große Probleme mit Lesen und Schreiben hatte und ahnte, dass die bevorstehenden Formalitäten die arme Frau restlos überfordern würden. Deshalb wollte er veranlassen, dass Sonja und Toni das meiste davon regelten.

 

Kurz und bündig lehnte Toni Baumanns diesbezügliche Bitte ab. „So etwas ist ja wohl Sache der Haupterbin, nicht wahr? Das ist nun mal meine Schwägerin Isabella, nicht wir. Herr Pfarrer, mit mir können Sie nicht rechnen. Auch nicht mit meiner Frau. Die ist völlig verzweifelt, wie Sie sich sicher denken können. Nein, nein. Ab jetzt muss sich Lissi selbst um ihre Angelegenheiten kümmern. Guten Tag, Herr Pfarrer.“

Ganz kurz wunderte sich Pater Leo, woher Toni jetzt schon Einzelheiten über das Erbe wusste. Dann wurden seine Gedanken von anderen Obliegenheiten der Kirchengemeinde beansprucht und er vergaß dieses Detail.

 

Leopold Baumann ließ Lissi nicht im Stich. Bis die Leiche zur Beerdigung freigegeben wurde, stand er ihr tatkräftig zur Seite und leitete schließlich die Bestattungszeremonie. Er bezweifelte, dass Lissi in diesen Wochen viel von ihrer Umgebung wahrnahm. Sie erweckte den Eindruck, ständig neben sich zu stehen und aus einiger Entfernung das Geschehen teilnahmslos zu beobachten.

Auch nach dem Begräbnis besuchte Pater Leo Lissi regelmäßig. Eine Veränderung ihres Zustandes konnte er nicht feststellen.

 

„Hier, dieser Brief. Können Sie den bitte für mich lesen?“

Baumann nahm Lissi den Umschlag aus der Hand. Es war das Schreiben des Amtsgerichts, worin sie über den Nachlass ihres Vaters informiert wurde. Der Pfarrer setzte sich mit dem Notariat in Verbindung. Der Notar, der Lissis Vermögen treuhänderisch verwaltete, schlug vor, Lissi monatlich einen Betrag vom Sparbuch für ihren Lebensunterhalt zukommen zu lassen.

Der Geistliche erklärte Lissi geduldig die Benutzung einer Bankkarte und des Geldautomaten. Nach mehreren Versuchen hatte sie es begriffen. Leider musste das Risiko eingegangen werden, die Geheimzahl in großen Ziffern auf einem Kärtchen zu notieren, das Lissi in ihrer Brieftasche mit sich führte. Immerhin war sie so in der Lage, sich monatlich etwas Geld zu beschaffen um selbstständig das Nötigste zum Leben zu besorgen.

 

Mit dem Fahrrad fuhr sie wöchentlich in den Nachbarort zum Supermarkt. Viel brauchte sie ohnehin nicht. Das Kochen hatte sie seit Vaters Tod aufgegeben. Sie kaufte Obst und Fertiggerichte, die sie danach auswählte, welche der bunten Bilder auf den Packungen ihr wenigstens ein bisschen Lust aufs Essen machen konnten.

 

Das Haus hielt sie weiterhin akribisch sauber. Der Garten dagegen lag vernachlässigt brach. Bald schon begannen Brombeerranken und Unkraut die Beete zu überwuchern. Lissi war das egal. Wen sollte das schon stören? Sie hielt sich sowieso die meiste Zeit im Haus hinter geschlossenen Rollläden auf.

 

Traurig und verstört verbrachte Isabella Berger unendlich lange, einsame Monate. Sie aß wenig, schlief unruhig und weinte viel.

 

 

25

 

Die Ruinen der Türenfabrik waren abgerissen worden. Der Wiederaufbau war in vollem Gange. Eine der Hallen hatte man schon fertiggestellt. Dort sollte demnächst die Produktion hochwertiger Haustüren wieder beginnen. Auch Material war schon angeliefert worden. Ein stabiler Unterstand aus drei großen, festen Bretterwänden mit einem einfachen Wellblechdach war errichtet worden. Täglich fuhren schwere Lastwagen auf die geräumte Fläche, von denen Stapler stattliche Mengen teurer Tropenhölzer abluden und durch die offene Seite in das provisorische Lager brachten.

 

Basti und Kevin, beide vierzehn Jahre alt und im Grunde ganz clevere Burschen, hatten genau dieses Lager als Treffpunkt für ihre abendlichen Zusammenkünfte auserkoren. Wenn die Aufbauarbeiten ruhten, hatte man hier seine Ruhe. Niemand konnte entdecken, dass die Jungs hier herumlungerten und Cola tranken, die sie, sooft es einem von ihnen gelang, im Supermarkt eine Flasche Wodka zu entwenden, gerne auch aufwerteten.

 

Weltmännisch zündete sich Basti eine Zigarette an. Das Päckchen hatte er aus Mutters Handtasche geklaut.

„Gib mir auch eine“, forderte Kevin. Großzügig hielt ihm Basti die Packung hin und reichte ihm sein Feuerzeug. Rauchend beschäftigten sie sich leidenschaftlich mit ihren Smartphones und erschraken nicht wenig, als der Capo eines der Bautrupps, der wohl auf dem Weg zum Bauwagen den Zigarettenrauch gerochen hatte, in ihrem Blickfeld auftauchte und sie schroff anfuhr:

„Seht bloß zu, dass ihr Land gewinnt. Oder könnt ihr nicht lesen? Schaut mal dorthin.“ Er zeigte streng auf das gelbe ´Betreten verboten´- Schild.

„Das gilt auch für euch, meine Herren. Also, zieht Leine, aber zack, zack. Wenn ich euch nochmal hier erwische, kommt ihr mir nicht mehr so leicht davon, das schwöre ich euch. Abmarsch!“

Schuldbewusst traten die Jugendlichen ihre Kippen aus und trollten sich davon. Gerade noch einmal davongekommen. Glück gehabt!

 

Wer von den beiden seinen Zigarettenstummel nicht ordentlich gelöscht hatte, ließ sich später nicht mehr feststellen. Fakt blieb, dass herumliegende Holzspäne und Papierfetzen langsam zu glimmen begannen. Ein kleiner Windstoß genügte, dass ein winziges Flämmchen entstand. Es wurde größer und fraß sich weiter. Nach einer halben Stunde verbrannten riesige Stapel wertvollen Tropenholzes. Bald loderten hohe Flammen aus dem Behelfslager. Die rasch angerückte Feuerwehr konnte nichts mehr retten.

 

Den beißenden Qualm roch Lissi als Erstes. Sie hörte lautes Knacken und Prasseln. Beunruhigt trat sie ans Fenster und erschrak bis ins Mark. Die Feuersbrunst vor ihren Augen war Tonis Teufelswerk. Bald würde er kommen und sie holen. Das Feuer für sie brannte schon. Dabei hatte sie doch kein Wort verraten. All die Monate hatte sie geschwiegen wie ein Grab. Tonis Verbrechen war nicht ans Licht gekommen. Was war passiert? Warum hatte Toni wieder ein Feuer gelegt? Warum nur wollte er sie heute beseitigen? Verbrennen, vernichten, qualvoll töten wie Papa?

 

Mittlerweile war auf der Straße vor dem Haus die Hölle los. Blinkende Blaulichter, gebrüllte Kommandos, das schrille Kreischen eines Martinshorns. Dazwischen Scharen von Schaulustigen. Die entsetzliche Szenerie wurde von den Flammen dramatisch beleuchtet.

 

Mit Bewegungen, die denen einer Marionette glichen, ging Lissi durch die Zimmer. Sie nahm die Sporttasche aus dem Kleiderschrank in Papas Schlafzimmer. Die war das letzte Mal benutzt worden, als sie in jenem herrlichen Sommer mit Anni zu dritt an den Badesee gefahren waren.

Nun füllte sie Lissi mit hastig zusammengeraffter Wäsche und ein paar Jeans und Pullovern. Sie nahm, was sie in der Eile erwischen konnte, bis die Tasche voll war. Unter ihrem Bett zog sie den Holzelefanten hervor und schob ihn tief unter die Kleidungsstücke. Mit knapper Not konnte sie den Reißverschluss zuziehen. Tränen der Angst liefen über ihr Gesicht. An der Garderobe hing ihr Anorak, in den sie jetzt schlüpfte. Der war eigentlich für die warmen Herbsttage zu dick, aber etwas anderes war in der Eile nicht griffbereit.

 

Vorsichtig verließ sie das Haus. Sie schlich durch den Garten hinaus auf die Straße. In dem Durcheinander, das dort herrschte, bemerkte niemand die weinende Frau, die geduckt in Richtung Dorfmitte lief.

Stundenlang verbarg sie sich hinter den Sträuchern in der Nähe der Bushaltestelle. Endlich kam der Werksbus, mit dem sie und Papa früher oft zur Arbeit gefahren waren. Zum Glück wartete niemand an der Haltestelle.

„Nehmen Sie mich bitte mit?“ Lissi erklomm die Stufen zum Autobus und sah den Busfahrer schüchtern an.

„Ach, die Lissi, schau mal an“, sagte der freundliche Mann gemütlich. „Na, klar, setz dich, ist ja genug Platz da.“

Vor den Toren des Sportartikelwerks stieg Lissi aus, bedankte sich höflich und wanderte durch die Kreisstadt zum Bahnhof.

 

Mit dem Fahrkartenautomaten kam sie nicht zurecht. Eine nette Frau half ihr, ein Ticket zu ziehen.

„Wohin soll´s denn gehen?“, fragte die hilfsbereite Dame.

„Nach Thailand“, erklärte Lissi nach einigem Zögern. Eigentlich hatte sie noch gar nicht darüber nachgedacht, wohin sie wirklich gehen wollte. Bis gerade eben war ihr einziges Ziel gewesen, so schnell wie möglich aus Tonis Reichweite zu kommen.

„So, Thailand?“, fragte die Frau zweifelnd. „Tja, einen Flugschein bekommen wir hier nicht. Wie wäre es denn erst einmal mit Nürnberg?“

Lissi nickte. An dem furchtbaren Tag, lange in der Vergangenheit, hatte Horst Anni auch nach Nürnberg gebracht. Von dort aus war sie zurück in ihre Heimat geflogen. Genauso wollte sie es auch machen. Sie würde das Vermittlungsinstitut suchen und die freundlichen Menschen dort bitten, sie nach Thailand zu schicken. Bei Anni hatte das ohne Problem geklappt. In Thailand würde sie Anni suchen. Sie hoffte, dass das Land nicht allzu groß sein würde. Anni würde sie sicher aufnehmen. Von Lissis Herz fiel ein gewaltiger Felsbrocken.

 

 

26

 

Lissi erinnerte sich noch, dass der Nürnberger Hauptbahnhof ein riesiges, kompliziertes Labyrinth war. Auch heute verlor sie sofort die Übersicht, als sie den Bahnsteig verlassen hatte. Unzählige Stockwerke, Rolltreppen, Geschäfte, Imbissstände, und durch alles trieb eine unüberschaubare Menschenmenge. Verwirrt blieb sie stehen und sah sich um. Die meisten Menschen orientierten sich an Hunderten Hinweisschildern, bevor sie sich in den Gängen und Treppenhäusern verteilten. Wonach aber konnte sie sich richten? Wie sollte sie das Gebäude des Eheanbahnungsinstitutes je wiederfinden?

 

Damals hatten sie das Haus durch eine breite Glastür betreten, deren zwei Hälften wie von Geisterhand auseinander geglitten waren, kaum, dass sie davorgestanden hatten. Nach diesen Glastüren musste sie nur Ausschau halten. So schwer konnte das nicht sein. Sie wusste auch noch, dass sie zuerst über eine breite, vierspurige Straße gefahren waren, um später in einem Gewirr aus schmalen Sträßchen und Gassen herauszukommen. Viele mächtige, uralte Häuser hatte sie gesehen, ganz anders als jene, die sie aus dem Dorf kannte. Das Institut selbst hatte sich in einem moderneren Haus befunden, auf einem großen Platz, der sich urplötzlich vor ihren Augen aufgetan hatte. Dort hatte Papa damals seinen Wagen abgestellt. Das konnte nur der Marktplatz der Stadt sein, dachte Lissi erleichtert.

 

Zufällig fand Lissi den Ausgang, den benutzen musste, wer Richtung Hauptmarkt wollte. Mutig, dennoch mit klopfendem Herzen, ließ sie sich von der Menge mitziehen. Es dauerte nicht lange, bis sie sich tatsächlich auf einem größeren Platz befand. Ach, herrjeh! Wie viele Glastüren gab es denn hier? Egal, sie brauchte ja nur die eine, die sich alleine aufschob. Eine nach der anderen probierte Lissi aus. Leider öffneten sich die meisten Türen automatisch, und sie stand mal in einer Apotheke, dann in einem Restaurant oder in einer Parfümerie.

 

Von köstlichem Duft angelockt, fand sich Lissi vor einem Würstchenstand wieder. Sie spürte, dass sie richtigen Hunger hatte. Solchen Appetit hatte sie seit Monaten nicht mehr gehabt.

„Drei im Weckla?“, fragte der Verkäufer. Lissi nickte und nahm das Bratwurstbrötchen entgegen. Sie ließ sich damit auf der breiten Treppe einer Kirche nieder, die so groß war, dass ihr die Dorfkirche zuhause wie eine kleine Kapelle erschien, und biss herzhaft zu. Nun bekam sie Durst. Da sie keine Ahnung hatte, wie lange das Geld reichen würde, dass sich in ihrer Börse befand, wollte sie lieber sparsam sein. Schließlich musste sie bald ein Flugticket bezahlen. Deshalb verzichtete sie darauf, ein Getränk zu kaufen. Dort war ja ein Brunnen, aus dem klares Wasser sprudelte. Mit beiden Händen fing sie etwas Wasser aus einer der Röhren auf.

„Halt, junge Frau. Haben Sie das Schild nicht gesehen? Das ist kein Trinkwasser. Hier steht es, genau vor Ihrer Nase.“

Der ältere Herr ging kopfschüttelnd weiter. Lissi trank trotzdem. Das Wasser schmeckte nicht besonders gut, aber sie wurde nicht krank davon.

Lissi setzte ihre Suche solange fort, bis sie kaum mehr auf den Füßen stehen konnte. Unzählige Glastüren hatte sie ausprobiert, keine war die richtige gewesen. Ein ganzer Tag war vergangen, ohne dass sie ihrem Ziel nähergekommen wäre. Es wurde dunkel, die Menschen auf den Straßen wurden weniger. Dann schlossen die Geschäfte ihre Tore und die Budenbesitzer befestigten gestreifte Planen vor ihren Ständen.

 

Lissi fand eine Treppe, die irgendwohin nach unten führte. Sie kam in einem U-Bahnschacht heraus. Hier war es deutlich wärmer als oben, auch wenn es an manchen Stellen erbärmlich zog. Nun froh, dass sie ihn mitgenommen hatte, wickelte sich Lissi eng in ihren Anorak und setzte sich auf eine Bank. Nur ein paar Minuten ausruhen, dann wollte sie weitersuchen. Trotz des Lärms, den die durchrasenden Züge machten, schlief sie ermattet ein.

 

Tagelang irrte Lissi durch die Großstadt. Sie ernährte sich von einem Wurstbrötchen am Tag und kaufte manchmal, wenn sie ihr Weg über einen Markt führte, ein paar Äpfel. Sie trank Wasser aus den Brunnen der Stadt. Trotz der Warnung des alten Herrn bekam es ihr gut. Sie ging Straße für Straße ab, blieb hoffnungsfroh vor jeder größeren Glastür stehen. Die Nächte verbrachte sie in den Tiefen der U-Bahnschächte.

 

Eine ganze Woche verging, ohne dass Lissi eine Spur des Instituts fand. Deprimiert stellte sie fest, dass es einfach zu viele waren. Zu viele Glastüren, zu viele Plätze, zu viele Straßen. An diesem Abend fand sie auch keine Treppe zur U-Bahn. Mit Tränen der Verzweiflung im Gesicht schlief sie in der Nacht im überdachten Eingang eines Geschäftes.

 

Im Morgengrauen spürte sie voller Schreck, dass sie nicht mehr alleine war. Neben ihr hatte sich ein fremder Mann niedergelassen. Der trug zerlumpte Kleidung, hatte einen struppigen Bart, wirres langes Haar und stank ganz furchtbar.

Als der Obdachlose merkte, dass Lissi aufgewacht war, sprach er sie leise an:

„Na, Kollegin? Magst wohl auch noch nicht in das Obdachlosenasyl? Ich auch nicht. Nur im Winter, wenn es nachts richtig kalt wird, schlafe ich dort.“

Lissi kannte den Begriff Asyl nicht, aber was obdachlos war, hatte sie längst kapiert. Kein Dach über dem Kopf zu haben, das war obdachlos. Der Kerl neben ihr war obdachlos. Sie selbst war obdachlos. Damit musste sie sich ab jetzt wohl abfinden.

 

„Ich bin der Martin“, stellte sich der Fremde vor. „Und du bist?“

„Lissi Berger“, antwortete sie höflich.

„Den Nachnamen kannst du ruhig weglassen, danach kräht kein Hahn“, lachte Martin. Er stand auf.

„Komm, lass uns verschwinden. Die wenigsten Ladenbesitzer sind begeistert, wenn wir in ihrem vornehmen Eingang pennen. Hier, leg deine Tasche ruhig drauf, dann musst du sie nicht die ganze Zeit schleppen.“

Erst jetzt bemerkte Lissi den klapprigen Einkaufswagen, in dem Martin sein Hab und Gut transportierte.

 

Heute kaufte Lissi zwei Bratwurstbrötchen und lud Martin zum Frühstück ein. Ohne Angst schlenderte sie neben dem Fremden her. Außer Toni hatte sie noch nie boshafte Menschen getroffen. Sie glaubte nicht, dass es so viel Schlechtigkeit auf der Welt gab, wie sie oft im Fernsehen gehört hatte.

In ihrer Arglosigkeit hatte Lissi unglaubliches Glück. Sie war mit Martin einem grundehrlichen und trotz allen Elends warmherzig gebliebenen Menschen begegnet. Spontan schloss sie sich ihm an. Als ihr letztes Geld aufgebraucht war, führte er sie zu den Essensausgabestellen der verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen.

Der Winter brach herein, und Martin brachte sie zu dem Haus, in dem wohnungslose Frauen schlafen und duschen konnten. Auch mit anderen Leidensgenossen machte Martin Lissi bekannt.

Sie war definitiv gestrandet. Ihren Traum von Thailand hatte sie aufgegeben. So schlecht war es hier gar nicht. Irgendwann im Lauf der folgenden zwei Jahre hatte einer der neuen Freunde ihr den kleinen Job als Zeitungsverkäuferin besorgt. Eigentlich ging es Lissi ganz gut.

 

„Und dann“, endete das letzte Tonband, „dann standen Sie, Pater Leo, ganz plötzlich vor mir, wissen Sie noch? Den Rest kennen Sie ja.“

 

 

27

 

Rasch drückte ich auf „Datei speichern“ und schlug den Laptop zu. Ich legte Gandhi die Leine an, schnappte den Kassettenrekorder und eilte zum Pfarrhaus. Hoffentlich war Leo zuhause.

 

Obwohl Leo nicht weniger erschüttert war als ich, reagierte er schnell und richtig.

„Du rufst deine alten Kollegen an. Schick sie zum Gutshof. Lissi hat den alten Elefanten immer noch bei sich. Aber halt, lass mir bitte ein Stunde Vorsprung. Ich möchte bei Lissi sein, bevor die Polizei dort auftaucht.“

Leo war schon in Jacke und Schuhen und rannte an mir vorbei aus dem Haus. „Zieh die Tür hinter dir zu“, rief er noch, bevor er in seinen Wagen stieg und startete.

 

Ich ging langsam heim, vorbei an der inzwischen komplett aufgebauten Haustürfabrik und an Lissis Haus. Ich sah den verwilderten Garten und die geschlossenen Rollläden. Ein Schauer lief über meinen Rücken.

Als ausreichend Zeit verstrichen war, verständigte ich die Polizei. Eine Streife kam zu mir und holte Lissis Tonbänder ab.

 

Der Rest ist schnell erzählt. Lissi hatte den Polizisten ihren Elefanten widerstandslos übergeben, nachdem ihr versichert worden war, dass sie ihn zurückbekäme. Aufgrund der Aussagen auf dem Tonband und der DNA- und Blutspuren, die auf der Holzskulptur erhalten geblieben waren, wurde Toni wenig später von seiner Arbeitsstelle weg verhaftet. Auch Sonja wurde festgenommen. Man ließ ihr nicht einmal genug Zeit, dass ihr frisch aufgetragener Nagellack trocknen konnte.

 

*

 

Lissi möchte für immer auf dem Gutshof bleiben. Dort ist ihr Zuhause. Dr. Götz steht ihr zu Seite. Schritt für Schritt gewinnt sie an Selbstbewusstsein und Urteilsfähigkeit.

Was aus dem düsteren, leeren Haus werden soll, steht derzeit noch nicht fest.

 

 

Epilog

 

Die Landstraße führt noch immer beinahe kerzengerade durch das Dorf. Stünden nicht eine mittelalterliche Kirche mit großem Glockenturm, um die ein kleiner Friedhof liegt, sowie das dazugehörige Pfarrhaus auf der linken Seite und das frühere Dorfschulhaus am Ortseingang rechts, hätte die Landstraße sogar fast kerzengerade am Dorf vorbeigeführt. Auf beiden Seiten Wiesen, Teiche und Felder. Grau und mächtig dann das alte Schloss in einem von hohen Bäumen bewachsenen Park. Lange kommt nichts, und erst eine Weile später zweigen zwei Seitenstraßen ab.

 

Nichts hatte sich verändert. Aber ich sah das Dorf nun mit anderen Augen.

 

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