Martin Hart

Auto-Aggression

Der Begriff Autoaggression kam mir neulich in den Sinn, als ich mit unseren Hunden Gassi ging. „Gassi gehen“. - Irgendwie klingt das in meinen Ohren immer zwischen albern und Babysprache angesiedelt. Darum sage ich das auch nie.

Ich sage zu unseren Hunden stattdessen oft:“Kommt, wir gehen Pipi machen!

– Jetzt merke ich es auch.

Wenn ich nochmal drüber nachdenke, kommt „Gassi“ als süddeutsche Bildung zu „Gasse“ sogar recht plausibel daher und die andere mögliche Herkunft vom lateinischen grassari – sich herumtreiben – und die wiederum davon abgeleitete Wendung aus der Studentensprache, „auf gassatine gehen“, also auf Sauftour, ist irgendwie auch gar nicht albern und sollte überhaupt ruhig häufiger praktiziert werden. - Allerdings besser ohne Hunde.

Wir gingen also doch Gassi.

Die Straße ist schmal. Kaum mehr als ein asphaltierter Wirtschaftsweg. Wie war das noch mit Gasse und Gassi? Ein Auto kommt von vorne. Ziemlich zügig. Mit unverminderter Geschwindigkeit rauscht es, gerade wie ein Pfeilschuss, an uns vorbei. Den rechten Außenspiegel trennen vermutlich nur wenige Zentimeter von meinem Ellenbogen. Was genau spricht gegen einen zumindest kleinen Sicherheitsbogen auf unserer Höhe? Von einer angemessenen Geschwindigkeit mal ganz zu schweigen. Eine falsche Bewegung meinerseits, oder gar der Hunde – keine Chance, noch irgendwas zu retten!

Was, bitteschön erwartet ein solcher Autofahrer? Dass ich mit einem fluchtartigen Sprung die Böschung, oder gegebenenfalls sogar den Straßengraben aufsuche und die Hunde mit mir reiße? Natürlich könnten wir uns auch schon vorher - und somit ohne Fluchtgeschwindigkeit - ein flauschiges Plätzchen in der Botanik suchen. Ich habe das Auto ja schließlich schon von Weitem sehen können. Ist das der Gedanke, der den Autofahrer so aggressiv „draufhalten“ lässt? Also gilt auf der Straße einfach mal das Recht des Stärkeren? Es ist also vermessen von mir zu erwarten, dass den Hunden und mir auf der Straße auch ein Recht auf einen Über-Lebensraum eingeräumt wird. Ach so, das war mir nicht klar. Also doch: Mein Fehler.

Das würde dann aber doch auch bedeuten, dass zum Beispiel alle durchschnittlichen Belagerer einer Würstchenbude ehrfurchtsvoll und bereitwillig eine großzügige Gasse bilden, wenn ein breitschultriger zwei-Meter-Bodybuilder in würstchenkäuferischer Absicht die Bude ansteuert. Wer das nicht rechtzeitig mitbekommt, muss sich halt springend retten oder wird zerquetscht.

Habe ich so bislang noch nicht erlebt. Sicher gibt es hier und da immer mal wieder auch dreiste und freche Drängler, wenn's um Würstchenbeschaffung geht, das wird aber in der Regel nicht akzeptiert, obwohl das für niemanden wirklich gesundheits- oder gar lebensgefährdend ist.

Muss also einfach nur das Risiko groß genug sein, um solch ein Verhalten zu legitimieren? Bei solch einem Gedanken sehe ich einen Kasper vor mir, der nicht das Krokodil verhaut, sondern sich den Kloppi mit wachsender Begeisterung selbst über die Mütze zieht. Das wäre dann wohl auch Autoaggression, aber nicht krankhaft, sondern einfach nur bekloppt.

Was also stimmt nicht mit unserem Autofahrer? Eile? Wie viel Zeit kann man verlieren, wenn man wirklich nur kurz die Geschwindigkeit ein wenig reduziert und einen kleinen Bogen um einen Fußgänger mit zwei angeleinten Hunden fährt? Fünf Sekunden? Vielleicht sogar zehn? Mehr mit Sicherheit auf gar keinen Fall. Und trotzdem: Katastrophe! Der weitere Ablauf des gesamten übrigen Tages ist in akuter und höchster Gefahr! So geht’s ja nun nicht! Nur wegen so 'nem Spacken mit seinen Tölen! - Draufhalten!

Warum fühlt sich so mancher mit seinem Auto gleichsam bewaffnet? Stark wie ein Avenger und unverwundbar? Warum führt diese Bewaffnung dann oft Auto-matisch zu solcher Aggression? Also quasi zu einer Auto-Aggression?

Er nützt damit niemandem, sondern schadet ausschließlich. Und zwar in erster Linie anderen. Selbst wenn ihm das sogar noch egal ist, er schadet mit dieser inneren Haltung und dem daraus resultierenden Gemütszustand auch sich selbst.

Und damit bin ich schon wieder bei Autoaggression. Und ich fürchte, auch in diesem Fall ist sie nicht wirklich krankhaft, sondern ebenfalls einfach nur bekloppt.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Martin Hart).
Der Beitrag wurde von Martin Hart auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • mmlhartyahoo.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Martin Hart als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Schriftliche Kunstwerke von Manuela Dechsheimer



Mein erstes Buch ist endlich fertig.
Alle die mich schon kennen können sich endlich auf neue Gedichte von mir freuen und ein paar alte wieder finden.
In diesem Buch hab ich von allem etwas reingepackt, damit es euch auch ja nicht langweilt :)

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Zwischenmenschliches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Martin Hart

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Bär und Storch von Martin Hart (Krieg & Frieden)
Der kleine Stern und der Löwe von Anschi Wiegand (Zwischenmenschliches)
Wunschträume von Claudia Savelsberg (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen