Heinz-Walter Hoetter

Vom Selbstmord einer Sau

 

 

 

Da war einmal ein Bauer, der hatte viele Schweine, die er auf seiner großen Wiese frei herum laufen ließ, wo sie besonders gut gedeihen konnten, weil sie von ihm artgerecht gehalten und gefüttert wurden. Die Schweine hatten es gut bei ihm.

 

Wenn aber die Borstenviecher groß genug und schlachtreif geworden waren, brachte er sie regelmäßig in eine Metzgerei, wo er sie immer gegen gutes Geld verkaufen konnte. Das war sein Geschäft, von dem er lebte.

 

Als der Bauer mal nicht auf seinem Hof war, kam eines Tages ein einsamer Wandersmann an der weitläufigen Wiese vorbei, wo wieder einmal große und kleine Schweine mit ihrer Schnauze im Boden herum wühlten, was sie besonders gerne taten.

 

Der Mann mit dem auffällig weiten Mantel und dem Schlapphut auf dem Kopf blieb am Lattenzaun der Wiese stehen, wo er für einige Zeit interessiert die Schweineherde beobachtete.

 

Plötzlich fing der Mann an zu grunzen. Eine ganz in der Nähe stehende Sau blickte ihn erstaunt an, ging auf den Wanderer zu und fragte ihn grunzend: „Seit wann können Menschen mit uns Schweine reden? Das ist wirklich sehr seltsam und außergewöhnlich. Wer bist du, wenn ich dich mal fragen darf?“

 

Ich bin ein Zauberer und kann mit jedem Tier reden, wenn ich das nur will, auch mit dir. Sag' aber den anderen nichts davon, weil ich nur mit dir sprechen möchte.“

 

Geht in Ordnung, Zauberer. Aber wenn du schon mit mir reden kannst, dann möchte ich etwas über meine Zukunft wissen. Das wäre wirklich interessant für mich, denn ich wüsste gerne, wie sie aussieht.“

 

Möchtest du wirklich etwas über deine Zukunft erfahren? Ich will dich nicht erschrecken und dir Dinge erzählen müssen, mit denen du vielleicht nicht fertig wirst. Man sollte die Zukunft einfach auf sich zukommen lassen, was besser ist. Wer seine Zukunft kennt, der weiß auch um sein Schicksal. Denk mal darüber nach!“, antwortete der Zauberer nachdenklich.

 

Ach was! Wir Schweine halten viel aus, egal was es ist. So schlimm wird es schon nicht sein. Nun sag' mir schon, wie meine Zukunft aussieht. Mich interessiert sie einfach. Nun fang schon an!“

 

Na gut, wenn du deine Zukunft unbedingt kennen lernen möchtest, dann sage ich dir, wie sie aussieht. Also höre mir gut zu!“

 

Ich bin ganz Ohr“, sagte die Sau und wartete ungeduldig darauf, dass der Zauberer endlich loslegte, damit sie etwas über ihre Zukunft von ihm in Erfahrung bringen konnte.

 

Nun, dem Schweinezüchter, dem du gehörst, der mästet hier seine Tiere, nur um euch Schweine, wenn ihr groß genug seid, an eine Metzgerei zu verkaufen. Er verdient damit sein Geld. In der Metzgerei werdet ihr geschlachtet und schließlich zu den verschiedensten Produkten verarbeitet, damit die Menschen diese essen können. Euer Fleisch schmeckt ihnen besonders gut, z. B. als gebratenes Schnitzel. Tja, so sieht nun mal deine Zukunft aus, was eigentlich für alle Schweine gilt. Ihr lebt eigentlich nur, um geschlachtet zu werden, weil die Menschen eben Schweinefleisch gerne essen. Tja, du wolltest etwas über deine Zukunft wissen und hast in Wirklichkeit keine. Das ist die Wahrheit. Ich habe dich vorher gewarnt.“

 

Das glaube ich dir aber nicht, auch wenn du ein Zauberer bist. Du

willst mir doch nur Angst einjagen. Darauf falle ich nicht rein. Im Übrigen kann das niemals die Zukunft sein, auch für mich als Schwein nicht. Ich lebe hier auf der Wiese des Bauern immerhin doch sehr gut und bekomme jeden Tag frisches Futter, wie die anderen auch. Was will ich mehr? Ich bin zufrieden.“

 

Der Zauberer wurde plötzlich ganz still, hob auf einmal seine rechte Hand und sprach eine Zauberformel aus, die offenbar der Sau vor ihm galt, mit der er die ganze Zeit geredet hatte. Dann drehte er sich auf der Stelle um und ging.

 

***

 

Am nächsten Tag kam der Bauersmann zu seinen Schweinen auf der Wiese und wollte sie wie immer füttern. Alle waren da, bis auf eine Sau, die er vermisste. Also suchte er nach ihr.

 

Als er den Zaun überprüfte, fand er eine defekte Stelle, wo jemand mit Gewalt die Latten heraus gerissen hatte. Auf der anderen Seite des klaffenden Loches folgte der Bauer einer auffälligen Spur im weichen Boden, die zu einem nah gelegenen Weiher führte, wo er die tote Sau ertränkt vorfand.

 

***

 

Er konnte ja nicht wissen, dass ein Zauberer bei seinen Schweinen tags zuvor gewesen war und ausgerechnet mit dieser Sau, die jetzt tot im Wasser lag, über ihre Zukunft geredet hatte. Seine später ausgesprochene Zauberformel hat aber leider nicht sofort die erwünschte Wirkung entfaltet, um der Sau ihr einfaches Schweinebewusstsein zurück zugegeben, damit sie von ihrer Zukunft nichts mehr wissen konnte.

 

So begann die Sau eine Weile später doch noch über ihre Zukunft nachzudenken, die eigentlich keine war, wie sie dachte. Ich lebe doch nur, um später geschlachtet zu werden, damit die Menschen sich an meinem Fleisch gütlich tun können, sinnierte sie verzweifelt. Und weil das so war, wollte sie jetzt ihrem eigenen Leben selbst konsequent ein Ende setzen, durchbrach schließlich den Zaun und ertränkte sich im Wasser des nah gelegenen Weihers, wo sie am nächsten Tag tot aufgefunden wurde.

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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