Klaus Mattes

Der Boy-Fotograf von Enzisheim / 6493


 

Von Ausgabe zu Ausgabe überraschender veränderte das Blättle um die Jahrtausendwende sein grafisches Erscheinungsbild. Die entscheidenden Impulse gingen von einem aus Südafrika stammenden Werbekaufmann aus, dessen Name im Blättle immer nur an versteckter Stelle und klein gedruckt als Verantwortlicher im Sinne des Presserechts erschien. Ihm verdankten wir den Aufstieg von Schwarzweiß zum Vierfarbendruck und dann auch die Einrichtung einer ständigen Bilderstrecke mit Männer-Pin-ups, die wir „Boys' Gallery“ getauft hatten. Eines Tages brachte für genau diese der Amateur-Männerfotograf Marc Pressig aus Enzisheim sich ins Gespräch. Hans, unser eben erwähnter Produzent, so jedenfalls bezeichnete er sich selbst am liebsten, begutachtete das vorgelegte Material und fand es etwas schwach und eindeutig kitschig. Allerdings stand Hans natürlich nicht auf Boys, sondern auf haarige Trucker und Bauarbeiter. Die etwas anders veranlagte Briefkastentante versorgte uns mit Background aus ihrem Lokalitäten-Lebenlauf. In den Lokalen tauchte besagter Fotokünstler Pressig zwar nie auf, war in den Gesprächen einiger jungmaskuliner Geschäftetreiber aber als Kontaktmann hin und wieder schon präsent, wobei er dort ebenfalls eher ungut wegkam, nämlich für schwiemelig, verklemmt und unleidlich befunden worden war.

Ich fuhr nach Enzisheim hinüber, um einen Text zu recherchieren. Marc Pressig, der weit draußen vor der Stadt und ganz oben auf einem steilen Höhenkamm wohnte und der mich nach zwei aufs Dingdong der Klingel folgenden Schweigeminuten ins Souterrain eines Einfamilienhauses geleitete, fand ich erst einmal nicht unsympathisch und auf jeden Fall seriös. Pressig, seinerzeit wohl Mitte dreißig, schien vom Typ her Buchhalter, auffallend groß war er, dazu dick, höflich im Auftreten, insgesamt aber natürlich farblos.

Marc Pressig überschwemmte mich mit Boypics-Dateien aus seiner Werkstatt. Ich guckte, guckte, guckte. Ich bin Boy-Fan. Manches war dann doch nur laienhaftes Geknipse im Wald, neben einem oft wiederkehrenden Holzstoß, mit dem es eine gewisse Bewandtnis zu haben schien. Und auch recht schmieriger Kram tauchte auf - mit offenbar Strichern. Vieles dagegen war dann wieder beste Sahne, wie ich jedenfalls dachte. Wir unterhielten uns recht gut. Die Unterhaltung, die sein Porträt samt Portfolio vorbereiten sollte („Wer die Schönheit angesehn mit Augen“ hieß es dann), dauerte fast ewig.

Mit der Zeit taute Marc merklich auf und rückte mir mit einer Art von Kumpelei näher. „Also, bei dem ist die Taille geil, die Brust ist geil und sein Arsch ist geil. Ich kann dir sagen, aber aufnehmen durfte ich ihn nicht, der Schwanz von dem ist so ein Oschi!“ Zwei Hände, die er irgendwie weit auseinander hielt. Ich ging mehr auf Distanz und ich glaube, er merkte es. Pressig sagte, er wisse es selbst, dass er der Typ nicht wäre, den diese Burschen, wie er sie aber halt nun mal heimlich sich wünschte, gegenseitig ebenso geil fänden. Er sei sich im Klaren, dass er seinen Job als Fotograf dafür benutze, solchen Jungs von seinem Beuteraster nahe zu kommen.

Unter schönen Menschen gebe es einen starken Narzissmus, der sie anfällig mache. Viele seien süchtig nach der immer wieder neu eintretenden Reaktion ihrer menschlichen Umgebung, dass sie ganz unfassbar und makellos schön wären. Darum stelle er seine Fotos jetzt auch kostenlos für unsere Blättle-Galerie zur Verfügung. Er spekuliere, dass noch mehr so tolle Boys Lust kriegen, ziemlich professionell und mit mehr oder weniger Kleidung eingefangen zu werden, um hinterher deswegen bestaunt und bejubelt zu sein. Vielfach halte er sich an sonnigen Tagen im Stadtzentrum bei den Stufen und Grünstrecken auf, wo solche Adonisse sich sammeln. Er spreche den einen oder anderen, der ihm auffalle, dann unmittelbar an.

Später stelle sich immer wieder mal heraus, dass dieser Typ Mann sowieso bisexuell sei. Jede Session bringe körperlichen Einsatz mit sich, Nähe und Offenheit und ein gewisses Machtgefälle gegenüber ihm als dem Dirigent, der es alles ins Licht setze. Es sei dann wohl eine unwillkürliche körperliche Reaktion auf die Wahrnehmung des Begehrens seitens des Fotokünstlers nach menschlicher Schönheit, wenn bei nahezu jedem irgendwann der Schwanz wie selbstverständlich sich aufstelle. Dass man anschließend auch noch auf der Matte lande miteinander, wäre im Wesentlichen ein billiges Klischee. Doch gelegentlich ereigne sich auch das noch und wäre ihm somit schon recht.

In mir drin nagte mein Neid. So gut wie Pressig sah ich noch aus. Ich schrieb aber nur Texte und noch nie, absolut kein einziges Mal, war ich wegen einem Text mit einem von den Boys, die mir gefielen, auf irgendwelchen Matten gelandet. Mein schließlich entstehender Text für die Galerie fiel durchweg schmeichelnd aus, an der Oberfläche; kaum überlesbar waren auch einige bissige und hinterhältige Zeilen.

Diesem Fotografen bin ich dann nie mehr begegnet. Nach Jahren fiel mir ein, ihn zu googeln. Er hatte seine eigene Internet-Präsenz und befand sich augenscheinlich weiterhin im Zustand seiner etwas braven, etwas fleischigen, etwas verkitschten Halb-Professionalität. Es gab so viele Boys, man verlor irgendwann die Lust zu klicken. Danach war ich nie mehr dort.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.05.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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