Horst Lux

Am Pranger

 

Montagnachmittag, die große Glocke hat gerade zweimal angeschlagen. Kein Windhauch regt sich, die Augustsonne brennt unbarmherzig in die Mauernische der Kirche hinein. Nichts stört das Schweigen, kein Vogel singt, der Friedhof an der Kirche liegt in tiefem Schweigen.

       Was aber ist das? Ein tiefes Stöhnen klingt durch die Mittagsglut. »Wasser!« Leise Worte aus ausgedörrter, rauer Kehle dringen vom Südportal der Kirche her. »Bitte Wasser, bitte!«

Spröde aufgesprungene Lippen schaffen es kaum, Worte zu formulieren. Auf dem kreisrunden Granitblock neben dem Kirchenportal sitzt eine junge Frau. Um ihren Hals ein Eisenring mit einem schweren Schloss. Von einer Krampe in der Wand nebenan führt eine eiserne Kette zu diesem Halsring. Die Kleidung der jungen Frau ist ärmlich, ein grob gewirkter grauer Rock, eine ebensolche Bluse, die vielfach geflickt und gestopft ist. An den Füßen grobe Wollstrümpfe und Holzpantinen. Seit Sonnenaufgang sitzt sie nun schon auf diesem Steinblock, es ist noch weit bis zum Sonnenuntergang! Was war ihr Verbrechen, dass sie zu solch einer Strafe verurteilt wurde? Wir kennen die Anklage nicht.

       Aus historischen Quellen jedoch ist bekannt, dass ledige Frauen und Mädchen, die ein Kind geboren hatten, zu dieser Kirchenstrafe verurteilt wurden! Die Kinder, Bastarde, wie man sie nannte, wurden in Waisenhäusern untergebracht.
Und die Väter der Kinder? Es ist nicht bekannt, dass auch nur ein Einziger von ihnen jemals bestraft wurde!

       Grausames Schicksal von Frauen, die oft nichts anderes wollten, als Zuneigung und ein wenig Liebe, vielleicht auch etwas Hilfe zum Überleben? Dann jedoch wurden sie als große Sünderinnen abgestempelt. Welch eine Welt, voller kirchlicher und religiöser Vorurteile, voller Ressentiments gegenüber all jenen, die nicht in das Schema passten

       Stunden später sitzt die junge Frau immer noch auf diesem Pranger. Durch Sonnenbrand und Schweiß hat das Halseisen ihren Hals vollkommen aufgeraut, jede Bewegung des Kopfes schmerzt unsäglich. Unerträglicher Durst hat schließlich dazu geführt, dass sie fast bewusstlos auf dem Prangerstein zusammengesunken ist, nur die jetzt straff gespannte Kette verhindert ein Umfallen des Körpers.

    Zwei Friedhofsbesucherinnen mittleren Alters gehen gegen Abend am Kirchenportal vorbei. 
»Na Gesa? Hast endlich genug von‘ne Hurerei?« Boshafte Worte fliegen zu der Sünderin:
»Mein'n Mann lässt du jetzt sicher in Ruh, nich?«

    »Wasser!« flüstert die Frau auf dem Stein mit rauer Stimme, »bitte, bitte Wasser!«

»Nu hol dir doch wat, da is doch der Brunn!«
lästert die eine Frau und spuckt dem Menschenkind am Pranger ins Gesicht. Höhnisch kichernd und gackernd entfernen sich die beiden. Bald geht die Sonne unter. Dann wird der Büttel die junge Frau von ihren Qualen erlösen. Aber das seelische Leid wird erst richtig anfangen! Ganz gewiss.

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Wie bin ich doch froh, dass es seit Mitte des
19. Jahrhunderts keinen Pranger mehr gibt, niemand muss sich noch öffentlich demütigen lassen, ob nun schuldig geworden oder nicht, ob Delinquent oder Familienangehöriger. Keiner wird heute mehr an den Pranger gestellt, wir leben alle in einem Rechtsstaat!

Oder? Kann es sein, dass die Pranger von heute die sogenannten 'sozialen' Netzwerke sind? Darüber sollte man vielleicht einmal nachdenken!

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.05.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Es wurde sehr viel geschrieben über jene Jahre der unseligen Diktatur eines wahnwitzigen Politikers, der glaubte, den Menschen das Heil zu bringen. Das meiste davon beschreibt diese Zeit aus zweiter Hand! Ich war dabei, ungeschminkt und nicht vorher »gecasted«. Es ist ein Lebensabschnitt eines grünen Jahzehnts aus zeitlicher Entfernung gesehen, ein kritischer Rückblick, naturgemäß nicht immer objektiv. Dabei gab es Begegnungen mit Menschen, die mein Leben beeinflussten, positiv wie auch negativ. All das zusammen ist ein Konglomerat von Gefühlen, die mein frühes Jugendleben ausmachten. Ich will versuchen, diese Erlebnisse in verschiedenen Episoden wiederzugeben.

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