Heinz-Walter Hoetter

Zwei interessante Kurzgeschichten

Der Monolith


 

Der Sturm hatte im Laufe der Nacht zugenommen und bleischwere Wolken trieben auf die hohen Berge und die umliegende Landschaft zu.

 

Der junge Tom Hoover stand mit seinem Fahrrad unter dem gläsernen Vordach einer Bushaltestelle in der Innenstadt von Oldale Town und blickte prüfend zum tiefhängenden Himmel hinauf. Tom spürte ein leichtes, wärmendes Kribbeln auf seiner Haut, als würde ein schwacher Strom durch sein Nervenkostüm fließen. Er wunderte sich darüber, beachtete aber diesen eigenartigen Gefühlszustand nicht weiter. Vielleicht würde er Fieber bekommen, dachte er so für sich.

 

Seine Arbeit rief, die er so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte.

 

Es war Samstagmorgen, kurz vor sieben, und er musste noch die letzten sechs Zeitungen austragen. Tom fragte sich nachdenklich, ob er noch vor dem Einsetzen des Regens rechtzeitig mit dem Zeitungsaustragen fertig werden würde. Er wollte auf jeden Fall mit trockener Kleidung nach Hause kommen.

 

Er schwang sich auf sein Rad, griff noch während der Fahrt mit der rechten Hand nach hinten, zog eine Zeitung vom Gepäckträger und hielt wenige Minuten später mit schnarrender Handbremse vor einem Haus, dessen Eingangstür aus massivem Eichenholz gefertigt war. Mit geübtem Griff drückte er die kupferfarbene Briefkastenklappe hoch und schob die Zeitung durch den schmalen Schlitz.

 

Dann radelte er weiter.

 

Gerade wollte er die letzte Zeitung in einer vornehmen Villa abliefern, die weit am unteren Ende der Straße lag, als in diesem Augenblick ein fürchterlicher Donnerschlag die Stille des noch relativ jungen Morgens zerriss. Mehrere heftige Blitze zuckten fast zeitgleich vom wolkenverhangenen Himmel und tauchten die ganze Umgebung in ein schummrig fahles Licht.

 

Tom erschrak am ganzen Körper, steckte rasch die Zeitung in den Briefkasten am verschnörkelten Eisentor, machte die seitlich am Gepäckträger hängenden Satteltaschen zu und begab sich sogleich auf den Heimweg. Der Sturm nahm an Stärke zu, und gleichzeitig fing es heftig zu regnen an. Erst tröpfelte es ein wenig, dann folgte ein sich mehr und mehr verstärkendes Prasseln, sodass man meinen konnte, die Sintflut bräche herein.

 

Tom schob sein Fahrrad so schnell er konnte in die schützende Toreinfahrt eines großen Hauses hinein, das direkt an der Straße zum Markt lag und beobachtete aus sicherer Entfernung den Sturm gepeitschten Platzregen.

 

Plötzlich erzitterte der Boden unter seinen Füßen von einem gewaltigen Knall, als ob der Himmel auf die Erde gestürzt sei. Tom zuckte schlagartig zusammen und blickte noch im gleichen Moment zum Marktplatz runter, wo die gewaltige

Explosion stattgefunden hatte und jetzt eine große Wolke aus Rauch und Staub hoch über die Dächer nach oben stieg.

 

Fast alle Fenster in der unmittelbaren Umgebung der Detonation waren zersplittert. Unvermittelt setzte das ohrenbetäubende Heulen einer Sirene ein. Obwohl es immer noch stark regnete, strömten eine Menge Leute mit geöffneten Regenschirmen runter zum Markt, wo sich bald eine große Menschenmenge versammelte. Tom Hoover lehnte aufgeregt sein Fahrrad an die Innenwand der überdachten Toreinfahrt, rannte mit einigen anderen Passanten zum Ort des Geschehens und mischte sich unter die neugierig da stehenden Schaulustigen.

 

Auf dem Bürgersteig und auf dem Marktplatz lagen überall Glasscherben und andere lose Gegenstände herum, die aus den umliegenden Geschäften stammten. Die Druckwelle war so stark gewesen, dass man immer noch nicht genau sagen konnte, wo die schwere Explosion stattgefunden hatte. Alles lag im dichten Nebel einer mächtigen Staubwolke.

 

Die Alarmanlage verstummte plötzlich. Dafür hörte man auf einmal das Heulen einiger Polizeisirenen, die aus verschiedenen Richtungen schnell näher kamen.


Wenige Sekunden später brausten zwei Streifenwagen um die Ecke, rasten über den Markt zwischen all den verstreuten Gegenständen und den gaffenden Menschen hindurch, bis sie schließlich mit kreischenden Bremsen vor dem Gebäude des großen Museums hielten. Dann sprangen Beamte aus den Fahrzeugen und scheuchten die neugierigen Schaulustigen zur Seite.

 

Die Polizeibeamten hatten große Mühe, die sensationshungrige Menschenmenge in Schach zu halten. Ein anderer Beamter rief über Funk Verstärkung herbei. Dann setzte er sich mit der Feuerwehr und der Rettungszentrale des städtischen Krankenhauses in Verbindung.

 

Keine fünf Minuten später jagten zwei Kranken- und ein Notarztwagen über den Platz, dicht gefolgt von mehreren Einsatzfahrzeugen der Feuerwehr, die sich um das rauchende Museumsgebäude herum postierten. Männer in weißen Kitteln und breiten Alukoffern in den Händen stiegen aus und verschwanden zusammen mit einigen Feuerwehrmännern im Innern des weitläufigen Komplexes, aus dem immer noch eine große Staubwolke heraus wirbelte.

 

Tom Hoover hatte sich mittlerweile in die vorderste Reihe der Schaulustigen vorgearbeitet, die jetzt geduldig hinter einem schwarz gelben Absperrband standen. Fasziniert beobachtete er das hektische Treiben der Einsatzkräfte, die aufgeregt hin und her liefen. Er wartete auf eine günstige Gelegenheit, um noch näher ran zukommen.

 

 

***

 

 

Die gleiche Woche. Freitag, kurz vor acht Uhr abends.

 

In Oldale Town war es dunkel und still. Das Wochenende stand vor der Tür.


Die meisten Leute waren bei dem schlechten Wetter lieber in ihren Häusern geblieben und gingen jetzt ihren allabendlichen Beschäftigungen nach.

 

Der alte Museumswächter saß in einem bequemen Bürosessel und war vor laufendem Fernseher etwas eingenickt; hin und wieder warf er einen prüfenden Blick durch die hohen Glasscheiben seines Wachraumes hinein in den Saal mit den seltsam aussehenden Artefakten, die seit drei Wochen hier ausgestellt waren und ein Publikumsmagnet ersten Ranges darstellten. Angeblich soll es sich bei den dort ausgestellten Gegenständen um die versteinerten Überreste einer Million Jahre alten Zivilisation handeln, die man in der Arktis gefunden hatte, nachdem das Eis dort geschmolzen war und an vielen Stellen dadurch neues Land zutage trat.

 

Die Artefakte waren vor knapp vier Wochen in großen Holzkisten gebracht worden und einige von ihnen sahen aus wie bearbeitete Kristalle, die im kalten Neonlicht funkelten und blitzten wie Diamanten. Dann gab es da noch einen fast zwei Meter großen Monolithen aus einem bisher unbekannten Material, den man im freigelegten Arktisboden durch puren Zufall gefunden hatte und jetzt schwarz und drohend in der Mitte des kreisrunden Museumssaales stand.

 

Der Wärter gähnte wieder, reckte und streckte sich in seinem weichen Sessel und war im nächsten Moment hellwach, denn er blickte direkt in den Lauf einer Pistole. Vor ihm stand ein Mann in einer schwarzen Uniform unbekannter Herkunft. Über den Kopf hatte er eine seltsam aussehende Maske gezogen.

 

Ehe der Museumswärter noch einen Laut von sich geben konnte, war der unheimliche Fremde an ihn herangetreten und drückte ihm einen mit Äther getränkten Lappen gegen Mund und Nase. Keuchend schnappte der alte Mann nach Luft, versuchte sich zu wehren und wollte sich erheben, aber es ging nicht. Er fühlte sich dem Erstickungstod nahe, dann sackte er bewusstlos in den Sessel zurück, wo ihn der Unbekannte die Hände hinter der Sessellehne zusammenband, sodass er sich nicht mehr daraus befreien konnte.

 

Nachdem der Pistolenmann sich davon überzeugt hatte, dass der Wächter bewusstlos war, setzte er die gesamte Sicherheitsanlage mitsamt den Überwachungskameras außer Betrieb. Er wusste genau, was er tat.

 

Dann holte er einen kleinen, quadratischen Kasten mit einer Unzahl verschieden farbiger Leuchtzeichen zum Vorschein und ging hinüber zu dem schwarzen Monolithen in der Mitte des Museumssaales.

 

Obwohl er sich offenbar gut auskannte, brauchte er dennoch mehrere Minuten, bis er eine ganz bestimmte Stelle in der Mitte des zwei Meter hohen Gebildes gefunden hatte und seine seltsam aussehende Apparatur in eine sich plötzlich öffnende Vertiefung einsetzte, die sich kurz darauf wieder mit einem leicht surrenden Geräusch schloss. Schließlich trat er ein wenig zurück und drückte auf einen gelben Sensor unterhalb seines Armgelenkes. Der schwarze Monolith vibrierte leicht und im gleichen Augenblick verschwand der Mann auf geheimnisvolle Art und Weise, gerade so, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

 

Nach diesem verblüffenden Ereignis veränderte sich die Umgebung geräuschlos in die Vergangenheit zurück bis hin zu jenem Zeitpunkt, die Gegenwart war, als der Museumswärter gerade in seinem weichen Sessel saß, sich reckte und streckte und dabei gähnte. Der alte Wächter öffnete schläfrig ein paar Mal die Augen, blinzelte hinüber in den vor ihm liegenden Ausstellungssaal und nickte bald wieder ein, als wäre nichts geschehen.

 

Tief im Innern des Monolithen aber arbeitete ein unbekannter Mechanismus unhörbar leise vor sich hin.

 

 

***

 

 

Noch immer stand Tom Hoover in der vordersten Reihe der Schaulustigen vor dem qualmenden Museumsgebäude. Es hatte mittlerweile zu regnen aufgehört. Trotzdem blieb der Himmel wolkenverhangen, der nur an wenigen Stellen spärlich aufriss und das Morgenlicht der Sonne schwach hindurch ließ.

 

Tom schaute auf seine Armbanduhr, die zu seiner Überraschung plötzlich stehen geblieben war. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand tippte er vorsichtig auf den Glasdeckel. Doch nichts tat sich. Die Zeiger bewegten sich nicht mehr. In dieser Moment gab es einen weiteren, weitaus größeren Knall als bei der ersten Explosion. Das gesamte Museumsgebäude erhob sich auf einmal wie von Geisterhand bewegt etwa fünf Meter hoch in die Luft, dann stürzte es krachend zurück und fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Erneut verbreitete sich eine riesige Staubwolke rasend schnell nach allen Seiten. Die gaffende Menschenmenge wich jetzt laut schreiend zurück. Panik brach aus und Tom wurde von einem der herumfliegenden Steinfragmente am Kopf getroffen. Im nächsten Augenblick fiel er rücklings halb bewusstlos auf den harten Teerboden des mit zahllosen Trümmern übersäten Marktplatzes.

 

Aus weiter Ferne drangen unzählige Stimmen an sein Ohr, die er aber nicht verstand, weil es eine unbekannte Sprache war. Er blickte auf und sah in ein starres Gesicht, das Ähnlichkeiten mit einem Roboter zu haben schien. Es schwebte über ihm.

 

Es tut uns Leid“, sagte das Gesicht, „aber wir mussten es tun, denn der Monolith ist unsere einzige Zuflucht in Raum und Zeit. Er ist der Hort unserer Seelen. Er gehört meinem Volk, das vor vielen Millionen Jahren auf der Erde eine hoch entwickelte technische Zivilisation hervorgebracht hatte und schließlich unterging. Doch wir konnten weit vor unserem Untergang einen Quantenweltspeicher in Form eines Monolithen erschaffen. In seinem Innern existiert der fünfte Zustand. In diesem Zustand schwingen alle Atome in gleicher Frequenz. Sie sind zu einer einzigen Welle zusammengeschlossen. Es ist eine Welt der absoluten Harmonie und des ewigen Friedens. Wir haben das Paradies gefunden tief im Innern der Teilchenwelt, eine Welt, die ihr erst noch finden müsst. Es ist euer Schicksal, genauso wie es unseres war. Wir werden euch jetzt verlassen und nach einer neuen Heimat irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten des Universums suchen. Der Monolith wird alle Zerstörungen in dieser Welt wieder rückgängig machen, die er durch die Freisetzung seiner Energie hervorrufen wird. Wenn das alles vorbei ist, brauchen wir den Monolithen nicht mehr. Dann haben wir die höchste Stufe des Seins erreicht und können auch ohne ihn weiterexistieren. – Lebt wohl, ihr Menschen der Erde!“

 

Nach dem letzten Wort des sprechenden Gesichts erhellte ein gigantischer Lichtausbruch für wenige Sekunden die Umgebung des Marktes. Dann erfolgte eine gewaltige atomare Kernfusion, die alles in einem Umkreis von mehreren Hunderten von Kilometern pulverisierte und dem Erdboden gleichmachte. Dann wurde es schlagartig still, als hätte jemand den Herzschlag der Zeit angehalten.

 

Tom Hoover meinte, in ein tiefes schwarzes Loch zu fallen. Ein sengender Schmerz schoss durch seinen Körper und vage wunderte er sich darüber, wie er noch Schmerzen empfinden konnte, wo er doch schon tot war. Dann sah er das Licht. Eine gleißende Helligkeit hüllte ihn ein, verwandelte sich in ein wunderschönes Farbenmeer. Danach formten sich die ineinander verlaufenden Farben zu freundlich aussehenden Gesichtern, die er zu kennen meinte, aber nicht genau zuordnen konnte. Dann verblassten sie und Tom spürte, wie die Welt um ihn herum verschwamm. Sein sterbendes Bewusstsein versank in der Dunkelheit eines absoluten Nichts.

 

 

***

 

 

Die Zeit veränderte sich unbemerkt und erzeugte eine neue Gegenwart.

 

Es war Samstagmorgen, kurz vor sieben. Der junge Tom Hoover stand mit seinem Fahrrad unter dem gläsernen Vordach einer Bushaltestelle in der Innenstadt von Oldale Town und blickte prüfend zum wolkenlosen Himmel hinauf.

 

Die aufsteigende Morgensonne schien über das weite Land und tauchte es in ein herrlich goldfarbenes Licht. Tom spürte ein leichtes, wärmendes Kribbeln auf seiner Haut, als würde ein schwacher Strom durch sein Nervenkostüm fließen. Er wunderte sich darüber, beachtete aber diesen eigenartigen Gefühlszustand nicht weiter. Vielleicht würde er Fieber bekommen, dachte er so für sich.

 

Seine Arbeit rief, die er so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte.

 

Um zehn Uhr hatte er außerdem eine Verabredung mit seiner Freundin Ramona, die mit ihm heute ins Museum am Marktplatz von Oldale Town gehen wollte. Dort wurden schon seit drei Wochen versteinerte Artefakte einer längst untergegangen Zivilisation gezeigt, die aus vor arktischer Zeit stammen sollen. Man hatte sie gefunden, nachdem das Eis dort geschmolzen war und an vielen Stellen neues Land zutage treten ließ.

 

Aber die eigentliche Sensation war ein schwarzer Monolith aus einem bisher unbekannten Material, den man durch Zufall im freigelegten Arktisboden gefunden hatte. Er bestand zwar nur aus einzelnen Fragmenten, aber selbst die waren noch imponierend genug. Jetzt waren sie im konzentrierten Scheinwerferlicht genau in der Mitte des kreisrunden Museumssaales nebeneinander aufgebaut.

 

Tom wollte sich beeilen. Er schwang sich auf sein Rad, griff noch während der Fahrt mit der rechten Hand nach hinten, zog eine Zeitung vom Gepäckträger und hielt wenige Minuten später mit schnarrender Handbremse vor einem Haus, dessen Eingangstür aus massivem Eichenholz gefertigt war. Mit geübtem Griff drückte er die kupferfarbene Briefkastenklappe hoch und schob die Zeitung durch den schmalen Schlitz.

 

Dann radelte er schnell weiter. Er musste sich noch umziehen und wollte die Verabredung mit Ramona auf keinen Fall verpassen.

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

 

 

Die Zeitschleife des Ron Flemming


 


 

Vorwort

 

Vielleicht leben wir alle in einer Zeitschleife. In einem sog. zyklischen Universum wiederholt sich der Urknall alle paar Billionen Jahre. Bis in alle Ewigkeit. Und wenn jemand eine böse Tat begangen hat, wird sich diese böse Tat solange (zyklisch) wiederholen, bis der Täter dieses negative Ereignis in ein positives ändert, die böse Tat also durch sein verändertes Verhalten nicht geschehen lässt.


***

 

 

Ein komisches Geräusch weckte den jungen Ron Flemming aus seinem Schlaf. Er fuhr kerzengerade auf, sein soeben noch ruhiges Herz fing an, gegen seine Brust zu hämmern. Die Umgebung schien ihm fremd zu sein. Doch dann, als er ein wenig wacher wurde, erinnerte er sich wieder.

 

Er lag in einem Krankenhaus.

 

Wie lang war er schon hier? Er wusste es selbst nicht.

 

Irgendwie hatte er den seltsamen Eindruck, alles schon einmal erlebt zu haben.

 

Oder täuschte er sich nur?

 

Die Frage klang wie ein anhaltendes Echo in seinem Ohr.

 

Ron erhob sich aus dem Bett und schlürfte träge zum Fenster hinüber. Er schob die Vorhänge zur Seite und öffnete langsam beide Fensterflügel. Er hoffte, dass die frische Morgenluft ihm helfen würde, den Kopf etwas klarer zu bekommen.

 

Draußen dämmerte es schon, und vom fernen Horizont leuchteten die ersten goldgelben Strahlen der aufgehenden Morgensonne. Auf der marmornen Fensterbank lag eine Uhr, die offenbar ihm gehörte. Er nahm sie an sich und streifte sie übers linke Handgelenk.

 

Die Zeiger waren stehen geblieben. Ron wunderte sich über diesen Umstand, sinnierte aber nicht weiter darüber nach.

 

Ich muss hier weg, dachte sich Flemming und ging hinüber zum Schrank, wo man seine Sachen verstaut hatte. Nichts fehlte.

 

Hastig zog er sich an. Zum Schluss warf er sich noch seinen hellen Mantel über die Schulter und schlich heimlich aus der Klinik. Draußen lief er einfach los und irrte eine zeitlang planlos durch die Gegend. Manchmal begegneten ihm einige Frühaufsteher, die ihm neugierig und mitleidig wegen seines wirren Verhaltens hinterher blickten.

 

Plötzlich erinnerte sich Flemming temporär wieder. Er hörte eine Stimme.

 

Die Narbe auf der Stirn können sie mit ihren schwarzen Haaren gut verdecken. Davon haben sie ja genug“, hörte er den Arzt sagen, der ihm die stark blutende Platzwunde genäht hatte.

 

Wie lange war das schon her? Ron konnte sich selbst darauf keine Antwort geben.

 

Wie magisch zog es ihn auf einmal zum nah gelegenen Fluss, der von einer weiten Bogenbrücke überspannt wurde. Ein böiger Wind schlug ihm entgegen, als er in der Mitte der Brücke angekommen war und träumenden Blickes vom schützenden Geländer in die Tiefe schaute.

 

Das aufkommende Sonnenlicht glitzerte auf den Wellen des vorbei fließenden Wassers. Ein Lastkahn mit weißer Bugwelle schob sich gerade unter der Brücke hindurch, als sich von links mit zügigen Schritten ein alter Mann in einem hellen, wehenden Mantel näherte. Seine Haare waren weiß wie Schnee und wurden vom Wind nach allen Seiten geweht.

 

Einen Moment lang befürchte Flemming, dass der alte Mann stehen bleiben könnte, doch er nickte nur freundlich und ging an ihm vorbei.

 

Ron wollte über nichts mehr nachdenken, doch der alte Mann mit den weißen Haaren, der noch vor wenigen Sekunden vorbei gekommen war, erschien ihm irgendwie auf seltsame Weise vertraut, fast so, als würde er ihn kennen.

Er hatte eine große Narbe auf der Stirn, die ihm sofort aufgefallen war, als er Ron freundlich nickend angesehen hatte.

 

Wieder vernahm Flemming das Geräusch von Schritten. Der alte Mann stand plötzlich neben ihm und sprach ihn an.

 

Junger Mann, es macht keinen Sinn, wenn Sie da runter springen. Wozu soll das gut sein?"

Dann wurde er seltsamerweise persönlich.

"Tu es nicht! Sie werden dich ja sowieso retten. Am Ufer dort drüben stehen Fischer mit ihrem Kutter. Sie werden alles mitbekommen, dich aus dem Wasser holen und ins Krankenhaus bringen lassen. Glaub’ mir. Es kommt so. Ich weiß es.“

 

Ich habe gar nicht vor, von der Brücke zu springen“, sagte Ron Flemming geistesabwesend.

 

Doch, doch..., du wirst es tun. Ich weiß es, mein Junge“, stellte der alte Mann ohne Vorwurf fest und strich dem Jungen zärtlich über die Narbe auf der Stirn und fuhr fort: „Narben verheilen, Ron. Du hast noch dein ganzes Leben vor dir. Irgendwann wirst du mich verstehen und auf mich hören. Dann wirst du sehen, dass das Leben auch schön sein kann, mein Junge.“

 

Ron sah den Alten an. In diesem Augenblick frischte der Wind auf und streifte ihm die Haare aus dem Gesicht. Eine große, auffällige Narbe durchzog seine Stirn, die jedoch gut verheilt war.

 

Der Unbekannte griff sich jetzt schnell mit der rechten Hand an den Kopf, hielt seine ergrauten Haare fest und lächelte den jungen Ron Flemming noch einmal an, bevor er sich umdrehte und ging.

 

Als er nicht mehr zu sehen war, sprang Ron ohne zu zögern mit einem weiten Satz über das Brückengeländer hinab in die Tiefe. Als er ins Bodenlose fiel, verspürte er dabei keine Angst, sondern ein Gefühl von unendlicher Freiheit.

 

Nur ein Gedanke schoss ihm dabei schlagartig in den Kopf: „Woher kannte der alte Mann meinen Namen?“

 

Sekunden später schlug er mit dem Kopf voran auf die wogende Wasseroberfläche auf, die hart wie ein Brett war.

 

Ron Flemmings Bewusstsein versank abrupt in eine tiefe Dunkelheit.

 

Als er noch ganz benommen etwas später seine Augen wieder öffnete, lag er in der Kajüte eines schaukelnden Fischkutters. Zwei kräftige Männer kümmerten sich um ihn und hatten ihn in warme Wolldecken gehüllt.

 

Einer von ihnen sagte: „Wir müssen den Jungen so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen. Er ist völlig unterkühlt. Ich denke aber, dass er

durchkommen wird.“

 

Ein alter Mann in einem hellen Mantel und grauweißen Haaren stand oben auf der hohen Bogenbrücke und beobachtete regungslos die Rettung des jungen Selbstmörders.

 

Irgendwann wird er es schaffen, auf mich hören und aus der Zeitschleife ausbrechen. Sonst würde ich hier nicht stehen..., ich, Ron Flemming.“

 

***

 

Ein seltsames Geräusch weckte den jungen Ron Flemming aus seinem Schlaf. Er fuhr kerzengerade auf, sein soeben noch ruhiges Herz fing an, gegen seine Brust zu hämmern. die Umgebung schien ihm fremd zu sein. Doch dann, als er ein wenig wacher wurde, erinnerte er sich wieder.

 

Er lag in einem Krankenhaus.

 

Wie lang war er schon hier? Er wusste es selbst nicht.

 

Irgendwie hatte er den seltsamen Eindruck, alles schon einmal erlebt zu haben.

 

Oder täuschte er sich nur?

 

Die Frage klang wie ein anhaltendes Echo in seinem Ohr.

 

Ron erhob sich aus dem Bett und schlürfte träge zum Fenster hinüber. Er schob die Vorhänge zur Seite und öffnete langsam beide Fensterflügel. Er hoffte, dass die frische Morgenluft ihm helfen würde, den Kopf etwas klarer zu bekommen.

 

Draußen dämmerte es schon, und vom fernen Horizont leuchteten die ersten goldgelben Strahlen der aufgehenden Sonne. Auf der marmornen Fensterbank lag eine Uhr, die offenbar ihm gehörte. Er nahm sie an sich und streifte sie übers linke Handgelenk.

 

Die Zeiger waren stehen geblieben. Ron wunderte sich über diesen Umstand, sinnierte aber nicht weiter darüber nach...

 


©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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