Fernand Muller-Hornick

Die Kampagne

 
 

Angefangen hatte alles ganz normal. Die Partei benötigte einen unverbrauchten, jungen, dynamischen, populären und somit garantiert Wählerstimmen bringenden Spitzenkandidat. Gewiss verfügte die Partei über genügend Freiwillige, die nur allzu gerne den Posten des Spitzenkandidaten besetzt hätten, die seit Jahren, oder besser, seit Jahrzehnten nach der Macht strebten, uneigennützig natürlich, sondern ausschließlich im Dienst der Bevölkerung und des Landes, und die, bedingt durch die Unfähigkeit, auf die Belange der Wähler einzugehen, zugleich aber auch wegen einer auf den Wahlplakaten unverkennbar verdeutlichten eisigen, fast überheblichen Mine ihren Traum von der Macht nicht erfüllen konnten. Dass die Wahl ausgerechnet auf Wagner fiel, war weniger Zufall denn wohldurchdachtes Kalkül von Seiten der Parteispitze. Wagner war, genau betrachtet, ein ungeschriebenes Blatt, der, wenn bisher auch im Hintergrund, in den letzten Jahren gute Parteiarbeit geleistet hatte. Diese bestand in erster Linie darin, während den Wahlkampagnen Flugblätter zu verteilen, unschlüssige Wähler davon zu überzeugen, dass allein und einzig diese Partei die wahren Interessen der Bevölkerung vertritt und für Gerechtigkeit, Frieden, Freude, Eierkuchen und weiß der Teufel was noch alles sorgt.

In einer parteiinternen Geheimsitzung fiel die Wahl mit nur fünf Gegenstimmen auf Wagner, der, nachdem ihm die frohe Botschaft, so der Parteipräsident, über Smartphone mitgeteilt worden war, nur wenig Begeisterung zeigte. Er sei kein Fischer namens Petrus, der mühelos Wählerstimmen angeln kann, er habe kein Wahlprogramm, sei kein guter Redner, könne nicht argumentieren, wie es erforderlich ist, habe kein Durchsetzungsvermögen, kurzum, nein danke. Es bedurfte viel Überzeugungskunst, fast schon einer Gehirnwäsche, bis Wagner schließlich einwilligte, der Partei zum Wahlsieg zu verhelfen und als haushoch gewählter Ministerpräsident das Land in eine sichere, vom Ausland beneidete Zukunft zu führen. Das Wahlprogramm, keine Sorge, die Partei verfügt über genügend Profis, die ihm das tollste Wahlprogramm verfassen, auf jeden Wunsch der Bürger und erhofften Wähler eingehen, das Blaue vom Himmel und das Unerfüllbare versprechen, selbst wissend, dass es unrealisierbar ist, aber was ausschließlich zählt: der Sieg, und nur der Sieg.

Wagner brauchte nichts weiter zu tun, wichtig war an erster Stelle das aufmunternde, herzerweichende Lächeln, besser noch, das Zuversicht und Vertrauen ausstrahlende Lachen auf den Plakaten, ferner die ebenfalls Optimismus verbreitende Rhetorik während den Wahlveranstaltungen, sei es in öffentlichen Lokalen über Land und in den Städten oder im Fernsehen, immer nur Lächeln, besser noch, lachen. Gewiss, Wagner musste das Wahlprogramm vollends beherrschen, er musste wissen, wovon er sprach, jeder noch so kleinste Patzer konnte tödlich für die Partei werden, nach ungefähr vier Wochen konnte Wagner das Wahlprogramm im Schlaf herunterrasseln.

Ebenso wichtig wie das Lächeln und das Wahlprogramm war der Lebenslauf, egal ob wahr oder gelogen, das Volk wünscht sich, von einem aus ihren Reihen regiert zu werden, ein Mensch wie du und ich, ein Mann aus dem Volk, von den gleichen Sorgen gepeinigt wie der Straßenarbeiter oder der Müllmann, aber zugleich auch einer, der die Interessen der Gesellschaft insgesamt, somit auch der Reichen, der Geschäftsleute, der Industriellen nicht nur versteht, sondern auch vertritt, denn, merke, bei aller Sympathie für das schaffende Volk, was letztlich zählt, ist die Wirtschaft und das mit ihr verbundene Kapital, ohne das die Versprechungen lediglich Luftblasen darstellen, wenn sie es nicht ohnehin sind.

Wagner lernte, wenn auch etwas mühselig und mit leichtem Widerwillen, lächeln. Dafür hatte die Partei eigens einen begnadeten, im Land sehr bekannten und beliebten Schauspieler engagiert, der im Burgtheater den Hamlet gespielt hatte, in Hamburg den Faust, in München den Wozzeck und in Salzburg den Jedermann. Die sich über einen Monat hinziehende Unterrichtung in Sachen Lächeln, beziehungsweise unbeschwertes Lachen und in der Mimik klar erkennbar zum Ausdruck gebrachte, wenn auch nur suggerierte Anteilnahme und Interesse an den Belangen der potentiellen Wähler, kostete Wagners letzte Kraft. Zwar wurde er von seinem Arbeitgeber, einer bedeutenden Anwaltskanzlei, für die Zeit der Wahlkampagne frei gestellt, (der Inhaber der Kanzlei war selbst Mitglied der Partei, wobei es hinter vorgehaltener Hand hieß, er habe mehrere Parteikarten, wobei es gelegentlich zu Verwechslungen gekommen sei und er manchmal die falsche Parteikarte vorgelegt habe), dennoch zehrte das ständige Grinsen und das herzhafte, als herzlich und frei wiederzugebende Lachen an Wagners Kräften. Aber er war ein fleißiger Schüler, der, sobald eine der für den Unterricht engagierten SchauspielschülerInnen eine ahnungslose Hausfrau, Büroangestellte oder Putzfrau, beziehungsweise einen Arbeiter, Beamten, Anwalt oder Bankdirektor darstellten, sofort auf die oder den Betreffenden zusteuerte, sein mühsam angelerntes Grinsen oder Lächeln zu Schau stellte und nach dem Wohlergehen des oder der Angesprochenen fragte, dabei, wie empfohlen, kräftig die Hand schüttelte, natürlich nicht allzu kräftig, man will ja niemanden verletzen, aber dennoch kräftig genug, um den Gegenüber Stärke und Durchsetzungsvermögen zu vermitteln. Das weitere Vorgehen war dann Situationsabhängig. Zeigte der oder die in Frage kommende Wähler Interesse, oder befreite er sich sofort aus dem Händedruck, galt es zu entscheiden: Durch stilles ! Zuhö ;ren Interesse zeigen an den eventuellen Problemen des Gegenüber und ihn mit versprochener Verbesserung der Probleme trösten, zugleich davon überzeugen, dass nur diese Partei und keine andere in der Lage sei, eine Änderung herbei zu führen, im Falle eines Misstrauens aber Stärke zu zeigen und mit Argumentationen Überzeugungsarbeit zu leisten. Manchmal kam sich Wagner vor wie in der Oper, oder war es eine Operette, Wagner war eben kein kulturell Interessierter, jedenfalls wie in dem Musical oder was auch immer, wo es heißt: "Immer nur lächeln und niemals betrübt...".

Von Wichtigkeit war, neben dem Unterricht im freundlich jovialen Lächeln, das soziale Bild des Spitzenkandidaten. Da die wahre Biografie von Wagner die aus einem stinknormalen Kleinbürgerhaushalt darstellte, was Wähler wohl kaum vom Hocker reißen konnte, Vater kleiner Beamter, zwar beim Staat, aber allerunterste Karrierestufe, Mutter ebenfalls stinknormale Hausfrau, fromme Kirchgängerin, ob aus Überzeugung oder aus Tradition, nicht nachkontrollierbar, der Sohn ein eher fauler Schüler, der das Abitur mit Ach und Krach schaffte, wurde Wagner aufgebaut, wie es so schön heißt.

Arbeitersohn aus ärmlichen Verhältnissen, der Vater war Hauer in den Kohlegruben, von der harten Arbeit gezeichnet, ein treues Parteimitglied, die Mutter Haus- und Putzfrau, die Eltern legten großen Wert auf eine anständige Erziehung des Sohnes, immerhin sollte er es besser haben als der Vater, was der Sohn als Musterschüler auch tat und die Schuljahre mit Bravour schaffte, zugleich aber auch immer ein Ziel vor Augen hatte, das Wohlergehen der Mitschüler, in der Schulzeit natürlich, und später, als Anwaltsgehilfe, das seiner Klienten in der Anwaltskanzlei, kurzum, ein schönes Beispiel dafür, dass jeder den Aufstieg schafft, wenn er nur will, und dass dies möglich wird, dafür sorgt die Partei.

Nach zwei Monaten harter Arbeit hatte Wagner es geschafft. Nicht nur, dass er sofort beim Erscheinen eines Gesichtes oder einer Kamera, und sei es auch nur der Fotoapparat eines Touristen, sein antrainiertes Lächeln aufsetzte, wie ein Roboter seine Hand ausstreckte und die einstudierten Floskeln herunter rasselte: Wie geht es, was macht die gnädige Frau, beziehungsweise der gnädige Herr, sind Sie mit ihrer Arbeit zufrieden, was machen die Kinder, die Schwiegermutter, der Schwiegervater, der Hund, die Katze, das Meerschweinchen der Kinder, geht es ihnen gut, sind Sie gesund, und wenn nicht, das tut mir aber leid, gute Genesung, und immer den Kopf hoch halten, wir von der Partei werden dafür sorgen, dass alles besser wird.

Dieses permanente Lächeln, beziehungsweise das ständige lachen müssen blieb, wenn auch anfänglich unbemerkt, nicht ohne Folgen. Die Gesichtsmuskeln Wagners verspannten sich zusehends, was schlussendlich zu einem dauerhaften Grinsen führte. Ließ sich die Muskulatur noch anfänglich mit einer leichten Gesichtsmassage korrigieren, so versteifte sich das Gesicht innerhalb einer Woche zu einem permanenten, bis an die Ohrläppchen reichenden Grinsen. Dies war insofern penibel, weil Wagner sogar bei der an einen Wähler gerichteten Frage, ob dieser mit seiner Arbeit zufrieden sei, und der darauf erfolgten Antwort, er lebe von Hartz vier und an der Armutsgrenze, sein Freude suggerierendes Grinsen zeigte, was bei seinem Gegenüber natürlich auf Irritation stieß und dieser sich konsterniert abwandte, damit aber auch zugleich seine Wählerstimme mitnahm, wobei dieser verlorene Wähler zugleich, das Verhalten des Spitzenkandidaten dieser Partei seiner Frau, den Schwiegereltern, Bekannten und Freunden und wer weiß wem noch berichtete, ein für die Partei tödlich endenden Tsunami auslöste.

Dieses selbst im Schlaf vorhandene, permanente Grinsen schlauchte nicht nur Wagner, sondern ebenso die Parteiführung. Mehrere Versuche, die Muskelverzerrung mittels Massagen in den Griff zu bekommen, scheiterten, selbst die besten Mediziner und Therapeuten schüttelten ratlos den Kopf. Zugleich bewirkten diese Muskelanspannung und die damit hervorgerufene Unmöglichkeit, den Mund zu schließen, dass das Kauen, generell das Aufnehmen von Speisen für Wagner immer schwerer, wenn nicht sogar unmöglich wurde. Steckte er etwas in den Mund, fiel es ihm ebenso schnell wieder, bedingt durch die Dysfunktion des Kauapparates, heraus, was nicht nur unappetitlich war, sondern auch zu einer raschen, deutlich sichtbaren Gewichtsabnahme führte. Wagner war bald nur noch der Schatten seiner selbst, ein strich in der Landschaft, eine erbärmliche, dennoch bedauernswerte Figur in einem unerbittlichen Wahlzirkus.

Für die Partei und deren Hoffnung, endlich wieder die politische Macht übernehmen zu können, wurde Wagner immer mehr untragbar und inakzeptabel. Dennoch, und in Ermangelung eines anderen Spitzenkandidaten, den man innerhalb kürzester Zeit hätte aufbauen können, blieb der Partei nichts anderes übrig, als Wagner auch weiterhin, bis zum Wahltag in knapp zwei Monaten, zu unterstützen. Allerdings änderte man jetzt, wenn auch mit wenig Hoffnung auf Erfolg, die Wahlstrategie. Wagner war jetzt plötzlich ein bereits vor Antritt der Wahlkampagne kranker Mann, der, an einer unheilbaren Erkrankung der Gesichtsmuskulatur, präziser, des Lachmuskel, (für wissenschaftlich interessierte Wähler: Musculus risorius) litt, sich trotz dieser schwerwiegenden Erkrankung aber nicht entmutigen ließ, für den Wahlerfolg der Partei zu kämpfen. Das nennt man Kämpfergeist, das eigene Wohlbefinden in den Hintergrund stellen und das der Gesellschaft und des Staates in den Vordergrund rücken. Wer diesem Mann nicht seine Stimme gibt, dem ist nicht zu helfen.

Die mit diesem Krankheitsbild und dem Kämpfergeist des Spitzenkandidaten geführte Kampagne schien, Prognosen zufolge, jedenfalls vielversprechend. Wagners Beliebtheit unter den möglichen Wählern wuchs rapide, jeder wollte, zumindest in den Meinungsumfragen, diesem couragierten Mann seine Stimme schenken, was sich, zur Freude der Partei, auch erfüllte. Wagner wurde mit überwältigender Mehrheit gewählt und führte die Partei zu einem bisher noch nie erreichten Wahlsieg, wogegen die anderen Parteien kleinlaut zugeben mussten, gegen einen so starken Gegner keine Chance gehabt zu haben. Das einzige Problem war, dass Wagner, wegen der oben beschriebenen Probleme bei der Nahrungszuführung innerhalb allerkürzester Zeit mehr als die Hälfte seines Gewichts verloren hatte, und sich nur noch mit Hilfe eines Rollstuhls und zusätzlich mit einem eigens von der Partei bezahltem Rollstuhlschieber fortbewegen konnte, wobei er, bis auf Haut und Knochen abgemagert und somit ohne eigene Muskelkraft mehr, im Rollstuhl fixiert werden musste. Am Abend des Wahltages präsentierte die Partei in der Fernsehsendung zum Wahlabend einen steif im Rollstuhl sitzenden, starr ins Nichts blickenden Wahlsieger mit einem breiten, unveränderlichem, bis an die Ohrläppchen reichendem Grinsen, wobei Wagner, bedingt durch die Unmöglichkeit, den Mund schließen zu können, auf die unzähligen und sich immer wieder wiederholenden Fragen der Journalisten, was er von seinem Wahlsieg halte, stets nur mit einem unverständlichen "Ähhh" oder "Eeeeeh" antworten konnte, was die anderen Parteien dazu reizte, die Regierungsqualitäten dieses Stotterers in Frage zu stellen und darüber hinaus Neuwahlen zu fordern.

Den Ausgang dieser heftigen Debatte erlebte Wagner nicht mehr, noch während der Fernsehdebatte über den Wahlabend und der Frage, ob er, Wagner, Neuwahlen befürworte, sackte der Gefeierte mit einem leisen, wegen des Mikrofons dennoch deutlich hörbarem "Bahh" oder "Bähh" und himmelwärts gerichteten Augen in sich zusammen und schied, wie die Partei anderntags in einem euphorischen Nachruf betonte, friedlich und über den mittels seines Lächelns klar erkennbaren Erfolges erfreut, dahin. Die Partei wird ihm ewig dankbar sein und sein Lebenswerk mit Hilfe eines neuen, noch zu suchenden Spitzenkandidaten, fortsetzen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.05.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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