Hajo Schindler

Im Leben geht es AUF und APP

Am täglichen Leben teilnehmen ohne App, in der heutigen Zeit kaum noch möglich.

Aber wem sage ich das.

Für viele Lebensbereiche wird heute eine Fülle von Apps angeboten. Von Nachrichten-, Fahrplan- Fitness- Wetter über Spiele-Apps, bis hin zu reinen Spaß- oder Quatsch-Apps – es gibt nichts, was es nicht gibt.

Das digitale Zeitalter schreitet unaufhaltsam voran. Ich bekomme schweißnasse Hände, Schnappatmung, es bildet sich Schaum vor dem Mund und es läuft mir eiskalt den Rücken herunter, denn ich befürchte, nein, bin mir sicher, ohne Apps kann ich mein bisheriges Leben bald nicht mehr unbeschwert und uneingeschränkt fortsetzen.

Einen passenden Partner fürs Leben finden, nur über die Dating-App möglich. Sein Fahrzeug auf einen öffentlichen Parkplatz parken, Münz-Parkschein-Automat ade, ein Parkticket kann dann nur noch nur digital über eine Park-App aktiviert werden. Für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel benötigt man die Fahrschein-App, die Wetter-App verrät, dass es in zwei Stunden ein Gewitter mit Starkregen geben wird. Mit der clever - tanken App die günstigsten Benzinpreise finden und billiger tanken, Mängel in Hotelzimmern werden von der Direktion auf einer App erfaßt, usw, usw……..

Ohne Apps auf seinem digitalen Kommunikator wird man immer mehr zu einem Deppen deklassiert.

Meiner Frau und mir ist unlängst am Gardasee Folgendes passiert: Wir stiegen in einen Linienbus. Als wir beim Fahrer einen Fahrschein lösen, diesen mit Münzgeld bezahlen wollten, winkte der abwehrend ab und wies mit einem Fingerzeig auf ein Lesegerät im Einstiegsbereich hin. Wir konnten keine Tickets beim Fahrer kaufen.

Meine Frau und ich sahen uns verdutzt an, verstanden zunächst nur „Bahnhof“.

Eine Businsassin bemerkte unsere Hilflosigkeit und machte uns darauf aufmerksam, dass ein Busticket vor Fahrtantritt an einem Automaten oder digital gelöst werden muss. Ein Fahrscheinautomat war an der Bushaltestelle aber nicht vorhanden. Da waren wir uns ganz sicher. Wie verhält man sich nun in solch einer Situation, die uns absurd vorkam. Ganz einfach, Augen zu und durch. Fazit: Es war das erste Mal in unserem Leben, dass wir „Schwarzfahrend“ unser Ziel erreicht haben.

Denn: Bis ich die entsprechende Fahrschein-App gefunden, auf mein Handy heruntergeladen, den Fahrschein digital abgerufen und dann über einen Scanner im Bus aktiviert hätte, wären unsere Urlaubstage höchstwahrscheinlich zu Ende gewesen.

Wie ich später im Hotel erfuhr, bleibt der Bereich um den Busfahrer wegen der Hygienevorschriften hermetisch abgeriegelt, und er darf kein Bargeld in Empfang nehmen. Corona sei eben immer noch ein Thema und allgegenwärtig.

Ich oute mich da gerne und habe keine Scheu davor. Dieser digitale, elektronische Zirkus geht mir persönlich so was von auf den Zeiger. Jeden Tag werden immer neue Apps angeboten. Für jeden Mist… und für noch so belangloses Zeug. Nein, nein! Ich will solange das möglich ist, davon verschont werden. Eigentlich will ich ewige Werte. Ich will regnerisches Wetter am Totensonntag und am Heiligabend leichten Schneefall. Ich will Erdbeeren im Frühsommer, Kirschen im Sommer und Nüsse im Herbst. Ich will Weihnachten Weihnachten und aus allen Lautsprechern soll „Last Christmas“ erschallen. Ich will Ostern Ostern und die Kinder sollen im Garten nach Ostereiern suchen. Im Winter will ich durch eine verschneite Landschaft laufen, im Frühjahr mich an dem frühlingshaften Wetter und aufkeimender Natur erfreuen, im Sommer im Sonnenschein baden und im Herbst mich an dem bunten Laub erfreuen. Die Braut soll in einem weißen Brautkleid vor den Altar treten und der Bräutigam einen dunklen Anzug tragen. Der Gärtner eine grüne Schürze umgebunden haben und der Mörder ist eben immer der Gärtner. Alles soll so sein wie immer.

Tief durchatmen, …kurze Schreibpause. Meine Frau kommt gerade in das Zimmer. In der Hand hält sie zwei Gläser mit Rotwein, den wir uns vor einigen Wochen aus Italien mitgebracht haben. „Einfach köstlich, probier mal“, sagt sie und prostet mir zu. Ich schnuppere zunächst leicht am Glas, stoße mit meiner Frau an, koste dann einen Schluck davon. Recht hat sie, meine Frau, denke ich in diesem Moment. „Auf einem Bein kann man nicht stehen“, rufe ich augenzwinkernd zu ihr. Sie verschwindet umgehend aus dem Zimmer, um kurz darauf wieder mit zwei gefüllten Gläsern zu erscheinen.

Hm, wahrscheinlich habe ich jetzt ein Glas zu viel getrunken. Was ist denn los?

Ich weiß es auch nicht. Da sitze ich nun hier am Schreibtisch und will alles wie früher? Nein, nicht doch. Aber das Althergebrachte, das Romantische, das Gewohnte. Wenn das alles nun so peu a peu unter den Teppich gekehrt wird, dann wird der Mensch immer mehr zu einem gläsernen, kontrollierbaren Objekt und ist auf dem besten Weg zu einem Spielball der digitalen Sektion zu verkümmern. „Big Brother is watching you!“

Ich will das nicht und versuche solange, wie es eben nur geht, ohne diesen neumodischen Firlefanz im Leben weiter zurechtzukommen. Ich muss dabei nur aufpassen, dass ich es nicht auf die Spitze treibe und ich mir durch meine (noch) digitale Ablehnung bzw. digitale Abstinenz das Leben unnötig schwer mache und zu einem „digitalen Loser“ ( in Deutsch = Verlierer, in Alt-Deutsch = Pflaumenaugust) mutiere.

Ich werde es nicht verhindern können, mich früher oder später fügen müssen, denn das Angebot von Apps wird von Tag zu Tag umfangreicher. „Rien ne va plus“, nichts geht mehr“ heißt es dann irgendwann für Verweigerer. Meine Antwort auf das Credo digital ist der Weisheit letzter Schluss, die ideale Lösung, lautet: „Digital ist nicht unbedingt besser, sondern unvermeidbar für die Gesellschaft geworden.“

Nach Angaben des IT-Branchenverbands BITKOM sind auf jedem Smartphone rund 23 zusätzliche Apps installiert.

Schon bald wird das Display an Handys die Größe eines Fernseh-Flachbildschirmes haben, damit man alle „überlebenswichtigen Apps“ darauf unterbringen kann und in der digitalen Welt allen Anforderungen gewachsen ist.

Ich hoffe, dass bis dahin noch viele Liter Wasser den Rhein hinunter fließen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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