Hans K. Reiter

Wetterumschwung

Herr Franticzek war allseits beliebt. Manche durften ihn Walter nennen, denn er war eigen in dieser Sache. Ein schnelles Du gab’s bei ihm nicht.

 

Auf dem Amt dagegen mochten sie ihn weniger gern. Walter Franticzek ging den Leuten dort sogar gehörig auf den Wecker. Keine Woche verging, in er nicht wenigsten zwei bis drei Mal vorsprach, um über dieses und jenes seine Sicht der Dinge darzulegen.

 

Es schafft keine Freunde, wenn des Bürgers Eifer zur Mitgestaltung in Besserwisserei ausartet. Insofern war Herr Franticzek eine zwiegespaltene Persönlichkeit. Auf der einen Seite die Bürgerschaft, auf der anderen die Offiziellen. Die einen mochten ihn, die anderen nicht.

 

Es hätte bleiben können, wie es war, hätte nicht ein Ereignis kolossalen Ausmaßes dazwischengefunkt.

 

Seit Tagen schon heizte sich die Lage auf. Die Tage schwül, die Nächte stickig. Nichts für Asthmatiker. Ein Hauch kühlenden Windes nur und es hätte nicht geschehen müssen.

 

Bereits am frühen Morgen drang die Sonne nicht mehr durch das Getürm der Wolkenmassen. Dunkle bizarre Gebilde durchmischt von emporschießenden Wattemonstern, deren feurig weiß gleißende Ränder nichts Gutes verhießen.

 

Herr Franticzek hörte die Warnungen nicht. Er ignorierte sie, für ihn waren sie ohne jede Bedeutung. Auf dem Weg, um eine weitere seiner Erklärungen abzugeben, verstand er das aufgeführte Theater der Behörden und anderer Wichtigtuer nicht. Ein Gewitter war im Anzug. Ja, mit schwerem Hagel sollte es einhergehen, so die Verlautbarungen über Radio und TV. „Welche Weisheit!“, brummte er, während er sich anschickte, vorschriftsmäßig eine Straße zu überqueren. Er musste warten, wegen des roten Signals. Kein Verkehr, weit und breit nicht ein Fahrzeug, aber ein verkehrswidriges Hinüberhuschen auf die andere Straßenseite war für Franticzek undenkbar. „Wo kämen wir da hin?“, durchzuckte ihn ein winziger Gedanke nur, der angelegt war, ihn zu verführen.

 

Wegen des drohenden Unwetters war an allen Schulen der Unterricht abgesagt. Feuerwehren und Polizei in Alarmbereitschaft versetzt.

 

Mit einem Mal war es vorbei, die trügerische Sicherheit dahin. Ohrenbetäubende Kaskaden explosionsartiger Entladungen der gewittrigen Atmosphäre folgten aufeinander.

 

Walter Franticzek, an der Ampel immer noch auf das grüne Signal wartend, vernahm weder den Einschlag noch den unmittelbar folgenden dumpfen Knall, als wäre eine Haubitze abgefeuert worden. Knapp neben der Ampel, weniger als drei Meter von Franticzeks Standort entfernt, klaffte ein Krater in der Straße, und davor lag Franticzek, reglos ohne ein Zeichen von Leben.

 

„Er wird’s überleben“, antwortete ein vorbeieilender Arzt hastig auf die Frage eines Reporters der hiesigen Abendpost.

 

Indessen sann Herr Franticzek, wie er sich selbst gerne nannte, wenn danach gefragt, über seine augenblicklich missliche Lage nach. Es fehlten ihm wichtige Minuten, eine Lücke klaffte in seiner Erinnerung.

 

Von Räumfahrzeugen zusammengeschoben, säumten Hagelmassen die Straßenränder. Fahrzeuge waren von herabgefallenen Ästen demoliert, Dächer teilweise abgedeckt, der Inhalt von Mülltonnen weit verstreut. Ein Chaos, wohin man blickte.

 

In dieser Hinsicht fehlte Herrn Franticzek nichts. Klar formten die wenigen Erkenntnisse seiner Misere ein unverrückbar klares Bild. Ein Blitz hätte ihn ums Haar hinweggerafft. Ein Blitz!

 

Schon arbeitete er gedanklich mögliche Alternativen eines Fehlverhaltens der zuständigen Behörden durch. So leicht sollten sie ihm diesmal nicht davonkommen. Natürlich, Gewitter gab es immer wieder, ein physikalisches Phänomen der Natur, mehr nicht. So dachte Franticzek.

 

Wie aber war es möglich, neben einer Ampel, ob dieser einfachen Tatsache, dem Tode geweiht zu sein? Das war der Punkt! Er, der sich äußerst vorbildlich und vorschriftsmäßig verhalten hatte, hätte ums Haar sein Leben verwirkt. War es nicht gerade die Pflicht des Staates, sein Leben zu schützen? Hätte er sich regelwidrig verhalten, indem er die Straße bei Rot überquert hätte und der Blitz hätte just in diesem Moment eingeschlagen, dann freilich wären die Folgen durch sein eigenes Verschulden eingetreten.

 

Je mehr Franticzek grübelte, desto klarer fraß sich ein Gedanke fest. Es ist des Staates Obliegenheit, ihn bei gesetzestreuem Verhalten vor Unheil zu bewahren. Warum, so die naheliegende Schlussfolgerung, waren Ampelanlagen generell nicht mit Blitzschutzvorrichtungen versehen? Und insbesondere solche für Fußgänger nicht? Autofahrer, wie jedermann wusste, waren, da in einem faradayschen Käfig sitzend, geschützt. Fußgänger dagegen nicht. Diesbezüglich gefährdende Ampelanlagen hätten folglich mit Blitzableitern oder blitzsicheren Unterständen für wartende Passanten ausgestattet sein müssen!

 

„Aber Herr Franticzek“, sagte die Mitarbeiterin im Bürgerbüro, „was Sie sich so vorstellen!“

„Ja, liebe Frau...“, und er blinzelte eilig auf das Namensschild am Schalter, „...liebe Frau Wohlsam, ich stelle mir nichts vor, sondern wäre aufgrund staatlichen Versagens beinahe ums Leben gekommen! Und solches muss, ich betone muss, geahndet werden!“

„Sehen Sie, wenn das Ihre feste Überzeugung ist, so sind Sie hier bei mir im Bürgerbüro an der falschen Stelle. In diesem Fall sollten Sie bei der Polizei eine Anzeige erstatten. Eine Anzeige gegen den Staat!“, ergänzte Frau Wohlsam noch.

„Das verstehe ich ganz und gar nicht“, meinte Herr Franticzek. „Warum heißt es dann Bürgerbüro? Eine Anzeige bei der Polizei zieht doch strafrechtliche Aspekte nach sich, nicht wahr? An einer justiziablen Auseinandersetzung ist mir jedoch nicht gelegen. Ich möchte lediglich mit Nachdruck darauf hinwirken, dass der Staat hier eine Verpflichtung hat, der er nachkommen muss!“

„Wenn Sie es so sehen“, flocht Frau Wohlsam ein, bevor Herr Walter Franticzek weiter ausholen konnte. Schließlich kannte sie ihn nur zu gut und wusste, dass jedwede Diskussion fruchtlos wäre, weil Herr Franticzek stets noch eins obendrauf setzen würde.

 

„Ja, genau so sehe ich das!“, ergriff Herr Franticzek wieder die Initiative.

„Einen Moment Herr Franticzek!“, unterbrach Frau Wohlsam den beginnenden Wortschwall ihres Gegenübers. „Ich hätte da einen Vorschlag!“

„Einen Vorschlag?“, fragte Herr Franticzek sichtlich überrascht.

„Wir machen eine Bürgereingabe. Was halten Sie davon?“

„Ja..., wenn Sie meinen“, antwortete Herr Franticzek zögerlich.

 

Und so spannte Frau Wohlsam einen Bogen Papier in die Schreibmaschine, die neben dem Computer auf dem Schreibtisch leicht deplatziert wirkte, und begann zu tippen.

„Wenn Sie die Eingabe bitte hier noch unterschreiben wollen!“

 

Herr Franticzek unterschrieb, grüßte artig, deutete eine Verbeugung an und verließ das Amt.


Ein Blick auf die Uhr! Er musste sich beeilen, das Fußballspiel im Fernsehen, nur noch eine knappe halbe Stunde!

 

Und wieder Rot! Immer wenn’s pressiert! Diesmal würde er eine Ausnahme machen, ein kurzer Blick nach links, dann nach rechts und schwupp, das rechte Bein zum Schritt erhoben...
 

„Er wird’s überleben“, antwortete ein vorbeieilender Arzt hastig auf die Frage eines Reporters der hiesigen Abendpost.

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