Klaus-Peter Behrens

Der Kater und der wilde Norden 7

Entgegen meiner Befürchtungen tauchte Speedi zunächst jedoch nicht ab, und ich begann mich an die Fahrt zu gewöhnen. Mit beindruckendem Tempo sausten wir an Gras bewachsenen, hügeligen Ufern vorbei, die sich im Laufe des Tages nach und nach änderten. Die ersten Ausläufer der Berge des ewigen Nebels erhoben sich gegen Abend beidseitig trutzig und abweisend in die Höhe. Schon bald wurden die sanften Hügel durch steile Felswände abgelöst, die das Flussbett eingeängten. Große Felsbrocken durchsetzten nun das Flussbett, eine tödliche Gefahr, wenn man ihnen zu nahe kam.

Keine gute Gegend für 'n Bad“, stellte Mikesch düster fest. Ich stimmte vorbehaltlos zu.

Moose und Flechten klammerten sich an die unbezwingbar wirkenden, hoch aufragenden Felswände. Wer hier in den Fluss fiel, hatte keine Chance, sich an Land zu retten.

Schatten verdunkelten nun die Schlucht und gefährliche Stromschnellen hätten uns umgehend erledigt, wäre unser Gefährt nur eine Handbreit tiefer gesunken. Ich begann mir ernsthaft Sorgen zu machen. Aufsteigender Dunst ließ die Umgebung in einem diffusem Zwielicht versinken. Ich mußte zugestehen, dass die alten Legenden über den Norden nicht untertrieben waren. Unzugänglich, unheimlich und uralt lautete die Beurteilung über diesen aufgegebenen Landstrich. Einige behaupteten sogar, jenseits der Nebelberge befänden sich noch versunkene Städte aus der Zeit vor dem großen Bums. Zur Unterstreichung dieser düsteren Vorstellung schälte sich vor uns langsam das seltsamste Gebilde aus dem Dunst, das ich je gesehen hatte.

Auf einem massiven Pfeiler ruhend, der offenbar im Flussbett verankert war, thronte hoch über unseren Köpfen eine Brücke. Der Pfeiler selbst erhob sich viele Stockwerke über dem Brückenboden weiter in den Abendhimmel.

Wie ein Spinnennetz gingen von der Spitze des Pfeilers massiv wirkende Seile bis zum Brückenboden ab, die die fast schwebende Konstruktion in der Waagerechten hielten. Auf diese Weise bildeten die Seile ein Dreieck, dessen Spitze der Pfeiler war.

Hier und da waren einzelne Seile gerissen und baumelten nun leicht schwingend im Wind. An ihren Enden hingen offenbar noch die Befestigungen, die sie einst mit dem Brückenboden verbunden hatten. Der Anblick konnte durchaus Anlass zu entsprechenden Assoziationen geben.

Passender Name“, kommentierte Gorgus das unheimliche Bild.

Aus der dunstigen Ferne betrachtet konnte man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass die Brücke nicht umsonst so hieß.

Cool, Golden Gate in Miniatur“, staunte der Kater. „Was macht die denn hier?““

Sie ist die äußerste Grenze zum Norden. Ab hier beginnt das vergessene Land. Es ist gefährlich und voller düsterer Geheimnisse. Man munkelt, dass sich hier Wesen herumtreiben, die es nirgendwo anders gibt. Onkel Steamer brach einst auf, um den Fluss nördlich dieser Brücke zu erkunden. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört“, verkündete Speedi düster. Ihr Kopf ragte über uns empor, während wir uns mit deutlich gedrosseltem Tempo fortbewegen. Ich hatte das Gefühl, dass sich die riesige Seeschlange vor dem zu fürchten schien, was jenseits dieses Gebildes lag. Das war alles andere als ermutigend.

Nur der Kater machte einen aufgeräumten Eindruck. Die unheimliche Brücke schien ihn zu faszinieren.

Nicht gut“, bekundete Gorgus indes Onkel Steamers bedenkliches Verschwinden. Ich hatte den Troll noch nie so beunruhigt gesehen. Aber irgendwann war ja immer das erste Mal.

Ach was mein Großer, Onkel Steamer war wahrscheinlich uralt, klapprig und hat irgendwo die Schuppen gestreckt“, wiegelte Mikesch ab. Der Ausdruck, mit dem Speedi den Kater bei dessen Worten ansah, war alles andere als ermutigend. Ich fühlte mich nach langer Zeit mal wieder wie Bobo, das Hausschwein, kurz bevor der Metzger kam.

Onkel Steamer war der Kräftigste und Erfahrenste aus unserer Familie“, korrigierte Speedi die Einschätzung und sorgte so dafür, dass sich auch Mikesch' s Optimismus deutlich dämpfte.

Inzwischen hatten wir die Brücke erreicht. Wie wir dort hoch kommen sollten, war mir allerdings ein Rätsel. Mikesch' scharfe Augen hatten jedoch schon eine Lösung entdeckt.

Da oben wäre ne gute Anlegestelle“, maunzte der Kater. Mit der rechten Pfote wies er zur Felswand hinüber. Tatsächlich befand sich dort ein gutes Stockwerk über der Wasserebene eine Plattform mit einem stark vom Rost zerfressenen Geländer, das teilweise schon weggebrochen war. Wozu die Plattform einmal gedient hatte, vermochte ich nicht zu sagen. Jedenfalls mußte man von dort einen guten Blick auf die spektakuläre Brücke und den Fluss haben. Ausgetretene, breite Stufen führten von der Plattform zur Brücke hinauf.

Prinzessin, wärst du so nett“, bat der Kater. Während der Reise hatte er sich mehrfach lange mit der Seeschlange unterhalten und wußte offenbar mehr als seine Begleiter über deren Fähigkeiten.

Für dich immer“, säuselte Speedi.

Erschrocken fuhr ich zusammen, als sich die Plattform nun in die Höhe schraubte. Die Pferde wieherten ängstlich, Gorgus und ich klammerten uns an das Geländer während der Kater Speedi wie ein altgedienter Kapitän sein Kogge dirigierte.

Mehr links, noch eine Handspanne höher. Gut so, jetzt laaangsam andocken“, miaute der Kater fröhlich. Ein sanfter Stoß folgte, als die Fähre auf gleicher Höhe an die Plattform anschloss.

Zu meinem Erstaunen war das Unglaubliche möglich geworden.

Ohne lange über das Wunder nachzudenken banden wir die Pferde los und führten sie am Zügel von der Fähre durch eine Lücke im Geländer auf die vom Zahn der Zeit angefressene Plattform.

Mikesch hatte bereits die ersten Treppenstufen erklommen und blickte von dort huldvoll auf uns hinab, wie ein König auf seine Untertanen.

1a Fahrstuhl“, gab er ominös lobend von sich.

Pass auf dich auf Süßer und lass mal wieder von dir hören“, ertönte es über das Brausen des wilden Flusses hinweg.

Geht klar Baby. Wir sehen uns.“

Ein Platschen machte deutlich, dass die Seeschlange samt Fähre untergetaucht und wir wieder auf uns allein gestellt waren. Zu meinem Erstaunen mußte ich mir eingestehen, dass ich mich in der Gegenwart des Ungetüms sicherer gefühlt hatte. Die unheimliche Brücke und der finstere Wald, der beidseits die Felsen der Schlucht bedeckte, schlugen mir auf das Gemüt. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten alles in ein warmes, rotes Licht und verkündeten den Anbruch der baldigen Nacht. Ich wagte mir nicht vorzustellen, welche Kreaturen dann aufstehen und sich ein Abendbrot suchen würden. Ein fernes, schauriges Heulen, das finster durch die Schlucht hallte und selbst das Tosen des Wassers übertönte, gab einen guten Vorgeschmack auf das, was da noch kommen konnte.

Da bindet sich gerade einer die Serviette um“, urteilte Mikesch fachmännisch, wobei er mir einen Blick zuwarf, der mir klar machte, dass mir die Nacht nicht gefallen würde.

wird fortgesetzt .....

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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