Hajo Schindler

Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff

„Alles in Ordnung, alles gut, alles im Griff“, sage ich in letzter Zeit häufig, wenn ich mit jemanden telefoniere oder mich persönlich mit ihm unterhalte. Wenn ich es aber richtig bedenke, stimmt diese Aussage nicht. Es ist mehr ein Wortgeklingel, eine Redensart, weil meistens eben nicht alles gut ist. Der Ukrainekrieg hält die Welt in Atem. Das Coronavirus hat sich nicht verkrümelt, es mutiert, mutiert, schlägt unerbittlich weiter zu. Das Klima wird sich auch nicht so einfach berappeln. Die Preisspirale dreht sich unaufhörlich weiter. Die Inflationsrate galoppiert davon, erreicht ein 50-Jahres-Hoch. Die Preise für Benzin, Diesel und Heizöl rauben einem den letzten Nerv. Jeden Tag wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Wir erleben gerade schwierige Zeiten. Nein, ich will hier nicht den Schwarzmaler geben, aber einen realistischen Blick auf die Zukunft sollte man schon haben. Nebenbei bemerkt: Die Zukunft war früher auch besser, wusste schon der Komiker Karl Valentin (1882-1948).

Inzwischen dämmert es auch so langsam jedem, vom Säugling bis zum Hundertjährigen - der drauf und dran ist, aus dem Fenster zu steigen, um zu verschwinden, weil er diese Misere nicht mehr sehen kann – dass der Tankrabatt ein Milliarden-Euro-Geschenk an die Ölkonzerne ist, von dem der durchschnittliche Bürger, Sie, ich, ungefähr so viel profitiert wie davon, dass die Preise für exklusive Luxusuhren oder Mega-Luxus-Yachten stabil bleiben.

Apropos Tankrabatt bzw. Spritpreisbremse. Mit medialem Getöse wurde der Tankrabatt angekündigt. Einen Monat nach dem Start spüre ich als Autofahrer davon nichts. Die Ölmultis bereichern sich schamlos und trinken schon zum Frühstück Champagner, jubilieren den ganzen Tag über und kommen vor lauter Feiern nicht mehr in den Schlaf. Das Wirtschaftsministerium mit seiner Entourage auch nicht, aber nur deshalb, weil sie nicht wissen, wie sie dieser Verarsche Einhalt gebieten und einen Riegel vor schieben können. Der Robert, denken Sie bitte jetzt nicht an den Robert aus der schrecklich glamourösen Familie der RTL Soap Die Geissens, ich meine den Schriftsteller, Philosophen und jetzigen Wirtschaftsminister Robert Habeck, sagt zum Verhalten der Ölkonzerne: (…) „Es ist ein moralischer Skandal“. Aus der Sicht unseres Bundes-Olaf wirkt der viel diskutierte, umstrittene Tankrabatt durchaus. „Es sei nicht so, dass die Steuersenkung nichts gebracht habe. Es sei davon auszugehen, dass die Preise an den Tankstellen deutlich höher wären ohne die Steuersenkung“.

Ich denke, das sind Worte, mit denen versucht wird, die Öffentlichkeit zu besänftigen.

Dr. Brigitte Knopf, Klimaforscherin, vom Mercator Research Institut on Global Commons and Climate Change, sagt zur Spritpreisbremse: “Der Tankrabatt setzt nun ein Fehlanreiz, man wird zum Autofahren fast eingeladen. (…) Wer also viel Auto fährt, viel tankt, wird viel entlastet“.

Diese Meinung vertritt auch der Wirtschaftsjournalist Rainer Hanke in der Sendung Maischberger (29.6.2022): „Die Ampel hat bei der Klimapolitik viel falsch gemacht. Der Tankrabatt ermuntert ja gerade dazu zu fahren.“

Mann oh Mann, Frau oh Frau, Divers oh Divers, da fliegen ja die Löcher aus dem Käse. Bitte verehrte Leser, sagen Sie jetzt nicht: „………….“

Ja, mir blieb auch die Spucke weg. Aber warum sollte man die Aussagen der Beschäftigten eines solchen Institutes mit einem solch langen, klangvollen Namen und einem erfahrenen Wirtschaftsjournalisten anzweifeln.

Also…. Für mich heißt das im Umkehrschluss: Wer wenig fährt, wird demnach also wenig entlastet und hat nix davon.

Darauf haben meine Frau und ich aber sofort reagiert. Wenn wir jetzt gemeinsam zum Einkaufen in den Supermarkt fahren benutzt jeder dazu sein eigenes Auto, denn wir wollen ja auch entlastet werden und von dem Tankrabatt profitieren.

Warum sollen meine Frau und ich bei einer Fahrt in das Einkaufs-Center der Nachbarstadt eigentlich in die (er)brechend vollen 9 Euro-Ticket-Züge steigen. Benzin ist so günstig wie nie. Ich werde gleich mal tanken fahren. Mannomann, ein Liter Super für weniger als 3 Euro. Meine Frau sagt dazu: Wir haben eben Glück, stehen auf der Sonnenseite des Lebens.

Übrigens: Die globale Nachrichtenlage ist nun auch nicht gerade erbaulich. Sie ist weiterhin gleichsam verstörend und bedrohlich. Das zeigt, wie fragil unsere Welt geworden ist. Abseits einer sich weiter alarmierenden Entwicklung, gab es in den letzten Tagen auch amüsante Meldungen oder sollte ich sie vielleicht positive Botschaften nennen.

Die Bürgermeister einiger Städte raten dazu, auf ein Lastenfahrrad umzusteigen. Käufer erhalten dann von den Städten bis zu 50% des Kaufpreises. Boh eh! Das Klima und das Ölembargo sagen schon mal D a n k e! Ich sage es nur ungern, aber mal Butter bei die Fische, halten die Bürgermeister uns Bürger tatsächlich für besorgniserregend dämlich. Lösen wir damit die Klimakrise und die Ölproblematik? Übrigens: Bei meinem letzten Stadtbummel sah ich im Schaufenster eines Fahrradhändlers so ein Ungetüm. 3.699 Euro stand da auf dem Preisschild. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, verehrte Leser, aber ich kann da nur sagen: „Der Preis ist heiß“.

Was ist, wenn ich mir so ein „Universal-Transport-Ungetüm“ zulege und dieses mit auf eine Bahnfahrt nehmen möchte? Die Deutsche Bahn, mit der ich diese Fahrt mit einem 9 Euro-Ticket in einem Nahverkehrszug plane, wird sich über die Mitnahme meines Longtail-Fahrrades bei derzeit permanent überfüllten Zügen bestimmt nicht freuen, unüberhörbare Verzweiflungsschreie ausstoßen und mir ggf. ein Bahn-Fahr-/Reiseverbot erteilen. Na ja, schaun mer mal.

Dann heute im Radio eine (endlich positive) Nachricht: „Gut ein halbes Jahr vor Weihnachten blicken die Baumerzeuger im Sauerland optimistisch auf das kommende Fest. Das Wetter habe beste Bedingungen geliefert und die „Weihnachtsbäume“ prächtig wachsen lassen. (…). So habe es wenig Frost im Frühjahr gegeben, kaum gehagelt und dafür oft geregnet. NRW sei Weihnachtsbaumland. Trotz der höheren Kosten der Erzeuger, etwa für Kraftstoffe und Düngemittel, sei nur mit einer moderaten Preissteigerung zu rechnen“.

Als ich das hörte, fiel mir buchstäblich der viel zitierte Stein vom Herzen. Gott sei Dank nicht auf meine Füße. Ich habe sofort mit allen, die ich kenne, über diese optimistische Nachricht gesprochen und auf die Frage, ob ich mich selbst darüber freue, zitierte ich den Komiker Karl Valentin: Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.

Ich werde mich schon jetzt auf den Weg machen, um schon mal Weihnachtslametta zu besorgen, denn ich erinnerte mich an eine alte Weisheit, eine Aussage, die ich als Kind des Öfteren hörte: Der frühe Vogel fängt den Wurm.

Ob ich allerdings zu dieser Jahreszeit, es ist Sommer, ein Geschäft finde, indem ich Weihnachtslametta käuflich erwerben kann, erscheint mir doch mehr als fraglich. Wenn nicht, ein Click bei meinem „alten Spezi“ Jeff Bezos und innerhalb von 24 Stunden wird mein Wunsch Realität.

Also scheint es doch richtig zu sein, wenn ich beim telefonieren oder schwadronieren immer sage: „Alles in Ordnung, alles gut, alles im Griff“.

Zum Abschluss gestatten Sie mir eine Musikempfehlung. Hören Sie sich einmal das Lied Hurra wir leben noch von Milva an. Vielleicht ergeht es Ihnen danach wie mir: abstreifen und ausblenden, was einem Sorge macht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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