Wolfgang Hoor

Seelenwanderung

Seelenwanderung

Wir sind jetzt auf dem Weg von Rom nach Caorle. Nachtzug. Total überfüllt. In den Gängen kann man sich nur fortbewegen, wenn man sich traut zu schieben und zu schupsen. Manche, die den anderen ein freundliches Gesicht zeigen, kommen mit heimlichen Fußtritten weiter. Das finde ich megacool.

Ich bin 8 Monate alt und heiße Niccolo Machiavelli, abgekürzt Nic. Ich kann mit meinem Lachen jeden verzaubern und kann durch Schreien und Kreischen jeden ins Unrecht versetzen oder in die Flucht schlagen. Und egal, was um mich herum los ist, ich liege in den Armen einer Frau, die meine Mutter oder deren Komplizin Carla ist, und fühle mich pudelwohl.

Ich bin auf Seelenwanderung. Mein richtiger Papa ist 1527 gestorben. Er ist immer wieder auf Seelenwanderung gewesen und jetzt Gott sei Dank auch wieder mal in Italien. Meine Mama Mona und ihre Komplizin Carla haben einen Plan ausgeheckt, wie sie meinen Erzeuger entweder zum Zahlen kriegen können oder – ganz wie im 16. Jahrhundert in diesen schönen Land - Kopf ab. Dafür hat sich meine Mama ein superscharfes japanischen Messer besorgt.

Wenn Mama Mona und Komplizin Carla zuschlagen, wird das ein Riesending. Gut, dass man auf Seelenwanderung alles mitkriegt, und niemand merkt, dass 500 Jahre Mord und Totschlag in einem stecken. Die schönsten Jahre der Seelenwanderung sind die Babyjahre. Da kannst du herrliche Verbrechen miterleben, ohne jemals in Verdacht zu geraten, dass du damit etwas zu tun hast.

Natürlich waren im Zug so gut wie alle Plätze besetzt, als Mama und Carla den Zug in Rom bestiegen. Aber da war ja auch ein einfältiger Deutscher eingestiegen. O ja , sie können es noch, die italienischen Mamas. Macht die eine, die Carla, ein Engelsgesicht und zeigt auf die arme Mama, die so erschöpft ist und nur 5 Minuten zum Ausruhen braucht. Cinque minuti, cinque minuti, und ich lächele wie das Jesuskind und der tumbe Deutsche räumt seinen Platz auf nimmer Wiedersehen. Nach 5 Minuten kommt der Deutsche und will seinen Platz zurück. Aber meine Mama hat ihn noch nie im Leben gesehen. Niemals, niemals, non c’è modo, non c’è modo.

Zehn Minuten später gibt die Mama mich an die Carla weiter und die hat inzwischen einen italienischen Kavalier angelächelt, der einen Sitzplatz hat, und dazu noch etwas Schönes von einer schönen Dame am Ende dieser Reise erwartet. Als sie mit dem Baby kommt, einem fremden Baby natürlich, wie sie sagt, das sie vor der Menge schützen muss, räumt er den Platz. Wenn sie nicht beim Kopf-Abschneiden behilflich sein müsste, würde sie diesen Mann sicher im Gedächtnis behalten. Aber die Pflicht ruft.

Aufregung, Aufregung. Ich höre sie schimpfen und an die Fenster im Gang treten. „Was ist los?“, fragt Carla. „Der Zug hat an einem Bahnhof angehalten, an dem der Zug eigentlich nicht hält. Aber eine Nonne möchte mit. Der Zugbegleiter führt sie am ganzen Zug entlang, Abteil für Abteil, findet keinen freien Platz für sie, und sie weigert sich in den Gang zu den vielen anderen zu steigen.“ Die Leute klatschen schadenfroh und brüllen der Nonne etwas hinterher, was ich hier nicht wiederholen darf.

Ich lächele mein schönstes Lächeln. Gemeinsamkeiten dieser Art mag ich. Ein Ereignis, das alle zusammengeschweißt hat, selbst den Deutschen, der jetzt eingekeilt in der Menge steckt. Heiliger Machiavelli, wie schön Rachsucht und Bosheit die Menschen verbindet. Wir fahren weiter.

Es ist eine herrliche Fahrt. Ich kann den Platz auf dem Schoß von Carla genießen und in gelockerter Atmosphäre die egoistischen Triebkräfte der Menschen studieren. Auf dem nächsten Bahnhof werden die Koffer der neuen Mitreisenden, die sich irgendwie in den Gang drängen, durch die geöffneten Fenster hereingereicht. Von da müssen sie irgendwie den Weg zu ihren Eigentümern zurückfinden. Das gibt ein herrliches Geschimpfe und Geschrei und Geschiebe. Hier trifft es ein Bein, dort die Hüften, da einen Kopf.

Aber dann, irgendwann, ist es doch auch mit meiner wunderbaren Stellung zu Ende. Carla muss. Verstehe nicht, warum man dafür aufstehen und zur Toilette muss. Aber Carla macht es so und mich legte sie auf den Boden vor der Toilette. Mich Nico, den kleinen Wonneproppen mit der Seele von Nicolo Machiavelli.

Und jetzt rumpeln die Geleise unter mir und die Leute drum herum, die irgendwie Platz machen mussten, schimpfen und aus meinem Lächeln, das jedermann so herrlich betören konnte, wird ein schäbiges Schluchzen und Gejammere und auf dem Boden geht es mal ein bissschen nach links und mal nach rechts und mal nach vorne und mal nach hinten. Wenn ich könnte, würde ich jetzt auf die ganze Seelenwanderung pfeifen. Aber ich kann noch nicht pfeifen.

Carla kommt zurück. Sie schließt die Toilettentür, sieht mich jammern, beugt sich über mich, zieht eine Jacke aus, auf die sie mich bettet, und dann steht sie da wie ein Engel mit dem Schwert, der den Zugang zur ewigen Seligkeit bewacht. Und wer jetzt zur Toilette muss, der müsste auf das Kind oder ihre Jacke treten und das darf nicht sein. Und so ist der Zugang zur Toilette bis auf weiteres unter strengster Strafe verboten, und die ersten, die es versuchen, kriegen es mit Carlas Flüchen und ihrer Anrufung aller himmlischen Geister und dann auch noch der höllischen zu tun.

Mit der Jacke unter mir geht es schon viel besser, und obwohl es immer noch ein bisschen unbequem ist, fällt mir ein schöner machiavellistischer Trick ein: Ich schließe die Augen und schlafe von diesem Augenblick an ganz tief und ruhig, und jetzt hat Carla die Moral auf ihrer Seite. Wer wird den Schlaf dieses Kindes stören wollen? Wer? Es ist das Jesuskind, das da liegt. So unkomfortabel hat es auch i n seiner Krippe gelegen.

Erst der nächste Halt bringt den Menschen, die zur Toilette müssen, die lang ersehnte Entlastung. Wir, Mama, Carla und ich, steigen aus. Mama hat einen Plan ausgeheckt, wie sie meinen Erzeuger unerwartet überrumpeln kann. Das ist eine spannende Geschichte, aber sie gehört nicht mehr hier her. Soviel sei immerhin erwähnt: Diese Geschichte wird Mama und Carla reich machen.

„Was hältst du eigentlich von Seelenwanderung?“, fragt meine Mama ein halbes Jahr nach den hier berichteten Ereignissen ihre Freundin und Komplizin Carla. Sie machen Urlaub in einer teuren Pension in Venedig. „Ich weiß nicht“, sagt Carla. „Eigentlich gar nichts, aber in unserem Fall schon.“ – „Was meinst du damit?“ – „Ein Junge in seinem Alter, er ist 14 Monate, kann unmöglich von alleine alle Formen der Verstellung beherrschen. Das ist doch ohne Seelenwanderung nicht möglich.“ – „An wessen Seele denkst du da?“ – „Keine Ahnung. Aber es muss eine rabenschwarze Seele sein.“ – Beide lachen.

„Sagen wir lieber, eine Seele, die sich anpassen kann.“

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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