Gherkin

Die toten geschroteten Brote

>Nebenan beginnt die Welt<

„Die toten geschroteten Brote“

Ich mag dieses Brot nicht. Könnte nicht sagen, dass ich diesen Laib Brot hasse. Das wohl nicht. Aber ich mag das Brot nicht. Es ist ein Weltmeisterbrot. So verschrotet, verpickelt und zudem noch voller Mohn, Sesam und Leinsamen. Muss das so sein?? Anscheinend muss ein Weltmeisterbrot exakt so aussehen. Daneben liegt ein Messer. Es macht mir Angst. Irgendwie macht mir auch das Brot heute Angst. An anderen Tagen ist es nur ein Brot. Das sind die guten Tage. An meinen schlechten Tagen ist es ein Ärgernis, ein stark Besorgnis erregendes, unförmiges Ding. Wie es da so liegt. Sieht unbeteiligt, völlig unbekümmert und recht harmlos aus. Und doch ist der Laib Brot, wohlbemerkt an meinen sehr schlechten Tagen, in der Lage, mir Angst zu machen. So, wie eben auch das Messer daneben.

Da können die Tage sein, wie immer sie wollen... Messer machen mir stets Angst. Und jetzt will das Brot, das mir heute Angst macht, mit diesem Messer, das mir immer Angst bereitet, geschnitten und zerteilt werden. Will es das überhaupt? Bin mir gar nicht so sicher. Früge man ein Schwein, ob es als Schnitzel zu enden gewillt sei, so würde es sicherlich seine tiefste Abscheu gegenüber dem Menschen allgemein und an seinen üblen Essgewohnheiten im Speziellen auszudrücken wissen. Ein Brot möchte sicher kein Messer kennenlernen. Daher lasse ich den Laib ganz. Unbeschnitten.

Ich esse nie die Brote, die mir am Montag und am Donnerstag geliefert werden. Es sind leider immer Weltmeisterbrote. Ich könnte auch ein Dinkel- oder ein Roggen-Brot bestellen, keine Frage. Aber es macht mir gewaltig Angst, „den Apparat in Bewegung zu setzen“, etwas zu verändern, dieses System, so exakt balanciert und gewissenhaft ins Lot gebracht, in Frage zu stellen. Jedes Ding ist an dem Platz, den ich dafür vorgesehen habe. Alles steckt in winzig kleinen Schubladen. Veränderung bringt immer Schmerz. Monk sagte einmal: „Es gibt da ein Sprichwort: Verändere niemals irgendetwas!“ Ja, Monk hat unbedingt recht. Mein sensibles System. Immanent wichtig. Ich könnte ohne nicht leben. Ich seh diesem Adrian Monk gerne zu, wenn er Fälle löst. Denn ich erkenne, dass wir zwei Seelenverwandte sind. Der neurotische Privatdetektiv mag im Leben zwar gescheitert sein, aber in seinem Beruf ist er einfach großartig. Und ich mag auch seine Betreuerin.

Die Lebensmittelkiste, die exakt durch die „Hundeklappe“ passt, die ich hatte anfertigen lassen, bei Bezug des geräumigen Hauses, brachte mir alles, was ich für einige Tage benötigte. Ich konnte fast die Uhr danach stellen. Der Lieferant kommt stets pünktlich. Und erst im letzten Augenblick stelle ich die leere Kiste nach draußen. Er bringt meine neue Kiste und nimmt die alte mit. Das ging nun jeden Montag und Donnerstag so. Extrawünsche notierte ich auf einem post-it-Zettel. Und auch die wurden stets erfüllt. Gewissenhaft und zuverlässig. Gut, auch da passieren Fehler. Ich hatte Hafermilch und keine Mandelmilch bestellt. Aber das ist menschlich. Nur, gegen Mandeln reagiere ich stark allergisch und mein Kropf schwillt an, die Luft wird knapp, die Gesichtsfarbe tendiert gern in Richtung Magenta.

Das Brot esse ich niemals. Aber ich überlege an jedem Montag und ebenso an jedem Donnerstag neu (das hat sich nie geändert), nun aber endlich mal eine Scheibe Brot zu essen. Auflage habe ich genug. Die Margarine-Becher stapeln sich in meinem Kühlschrank. Immer esse ich all die Köstlichkeiten ohne Brot. In der Not, ja in der Not, da schmeckt die Wurst auch ohne Brot… Die Weltmeister-Brote lagere ich im Keller. Dort ist ja sehr viel Platz. Die letzte Zählung ergab 89 Brote. Alle steinhart. Damit könnte man glatt einen erschlagen. Diese „toten geschroteten Brote“ machen mir Angst. Je mehr es werden, desto größer wird die Angst! Im Halbdunkel des großen Kellers wirken sie allesamt wie kleine Särge. Kindersärge. Mit Pickeln. Ich hatte auch einmal, es war ein Donnerstag, die Eingebung, es handele sich um tote Robben-Babys. Gleich danach die Vision einer Brigitte Bardot, die mich mittels einer Saufeder grausam zu töten, zu metzeln suchte. Ein sehr schlimmer Albtraum.

Meine Ängste sind vielfältig und sehr komplex. Ich habe vor nahezu Allem und Jedem Angst. Klingelt es an der Tür, kann das eine Panik-Attacke auslösen. Weiß ich ganz genau, wer wann zu mir kommt, habe ich kaum Schwierigkeiten damit, diesen Besucher auch zu begrüßen. Er muss eben einige der Gegebenheiten, der Spleens, Tics und Marotten, hinnehmen. Wenn sich die Besucher an die Regeln halten, die ich aufgestellt habe, aufstellen musste, dann kann ich für fast 2 Stunden Besuch haben. Aber die Voraussetzung dazu ist: Ich muss den Besucher kennen, und ich muss ihn auch mögen. Es kann also keine mir unbekannte Person „eindringen“, auch keine, die ich zwar kenne, aber wirklich nicht sonderlich schätze. Leider gibt es da deutlich mehr vom Typ II.

Die Anzahl meiner Freunde ist an nur einer Hand abzuzählen. Es gibt einige Bekannte, mit denen hab ich Online-Kontakt, die sehe ich aber nie. Mit zweien davon halte ich sogar einen Video-Anruf aus. Er darf aber nicht allzu lange dauern. Meine wenigen Freunde dürfen mich zuhause besuchen. Es gibt Regeln. Die müssen befolgt werden. Und alle meine Freunde wissen, was sie mitbringen können und was als Tabubruch, als Sakrileg oder als ein absolutes No-Go angesehen werden würde. Ich leide sehr an einer generalisierten Angststörung. Und wenn ich „leide“ sage, dann meine ich das auch. Zeichnet sich durch a) permanente innere Unruhe und starke Hitzewallungen, und b) durch bisweilen heftige Atemnot aus. Ich erwarte ständig Katastrophen, bin mir der eigenen Sterblichkeit in nahezu jedweder Sekunde bewusst. Diese generalisierte Angst müssen Sie sich so vorstellen: Sie werden inmitten eines düsteren Waldes, mit verbundenen Augen, ausgesetzt, und lauschen nun all den Geräuschen, um sie herum. Es ist tiefste Nacht und Sie können sich nicht bewegen. Sie hören, wie das Grauen immer und immer näher kommt, sie wissen um die Gefahr und wollen daher auch die Augenbinde auf gar keinen Fall ablegen. Dem Horror Auge in Auge zu begegnen, wäre ja vielfach schlimmer, als den Albtraum in diesem düsteren Wald nur zu hören. Das Herz schlägt so laut, dass es teilweise diese Waldgeräusche übertönt. Ein permanentes Winseln und Greinen ist zu hören. Es kommt von mir. Ich habe Angst. Es ist eine Form der Todesangst, für Außenstehende und Nichtbetroffene unerklärlich, unerreichbar…

Wie oft höre ich: „Stell dich doch nicht so an! Nun komm aber… Ängste hat doch jeder Mensch!“ Es gelüstet mich dann nicht selten danach, diesen entsetzlich dummen Menschen eine reinzuhauen. Auch, wenn es Freunde und gute Bekannte sind. Die wissen nichts! Und begreifen noch weniger…

Als ich einmal anhob, einem meiner Lieblings-Menschen auch nur einen Bruchteil jener Ängste, die  mich ständig umgeben, umständlich (weil auch für mich teilweise nur schwer zu begreifen) schildern zu wollen, hörte ich doch tatsächlich: „Ach, das hab ich auch ab und an!“ Da wäre es mit der bislang tadellos funktionierenden Freundschaft fast vorbei gewesen. Ganze 6 Wochen mied ich den Freund. Erst nach und nach baute ich wieder eine Beziehung auf. Aber er durfte mich lange nicht mehr hier, in meinem hübschen Häuschen besuchen. Mir ist es sehr lieb, wenn die mich umgebenden, liebsten Menschen meine Angststörungen gar nicht erst zum Thema machen. Die „Norm-Angststörung“ ist durchaus therapierbar. Der Fachmann, die Fachfrau findet den Trigger-Punkt und geht dann gezielt dagegen vor. Die generalisierte Angst kannst du nicht beeinflussen. Sie kommt und geht, wie es ihr gerade passt. Die kommt einfach, weil der Körper es in genau diesem Moment so beschließt: Jetzt kommt die Angst! Es ist in der Regel ein flehentlich ausgesandtes Notsignal, sofort kürzer zu treten. Ich breche dann alles, was auch immer ich gerade mache, sofort ab und flüchte in die Bettstatt. Da fühle ich mich einigermaßen geborgen. Meine Bettenburg. Dort zittere ich unter der Decke und die Angst wird, mit den Minuten und Stunden langsam weniger. Sie weicht nie ganz. Aber sie wird dann weniger. Meine Bettenburg. Wie ich sie liebe. Sie ist mir, mit all den Kuscheltieren, eine Zuflucht…

Ich habe daher meinen eigenen Körper, die Befindlichkeiten und meine Psyche so erforscht, wie nur ein Robert Koch den Tuberkulose-Bazillus im Jahr 1882. Und ich lasse mir von keinem Laien, auch von keinem ausgewiesenen Fachmann dreinreden. Auf diesem Gebiet kennt sich keiner besser aus. Dies Vehikel namens Körper, dieses merkwürdige Konstrukt namens Psyche – nur ich allein weiß darüber Auskunft zu geben. Daher beschränke ich den Kontakt mit den Psycho-Docs auf das Wesentliche. In der Regel rufe ich meine Praxisgemeinschaft für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie an, um neue Tabletten zugeschickt zu bekommen.

Ich nehme ständig ein: Venlaflaxin, Opipramol und die Tramaltropfen. Beneide die Menschen, die Eis essen dürfen oder Schokolade. Das ist für mich tabu. Ich muss aufgrund meiner schweren Allergien auch auf Zitrusfrüchte, auf Käse oder Schweinefleisch verzichten. Histamine aller Art sind mir nicht zuträglich. Daher sollte ich auch keine Nüsse essen. Viel bleibt da ja nicht mehr. Makrelen, Sardellen oder Sauerkraut – verboten! Bergkäse, Camembert oder Edamer: Niemals! Gouda und Parmesan? Ich muss darauf verzichten. Da fällt es schwer, eine kulinarische Köstlichkeit auf den Tisch zu zaubern. Ich beneide Menschen, die wahllos Erdbeeren, Tomaten, Kiwi, Meeresfrüchte, Orangen, Birnen oder Bananen futtern dürfen. Himbeeren, Hülsenfrüchte oder Champignons? Verboten!! Traurig. Meine Angsthemmer-Medikamente begleiten mich durch den Tag. Sie werden gezielt und sehr vorsichtig eingesetzt, da bin ich ganz der Profi. Mal ein Gläschen Sekt, ein Glas Bier, Champagner, Rotwein, Dessertwein oder ein erfrischendes Weizenbier im Hochsommer? Vergiss es!

Durch eine Apotheke, die direkt mit dieser Praxis arbeitet, kann ich die Medikamente durch meine Hundeklappe erhalten, so muss ich selbst, aufgrund meiner Hinderungsgründe, nie außer Haus. Ich arbeite schon seit Jahren nur im Home-Office, halte meinen Wohnbereich selbst sauber, es gibt keinerlei Gründe, vor die Tür zu gehen. Behördengänge entfallen komplett, man hat sich mit mir arrangiert – alles läuft über die digitalen Medien, nur online. Jedoch musste ich meine Erkrankung und all die Auswirkungen langwierig über die Psycho-Docs nachweisen (lassen). Das hat fast 2 Jahre gedauert. Im Zusammenwirken von Medikamenten, dem Online-Kurs, der Eigenbeobachtung und den festen Regeln und Ritualen habe ich mir eine gewisse Resilienz auf den Rücken geschnallt. Damit komme ich fast unfallfrei durch den stressigen Alltag, der nicht gerade frei von und arm an Unbilden und Unwägbarkeiten aller Art ist.

Laster habe ich keine neben der Nikotin-Sucht, wenn man das so nennen will. Aber ich gönne mir da eine Besonderheit, die nicht jeder in Deutschland trinkt: ‚Dublin Dr Pepper Santiago Soda? in der Glas Flasche, made in Texas, mit Rohrzucker. Nach dem Originalrezept von 1891. In der 240 ml Glasflasche und mit dem Original Label. „No refill“ steht auf der Glasflasche. Und ich zahle US $ 27,25 pro Flasche (in Euro etwa 26,25). Ja, das gönne ich mir. Wenn ich Besuch habe, wird sehr oft nach einer Flasche gefragt. Aber nur die besten Freunde erhalten eine Dr Pepper, Dublin Santiago Soda. Diese Cola wird stets eiskalt getrunken und mundet so gut, dass ich es kaum in Worte zu kleiden weiß. Sollten Sie die Spezialität einmal zu probieren wünschen, bei eBay können Sie sie ordern. Mich zu besuchen sollten Sie sich aus dem Kopf schlagen. Ich weiß genau, wem es nur um diese teure Cola geht.

Der Körper reagiert früh, lange bevor ich überhaupt aus dem Haus will. Mitunter muss ich ja, wenn die Abfalltüten sich in der Küche stapeln. Dann geht es nicht anders. Ich husche kurz raus, meist in der Nacht, und stopfe die schwarze, blaue und vor allem die gelbe Tonne voll und rase zurück ins sichere Heim. Dabei schaue ich nur auf den Zielpunkt: Die Tonnen! Nicht rechts noch links. Meist, in diesem sehr ruhigen Wohnviertel mit den besser Verdienenden, ist hier kein Mensch auf der Straße in der Nacht. Da torkeln keine Betrunkenen, da hörst du keinerlei heftig wummernden Bässe, keine laut streitenden Paare, hier ist totale Stille des Nachts. Diese wenigen Ausflüge in den Vorgarten, zu den Tonnen, gehe ich erst dann an, wenn die Abfalltüten zu müffeln beginnen. Dann kann ich nicht anders – ich muss da raus, in die feindliche Welt, in das Abenteuer Leben hinein. Gern mach ich das nicht. Aber was bleibt mir übrig? Einen Müllschlucker hab ich nicht im Haus.

Die größte Angst, unter Menschen, habe ich, wenn Blickkontakt aufgebaut wird. Ich denke immer, alle starren mich an und denken intensiv über mich nach. Ich fühle mich da draußen sehr unwohl. Und je mehr ich mich bemühe, unsichtbar/unscheinbar zu wirken, desto häufiger gerate ich in die hochnotpeinlichen Situationen, die mir den Angstschweiß auf die Stirn zaubern. Ich scanne äußerst bewusst meine komplette Umgebung, und ich bekomme, ähnlich wie bei einem Autisten, deutlich mehr davon mit als alle anderen. Das kostet mich immens viel Kraft, weil die Filterung quasi völlig unmöglich ist. Alle einströmenden Informationen und Daten müssen aufgenommen, verarbeitet werden, sämtliche Eindrücke, und seien sie auch noch so nichtig und belanglos, müssen von dieser Schaltzentrale im Hirn erfasst und bewertet werden. Starrt der Typ mich da gerade an? Warum ist dieses Kind dort so neugierig und verfolgt mich mit Blicken? Der größte Albtraum: Angesprochen werden, von einem wildfremden Menschen. Ist mir schon passiert, dass ich dann in Panik flüchten muss. Rennen, gehetztes Rennen, nur weg, nur raus aus der Situation.

Wie diese verlorene Kraft wieder reinholen? Wie kann der Tank wieder befüllt werden? Ich nehme meine starken Angsthemmer/Beruhigungsmittel. ICD 41.1 = Das ist die Generalisierte Angststörung im Fachärzte-Jargon. Kommt meist von traumatischen Erlebnissen in der Kinder- und Jugendzeit. Da muss dann von klein an gekämpft werden, um all das, was anderen wie selbstverständlich zufliegt, anzutrainieren. Durch die ewige Anstrengung ergibt sich meist die erste Schmerzstörung, danach die Fibromyalgie. Chronische Schmerzerkrankung. Starke Schmerzen in verschiedenen Körperregionen. Auf der Haut, in den Muskeln, auch in den Gelenken. Leider chronisch. Man lernt, damit zu leben… Ich finde all das sehr traurig. Oftmals hadere ich mit dem Schicksal. Warum ich? Warum auferlegt Er mir solch brutal harte Herausforderungen und Prüfungen. Ja, ich bin gläubig. ER ist mein Begleiter, ich bete oft zu IHM. Aber bitte auch beständig darum: „Lass mal bitte etwas nach. Nicht gar so hart, lass mich doch auch mal eine Phase ohne jede Angst erleben. Bitte!“

Sehr oft werde ich gefragt: „Ja, vermisst du denn die Welt dort draußen überhaupt nicht?“ Nein, ich vermisse die Welt nicht. Ich bin gern mit mir allein. Das ödet mich auch nach Jahren keineswegs an. Ich habe meine Rituale, meine Musik, meine Bücher und die Arbeit. Was sollte ich vermissen? Den Trubel, die schonungslos analysierenden Blicke der Menschen, die Hektik und das Hasten? Ich frage mich, nach was diese Leute dort draußen alle streben, warum sie stets in Eile sind, weshalb meine innere Stimme sagt: Sinnfreies Strampeln hilfloser Wesenheiten, die sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Verstehen kann ich die Menschen nicht. Nicht einmal im Ansatz.

Meine Katze heißt Elvis. Sie ist weiblich. Fragen Sie bitte nicht. Jeder fragt mich, warum meine Katze Elvis heißt. Sie heißt eben so. Ja und? Zu Beginn dachte ich eben, ganz der Katzen-Laie, dass meine Katze ein Kater ist. Da lag ich gründlich falsch. Als ich sie erstmalig auf den Arm nahm - na ja, aber da war der Name schon vergeben. Und ich ändere nie irgendetwas. Das wäre fatal. Eine Änderung wird stets die komplette Ordnung über den Haufen werfen. Jede Veränderung bringt den Tod. Daran ist nicht zu rütteln. Daran glaube ich. Felsenfest. Der Spruch, seit Ewigkeiten gültig, begleitet stets das Leben, dieses einsame: In Gefahr und in der größten Not bringt der Mittelweg den Tod!

Wie sie da stolziert, den Schweif reichlich vermessen und hochmütig zur Zimmerdecke gestreckt, das hat schon was enorm Arrogantes. Präsentierte ich mein Arschloch solchermaßen hemmungslos und verkommen, würde ich wohl als Schlampe beschimpft. Sie aber darf das. Elvis hat dieses arrogante,  peinlich exhibitionistische Naturell. Es bekümmert sie nicht einmal im Ansatz, sich so zu zeigen. Kann mir das nur so erklären, dass ein Arschloch in der Tierwelt eine gänzlich andere Bedeutung hat als in der Menschenwelt. Vielleicht ist es bei den Tieren geradezu erfreulich kokett, den Anus in dieser Art und Weise, dergestalt prätentiös und hochmütig, zu präsentieren. Vielleicht ist mein Elvis ja der King, Verzeihung, die Queen aller Arschlöcher. Wohlbemerkt im Reich der Katzen. Bastet, die Tochter des Sonnengottes Ra, galt als Katzen-Göttin. Sie soll, dem Vernehmen nach, ALLE Katzen nachdrücklich dazu aufgefordert haben, den Schweif permanent erhoben zu präsentieren. Es sollte als eine Art der strikten Verweigerung und komplexen Provokation gegenüber der Obrigkeit verstanden werden. Es führte jedoch dazu, dass ein gewisses Ressentiment die Welt eroberte: „Die Katze an und für sich ist betörend schön, aber leider in der Basis ihres Wesens eingebildet und überheblich. Sie lässt alle und, vor allem, ihren Besitzer, ihre Besitzerin wissen: Schau her, was ich darstelle, und was du Menschlein darzustellen die niedere Stirn bietest. Nie kannst du mir auch nur im Ansatz das Wasser reichen. Die Ausstrahlung, die Aura, das Fluidum, die Grazie und die würdevolle Wucht der Präsenz, all das lässt das Menschlein erschaudern, es macht jenen Menschen klein und bedeutungslos - angesichts solch unfassbarer Schönheit. Stolz trägt die Katze ihren Schweif empor gerichtet, kerzengerade hoch, zur Decke ausgerichtet, den Menschen Demut lehrend, die Wichtigkeit der eigenen Existenz über all die eher so peinlichen Befindlichkeiten eines Homo Sapiens Sapiens stellend, denn die Katze sieht den Menschen nur in seiner archaischen Urform.  Unfertig, hässlich und relativ nutzlos. Allerdings kann der dieses wunderbare Futter in den mysteriösen Dosen mühelos auf Teller häufen. Dafür benötigt die Katze den Menschen, sofern sie eine Hauskatze ist. Sonst aber benötigt sie den Menschen nicht. Und sie lässt es ihn wissen. Permanent. Die einzige Annäherung ist dann gegeben, wenn die Katze in gewissen Phasen ihres Lebens nach Zärtlichkeit hungert. Dann lässt sie es gern zu, dass der Mensch, ihr Mensch, sie liebevoll hinter dem Ohr krault. Jede Katze hat da andere Präferenzen. Die eine mag es, den Bauch verwöhnt zu bekommen, die andere ist nur dann hoch erfreut, wenn sie unterm Kinn gekrault wird. Mein Elvis liebt es, wenn ich den Rücken sanft massiere und dabei, stets gleichzeitig übrigens, das erfordert eine gewisse Routine, sanft über ihren Kopf streichele. Aber um Himmels willen nie gegen den Strich. Da maunzt sie erbost auf und verzieht sich, stundenlang schmollend.

Höre Musik. Das kommt von nebenan. Ich weiß, da wohnt einer mit einer Art Labrador. Kenne ihn nicht. Weiß aber, dass er allein dort wohnt. Das ist keine Konservenmusik. Gitarre. Er spielt selbst. Neugierig geworden, luge ich durch den winzigen Spalt im Vorhang des Fensters, das sich neben meiner Haustür befindet. Ich kann den Mann sehen. Er sitzt in seinem Vorgarten und spielt seine Akustik-Gitarre. Dabei hält er die Augen geschlossen, anscheinend ist er glücklich. Denn er lächelt intensiv. Ihn macht das Gitarre Spiel offensichtlich froh. Selten sah ich eine so entspannte Miene. Seine Grübchen machen ihn mir äußerst sympathisch. Der Typ hat längere Haare, die er zum Zopf gebunden trägt. Ich erkenne einen Kinnbart und unrasierte Wangen. Das Klischee eines Künstlers. Mein Entschluss steht fest: Ich öffne mein Fenster einen Spalt, um seinem Spiel besser lauschen zu können. Siehe da, der Mann spielt gut. Nun singt er sogar. Ich lausche den Tönen, seiner wirklich eindringlich und intensiv guten Stimme, höre den Refrain:

„Have you ever seen the eyes of a dying nation?”

Kein fröhliches Lied. Aber sehr eingängig. Ich kenne den Song nicht. Kann aber wohl drei Passanten sehen, die stehengeblieben sind, um dem Sänger und Gitarristen zuzuhören. Möchte nicht entdeckt werden, daher gleite ich rasch hinter den Vorhang zurück. Aha, ein Singer/Songwriter ist Nachbar X also. Ich kenne den Namen nicht, kenne seinen Hund besser als ihn selbst. Ein Mischling. Also nicht der Nachbar. Als er vor Jahren eingezogen ist, hatte ich zugesehen, wie all sein Hab und Gut hinein getragen worden war. Damals war er mir nicht weiter im Gedächtnis haften geblieben. Ein Musikus also? Ob er das hauptberuflich macht? Ich stecke mir eine Zigarette an. Sehr zum Unmut von Elvis. Meine Katze mag Zigarettenqualm überhaupt nicht. Aber ich kann ja nun mal nicht einfach so vor die Tür gehen, um zu dampfen. Einen Balkon habe ich nicht. Also rauche ich in der Wohnung, beschränke mich aber auf rund 12 Zigaretten am Tag. Nachts, wenn die Angst besonders stark daher kommt, nie auf leisen Sohlen, rauche ich ungleich mehr. Schlaf finde ich nur selten länger als 3 Stunden am Stück. Die Tabletten helfen nur bedingt. Meine beste Phase ist zwischen 8 Uhr früh und 13 Uhr. Da schaffe ich es, oftmals die ganzen 5 Stunden durchzuschlafen. Hernach arbeite ich am PC. Meine hohe Miete muss ja irgendwie bezahlt werden. Gegen 21 Uhr stoppe ich die Arbeit. Ich arbeite nie nach 21 Uhr.

Als sich die 3 Passanten verzogen haben, luge ich wieder durchs Fenster. Der Nachbar spielt, und er zeigt dabei eine Art von immersiver Leuchtstrahlkraft, ich kann es nicht anders ausdrücken. Er ist so tief eingetaucht in seine Klangwelt, selbst so begeistert über die Musik, dass er dabei so freundlich, so unfassbar heiter und gelassen wirkt, dass ich unwillkürlich denke: Lass mich auch nur 1 Sekunde diesen inneren Seelenfrieden haben, den du gerade in dir trägst. Jetzt schaut er hoch und entdeckt mich prompt. Ich zucke zurück. Um Himmels willen, er hat mich gesehen. Doch längst ist er wieder bei sich. Wie er da sitzt und spielt und tiefsinnig lächelt, da erkenne ich, dass er wunderschön ist.-- Habe selten einen so schönen Mann gesehen. Andere Frauen würden ihn bedingt attraktiv nennen. Ich nenne diesen Mann schön. Hab ich je einen Mann so lächeln gesehen? Es kommt von tief innen. Unser kurzer Augenkontakt hat mich erschüttert. In meinen Grundfesten. Es rührt sich etwas in mir. Eine Grundsehnsucht, ein starkes Sehnen und Zerren. Hab ich mich verliebt? Kein Mensch kann über den Bruchteil einer Sekunde eine solche Verbindung aufbauen! Oder etwa doch? Sekunden-Liebe? Gibt es das? Ich weiß ja noch nicht einmal, ob der Typ dort solo ist. Jetzt ist sein Hund bei ihm. Eine kolossal und beeindruckend große Erscheinung. Schwarz, gewaltig, er läuft frei im Vorgarten herum. Die Gesichtszüge wirken etwas streng, ich sehe markante Brauen Partien. „Rrrwoff“ tönt es jetzt. Der Hund möchte mit dem Herrchen spielen. Also unterbricht der Musikus, legt die Gitarre sorgsam weg und spielt mit seinem Hund. Das gefällt mir. Erstens einmal die Sorgfalt, mit der er sein Instrument handhabt, und dann, zweitens, wie sehr er auf die Wünsche und Bedürfnisse seines Hundes eingeht. Übermütig rufe ich durch den Spalt im Fenster (was in aller Welt reitet mich denn da so urplötzlich?):

„Was ist das denn für eine Rasse?“ Ich fragte das nicht abwertend, ich fragte neugierig und verspielt. Der Einstieg in ein Gespräch ist, von meiner Seite her, suboptimal. Aber der Nachbar hatte ja bereits Blickkontakt zu mir aufgenommen. Und ja, ich traute mich das jetzt. Der Antrieb für diese Wahnsinns Tat allerdings blieb mir verborgen. Ich habe es schlicht gemacht. Grundlos. Einfach so.

Der Nachbar tritt beängstigend nah an mein Fenster heran, lächelt freundlich und sagt: „Das? Es ist ein Labrasennerdoodlepudel! Ich denke, der möchte Sie gern kennenlernen. Hi, ich bin übrigens der Rüdiger, und das hier ist mein Hund Pauli. Ich hab Sie wirklich noch nie zuvor hier draußen gesehen.“

„Ähm, ich kann gerade nicht vor die Tür. Sorry. Ein was?“ Ich gehe nicht weiter auf seine Bemerkung ein. Er KONNTE mich ja auch noch nie vor der Tür gesehen haben… Wie denn auch? Bin stets drinnen und werde das sicherlich auch weiterhin so handhaben.

„Labrasennerdoodlepudel! Eine Mischung aus mindestens 3 Rassen. Pauli ist ein sehr lieber Hund. Sie müssen also keinerlei Angst haben…“ Als hätte es das große Tier gehört. Wieder kam ein „Rrrwoff“. Hunde wissen sehr genau, wenn über sie gesprochen wird. Das Tier hat sehr kluge Augen. Der Blick wirkt auf mich ein wenig melancholisch. Aber der große Hund ist schön, ich erkenne, er ist besonders und sicherlich, auf seine Art, einzigartig. Ich mag ihn.

„Nein, vor dem Hund habe ich keine Angst. Aber ich kann zurzeit einfach nicht nach draußen. Leider. Ein andermal? Die Musik hat mir gut gefallen. Und Sie singen sehr gut. Auch das Gitarre Spiel hat voll überzeugt. Das machen Sie sicher professionell? Beruflich?“

„Ja, bin Singer/Songwriter. Am kommenden Samstag habe ich hier einen Auftritt.“ Und zeigt mit der linken Hand auf den Hügel im Hintergrund. Sie weiß, dort ist der MediaPark. Hier finden regelmäßig Konzerte heimischer Künstler statt. „Würde ich gern, aber ich bin krank. Demnächst mal.“ „Das ist ja schade. Dann ein anderes Mal. Es wird auch noch weitere Konzerte geben, mal mit und mal ohne die Band. Übrigens können wir uns ruhig duzen. Wie heißt du denn überhaupt?“

„Ich heiße Yvonne. Bloß keine Verniedlichung, keine Abkürzung, schlicht Yvonne. Pauli also heißt dein Hund? Beeindruckend groß…“

„Bin Fan von Sankt Pauli, dem Fußballverein. Daher der Name des Hundes! Magst du die Kiezkicker?“  

Sie wunderte sich, Hamburg ist 360 km entfernt. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. Sie hat kein Interesse am Fußball. Aber daran, sich jetzt zurückzuziehen. Dieses Gespräch dauert schon zu lange. „Na ja, ich muss dann mal wieder. Hat mich gefreut, Rüdiger. Ich lausche gern mal wieder, wenn es ein Vorgarten-Konzert geben sollte. Dann hast du den Song von eben wohl ähm selbst geschrieben?“

„Ist von mir, yep, The eyes of a dying nation, ich habe aber auch deutlich positivere Songs in meinem Œuvre, schau doch mal, wenn du magst, in mein Online-Portfolio.“ Und schon schob er ihr durch den Spalt im Fenster seine Visitenkarte zu. Woah, wie schnell hatte er die denn aus der Jacke gezogen? In der Tat, beeindruckend. Der Mann war auf alle Eventualitäten vorbereitet. Man konnte ja nie wissen, ob und wann man einem Agenten begegnete. Und dass Rüdiger das Wort Œuvre kannte, und dass er es auch noch korrekt aussprach, das nötigte ihr einigen Respekt ab. Sie mochte kluge Menschen. Und dieses Exemplar hier war nicht nur sehr smart, sondern zudem auch gutaussehend und sympathisch.

„Bye, bis zum nächsten Mal. Hat mich sehr gefreut, Yvonne.“ „Schönen Tag noch, Rüdiger. Ja, bis die Tage mal… Hat mich auch sehr gefreut.“ Die Visitenkarte hatte sie rasch an sich genommen.

Schnell hatte sie das Fenster geschlossen. Vielleicht eine Spur zu laut. Abwehrend, abweisend laut?? Sie mochte das nicht beurteilen müssen. Lange betrachtete sie die Visitenkarte. Mit wummerndem Herzen. Und dieses Mal kam das unnatürliche Wummern nicht von der generalisierten Angststörung, dessen war sie sich sicher. Sehr edel. 5 Farben, plus diverse Lacke, Heiß-Folienprägung, wow, mit 3D-fühlbarem Hochglanz-Relief-Druck. Sogar mit Foto. Rüdiger, Gitarre spielend, ganz bei sich, lächelnd. Spätestens jetzt hatte sie sich in den Nachbarn verliebt. Flott war sie am PC und gab das angegebene Losungswort (zum Paradies?) ein. Flugs eröffnete sich eine ganze Welt. Rüdigers Welt… Jede Menge an Information. Songs, kleine Gedichte, die Lyrics zu den Songs, tausend Bilder. Uneitel ist der Mann nicht gerade, denkt Yvonne. Immer mit Gitarre, mal mit Schiebermütze, mal glattrasiert, dann wieder mit offenem, langem Haar, da, auf einem Konzert, dann wieder am Strand, in der freien Natur. All das gefiel Yvonne sehr. Ein in sich ruhender, ausgeglichener Charakter, der für und mit seiner Musik lebte (und mit seinem Riesenhund). Offensichtlich total unbeweibt. Und das freute Yvonne natürlich sehr.

Es dauert gar nicht lange, und sie lugt täglich aus dem Fenster, hielt Ausschau nach Mann und Hund.

Sie wagte es, ihm E-Mails zu schreiben. Sie korrespondierte mit Rüdiger, und mit der Zeit wurden diese „Unterhaltungen“ privater, intimer, ausführlicher. Der Musikus legte ab und an CDs und eine DVD vor die Tür. Yvonne fragte sich, warum er ihr die Sachen nicht durch ihre Hundeklappe, völlig problemfrei, zukommen ließ. Aber der Mann hatte seinen eigenen Kopf. Alles wurde vor der Tür abgestellt. Yvonne war daher gezwungen, die Tür zu öffnen. Als sie es eines Tages, etwas zögerlich, tat, stand Rüdiger da, mit einem Blumenstrauß in der Hand, mit einer Pralinenschachtel, und dem fettesten Grinsen überhaupt im fröhlichen Gesicht. Yvonne wäre fast gestorben! „Mach das niemals wieder!“ schimpfte sie, freute sich aber auch immens über die Blumen, auf die sie allergisch reagierte und auf die Pralinen, die sie nicht essen durfte. Egal, der Gedanke zählt. Rüdiger ließ sie an diesem Tag ein, in ihr schmuckes Heim.

Sie war ihm ja längst verfallen. Er musste gar nicht mehr um sie werben. Nach diesem wunderbaren ersten Tag, so eng beieinander, entwickelte sich dann ein intensiver Chat über all ihre Musts und all die Do Nots, die sie durch das Leben begleiteten. Langsam lernte Rüdiger. Er wusste nach Monaten, was sie als „böse“ erachtete, und was sie als „genehmigt“ ansah. Sie kochten erstmalig zusammen, in ihrem Haus natürlich, und ja, sie schaffte es tatsächlich, im Vorgarten mit dem Hund Pauli zu spielen, der es ihr bald sehr angetan hatte. Volle 3 Minuten lang! Sensationell. Danach flüchtete sie ins Heim, in die sichere Burg, klatschnass geschwitzt. Aber immerhin. 3 Minuten „da draußen“. Sie konnte das nur, weil Pauli da war. Und ihr Rüdiger, den sie zu lieben begann, den sie mit all seiner Freundlichkeit und Ausgeglichenheit heftig begehrte. Ob er mich mal in den Arm nimmt? Yvonne hatte sich sicher schon gute 10 Jahre nicht mehr verliebt. Jetzt war all das so neu und aufregend, dass sie oft dachte, sie wäre noch in der Grundschule.

Pauli wurde, mit den Wochen und Monaten, zum „Seelenhund“, zum aktiven Partner, der sie auch mal anstupste, wenn sie traurig war, mit kratzender Pfote um Aufmerksamkeit bat, den Kopf lange gekrault haben wollte, und ganz allgemein ihre zermürbte Seelenlandschaft aufzuhellen in der Lage war. Ein großartiger Hund mit erfreulich gutem Charakter, treu, gutmütig und stets voller Freude, wenn er Yvonne sichtete. Rüdiger sagte es ihr auch: „Mein Pauli liebt dich sehr. Darauf kannst du dir etwas einbilden. Er fremdelt nämlich oft. Aber dich hat er lieb. Das spüre ich immer, wenn wir uns alle 3 begegnen. Er ist ganz aufgeregt. Schau nur, wie wild er mit dem Schwanz wedelt. Er hat dich lieb…“ Und du? Das fragte sich Yvonne. Hast du mich denn auch lieb, du knuffiger Hurensohn, du?

Keine 2 Wochen nach diesem erneuten Treff im Vorgarten, mit Musikus und Hund, traf es Rüdiger hart. Er hatte leider einen Autounfall, den nicht er verschuldete, und erlitt aufgrund dieses Traumas einen Darmdurchbruch. Schmerzhaft, sehr ernstzunehmend, es bestand vorübergehend sogar die Gefahr, dass er daran verstarb. Yvonne war außer sich vor Sorge. Sie hatte eine SMS von einem der Freunde erhalten, mit denen sie mittlerweile ebenfalls, bislang nur via E-Mail, in Kontakt stand. Die heillose Panik, absolutes Grauen. Rüdiger wollte sich verabschieden? Auf gar keinen Fall. Sie wollte doch ihr Leben mit diesem großartigen Mann verbringen. Ihr gesamtes restliches Leben. Und nun das! Im Internet machte sie sich schlau. Wenn der Darm reißt, können Bakterien und Darminhalte in die Bauchhöhle gelangen, was zu einer lebensbedrohlichen Infektion, der Sepsis, führen kann. Hier besteht Todesgefahr. Es musste sofort operiert werden. Rüdiger würde lange Zeit im Krankenhaus verbringen müssen. Was wird aus Pauli? Der Freund bat Yvonne, sich um Pauli zu kümmern. Leider wohnte der ziemlich weit entfernt, brachte aber die Haustür-Schlüssel vorbei. Sie schaffte es doch tatsächlich, diese Schlüssel an der Tür entgegenzunehmen. Hinein konnte sie den netten Freund, so höflich das auch gewesen wäre, nicht bitten. So weit war sie noch nicht.

Die OP verlief zufriedenstellend gut. Rüdiger war gerettet. Das Loch im Darm war repariert. Leider war sein Auto, dem er sogar einen Namen gegeben hatte („Raven“), das war ein 30 Jahre alter Audi A 8, unrettbar verloren. Aber das konnte verschmerzt werden, angesichts des Darmdurchbruches. Täglich ging Yvonne nach nebenan, bebend vor Angst, zitternd steckte sie den Schlüssel ins Schloss. Die fremden Gerüche, die unbekannte und geheimnisvolle Höhle des geliebten Mannes, das laute Rrrwoff zur Begrüßung, all das verwirrte sie sehr. Der Hund vermisste sein Herrchen. Sie kümmerte sich liebevoll um Pauli. „Gassi gehen“ ging anfangs nicht. Der Vorgarten wurde zur Toilette. Später einmal nahm sie all ihren Mut zusammen und ging mit dem Riesenhund 1 x ums Karree. War nicht leicht, aber sie schaffte es, wummernden Herzens. Diese Scheiß-Angst…

Sie hatte zwingend agieren müssen, was blieb ihr übrig? Pauli sollte auf gar keinen Fall ins Tierheim. Und die weiteren Freunde, das sagte Rüdiger ihr auch am Telefon, waren „Hallodris“ und leider sehr unzuverlässige „Burschen“, alles Musiker, die meisten starke Kiffer. Nein, Rüdiger wollte den Pauli in sehr guten Händen wissen, denn er bedeutete ihm viel. Da kam nur eine Person in Betracht. Die sehr zuverlässige, ernsthafte und äußerst gewissenhafte Yvonne. Täglich telefonierten sie, jeden Tag war ein Fortschritt erkennbar. Die Schmerzen wurden erträglich, Rüdiger scherzte schon wieder. Er nahm Antibiotika ein, musste insgesamt 14 Tage im KH bleiben, wurde dort gut versorgt. Am 7. Tag hatte er einen Wunsch: „Komm mich doch mal besuchen, Yvonne…“ Welche Herausforderung! Er wusste gar nicht, was er da von ihr verlangte. Aber Yvonne nahm allen Mut zusammen, verabschiedete sich von Pauli, hatte zuvor einen Käsekuchen für den Lieblingsmenschen gebacken, von dem sie selbst nichts hatte naschen dürfen, und fuhr mit dem Taxi zum Krankenhaus. Während der etwa 8minütigen Fahrt sprach sie mit dem Fahrer kein Wort, gab aber ein recht hohes Trinkgeld. Bebend, zitternd, stand sie an seinem Krankenbett. Plötzlich, sie waren allein im Zimmer, das sehr merkwürdig roch, sagte dieser Teufelskerl doch tatsächlich: „Ich kann nicht hoch, komm du zu mir runter…“ Sie beugte sich zu ihm hinab – und erhielt einen Kuss, den sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen würde! Intensiv und sehr leidenschaftlich. So will eine Frau geküsst werden. Über diesen Kuss tauschten sie jede Menge an Informationen und Wünsche aus, sie kommunizierten über diesen einen, sehr langen Kuss. Jetzt war es besiegelt. Sie waren zusammen. Glücklicher hätte Yvonne kaum sein können. Beschwingt war sie heimgefahren, merkwürdigerweise mit exakt demselben Taxifahrer, und jetzt sprach sie mit ihm. Wieder gab es ein fürstliches Trinkgeld. Rasch lief sie zu Pauli hinüber und teilte ihm alles mit. „Dieser Kuss, Pauli, oh, dieser Kuss…“ Der Hund hörte aufmerksam zu. Sie sagte ihm alles, was sie im und auf dem Herzen hatte. Rrrwoff, das war seine Antwort.

Sie findet überall Rüdigers CDs, und sie beginnt, seine Musik zu lieben, zu studieren, eben mit all der ihr eigenen Sorgfalt. Manche Songs, oft sehr melancholisch und immer tiefsinnig, hört sie so oft, dass sie ganze Textzeilen mitsingen kann. Alle Songs in Englisch. Sehr gute Texte! Sie ist beeindruckt. Sein Englisch ist fast wie eine „native tongue“, wirklich außergewöhnlich. Sie hält sich jetzt oft in Rüdigers Haus auf. Sie schläft auch in seinem Bett. Fühlt sich heimisch hier. Als sie hört, dass ihr Musikus bald entlassen wird, weint sie vor Freude. In ihr Tagebuch schreibt sie:

Ich bin erstmalig seit einem Jahrzehnt glücklich! Und so verliebt. Dieser Mann, Rüdiger, ist ohne den geringsten Zweifel der richtige! Ich war so lange in meiner Höhle gefangen. Und nun, siehe da, darf ich mit einiger Wucht sagen: Nebenan beginnt die Welt! Es liegt eine abenteuerliche, wunderschöne, aufregende und herausfordernde Zeit vor mir. Ich freue mich sehr darauf. Die einzige Frage, die jetzt noch bleibt, ist diese: Wird Pauli meinen Elvis gern haben können? Werden die zwei sich vertragen??

Als Rüdiger entlassen wurde, bissen sie zusammen in eine Scheibe Weltmeisterbrot. Hernach wurden die 89 steinharten Brote, in insgesamt 3 Fuhren, entsorgt. Die toten, geschroteten Brote, jetzt waren sie Vergangenheit. Die Zukunft aber wird strahlend schön. Mit leichten Einschränkungen zwar, aber dennoch strahlend schön.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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