Rolph David

NeMeSiS

Es war die Liebe meines Lebens.
Unsere Zeit war glücklich, sehr glücklich – sie hätte wunderbarer nicht sein können! Wir hatten überwiegend die gleichen Interessen, wir surften auf der gleichen Welle und wir hatten auch sonst das Gefühl, einander gesucht und gefunden zu haben. Alles schien unglaublich, beinahe perfekt und es gab beiderseits nie einen Moment des Zweifelns, des Zauderns, der Unsicherheit, ob ich oder er vielleicht doch nicht zusammenpassten. Zumindest glaubte ich das.

Ich zögere auch nicht, das Wort „vollkommen" für die Beschreibung unseres Zusammenseins, unserer Liebe zu verwenden, denn es war für mich in allen Bereichen stimmig und mit keinem Jota Abweichung gab es Momente der Trübnis, die mich hätten vom Gegenteil überzeugen können.

So schön wie unsere Liebe, unsere Gemeinsamkeit, unser Zusammenleben auch war, sie stand letzten Endes doch unter keinem guten Stern. Nicht, weil es eine Einbahnstraße war, nein, sondern weil mein Partner eines Tages schwer erkrankte und ich hilflos daneben stand, nicht wusste, wie ich ihm helfen konnte, sein Schicksal von ihm abzuwenden.

Er erkrankte an einer Nierenkrankheit, musste schließlich an die Dialyse mit dem Wissen, dass nur eine neue Niere innerhalb kurzer Zeit ihn schließlich das Leben retten könne.

Wie es der Zufall wollte, war genau ich die Person, deren Niere geeignet war, für ihn und sein Weiterleben gespendet zu werden.

Ich entschied mich ohne Zögern dafür, ihm eine meiner Nieren zu spenden – entgegen all der Warnungen, der Unkerei, die man mir eindringlich zum Bedenken gab und vorbrachte.

„Mit einer Niere kann man zwar auch leben, doch was ist, wenn auch du eines Tages an dieser einen Niere erkrankst, diese ausfällt?“ waren Aussagen und Fragen meiner Freunde und Verwandten, die ich mir zuhauf anhören und mit denen ich mich auseinandersetzen musste. Im Hintergrund taten sie ihr übriges und nagten an mir und nährten meine Zweifel, die ich mir nicht eingestehen wollte – denn zu groß war meine Zuneigung und Liebe für diesen Menschen, für die große Liebe meines Lebens!

Ungeachtet dieser Warnungen entschloss ich mich schließlich, für eben diese Liebe meines Lebens diesen Schritt zu gehen, da ich davon überzeugt war, dass er an meiner statt genauso gehandelt hätte und handeln würde – ohne auch nur eine Sekunde darüber zu zögern und zu verhandeln.
Gesagt, getan.

Meine und seine OP verliefen erfolgreich und ich konnte nicht glücklicher sein, als seine Dankbarkeit in seinem Gesicht zu lesen bis zu dem Tag, an dem es überraschend und unerwartet anders kam.
Ich war bereits aus dem Krankenhaus entlassen, während er noch ein Weilchen dort verbleiben musste.

Ungewollt hielt mir der Zufall den Spiegel der Wahrheit vor, als ich ihn im Krankenhaus besuchte, um zu sehen, wie es ihm Tage nach der Transplantation erging. Er erhielt Immunsuppressiva gegen eine mögliche Abstoßung und es schien, als sei er auf dem Wege, ganz gesund entlassen zu werden. Unserem Glück schien nichts mehr im Wege zu stehen!

Kaum, dass ich das Krankenzimmer an jenem Tage betrat, sah ich eine fremde, mir nicht bekannte Frau an seinem Bett, die ihm gerade einen Kuss auf den Mund gab, als ich die Zimmertür öffnete. Ich war total erschlagen und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, lächelte und machte gute Miene zum bösen Spiel über das, was da gerade vor sich ging, als ich mich seinem Bett näherte. Beide völlig verblüfft, gerade von mir in flagranti ertappt worden zu sein, ging ich auf sein Bett zu, als sie sich spontan unter einem Vorwand von ihm verabschiedete, ohne sich mir überhaupt vorzustellen. Auch er blieb zunächst peinlich berührt stumm, bis er schließlich das Wort ergriff und meinte, dass es nicht so zu verstehen sei, wie es aussah. Ich fragte ihn, nach Luft und Worten ringend, wie ich das nun wiederum zu verstehen habe, denn dass es an dem, was ich zu sehen bekam, nichts Missverständliches gäbe.

Er meinte, es sei zwar ein Kuss auf den Mund gewesen, doch völlig belanglos und ohne jede Bedeutung, denn schließlich habe sie sich nur bei ihm bedanken wollen – dafür, dass er durch meine Niere wieder ein ganz normales Leben vor sich hätte. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich fragte, wer sie denn überhaupt sei, woher sie wüsste, dass ich seine Spenderin war und er meinte, dass sie schon lange eine sehr gute Freundin wäre und dass er vor ihr keinerlei Geheimnisse habe noch hatte und sie sie wahrscheinlich von einem Bild, das er als Oberflächenbild auf seinem Handy hat, kenne.

Ihr schwante nichts Gutes. Es durchströmte sie ein ungutes Gefühl, gerade massiv hintergangen und betrogen worden zu sein, denn sie hatte bisher nie das Gefühl, dass er ihr etwas vorenthielt oder verschwieg. Um so mehr schmerzte sie ihre Naivität und Leichtgläubigkeit in dieser Sache.

Offensichtlich war es ihm nie wichtig, seine angeblich beste Freundin, seine Busenfreundin, vor ihr zu erwähnen. Sie fühlte sich hintergangen, sie fühlte sich verraten und es schien ihr, als wäre ihre Liebe in Nanosekunden zerbrochen, kaum dass sie erblühte und als unzerstörbar empfunden wurde.
Sie traute ihm nicht mehr und sie verließ ihn, ohne ihm ihr Misstrauen unmittelbar kund zu tun.
Später fand sie heraus, dass er seit Jahren parallel eine Liebesbeziehung mit dieser Frau hatte und nur aus Berechnung und bösartigem Kalkül mit ihr zusammenzog und lebte, weil er wusste, dass sie für ihn a) lebensrettend wäre, er b) ganz sicher auch ihre Niere bekäme, da er ihre Blutgruppe aus ihrem Blutspendeausweis kannte.

Als dies dann alles auch in der Folge noch medizinisch untermauert wurde, d.h. sowohl ihre als auch seine Blutgruppe und Gewebe als geeignet deklariert wurden und sie, ohne zu zögern, zustimmte, ihm ihre Niere zu spenden, war er am Ziel seines perfiden Komplotts, das er, so fand sie ebenfalls später heraus, sogar mit dieser Frau besprach und plante.

Sie fühlte sich am Boden zerstört, missbraucht, verraten, ohnmächtig in ihrer Wut, nichts mehr dagegen tun zu können, da er sein Ziel erreichte und mit dieser Frau nun glücklich zusammenlebte – und das auch noch ganz in ihrer Nähe, fast in Sichtweite.

Jedes Mal, wenn sie die beiden glücklich zusammen sah, fühlte sie sich, als ob man sie mit einem Skalpell vom Scheitel bis zur Sohle in zwei Hälften teilte. Es zerriss sie innerlich.

Sie erwog einen Umzug, um dieser Folter zu entgehen und um eine Möglichkeit für sich zu finden, ihn und seinen Verrat endlich vergessen zu können und hinter sich zu lassen.

Einer griechischen Tragödie gleich, nahm das Schicksal den Kampf für sie auf.

Eines Tages wurde sie durch eine Zeitungsannonce darauf aufmerksam gemacht, welches Schicksal er und sie ereilte. So erfuhr sie vom plötzlichen Tod ihrer einzigen großen Liebe. Durch eine einstige Nachbarin erfuhr sie schließlich weitere Details seines Schicksals und auch das seiner großen Liebe.

Kaum, dass er damals aus dem Krankenhaus „gesund“ entlassen wurde, verschlechterte sich über Nacht sein Zustand so sehr, weil scheinbar trotz passender Niere und entsprechender Medikamente sein Körper diese zunächst akzeptierte Niere aus medizinisch unerklärlichen Gründen abstieß und er schließlich verstarb, weil sich kein passender Spender mehr fand, der ihm hätte das Leben retten können.

In beider Verzweiflung entschied sich wohl seine große Liebe zu einer Lebendspende-Transplantation, obwohl ganz klar war, dass sie eine denkbar ungeeignete Spenderin für ihn ist.

Sie hatte Blutgruppe AB, er Blutgruppe 0, sodass sie zwar von allen Spendern ein Organ hätte bekommen, aber umgekehrt nur an Menschen mit AB hätte spenden können. Als Universalspender der Gruppe 0 hätte er an alle Blutgruppen spenden, aber nur von der gleichen Blutgruppe eine Spende erhalten können, was ja nicht der Fall war.

Dennoch gingen sie trotz dieser AB0-Inkompatibilität das Risiko ein, denn ihm blieb nicht mehr viel Zeit, da kein Organ von einem Toten zur Verfügung stand.

Seine Liebe verstarb noch während der OP auf dem OP-Tisch, da es unerwartete Komplikationen gab, die man nicht in den Griff bekam. Er erhielt dennoch ihre Niere, doch sollte er auch an dieser keine Freude haben. 90 Tage nach dem Eingriff erlag auch er einer Niereninsuffizienz.

Sie ergriff keine Schadenfreude, sondern empfand vielmehr tiefen Schmerz über den Ausgang ihrer einst vermeintlich großen Liebe und den Verlust, der selbst über ihre Niere nicht zu verhindern war.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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