Klaus Mattes

Der Bruder vom Chef vom Schmutz / 7582

 

Vor zehn, zwanzig Jahren, als ich noch jünger war und viel freie Zeit hatte, lief ich sommers nachts um halb drei im Park herum, obwohl so gut wie felsenfest stand, dass dort keine Menschenseele mehr zu treffen sein würde. Was es aber auch fast ungefährlich machte. Doch einmal saß in den letzten Stunden der Dunkelheit tatsächlich ein 25-jähriger Türke auf der Lehne einer Bank, auf welcher er seine offene Bierflasche, also die mögliche Waffe, stehen hatte, und drehte sich eine Zigarette. Ich war paar Mal weiter weg von ihm gelaufen und hatte schon satt, nicht nachsehen zu können, wer dieser Typ da drüben war. Ich bog in den Weg ein und mir wurde mulmig. Ich merkte, dass es sich um einen gänzlich Unbekannten handelte, dem ich in diesem Gelände nie zuvor begegnet war.

 

„Was ist? Hast du ein Problem?“
In diesem Ton. Damit man kapiert, zur Not kann er dir was auf die Fresse geben.


Ich ließ ihn sein und strich weiter durch die Gegend. Doch dann kam er mir hinterher, angeblich weil sein Feuerzeug nicht ging. Und weil er wohl einen fürs Reden brauchte. In einem keineswegs ironischen Ton, vielmehr so neugierig, dass ich seine Ahnungslosigkeit beinahe für authentisch hielt, fragte er: „Da kommen immer wieder so Männer her. Die schleichen dort zwischen den Büschen. Wie Geister geht das. Da ist hier doch was. Kannst du mir sagen, was hier drin geht?“


Seit ich drin war, in dieser einen Sommernacht, ich war mittlerweile schon eine ganze Weile da, war keiner irgendwo dort gegangen oder geschlichen. Wenn andererseits er mehrfach auf dieser Bank schon gesessen hatte, wieso fragte er sich das immer noch?


Ich stellte mich, als verstehe es sich von selbst, dass er die näheren Umstände nicht kennen konnte, und enthüllte, dass bei Dunkelheit die Schwulen hier drin herumlaufen und sich abchecken, ob sie es treiben können. Meistens geschehe das dann dort zwischen diesen Büschen, vor denen er sein Bier getrunken habe.


Der junge Mann sagte in etwa Folgendes: „Ja, das ist gegen Gott. Das ist auch gegen die Natur. Wenn ich so wäre, würde ich Angst bekommen vor mir. Aha, so einer bist du! Die Kerle, die sich die kleinen Buben schnappen. Die probieren, sie an eine Droge zu hängen, damit sie zuerst ihren Körper und am Ende noch ihr ganzes Geld bekommen. Aber ich sehe das. Ich durchschaue die Menschen und sehe also, dass du dennoch ein guter Mensch bist. Ich habe Mitleid mit dir. Du bist unglücklich in diesem Leben. Komm hier nicht mehr hin! Ich warne dich. Das ist sehr gefährlich. Diese Stadt ist voll mit bösen Menschen, besonders in den Nächten, wenn sie warm sind. Sie töten Menschen für den nächsten Schuss. Das spielt keine Rolle mehr, wenn man so ist.“


Das alles kam so nach und nach. Nicht als die Rede, als die ich es hingeschrieben habe. Aber jeder Teil wiederholte sich. Alles tauchte bis zum Ende wenigstens viermal in unserer Unterhaltung auf.


Wir standen wieder ziemlich nahe zu einer der Bänke, aber keiner von beiden machte Anstalten, sich noch mal zu setzen. Wir standen und es blieb immer ein Abstand zwischen uns, der das Übliche überschritt. Wenn ich mich ein paar Zentimeter in seine Richtung verschob, stellte er die Distanz wieder her, als ginge augenblicklich die größter Gefahr von mir aus. Doch auch ich fühlte die Angst, während ich mich freundlich gab. Zum Beispiel hielt er immer noch diese so gut wie leer getrunkene Flasche in seiner Hand. Ich dachte, es ist besser, ihn sich ausreden zu lassen, als ihm den Rücken zu kehren und wehrlos von ihm wegzugehen. Mir war wieder zu Bewusstsein gekommen, dass weit und breit keine menschliche Seele war, die mir zur Hilfe hätte kommen können. Aufgrund des Altersunterschieds und der unterschiedlichen körperlichen Konstitution lag meine Chance sicher nicht darin, abrupt zum Ausgang zu rennen.


Er war also jung und auch noch ein gutes Stück größer als ich. Auffallend groß eigentlich für einen Türken. Ziemlich fleischig, also nicht so zierlich, wie ich das bevorzuge. Aber die Augen schienen schön braun, warm, klar und treu in der milchig gewordenen Dunkelheit. Ganz mild klang seine Stimme, während er Dinge sagte, neulich hätte er vor einer Diskothek einen verdroschen. „Das ist so. Ich habe Feinde. Ich muss mich wehren können.“ Allerdings besitze er die deutsche Staatsbürgerschaft nicht. Nach den jüngsten Ereignissen werde er demnächst wohl von der Abschiebung bedroht sein. Ja, im deutschen Gefängnis sei er auch schon gewesen. Welchen Rat ich für ihn hätte?


Mir fiel nicht viel ein. Ich sagte, vielleicht könne er eine Deutsche für eine Scheinehe kriegen. Aber nicht in paar Tagen, meinte er. „Außerdem kontrollieren die das, ob du mit deiner Frau dann zusammenlebst.“ Er: „Das geht so nicht. Ich kann nicht mit einer Frau zusammen in einer Wohnung sein, die das für Geld macht.“ Sicher, Menschen, über die man dergleichen organisieren könne, die kenne er. Aber doch nicht in einer Wohnung mit so einer.


Sein Bruder, berichtete er und es hörte sich eigentlich durchaus nicht wie Angabe an, allerdings hatte ich meine Erfahrungen bereits gemacht, dass man solchen Leuten gar nichts so einfach abnehmen kann, nur weil es schlicht und sachlich klingt, wäre nämlich der Chef vom Schmutz. Schmutz ist hier bei uns der gängige Name für einen sogenannten sozialen Brennpunkt, ein mit der Zeit ziemlich abgestiegenes Wohnviertel am Rand der alten Industriehallen. Dass die dort im Schmutz ihren eigenen Chef haben, war für mich noch neu. Aber wenn im Film einer sagt, mein Bruder ist der King of Harlem, weiß man schon auch Bescheid. „Na, der Drogenhandel halt“, brauste er unwillig auf, als ich mich dumm stellte. Falls auch ich mal Schutz bräuchte, eine Waffe vielleicht, das könne er für mich organisieren.


Was ich als herumlaufender Schwuler auch kenne, wenn man im Park mal mit einem Einsamen ins Gespräch kommt, den man sonst an dieser Stelle in Jahren noch nicht gesehen hat, sind die tragischen Unfälle des Lebens, an denen Frauen die Schuld tragen. Es wären jetzt sieben Jahre, dass er einer Frau nachlaufe, Amerikanerin sei sie. Diese Frau zeigt ihn an. Er sei ein Stalker. Er hätte eine illegale Schusswaffe. Die Polizei kommt ihn besuchen, wegen dieser Frau. Ich: „Na, wenn du sie belästigst.“ Er: „Aber was heißt das? Wenn so eine eben direkt neben dir wohnt und nur eine einzige Wand dazwischen, wo sie schläft, und in der Nacht klopft sie an die Wand. Und macht immer ihre komischen Zeichen. Da will die doch was. Und dann anzeigen, man wäre ihr Stalker.“


Nicht zum ersten Mal denke ich, dass Türken so etwas spezifisch Kumpeliges von Mann zu Mann haben. Es ist gut sein mit ihnen. Im Vergleich dazu sind schwule Männer ärgerlich asozial. Es geht die Hälfte der Zeit um ihr Ego. Also, ich hatte mich hier drinnen im Park und bei Nacht mit türkischen Männern unterhalten, mit denen es hinterher keinen Sex gab. Also war mir bekannt, dass, wenn immer diese Frage auftaucht, warum man in so einem Alter nicht verheiratet ist, man nicht sagt, weil ich schwul bin und deswegen mit Frauen keinen Sex machen möchte, sondern lieber mit Männern. Das ist ein Punkt, da haken sie aus. Das verstehen sie nicht. Man kann doch, wie es immer schon war, die Kultur und auch der Prophet, man kann doch, wie alle es machen, erst einmal heiraten, dann mit der Frau zusammen die Familie aufbauen und seine Kinder zu ordentlichen Menschen erziehen. Und nebenbei kann man die ganze Zeit Sex mit Männern haben, so man das mag. Man muss nicht schwul dafür sein.


Auf einmal sagte der Bruder vom Chef vom Schmutz, er würde gern wissen, was da überhaupt so in mir abgeht, wenn ich ihn mir hier anschaue, wo ich wegen dem Sex mit den Männern bin. Ob meine Antwort halbwegs die richtige war oder eben nicht, das wusste ich nicht, während ich sie gab. Ich weiß es bis heute nicht, weil ich ihm später nie mehr begegnet bin.
Ich wählte das Schulmeisterliche in mir.


1. In diesem Park sind bei Nacht niemals kleine Jungs.
2. Aber in diesem Park geht auch niemand auf den Strich, in der Nacht.
3. In dem Park gibt es Leute, die Drogen nehmen, auch ständig Alkoholiker. Aber am Tag. Nach Einbruch der Dunkelheit verschwinden die und sind früh am Morgen noch nicht wieder da.
4. In dem Park sind immer Männer, die was wollen von Männern, aber sie zwingen die anderen nie zu irgendwas.


Während ich das ausführte und er mir stumm zuhörte, hatte ich gleich das Gefühl, dass er mir nicht glaubt. Auch in der Rückschau denke ich, er glaubt es bis heute nicht.


Aber, versicherte er mir noch einmal, ein guter Mensch wäre ich. Nur mehr auf mich aufpassen müsste ich. Diesen Park müsste ich in Zukunft unbedingt meiden, er sei hochgefährlich. Und dann sollte ich mir überlegen, was er geraten hatte. „Auch du kannst heiraten und Kinder haben. Ich glaube, du schaffst das noch.“


Am Ende sagten wir tschüss und gingen unserer Wege.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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