Klaus Mallwitz

Unser Turbo-Kind

Ja, was war das für ein Gefühl, mit dem du unser kleines Turbokind in den Mülleimer geschmissen hast, wo es qualvoll krepieren muss(te)? Hast du irgendeine Ahnung von den Gefühlen eines kleinen Kindes, das in einer Tonne zwischen all den zerknitterten Zeitungsresten, Abfalltüten, Plastikbechern und Pizzakartons dahinsiechen muss? Halleluja, was hast du dir dabei gedacht? Unser Kind war ja nur ein Buch mit 440 Seiten? Verlogene Seelenkotze einer Labertasche?

Von einem Tag auf den anderen hast du dein wahres ICH mit dieser Schreckenstat offenbart. Weil ich nicht da war, als du mich brauchtest. Ich war nicht da, weil zwei Kinder aus meiner Familie zwei Tage, bevor du mich riefst, entführt worden sind. Und ich traute mich nicht, dir damit weh zu tun. Du aber schmeißt mich weg, schmeißt meine Familie weg, schmeißt unseren eigenen Turbo-Sohn einfach weg. Weil ich für dich nicht da war. Grausamer kann ein Mensch aus Eltern-, wie auch aus Menschensicht doch gar nicht sein. Oder doch? Fiel es dir leicht, unser Kind auf diese Weise zu entsorgen? Fiel es dir leicht, es sterben zu sehen? Hast du überhaupt zuschauen können? Hauptsache, weg mit dem Kind? Wie all die anderen Kinder, die herumgeworfen werden auf der Welt? War es so einfach? Warum? Bist du der Rächer deines ersten, deines verlorenen Kindes? Musstest du jetzt selbst Hand anlegen? Erinnerst du dich? Ich habe mit dir gelitten, als du mir anvertrautest, dass ein Gott dir einst dein Kind genommen hat. Wir haben zusammen geweint. Und jetzt hast du diesem Gott zeigen können, oder einfach zeigen wollen, dass du auch eine Macht hast, die du ausnutzen kannst, dass du auch ein Kind töten kannst, das mir und dir gehört hat. Ein Turbo-Kind, das dir vertraut hat. Wie viele falsch gesetzte Ausrufezeichen hast du behutsam aus dem werdenden Kind streichen lassen, wie viele lebensnotwendige Impulse hast du ihm auf seinem Weg hinein in die Welt mitgegeben? Das war doch mit Liebe geschehen. Oder war es der Versuch, mich, seinen Vater, einen 0-8-15- Mann zu täuschen? Mich irgendwann auch einmal verletzen zu können, so wie du es so oft schon im Leben ertragen musstest?

Geht es dir jetzt wirklich besser? Ohne mich, ohne Kind, ohne Liebe? Geht es dir wirklich besser?

Ich sage leise, sage ganz, ganz leise, aber doch beherzt nur noch ein leichtes „Pfui!“ zu dir: Ich sag es leise, damit du es nicht hören kannst, damit du ganz sicher nicht von mir verletzt wirst. Und selbst dann, wenn du das starke Ausrufezeichen erkennen solltest, das ich hinter das „Pfui“ gesetzt habe, und wenn es dich an unseren Buben erinnern sollte, und dich irgendwo berührt, vielleicht auch verletzt, dann weiß ich, du wirfst es mit einem befreienden Glückseligkeitsjauchzer zu dem Kind in den Müll. Zusammen mit diesem Ausrufezeichen verfaulen dann zwischen den Joghurtbechern, Pappschachteln und Zeitungen sowohl das „Pfui“ als auch unser kleiner Turbosohn. Dann ist alles wieder gut. Aber ich behalte das „Pfui“ und das Ausrufezeichen zusammen mit dem Kind in meinem Herzen. So, wie ich dich vor deiner Offenbarung in meinem Herzen glaubte. Ja, ich glaubte wirklich. Ich glaubte an dich, an uns, an uns drei. Und damit ist es nun gut. Jetzt hast du in meinem Herzen ein kleines, aufgeräumtes Zimmerchen. Die Tür zu diesem Zimmer öffne ich ab und zu, um nach dir zu schauen. Natürlich guck ich auch in das Nachbarzimmer, in dem deine Tochter ruht. Sie war von Anfang an ehrlich zu mir. Sie zeigte ihren menschenverachtenden Hass von Beginn an. Ich mag sie allein deshalb. Aber in dein Zimmer schaue ich am allerliebsten. Dann überreiche ich dir immer ein Glas Elixier, Nektar und Ambrosia vom Allerfeinsten. Ich stoße mit dir auf dein leiblich-seelisch isoliertes Wohl an. Leise und beherzt rufe ich dir das Zauberwort „Pfui“ zu, und wir leeren unsere Gläser auf dein leeres Wohl. Vielleicht lächelst du, wenn du das

!

aus meinem Mund heraushören kannst. Und du weißt:

Dieses kleine Ausrufezeichen,

das kann kein Gott mir streichen …,

 

nicht einmal du. …

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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