Klaus Mattes

Hier lärmt's noch lange nicht laut genug

Betrachtet man es nüchtern beides zusammen: das gewaltige Ausmaß menschlicher Würde, das einem alten Eichenhain zu Eigen ist, und die Würdelosigkeit gegenwärtiger Menschen ganz allgemein!

(Eine Betrachtung von annähernd Handke’scher Größe.)

Man besinne sich aller Augenblicke, in denen man größere Ansammlungen glücklicher Menschen sah: Gekrischen haben sie und waren besoffen. Ihr Gelall war leer, aber sie liebten sich für ihre aufscheinende Größe.

Karneval, Bordellsause, Rockkonzert, Kinderspielplatz, Weinfest, Autorennen, Heimwerken, Geburt, stehende Ovationen in der Oper. Sobald mehr als zwei zusammen waren und sie glücklich sein wollten, musste Krach geschlagen werden. Kaum ist der Februar da, gehen die Laubbläser an. Und so ganz verstummen werden sie nie wieder. Der Elektromotor und die fossilen Brennstoffe, mit dem wir ihn befeuern. Unsere tägliche Feier des Erfindergeistes.

Ach, dass wir nie in die Ruhe kommen! Wer mag jemals nur still sitzen in seiner Behausung und der mineralischen Stille lauschen? Hören wir nicht die Nachbarn links neben und auch unter uns und noch irgendwo weiter weg? Wie sie den wöchentlichen Durchschnitt der von ihnen in den Beton geschlagbohrten Dübel über fünfundfünfzig treiben. Fast wie der Krebs frisst die Neugier uns auf, welche Exaltationen in den uns so nahe gelegenen unbetretenen Wohnungen voranschreiten, während bei uns längst nichts mehr geht. Unsere Impotenz des einstigen Bilderaufhängers! Der Krebs, zuerst frisst er alles auf, dann ist er selber tot. Die Gier nach vorn, sie frisst uns Menschen. Morgen, spätestens in 3 Jahrhunderten wird es keine Menschheit mehr geben. Nur die neuntausend Aphorismen, in denen sie sich selbst noch erkannte, werden bestehen und – minus Menschheit – auch weiterhin gelten.

Unter anderem war eine Idee: Es wird eine eigene Klasse ernannt, deren Meinungen von allen anderen übernommen werden. Sobald diese erste Klasse zu denken begonnen hat, wird eine zweite Klasse ernannt, die alle möglichen Ideen dieser ersten Klasse für krankhaft anmaßend erklären und verbieten darf. Es ist nur ein Spiel. Es hat in dieser Form nie stattgefunden. Manche Ideen wurden vom Röhren der Laubbläser verschluckt, sodass sie keine Rolle mehr spielten.

Ein mir befreundeter Mann, dessen Name ich aus guten Gründen niemals preisgeben werde, raste damals über die Autobahnen. Er knüllte eine kleine Schachtel aus Pappe in seiner Hand. Er ließ die Seitenscheibe sinken und warf sie hinaus in die Nacht. Die einzige Reaktion der Welt war rabiates Schweigen. Ich, still zu Hause im Sessel, war schockiert. Keiner da, mir ein Riechfläschchen zu reichen. Ich sank so hin. Aber das Geknatter der Laubbläser weckte mich auf und machte mir Mut fürs Dasein.

Herbert Grönemeyer hat ja mal bemerkt: „Denn der Mensch heißt Mensch, weil er fehlt.“ Die Gattung des Lebewesens Mensch hat sich über einen Planeten verbreitet und versucht, die demokratische Mehrheit über alles Übrige zu erreichen. Es fehlen aber schon zu viele. Was kommt es da auf dich oder mich überhaupt noch an! Die Geschichte wird unser Sein unter einem Mantel des Verschweigens ersticken.

Die Laubbläser sinken bis zum Grund allen Seins. Dann springt ein neuer an.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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