Katja Knaub

Liebe oder Freundschaft? Meine „Special Needs“

Ich liege auf dem Boden, schaue die Sterne an und höre Placebo.
Eine Welle völlig neuer Gefühle, die mich schon den ganzen Tag, die ganze Woche, mein ganzes Leben, zu überkommen scheint überkommt mich in eben diesem Moment – genau wie in den tausend anderen Momenten der Vergangenheit und in denen der Zukunft, die diesem einen in einer ganz besonderen Art so wahnsinnig ähnlich sind.
Ich denke an sie. Ich fühle mich so glücklich, dass es beinahe schon wehtut und bin so bedrückt, dass es mich fast schon wieder glücklich stimmt. Ich bin völlig entspannt und gleichzeitig auf eine seltsame Weise wie elektrisiert. Ich bin erfüllt von Depression und melancholischem Verträumtsein, und sehe trotzdem, oder vielleicht auch gerade dadurch, den wahren Sinn von Leben und Liebe in seiner vollen Sinnlosigkeit.
Ich bin wie benommen; gefangen in einer Welt aus Phantasie und Lichtjahre entfernt von allem, das auch nur irgendwie an Realität erinnern könnte, sodass es mir wahrscheinlich noch nicht einmal auffallen würde, wenn jetzt die ganze Welt in Flammen aufginge.
Und dieses Gefühl, das jedem Augenblick meines Lebens einen Sinn gibt um ihn gleich wieder zu zerstören – kommt nicht nur in diesem einen Moment über mich, sondern in jedem einzelnen der tausend Momente meines Lebens. Dieses Gefühl, dass nur sie mir geben kann. Auch wenn die ganze Welt in Dunkelheit erstrahlt, so erhellt der Gedanke an sie mein Leben und macht jeden der tausend Momente, genau wie jetzt auch diesen, zu einem ganz besonderen.
Je länger ich darüber, was ich für sie empfinde, nachdenke, umso weiter scheint sich die Antwort zu entfernen. Vermutlich weil es auf solche Fragen überhaupt keine Antworten gibt, vielleicht aber auch, weil ich sie gar nicht wirklich wissen will. Weil ich sie schon kenne oder weil Antworten in manchen Situationen auch nicht viel weiterhelfen. Vielleicht aber auch weil ich Angst habe, Angst vor der Antwort.
Ich schaue zum Himmel und hebe die Hände in die Höhe, zu den Sternen; und dabei kommt es mir beinahe so vor, als ob alles, das ich mir so sehr wünsche doch in Wirklichkeit so nah ist, und alles, das unerreichbar zu sein scheint nur darauf wartet, dass ich es mir einfach nehme! Es scheint kompliziert und ist dabei doch so einfach. So einfach, dass das Schicksal schon über mich lacht, weil ich nicht endlich darauf komme es einfach zu tun.
Nein, ich komme nicht drauf. Vielleicht auch weil ich es nicht will. Ich komme einfach nicht drauf und denke auch nicht daran.
Ich liege hier einfach weiter auf dem Boden, beobachte den Nachthimmel und höre Placebo. Die CD schon zum dritten Mal hintereinander. Ich liege hier, denke an sie und warte auf Sternschnuppen und wenn ich eine sehe, dann wünsche ich mir doch nichts anderes als ihre Liebe. Ihre Liebe, vor der ich die ganze Zeit wegzulaufen versuche und die ich dann wieder so sehr will wie nichts auf der Welt.
Ich kann nichts dagegen tun, ich kann immer nur an sie denken! Nur an sie.
Ich schließe die Augen und meine Gedanken machen sich selbstständig.
Ich sehe sie, wie sie neben mir liegt unter diesem wunderschönen Sternenhimmel, der, wenn sie da ist noch viel schöner zu sein scheint, als wenn ich ihn allein ansehe.
Wie sie sich langsam über mich beugt, mir zärtlich über die Wange streichelt, wie ihre Finger mit einer meiner Haarsträhnen spielen. Wie sie mir dann tief in die Augen schaut, mit diesem beinahe schon hypnotisierenden Blick, sich dann zu mir herunterbeugt...
Alles um mich herum wird dann plötzlich unscharf, bekommt eine andere Bedeutung oder verliert sie; die Realität ist weit entfernt, wie bei jedem Gedanken an sie. Es fühlt sich an wie Highsein, nur noch ihr sanfter, regelmäßiger Herzschlag, ihr Atem auf meiner Haut... bevor ich endlich ihren Kuss auf meinen Lippen spüre.
Und wie sie mich dann mit diesem vielsagenden Blick ansieht, der sagt, dass gleich etwas passiert, dass wir später wahrscheinlich bereuen werden und gleichzeitig sehe ich ihre himmelblauen Augen, gegen die die Sterne über uns verblassen und weiß, dass es nur dieses eine Gefühl ist das zählt.
Die CD starten zum vierten Mal und „Special Needs“ schallt melancholisch und doch irgendwie beruhigend durch die Nacht, während ich mir darüber Gedanken mache ob ich mit meinen eigenen „Special Needs“ nicht doch an eine kaum erkennbare Grenze zwischen Liebe und Freundschaft gestoßen bin und nun feststellen muss, dass es doch Dinge gibt, die dazwischen zu liegen scheinen.
Dinge, die schwer zu verstehen sind.
Dinge, wie der Gedanke an sie.
Denn was auch immer ich zu tun, an was auch immer ich zu denken und was auch immer ich mir einzubilden versuche – ich kann immer nur an sie denken!
Ich kann immer nur an sie denken!
Nur an sie!

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Katja Knaub).
Der Beitrag wurde von Katja Knaub auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.10.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Bis in alle Ewigkeit von Ina Zantow



Ina Zantow beschreibt die Leidensgeschichte ihres Sohnes, der nach einem Unfall schwerstbehindert überlebt. In ihrem Buch verarbeitet sie ihre Ängste und Hoffnungen ohne jemals rührselig zu sein. Sie beschreibt offen ihre Kämpfe um Therapien und um den Erhalt ihrer eigenen Kraft als Mutter. Ein berührendes Buch um ein nicht alltägliches Schicksal.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Katja Knaub

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Sehnsucht von Katja Knaub (Liebesgeschichten)
Eine E-Mail-Liebe von Barbara Greskamp (Liebesgeschichten)
Rügen wurde etwas teurer von Rainer Tiemann (Reiseberichte)