Klaus Mattes

Ich sitze in meinem Film. Er blockiert. / 8712

 

Fühlbar bin ich in eine Lebensphase gekommen, wo man sich die Augen reibt: „Was ist denn? Dreißig Jahre sind auf einen Schlag verweht. Was war denn da? Wo war ich nur die ganze, lange Zeit?“ Ich weiß nichts mehr. Offenbar haben diese Jahre, die jetzt nicht mehr sind, genau den Hauptteil und auch den Höhepunkt meines Hierseins umfasst. Das war der Mensch von 25 bis 55! Jetzt ist er fast weg. Ich weiß, dass ich die nächsten, meine zweiten dreißig Jahre nicht mehr dranhängen kann: „Das ist jetzt mein Leben, wie ich es selber will. Vorher war geprobt.“ Mein Leben hatte ich für jenen ersten Versuch. Der Versuch ging halbwegs gut. Irgendwann war es allerdings gelaufen.

Der Film hängt und ich vertippe mich

Diese Vertipper! Die ins Nichts führenden Gliedsätze! Während meine Hirnaussetzer sich verschlimmern und weil ich an den mir voraus gegangenen älteren Familienmitgliedern studieren konnte, wie sie dann bald verfielen, bekenne ich: Den wahren Moment meines Lebens habe ich verpasst. Oder zumindest ungenutzt verstreichen lassen. Mittlerweile baue ich ab und werde nie mehr ankommen. Hatte ich nicht gedacht: „Es läuft schon noch auf was zu?“ Aber heute: Es trägt seinen Sinn wohl in sich selbst. Das ist es, es war da und es ist weg. Lustig sind sie nicht, diese Tage mit dem Versagen. Nur wir Alten, die sich auf den Existenzialismus besinnen, merken die Würde des unweigerlich wiederholten Scheiterns.

Alle anderen werden, solange sie am Leben sind, auf das Erreichen einiger bedeutender Ziele gehetzt. Meistens sind das nicht mal ihre. Es nützt aber der Allgemeinheit oder Teilen derselben, dass sie an die Bedeutung und Erreichbarkeit solcher Zeile glauben. Im Unterschied zum Durchschnittsmenschen haben sie ihr Einkommen - gemessen an der Kaufkraft - in den vergangenen zwanzig Jahren tatsächlich erhöht. Sie haben sich Häuser gebaut und stehen dem Alter abgesichert gegenüber. Die Zahl ihrer Wunschkinder haben sie vorherbestimmt. Alle haben sie Einserexamen erreicht.

Silvester ließ sich sehen

Sozusagen mein ganzes Leben war ich am Heiligabend stets bei meinen Eltern und Geschwistern. In den letzten Jahren dann nur noch bei der Mutter. Zum Jahreswechsel war ich jeweils immer bei mir daheim, also alleine. Im Unterschied zu dem, was oft gesagt wird, lassen sich diese zwei Halbfeiertage leicht überwinden. Bis mittags haben die Geschäfte noch offen und man geht erst mal Lebensmittel einkaufen für die nächsten Tage.

Danach wird es relativ rasch dunkel draußen und sehr still im Haus. Alle Familien sitzen in Hütten im Schnee zwischen den Gipfeln. Man legt sich nieder, man schließt seine Augen, man sagt sich, so frei war ich selten. Man muss heute überhaupt nichts mehr tun. Alles ist geschafft, um so eine Uhrzeit! In diesem Jahr fallen Heiligabend und Silvester auch noch auf Samstag. Noch mehr Zufriedenheit. Man friert nicht, man hat keinen Hunger, man ist halbwegs gut beisammen. Man schuldet niemandem überhaupt nichts mehr.

Auf der Zielgeraden schütte ich mich kräftig zu. In diesem Jahr Crémant d’Alsace. Einen Korken aus Kork muss er haben und furztrocken sein. Feuerwerksballerei habe ich genug gesehen im Lauf meiner Jahrzehnte. Heuer kann ich drin bleiben. Aber es geht nicht, weil es während der allerletzten zwanzig Minuten draußen immer lauter wird. Sich darum nicht zu scheren, wäre mit Überdruss und Resignation wahrscheinlich gleichbedeutend.

Unweit meiner Behausung geht eine Brücke in die Innenstadt hinüber. Dort stehen die Hotels. Es gibt eine Insel, wo entweder die Stadtverwaltung oder die Hotels alljährlich ein Brillantfeuerwerk abbrennen. Ein Jahr lang bereuen würde ich, wenn ich es mir entgehen ließe. In diesem Jahr ist alles seltsam mau, feucht, nieselig, neblig. Als ob man die Corona-Krankheit bereits ahnen könnte, mit der Feuerwerk schließlich verboten werden wird. Nur ein paar Gestalten hängen unter den Schwaden über dem Wasser. Es zischt. Man muss keine Platzangst haben. Es donnert wie durch chemische Watte.

Hier am Fluss unterhält der ländliche Polizeiminister seine bescheidene Himmelsklause. Dem gestreiften Fachärzteschloss sitzt sie oben auf. Polizeischutz wird zum Jahreswechsel nicht sichtbar. Nur die wenigsten Räume haben überhaupt Licht. Welche genau die seinen wären, ist mir sowieso unbekannt wie auch der übrigen Öffentlichkeit.

Wieder hat einer an dich gedacht und du weißt es nicht einmal.

Mein Film sitzt fest und will brennen

Irgendwann sind wir tot. Dann sind wir logischerweise also nicht mehr. Allerdings wissen wir dann nicht, dass wir nicht mehr sind, dass wir also mal waren, dass wir aber gestorben sind, denn, weil wir tot sind, merken wir einfach nichts mehr.

An die meisten von uns wird sich keiner erinnern. Noch nicht gleich morgen, aber kurz darauf. Von meiner Mutter gibt es einen Stein, auf dem ihr Geburtsjahr und ihr Sterbejahr stehen. Darüber steht der Name meines Vaters. Jeder, der das sieht, kann sich denken, dass er ihr Ehemann gewesen ist. Die letzten Kollegen meines Vaters haben sich in letzter Zeit zum Sterben aufgemacht. Sind die dahin, werden deren Enkel, wenn sie auf dem Friedhof an dem Stein meiner Eltern vorbeigehen, sich an niemanden mehr erinnern. Mein Elternpaar hatte drei Kinder, aber keine Enkel. Würden wir uns jetzt noch den Eltern meiner Mutter zuwenden, die den allergrößten Teil ihrer beider Leben in derselben Stadt zugebracht haben und an die ich mich noch gut erinnere, müssten wir zugeben, dass sich in der Stadt, in der wir Enkel nicht mehr leben, praktisch keine Menschenseele mehr an diese beiden Menschen erinnert. Es ist die ganze Wahrheit, dass schon Abertausende Menschen in dieser Stadt gelebt haben, an die sich keiner mehr erinnert. Dabei ist die Stadt noch nicht mal zweihundert Jahre alt.

Wir wissen es augenblicklich, dass wir leben. Aber sehr viele von uns werden es dann nicht mehr merken, wenn sie sterben. Was vielleicht besser ist. Nicht alle von den bisher Erwähnten haben es noch gemerkt, wie es so weit war. „Aha, jetzt liege ich im Sterben. So so.“ Das ist eine Vorstellung. Dass man es merkt und gleich Rückschau hält, ob man zufrieden sein kann. Man kann Rückschau halten, mit Mitte fünfzig, und sich sagen: „Aha, ein Witz offenbar. Immerhin hat er nicht zu stark weh getan.“

Leute fragen mich, wie wird es sein, wenn wir sterben. Wie werden wir uns dabei fühlen? Ich sage: „Die Grippe ist immer am schlimmsten, bevor sie anfängt. Dann dämmert man so zerstreut hinein.“

Leute fragen mich, wäre es nicht besser, wenn wir genau wüssten, wie viel Zeit uns noch bleibt. Ich sage: „Willst du es wissen, um exakt welche Minute du in den nächsten sieben Tage einschlafen wirst? Was würde das ausmachen?“

Früher dachte ich, es ist ewig schade, dass man sich selbst beim Schlafen nicht zusehen kann. „So, hier liege ich und schlafe, ein Drittel meines Daseins verschlafe ich.“ Entspannt eigentlich.

Ich wusste kein einziges Mal ganz genau, wann ich eingeschlafen war. Viele andere waren sich völlig sicher, dass sie keine einzige Minute geschlafen hatten in der vergangenen Nacht.

Erst mit dem Alter und als die Medikamente mich jede Nacht aufs Klosett trieben, ging mir auf, dass ich allnächtlich auch noch träumte. Schräge, ziellose Geschichten, die ich nicht mal amüsant fand, eher quälend. Bisweilen jonglierte ich wohl nur wild mit vielen Wörtern, ganz schnell eins nach dem anderen, wobei überhaupt kein Zusammenhang bestand und die Bedeutung aller Wörter sowieso unbedeutend war. Ich erkannte, wenn ich das wusste, dann wusste ich in manchen Träumen wohl auch schon genau, dass es Träume waren.

Ich staunte, wie eingeschnappt ich war, wenn meine Toilettengänge einen Traum abgebrochen hatten. Oft waren sie schal. Dauernd erklärte ich irgendwas. Wie erwähnt, quälten mich einige auch. Aber immer diese Enttäuschung, dass es nur Träume gewesen waren, und noch mehr, dass man sie mir hatte abbrechen können!

Morgen werde ich mich ihrer erinnern, da ich sie, in meiner jetzigen Wachheit, immer noch weiß, dachte ich. Nach dem Aufstehen erinnerte ich mich, dass ich mich hatte erinnern wollen. Doch ich erinnerte mich nicht mehr. Regelmäßig war das so.

Ich schloss daraus, dass mein Tod nie sein wird. Was nämlich ist, das ist mein Leben und täglich wird es kleiner.

Mein Film klemmt und eine große Frau geht vorbei

Auswandern? Nee. Das hätte ich natürlich immer schon machen sollen. Du kannst nach Färöer oder den Shetland Island ziehen, dort ist es hübsch und nicht zu kalt. Du kannst Deutsch unterrichten. Also ich. Jedoch hatte ich immer Angst vor allem, wo meine Mama nicht in der Nähe war. Jetzt ist sie tot.

Sich selbst nimmt man aber dann auch überallhin mit. Nicht allein von hier nach dort, sondern auch von gestern nach übermorgen.

Manchmal frage ich mich, mit welcher Sicherheit ich vorhersagen kann, dass, wenn ich am Wochenende nachts um eins oder zwei auf den Nachtbus warte, der jedes Mal einige Minuten zu spät eintrifft, während dieser Zeit kein einziges menschliches Wesen vorbeikommen wird, das mir nur halbwegs nett erscheint.

Aber einmal pralle ich, während ich den Aufzug verlasse, ins Treppenhaus trete, in dem ich kein Licht gemacht hatte, gegen eine mich kopfhoch überragende Frau, die in etwa 28 Jahre alt ist. Außerdem ist sie strahlend blond, was mich ebenso wenig interessieren dürfte wie ihre Weiblichkeit. Dennoch ist mir augenblicklich klar, dass ich auf Knien rutschen und von ihrem Körper essen muss. Augenblicklich. Kein Larifari, keine Zivilisation!

Schon weiß ich wieder, während sie Hallo sagt und die Treppe weiter hinauf steigt, dass es nie so werden wird, nie so war in meinem Leben. Und natürlich jetzt auch nicht mehr wird, die wichtigen Ereignisse sind schon gelaufen. Wobei es nur richtig gewesen wäre.

Man denkt, man kann sich dann noch mal umentschieden. Aber nein, es ist der Film, in dem man – kann schon sein – gegen das Klischee besetzt wurde, aber besetzt ist man. Man kann das Genre nicht ändern. Das ist kein Horrorfilm. Das ist keine Liebestragödie. Es ist eher so eine verschmitzte Kleinstadtkomödie. Fein beobachtete Züge, Zuglauf nach Vorschrift überwacht.

Schon weiß ich es. Von morgen an werde ich Top bei diversen SM-Spielen sein. Allerdings war der einzige Bottom, der mir zulaufen wollte, ein rundlicher, kleiner Angestellter, ein herzensguter Typ, wenn auch fantasielos und feige. Verheiratet natürlich. Heimlich alles. Wir können uns nur hier bei mir treffen und da müssen wir Acht geben. Meine Wände sind hellhörig. Es langweilt mich, dass mein Bottom, in einem fort nackt vor mir knien und gefesselt sein möchte. Er ist gefesselt und dennoch gefällt's ihm nicht, weil es nicht ästhetisch gemacht wurde. Mir auch nicht, weil man nichts Taugliches mit ihm mehr treiben kann. Immerhin sage ich es offen: Er ist eine dumme Sau.

Das übrigens ist bis jetzt noch nicht passiert. Aber ich sehe es vorher, ohne sagen zu können, warum ich es dermaßen deutlich sehe. Es ist die eine große Wende, die meinem Leben schon noch innewohnt.

Überall gibt es eine große SUV-Bewegung

In den dann folgenden Tagen allenthalben Off-Roader auf den Feld-, Wald- und Stadtwegen. Bombig wie Sau. Wem Big Mac XL oder Viertelpfünder de Luxe zu plebsig wurden, der orderte sich die Signature Line. Aber höret mein Fragen: „Gibt es irgendwo irgendeinen, der diese Granaten in der Tat nötig braucht für seinen täglichen Lebensvollzug?“

Allerdings sieht es die Tagesordnung vor, dass man seinen SUV dann schon noch zu haben hätte, bevor einem jede Freiheit verboten wird. Keiner telefoniert mit dem Handy von vor zwanzig Jahren. Ich habe meins noch immer nicht.

Könnten wir in die Herzen aller Mitbürger schauen, wir sähen, dass sie die drei Kreuze längst gemacht haben. Diese Erde, ha! Dieser Staat, ha ha! Dies Wirtschaften, ho ho ho! Diese Menschen, ach was! Dem Untergang geweiht.

Nur man selbst nicht. Weil keiner so lebendig ist wie man selbst. Der eigene Anhang, Mann, Frau, Kinder, Familie selbstredend inbegriffen. Faktisch stehen alle aufrecht auf kleinen Inseln inmitten des brausenden, sausenden, mahlenden Untergangs. Dann steigen sie genau in das Auto ein, mit dem man aus diesem Tsunami raus aufs Hochgestade fährt. Die Autobahnen sind dicht. Natürlich wollten alle fliehen, als über die Netzwerke die Nachricht kam. Wir haben SUV, das Auto für gefrorene Schweinehälften.

Im Kino laufen Big-Budget-3-D-Filme. Komische Bösewichter wie Troubling Trump haben schnell die Kontrolle übernommen und schießen stadiongroße Aliens mit wurzligen Fangarmen vom orangen Himmel runter. Schleimkrallen zerren die Kleinen durch die Seitenfenster der Rückbänke. Wir im SUV, weiß, acht Meter lang, Panzertriebwerk. Wir schaffen es noch über die Berge. Am Ende überlebt nur eine Handvoll, wir als Familie sind dabei. Für das Ende müssen Familien übrig bleiben. All die Verluste, sie waren grauenvoll und wir werden sie nie mehr vergessen.


 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Mattes).
Der Beitrag wurde von Klaus Mattes auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Klaus Mattes als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Herzgetragen Seelenwarm: Gedichte und Zeichnungen von Edeltrud Wisser



Die Autorin lädt Sie ein, einzutauchen in die Welt der lyrischen Poesie, der Liebe, Gefühle und in die Gedanken über das menschliche Dasein. Sie wünscht ihren Leserinnen und Leser Herzgetragene und Seelenwärmende Augenblicke.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Trauriges / Verzweiflung" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Mattes

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Hier lärmt's noch lange nicht laut genug von Klaus Mattes (Geschichten aus der Heimat)
Abschied von Emma von Claudia Savelsberg (Trauriges / Verzweiflung)
Abschied von Dir von Klaus-D. Heid (Trauriges / Verzweiflung)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen