Klaus Mattes

St. Bernhard zögert, „Goethe schtirbt“ zu veröffentlichen

 

„...auf der Höhe seiner Kunst“, sagt der Klappentext, habe der „ironisch abgeklärte Meister“ sich befunden, als er seine vier allerletzten Erzählungen verfasste, die tatsächlich noch einen Erzählband hätten ergeben sollen, wenn die geplante fünfte fertig geworden wäre. Da sie es jedoch nicht wurde, kam der Rest erst im Jahr 2010 heraus. Das heißt, in Zeitungen und Katalogen stand es zuvor auch schon mal, denn es handelt sich um verstreute Gelegenheitsarbeiten, Vermischtes, Paraphernalien.

Entsprechend unbedeutend ist es leider auch. Wirklich auf der Höhe seiner Kunst muss „der Meister“ in den siebziger Jahren gewesen sein: „Das Kalkwerk“ (1970), „Midland in Stilfs“ (1971), „Die Jagdgesellschaft“ (1974), „Die Ursache“ (1975), „Korrektur“ (1975), „Der Wetterfleck“ (1976), „Der Keller“ (1976), „Der Atem“ (1978) und „Ja“ (1978). Was bis Mitte der achtziger Jahre aus ihm geworden war, das war ein routinierter Performer seiner eigenen Dichter-Persona. Entsprechend flüssig liest sich vieles auch hier, unterhaltend, doch letztlich inhaltslos. Drittrangiger als „Alte Meister“ (1985) und „Elisabeth II.“ (1987). Und das will was heißen. Der sich gut abgesetzt habende Stil auf noch ein paar Flaschen gezogen.

Man muss dem Menschen Thomas Bernhard, der dann ja auch gesundheitlich rapide abbaute, allerdings zu Gute halten, das er eine sublime Selbstironie entwickelte und seinem Märtyrer-Unwesen zumindest selbst durchaus flachsend begegnen konnte.

So ist es wohl der „blödelnde“ Thomas Bernhard, der dem Zeit-Feuilleton-Chef Fritz J. Raddatz 1982, als zum „Goethejahr“ verschiedene Autoren um Beiträge angegangen werden, die Titelgeschichte über den sterbenden Dichterfürsten offeriert, in der zu lesen steht, als Goethes bevorzugter Philosoph wäre just an Goethes Todestag der Österreicher Ludwig Wittgenstein (gestorben 1951) „vom Bahnhof abgeholt“ worden, hätte ihn nicht, wie die ebenfalls gebetenen Adalbert Stifter (gestorben 1868) und Arthur Schopenhauer (gestorben 1860), bereits vor dem allergrößten Verlusttag deutscher Literaturgeschichte der Tod seinerseits auch schon abgeholt gehabt. Die schlimme Nachricht habe man Goethe dann vorenthalten.

Komisch bei all diesen Zeitverbiegungen ist vor allem, dass Fritz J. Raddatz jenen Irrtum von der sich „in Goethes letzten Jahren stark verändert“ habenden Frankfurter Bahnhofsgegend erst zur Buchmesse des Jahres 1985 auspackte, was ihm den Redaktionsrausschmiss von Zeit-Verleger Bucerius einbrachte. Dass Bernhard seinen Text mit dem Besuch am Bahnhof schon im 150. Todesjahr Goethes verfasst und der Zeit-Mann Raddatz ihn seinerzeit veröffentlicht hatte. Und es stimmt auch noch, dass Goethe gegen Ende seiner Jahre einmal erzählte, es kämen gewaltige Veränderungen auf Deutschland zu, wenn man bald dann mit der Dampflok reise. (Die erste deutsche Bahn fuhr allerdings erst Ende 1835.) Da kommt mit einem Mal der Verdacht auf, erst Bernhards Blödeln habe Fritz J. die Laus vom Frankfurter Lokschuppen, wo G. natürlich auch längst nicht mehr wohnte, in den Pelz, respektive das Hirn gesetzt. Beziehungsweise wenigstens ein germanistischer Doktor habe den Schmarren sogar wirklich mal geglaubt.

Ähnlich semi-tiefschürfend, heimlich für sich verjuxt und virtuos hingerotzt ist die längste Geschichte aus „Goethe schtirbt“, „Wiedersehen“, mit welcher behauptet wird, zwei Ehepaare hätten ihre jeweiligen Söhne durch das ihnen auferlegte Tragen grell roter bzw. grüner Kniestrümpfe und Zipfelmützen bei alpinen Bergwanderungen zu Grunde gerichtet. Als nach dem Ende der beiden Männer und nachdem auch die Leben der beiden Mütter verloschen gewesen seien, die Kommodenschubladen herausgezogen worden wären, seien Hunderte dieser so gefärbten Strümpfe und Mützen zum Vorschein gekommen.

Hier noch einmal das wunderbar ins Unendliche fort gniedelnde Bernhard-Deutsch. Allerdings hat es dermaßen wenig selten zuvor gesagt.
 

Dein Vater las dir die Gedichte vor, die er auf diesen Hochgebirgsausflügen gemacht hat, sagte ich, und du hörtest nicht hin oder du hörtest hin, aber konntest zu diesen Gedichten nichts sagen, sagte ich, dafür wurdest du von deinem Vater bestraft. Dein Vater hat drei Gedichtbücher veröffentlicht, sagte ich, mein Vater so viele Ausstellungen seiner Zeichnungen und Aquarelle veranstaltet, die Väter glaubten, auf diese Weise zu entkommen, indem sie sich nur auf das Leichteste angestrengt haben, sozusagen auf dem Umweg über die Spaziergeherkunst hatten sie sich erretten wollen, was aber nicht aufgehen konnte. Sie hatten sich im Gegenteil mit diesen Zeichnungen und Aquarellen und mit diesen Gedichten, noch dazu veröffentlichten, gemein gemacht. Darauf pochten sie, auf ihre Gemeinheit, sagte ich, und pochen, obwohl sie schon so lange tot sind, noch heute darauf.

 

Goethe schtirbt, Vier Erzählungen aus den Jahren 1982 bis 1984, 103 Seiten, erstmals gebunden erschienen 2010, Suhrkamp, mittlerweile im Taschenbuch für 8 €


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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