„...auf der Höhe seiner Kunst“, sagt der Klappentext, habe der „ironisch abgeklärte Meister“ sich befunden, als er seine vier allerletzten Erzählungen verfasste, die tatsächlich einen Erzählband hätten geben sollen, wenn die geplante fünfte noch fertig geworden wäre. Da sie es nicht wurde, kam der Rest erst im Jahr 2010 an die Öffentlichkeit. Das heißt, in Zeitungen oder Katalogen stand es zuvor schon mal. Es handelt sich um Gelegenheitsarbeiten, Vermischtes, Paraphernalien.
Entsprechend unbedeutend ist dieses Werk leider. Wirklich auf der Höhe seiner Kunst muss „der Meister“ in den siebziger Jahren gewesen sein: „Das Kalkwerk“ (1970), „Midland in Stilfs“ (1971), „Die Jagdgesellschaft“ (1974), „Die Ursache“ (1975), „Korrektur“ (1975), „Der Wetterfleck“ (1976), „Der Keller“ (1976), „Der Atem“ (1978) und „Ja“ (1978). Was bis Mitte der achtziger Jahre aus ihm geworden war: ein routinierter Performer seiner Dichter-Persona. Entsprechend flüssig liest sich vieles, unterhaltsam, doch inhaltslos. Drittrangiger als die Spätwerke „Alte Meister“ (1985) und „Elisabeth II.“ (1987) ist das auch noch. Thomas Bernhards sich gut abgesetzt habender Stil ein letzten Mal noch auf ein paar kleine Flaschen für den Keller gezogen.
Immerhin sollte man dem in jenen Tagen gesundheitlich rapide abbauenden Menschen Thomas Bernhard zu Gute halten, dass er allmählich eine sublime Selbstironie für seine öffentlichen Verlautbarungen entwickelt hatte, sich also, wenn auch etwas versteckt, selbst längst nicht mehr so pathetisch sah, wie er sich auf den Bühnen zu geben geben pflegte.
Jener Thomas Bernhard, dem gute Bekannte schon oft das Wort „blödelnd“ zugeschrieben hatten, dürfte das gewesen sein, der zum „Goethejahr“ 1982 auf Fritz J. Raddatz', des Zeit-Feuilleton-Chefs Bitte um einen neuen Text fürs Todesjahr des alten Meisters Goethe hin, eine anachronistische, in sich unstimmige Humoreske ersinnt, in welcher steht, Goethes Lieblingsphilosoph sei der Österreicher Ludwig Wittgenstein (Todesjahr 1951) gewesen. Aber auch er wie die beiden anderen Freunde am Sterbebett, um die der Dichterfürst gebeten gehabt hätte, nämlich Adalbert Stifter (Todesjahr 1868) und Arthur Schopenhauer (Todesjahr 1860), seien nicht erschienen, weil sie, was man Goethe aber nicht gesagt hatte, selbst schon gestorben gewesen wären und also nicht mehr vom Bahnhof abgeholt werden konnten. Goethes Todesjahr, zu dessen Gedächtnis Fritz J. Raddatz eingeladen hatte, ist aber 1832 gewesen und da fuhr in Deutschland noch nicht ein einziger Zug.
Was uns gewiss so dramatisch nicht vorkommen mag. Aber es war dann eben 1985 erst, also drei Jahre später, dass der Zeit-Kulturchef Raddatz vom Herausgeber seiner Funktion entbunden wurde, weil er in einem Artikel von den großen Veränderungen, die Goethes Heimat in dessen letzten Lebensjahren durch die Eisenbahn erfahren hatte, geschwatzt hatte. Hatte vielleicht erst Bernhards Goethe-Humoreske den Raddatz auf das mit den Zügen bei Goethe gebracht? Und es ist dann schon auch nicht uninteressant, wenn man ein bisschen weiter einsteigt, zu sehen, dass der alte Goethe durchaus noch gesehen hat, dass schon in wenigen Jahren Dampflokomotiven durch Deutschland fahren würden und dass von dorther eine sehr große gesellschaftliche Veränderung ausgehen werde. Die Grenzen von Wissen und Unwesen verschwimmen hier.
Ähnlich semi-tiefschürfend, insgeheim aber verjuxt und virtuos hingerotzt ist die längste Geschichte des Bändchens, „Wiedersehen“. Da wird erzählt, zwei Ehepaare hätten ihre jeweiligen Söhne durch ihnen aufgezwungenes Tragen von grell roten bzw. grünen Kniestrümpfen und Zipfelmützen auf ihren alpinen Bergwanderungen vollkommen zerrüttet. Als erst die zwei jungen Männer, dann auch deren Mütter gestorben gewesen wären und man die Kommodenschubladen aufgezogen hätte, wären Hunderte dieser grünen und roten wolligen Kleidungsstücke zum Vorschein gekommen. Mit diesem Text - von natürlich auch eher läppischem Humor - erhalten wir nachträglich noch mal eine Probe jenes wunderbaren, ins Unendliche gniedelnden Bernhard-Deutschen. So wenig hat es vorher allerdings nur selten ausgesagt.
Dein Vater las dir die Gedichte vor, die er auf diesen Hochgebirgsausflügen gemacht hat, sagte ich, und du hörtest nicht hin oder du hörtest hin, aber konntest zu diesen Gedichten nichts sagen, sagte ich, dafür wurdest du von deinem Vater bestraft. Dein Vater hat drei Gedichtbücher veröffentlicht, sagte ich, mein Vater so viele Ausstellungen seiner Zeichnungen und Aquarelle veranstaltet, die Väter glaubten, auf diese Weise zu entkommen, indem sie sich nur auf das Leichteste angestrengt haben, sozusagen auf dem Umweg über die Spaziergeherkunst hatten sie sich erretten wollen, was aber nicht aufgehen konnte. Sie hatten sich im Gegenteil mit diesen Zeichnungen und Aquarellen und mit diesen Gedichten, noch dazu veröffentlichten, gemein gemacht. Darauf pochten sie, auf ihre Gemeinheit, sagte ich, und pochen, obwohl sie schon so lange tot sind, noch heute darauf.
Goethe schtirbt, Vier Erzählungen aus den Jahren 1982 bis 1984, 103 Seiten, erstmals gebunden erschienen 2010, Suhrkamp, mittlerweile als Taschenbuch für 8 €.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2022.
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