Christa Astl

Das Lächeln

 

 

Ich fahre viel und oft mit dem Zug, lange und kurze Strecken, ob voll besetzt oder manchmal sogar ganz allein im Waggon. Immer ist es anders. Manchmal lese ich, manchmal schaue ich aus dem Fenster, manchmal versuche ich zu schlafen, hin und wieder wechsle ich ein paar Worte mit mir Gegenübersitzenden, oft ergibt sich daraus ein angenehmes Gespräch und die Fahrt wird beinahe zu kurz.

Und dieses Mal?

Der Regionalzug war schwach besetzt, außerdem hatte er bereits Verspätung und fuhr noch dazu auf einem anderen Gleis ein, was zusätzliche Minuten eiligen Gehens in der Hitze mit sich brachte.

Verschwitzt und abgehetzt schaute ich nach einem Sitzplatz aus. Ein junger Mann, dem Typ nach ein Südländer, räumte gleich seine Tasche vom Nebensitz und lächelte mich einladend an. Noch überlegte ich, weiter zu gehen, setzte mich aber dann zu ihm. Leger sportlich, aber ordentlich gekleidet, ohne Tattoo, und was mir besonders angenehm auffiel, auch ohne einen „Knopf im Ohr“, ja er zog nicht einmal ein Handy aus der Tasche!  Neugierig wie ich bin, versuchte ich den Grund seines Lächelns zu ergründen in der Hoffnung, er würde ein Gespräch beginnen. Nein, das geschah nicht. Er blickte vor sich hin, manchmal zu Boden, öfter aber zu mir, wie um einen Blick von mir aufzufangen und mir erneut ein Lächeln, das auch aus den Augen leuchtete, zu schenken. Er redete kein Wort, konnte er die Sprache nicht oder meinte er, ich könnte sie nicht?

Die freundliche nonverbale Konversation wiederholte sich immer wieder, bis er kurz vor der Endstation seine Taschen nahm und sich dem Ausstieg zuwandte. Mit einem leisen „Ciao!“ verabschiedete er sich.

Was wollte er mit seinem Lächeln bewirken? Wollte er ein eigenes inneres Glück weitergeben? Freute er sich, dass ich mich zu ihm setzte und in Verbindung mit ihm trat? Ohne Worte, nur mit seinem sympathischen, gewinnenden Lächeln.

Beim Bäcker, ein Stück vom Bahnhof entfernt, trafen wir uns noch einmal. Diesmal verabschiedeten wir uns – lächelnd. Mich hat es sehr froh gemacht.

 

 

ChA 26.07.22

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