Klaus Mattes

St. Bernhard geniert sich vor dem Genie


Schon ganz zu Anfang, zu Beginn der fünfziger Jahre in Salzburg, dann in Wien, dann auf dem Tonhof in Maria Saal versuchte der vielfältig talentierte Thomas Bernhard einer Genie-Anforderung an den künstlerisch tätigen Menschen zu genügen, die längst anachronistisch geworden war. In Wahrheit hat er sie aber auch nie mehr ganz aufgegeben, hat bis Ende der achtziger Jahre immer wieder suggeriert, bei ihm handele es sich um ein Genie dieser guten alten Sorte.

Im Haus Bernhard lag das nahe. Sein Großvater Johannes Freumbichler, der in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts als unruhiger Geist durch die Welt gegangen war, der nie einen Beruf gelernt und keinen anderen als den des Autors jemals ausgeübt hatte, obwohl er nie davon hatte existieren können, war eben genau dies oder behauptete es zumindest allwöchentlich: ein Genie der alten Schule, ein luzider Denker und die Welt erfassender Dichter. Seine größten Erfolge hatte Freumbichler in den dreißiger Jahren genossen, aber, wie gesagt, eigentlich gehörte er in die brodelnden Jahrgänge aus Heimatkunst und Lebensreformbewegung. Aber selbst da eigentlich nicht hin. Er war kein Dekadent, Psychologe, Relativist wie Schnitzler oder Bahr. Er sah sich als Siegelbewahrer des unverfälschten, alten, ländlichen Österreichs. Seine Kunst war der von Grillparzer, Stifter oder Hebbel verwandt.

Johannes Freumbichler, in dessen Haus bzw. unmittelbarer Nähe sich Thomas Bernhard in den dreißiger Jahren in Henndorf am Wallersee (Flachgau des Salzburger Landes), in der Kriegszeit dann im oberbayerischen Traunstein und schließlich in einer kleinen Wohnung im Salzburg der vierziger Jahre aufhielt, war im Jahr 1937 mit dem Förderpreis zum Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur für seinen Heimatroman um eine Frauengestalt ausgezeichnet worden, „Philomela Ellenhub“. Ein - genauso wie sein anderes großes Werk „Jodok Fink“ (1942) - nur noch im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte Thomas Bernhards genanntes Buch. Freumbichler war damals 56 Jahre alt und hatte sein ganzes Leben von der Arbeit seiner Frau und Tochter, eben Bernhards Mutter, gelebt, die sich auf dem Land als Hauswirtschafterinnen, Köchinnen, Wäscherinnen nützlich gemacht hatten.

Johannes Freumbichler sah aus wie ein hagerer und absolut unduldsamer Sonderling, in der Jugend war er Sozialist gewesen, mittlerweile natürlich beinharter Konservativer. Für ihn war es keine Frage, dass es dem gebildeten, unermüdlich schaffenden Männergeist aufgegeben ist, die Intelligenz des Menschengeschlechts voranzubringen, während erdverhafteten und gefühlsgeleiteten Kreaturen wie Frauen und Kindern überlassen bleibt, dem sich selbst kasteienden Genie eine gemütliche Heimstatt zu schaffen.

Was gern unterschlagen wird bei den kurzen Rückblicken auf die Freumbichler-Gestalt, wenn es eigentlich nicht um ihn, sondern um seinen Enkel geht, ist jene fast maliziöse Wendung des Geschicks, dass Freumbichler den einen großen Augenblick seines Lebens einer Frau verdankte, die um einiges moderner als seine eigene war: Alice Herdan, der Frau des deutschen Schriftstellers Carl Zuckmayer. Herdan war Schauspielerin gewesen, hatte den Dramatiker Zuckmayer kennen gelernt, der sie als Bürokraft einstellte. Man heiratete 1925 und lebte in Berlin, das Henndorfer Haus war erst einmal nur Sommerresidenz. Doch 1933 mussten die Zuckmayers in Deutschland gehen und somit begann eine Bekanntschaft der beiden Schriftsteller Freumbichler und Zuckmayer, die, bevor mit dem Anschluss 1938 auch im Land Salzburg keine Heimat mehr möglich war, dazu führte, dass Zuckmayer um Unterstützung bei dem Manuskript „Philomela Ellenhub“ angegangen wurde. Wer es aber tatsächlich machte, war Zuckmayers Gattin, die das Buch mittels einer wirklichen Fron um, heißt es, sechzig Prozent kürzte und umschrieb. So ein Schriftsteller war Bernhards Großvater: Er schrieb ausnahmslos jeden einzelnen Tag mindestens vier Stunden, jeweils schon vor Sonnenaufgang beginnend. Sehr viel schrieb er, aber lesen konnte man die Bücher nur, wenn jemand anderer sie eingedampft hatte.

Der kleine Thomas ist der erste männliche Erbe gewesen, den der Patriarch Freumbichler erblickte, doch war er behaftet mit dem Makel der unehelichen Geburt. Für die Niederkunft hatte man die Tochter ins Ausland abgeschoben. Der Vater des Jungen war Ausländer, ein reisender Metzger aus Oberbayern, der sein Kind nie persönlich gesehen hat.

Da, wie erwähnt, die alleinstehende Mutter und die Großmutter ständig arbeiten mussten, wurde der Enkel dem eigenwilligen Herrn Freumbichler überlassen, der ihn einerseits zum Augenstern erhob, ihn andererseits mit allerlei Übungen drillte, später mal dasselbe Genie wie er zu werden. (Der Verkannte hatte, draußen am Land, doch noch ein Publikum gefunden.) „Was aus dir wird“, beschied der Alte den Kleinen, „ist nicht so wichtig, aber groß muss es sein.“ Mal hieß es, der Enkel werde Maler, dann wieder Dichter, dann Geiger, dann doch eher Sänger. „Aber du musst an dir arbeiten!“

Der Dramatiker Thomas Bernhard ist mit zwei Stücken auf diese groteske Abrichtung zur Genialität eingegangen, mit „Die Macht der Gewohnheit“ (1974) und zum Schluss noch mal im „Theatermacher“ von 1984. In „Die Macht der Gewohnheit“ plagt sich ein Zirkusdirektor, seine absolut talentlosen Kinder das Forellenquintett aufführen zu lassen. „Morgen in Augsburg“, heißt es immer wieder, wobei für Bernhard der Name Augsburg ein Alias für eine geistarme, aber ansehnliche Provinzmetropole ist, mit anderen Worten für seine eigene Heimatstadt Salzburg. Im „Theatermacher“ putzt derselbe seinen tollpatschigen Sohn fortwährend herunter, versichert ihm aber auch, ohne ihn wäre er nichts. Es geht darum, die bedeutendste Theateraufführung der Welt im Wirtshaussaal von Mattighofen ins Werk zu setzen. (Das gibt’s, liegt in der Nähe von Braunau im oberösterreichischen Innviertel. Genau gesagt: Utzbach. Aber Utzbach gibt es nicht und in Mattighofen haben sie vorher gastiert, ist im Stück zu hören.)

Machen wir uns klar, dass 1937, als Bernhards Opa seinen großen Preis errang, in Österreich keine Demokratie mehr bestand. Vielmehr herrschte unter dem Kanzler Schusschnigg der Austrofaschismus. Das darauf folgende Buch erschien unter den Nationalsozialisten. Schon von daher dürfte es nicht verwundern, dass nach Kriegsende eigentlich niemand mehr was von diesem Volkstums-Autor wissen wollte. Später, nachdem Johannes Freumbichler 1949 gestorben war, sollte Bernhard sich darüber beklagen, dass in der Presse keine Nachrufe gestanden hatten. Als Journalist des Salzburger Demokratischen Volksblatts übernahm er es, diesen Zustand nachträglich zu ändern, wohnte dann auch selbst eine Zeitlang im nun von der Stadt Salzburg dem Alten gewidmeten Johannes-Freumbichler-Weg, meldete seinem Vertrauten Karl Ignaz Hennetmair zu Beginn der siebziger Jahre, nachdem er mit der Relektüre von Freumbichlers Schriften begonnen hatte (im Hause Suhrkamp erwog man zu jener Zeit die Gründung einer „Österreichischen Bibliothek“, was dann wohl erst mit dem „Weißen Programm Schweiz“ eine Art Wiederaufleben erlangte) allerdings enttäuscht, die Sachen vom Großvater gingen doch gar nicht mehr. Das hätte er ganz falsch in Erinnerung gehabt. Überall, wo es beim Großvater lieblich sei, müsste es grausam sein, Opas Helligkeit würde der schreibende Bernhard gegen große Finsternis austauschen. (Unseld brachte die Bauernromane schon noch mal heraus. Sie gingen unter und es existieren auch noch Tausende von Seiten, die noch nie gedruckt wurden.)

Wenn man sieht, wie substanzarm die allermeisten Bernhard-Werke sind, wie formal brillant aber auch, wird einem klar, dass dieser Autor nie viel von den kleinen Gegebenheiten dieser Welt berichten wollte, sondern sie stets sprachlich transzendieren wollte. Es ist nur Frittatensuppe, die im Gasthof von Utzbach mit Hingabe gelöffelt wird, aber es ist auch der Bernhard'sche Geniebeweis: Seht her, zwar ist es Frittatensuppe, aber meine Kunst hat einen herrlichen Spaß und einen wundersamen Sprachklang daraus gezaubert.

Ich möchte fast annehmen, die meisten Leute, die sich daran machen, Literatur zu schreiben, zum Beispiel Gedichte, wie Bernhard es jahrelang in seiner Jugend tat, schreiben vor allem darum, weil sie die für den schreiberischen Vollzug notwendigen Stunden als glückhafter erleben als ihr übriges Dasein. Das heißt, eigentlich schreiben sie nicht vor Glück, sondern aus einem Eindruck des Unzureichenden heraus. Dem Nicht-gut-Sein von Welt, Menschen, Ich setzen sie das andauernde Doch-noch-Werden von Kunst entgegen. Ich glaube, nicht ein einziges Mal hat einer ein wirklich gutes Gedicht geschafft, der mitten im Glück war.

Manchmal hat Thomas Bernhard sich in den Selbsterklärungen dahin verstiegen, er wäre auf überhaupt jeglichem Gebiet hervorragend geworden, das er zu seinem eigenen erklärt hätte. Da hätte er ebenso gut Opernsänger, Schauspieler, Regisseur, Kabarettist, Maler, Geiger, Pianist, Organist, Jurist, Journalist, Lyriker wie Prosaist oder auch Philosoph werden können. Viel zu leicht wäre ihm die Lyrik gefallen, wie er nach einigen Jahren gemerkt habe, darum habe er sie für alle Zeit fallen lassen und das viel schwierigere Schreiben langer Prosawerke gewählt.

(An dieser Stelle ein Zwischenruf zu Bernhards Lyrik: Wer über Hunderte von Gedichten weg fertigbringt, auch nicht ein einziges Mal ein konkret fassbares Detail seiner privaten Existenz zu spiegeln, wessen Sonette in einer Welt ohne Industrie, ohne Massenkonsum, Massenmedien und Sozialpolitik spielen, dagegen randvoll unauflöslicher Metaphern aus den Sphären Landleben, Krieg, Tod, Glaube, Archaik sind, der mag oder mag nicht leichthändig gearbeitet haben, er wäre auf jeden Fall heute gründlich vergessen und würde nie wieder aufgelegt. Seinesgleichen passiert, wie man von Johannes Freumbichler lernen kann.)

Ich würde dafür eintreten, dass aus dem jungen Thomas Bernhard genau das wurde, was aus ihm werden musste. Was aber damals, ob nun 1949 oder 1959 weder der Großvater noch er selbst überhaupt nur ahnen konnte.

Ich glaube, Bernhard wusste es sehr genau, dass er kein Genie war. Doch gehört es zum Kern seines Wesens, dass er offenbar immer davon ausging, dass man den Leuten nicht ins Gesicht sagt, was man denkt oder fühlt. Noch das Mildeste, was es einem einbrächte, wäre, dass sie es einem nicht glauben. So ist der ewige Performer Bernhard entstanden. Wohin er kam, er spielte ihn, den Bernhard. Auch das Genie Bernhard, er spielte es. Bisweilen kaufte er aber auch sein hundertfünfzigstes Paar solider Herrenschuhe oder saß bei einer Tasse im Café und durchforstete die Feuilletons der großen Zeitungen, ob vielleicht sein Name drinstand. Dann spielte er nicht. Und praktisch immer war er über Nacht allein. Dann spielte er wohl auch nicht. (Man musste noch keine Netzwerke im Internet pflegen!)

Über den Geniekult seines Großvaters hatte Bernhard sich irgendwann erhoben. Er wusste, dass er Teile aus der Erfahrungswelt seiner Jugend und Familie nehmen, damit herumspielen und die Teile anders zusammensetzen konnte. Dass ihm das Spaß machte. Dann gab es immer noch Leute, die an ordentliche Genies glaubten, was für ihn kein Problem war, schließlich war er darauf trainiert worden. Dort spielte er dann wieder mal das Genie.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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