Steffen Herrmann

Meine afrikanische Familie

Madeleine ist eine junge Frau aus Gambia. Sie wuchs behütet auf, in der landestypischen Bescheidenheit, doch ohne Armut und Mangel. Sie besuchte eine gute Schule und erlernte dann den Beruf einer Krankenschwester, in dem sie seit einigen Jahren arbeitet.

Sie wohnt noch im Haus ihres Vaters, ist bisher unverheiratet und ohne Kinder. 

Madeleine ist das zweite Kind des Bruders meiner Frau, gewissermassen also meine Nichte.

Kurz vor ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag fühlte sie einen Klumpen in ihrer rechten Brust. Beunruhigt ging sie ins Krankenhaus von Banjul, wo sich nach einigen Untersuchungen und einer Biopsie herausstellte, dass es sich um einen bösartigen Tumor handelte.

Brustkrebs!

Der Tumor wurde dann operativ entfernt, aber damit war das medizinische Potential Gambias auch schon erschöpft. Ihre Familie organsierte eine weitere Behandlung in Dakar, wo mehr medizinische Möglichkeiten bestehen.

Reisen in Westafrika sind langsam und mühsam. Von Gambia nach Dakar sind es zwar nur dreihundert Kilometer, aber eine solche Fahrt dauert dennoch den ganzen Tag. Die Strassen sind schlecht, manchmal nur staubige, huckelige Pisten, in städtischen Gebieten gibt es oft kilometerlange, zähe Staus.

Die sich nun anschliessende Chemotherapie wurde von ihr nicht gut vertragen. Sie musste sich dauernd erbrechen, fühlte sich sterbenskrank und kam nicht mehr aus dem Bett. Nach zwei Behandlungsrunden beschloss ihr Vater, die Therapie abzubrechen.

Edward, ihr Vater, war generell nicht zufrieden mit den medizinischen Leistungen der zuständigen Ärzte in Dakar. Sie lasen nicht die aus Gambia mitgebrachten Untersuchungsergebnisse und verabreichten eine aus seiner Sicht viel zu hohe Dosis des Medikamentes (Zitat: «The treatment we got did not satisfy us that she will have good outcome. They did not review the diagnosis made in the gambia and started chemotherapy. The chemotherapy was given at significantly high dose 1.5 to 2 times the dose”).

 

Ich kann natürlich nicht nachprüfen, ob ich ihm Recht geben würde, aber es kommt mir plausibel vor. Die Medizin in dieser Region scheint im Zweifelsfall nach der Devise «Viel hilft viel» zu verfahren. So hatten wir vor einigen Jahren Gäste aus Europa bei uns, darunter eine junge deutsche Frau. Über Nacht bekam sie an verschiedenen Stellen Ausschläge, die sie juckten. Wir fuhren in die nächstgelegene Klinik, wo sie auch unmittelbar behandelt wurde. Allerdings spritzte man dieser schlanken, vielleicht nur fünfzig Kilo wiegenden Person zwei Ampullen Cortison. Als sie sich von ihrer Liege erhob, wurde ihr schummrig zumute, sie wankte noch einige Meter in Richtung Tür und brach dann zusammen. Eine halbe Stunde später hatte sie sich stabilisiert, der Ausschlag verschwand auch rasch. Soweit, so gut also.

 

Zurück zu Madeleine. Ihre Familie kam zu dem Schluss, dass es für sie das Beste war, sich in Grossbritannien behandeln zu lassen, im Royal Marsden Hospital. Ein Problem dabei waren die hohen Kosten. Es war mit ungefähr 40.000 bis 45.000 Dollar zu rechnen, eine nicht nur für afrikanische Einkommensverhältnisse stattliche Summe.

Madeleines Arbeitskollegen lancierten eine Spendenaktion auf gofundme, an der ich mich später auch beteiligte. Bisher kamen auf diese Weise fast 25.000 Dollar an Spendengeldern zusammen. Als ich mir das genauer anschaute, war ich von dieser afrikanischen Solidarität beeindruckt. Es hatten sich mehr als fünfhundert Personen beteiligt, jeder gab, was er entbehren konnte, zehn Dollar, zwanzig, manchmal fünfzig oder hundert.

Sie beantragte ein Visum, auf das sie sechs lange Wochen warten musste und flog dann mit einer ihrer Schwestern nach Grossbritannien, wo sie sich nun behandeln lässt.

Ich weiss natürlich nicht, wie das ausgehen wird, hoffe aber sehr, dass die Diagnose und die Behandlung früh genug geschehen sind, um ihr junges Leben zu retten.

 

Ich kenne Madeleine fast gar nicht. Ich hatte sie einige Male gesehen, da war sie noch ein Kind, vielleicht zehn Jahre alt. Gesprochen haben wir nicht miteinander oder höchstens ein paar Worte.

Es gibt ein Ungleichgewicht in unserer Familie. Unsere Kinder haben ein recht enges Verhältnis zu meinen Eltern, die im östlichen Teil Deutschlands leben. Ihre afrikanischen Grosseltern kannten sie aber kaum und sie entwicketen auch keine emotionale Bindung. Das ist sicher deshalb normal, weil sie sich nur wenige Male überhaupt begegnet sind. Ausserdem fehlte eine gemeinsame Sprache.

 

Christines Mutter lernte ich 2002 kennen, bei unserer ersten Reise nach Gambia. Wir wohnten in ihrem Haus, assen gemeinsam und versuchten manchmal, uns miteinander zu verständigen. Sie sprach kein Englisch, dafür aber einige afrikanische Sprachen, vor allem Karoninka. Eines Abends war sie in ein angeregtes Gespräch mit meiner Frau verwickelt, wobei sie manchmal lachte und zu mir rüber schaute. Ich fragte dann Christine, worum es dabei ging. «Sie meint, dass sie denkt, dass du ein guter Junge bist.», sagte ein. Ein Junge, na gut. Ich war schon über dreissig zu dieser Zeit.

Matta, so ihr Name, war immer beschäftigt und hatte ihre Familie im Griff. Wenn sie nicht von ihrem Haushalt beansprucht war, sass sie im Innenhof und nähte Decken. Das machte viel Arbeit, dauerte ungefähr drei Tage und brachte auch nicht viel ein, zwei oder drei Euro pro Decke.

Sie erkrankte dann einige Jahre später an Gebärmutterkrebs. Ihr Bruder schickte ein Röntgen­bild, mir dem wir in unser Krankenhaus gingen. Die Ärztin schaute es sich an, blieb schweigsam und schüttelte dann traurig den Kopf. Es war nichts mehr zu machen.

Ich lernte dann einige Sätze in ihrer Sprache und sprach einen Gruss aufs Band, um ihr noch eine Erinnerung zu geben. Christine kaufte umgehend ein Ticket und reiste nach Gambia, um ihre Mutter in ihren letzten Wochen zu unterstützen.

 

Christines Eltern waren seit langer Zeit getrennt, aber nicht verstritten. Manchmal trafen sie sich, normalerweise bei familiären Ereignissen und sie sprachen dann miteinander.

Ihr Vater lebte in einem grossen, dörflichen Hof. Als ich ihn kennenlernte war er schon über siebzig, aber noch immer ein starker und attraktiver Mann. Tobias, unser Sohn, war dabei, damals ungefähr zehn Jahre alt. Er wurde seinem afrikanischen Grossvater vorgestellt und seine Frau erklärte, dass er, da er das zukünftige Oberhaupt der Familie sei, nun die Aufgabe hätte, ein Huhn zu schlachten. Sie jagten eines der vielen Hühner des Hofes, ein junger Mann kam, mit dem sich strampelnden Huhn in den Händen, auf Tobias zu. Als der Junge begriff, welche Aufgabe ihm drohte, stürzte er, wie von der Tarantel gestochen davon, in kopfloser Flucht. Der Mann mit dem Huhn hinter ihm her. Alle lachten und johlten.

Christines Vater war weithin bekannt und geachtet. Ich wurde immer wieder auf ihn angesprochen. Er war berühmt für seine Gastfreundschaft und seinen verflossenen Reichtum. Sein Haus soll immer voller Gäste gewesen sein und alle bekamen zu essen. Er hatte eine kleine Werkstatt bei Dakar besessen, wo er Fischerboote reparierte und auch schwer im Hafen gearbeitet, wo er die ankommenden Schiffe entlud.

Als bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert wurde, lehnte er eine Operation ab, als ihm gesagt wurde, dass danach keine sexuellen Aktivitäten mehr für ihn möglich wären. Er starb nicht daran, sondern eine Reihe von Jahren später, an Asthma. Das letzte Mal, dass ich ihn sah, traf ich ihn, auf einer Holzbank im Schatten eines grossen Baumes sitzend. Er trank Palmwein. Er wirkte sehr entspannt und zufrieden, lebensfroh und lebenssatt.

Ich konnte nie herausfinden, wie viele Kinder er hatte. Es mussten viele sein, er hatte im Laufe seines Lebens verschiedene Frauen gehabt. Mit Christines Mutter zusammen hatte er vier Kinder.

 

Edward, der älteste, war ein guter Schüler. Er machte eine Ausbildung zum Labortechniker im Medical Research Council (MRC), einem grossen, internationalen, britischen Forschungslabor für Tropenkrankheiten. Das MRC schickte ihn dann nach Grossbritannien, wo er studierte. Er kam dann nach Gambia zurück, begann sogar eine PHD-These, was dann aber versandete.

Edward ist weithin respektiert, für die Verhältnisse des Landes ziemlich wohlhabend, mit einem geräumigen Haus und einem schönen Auto. Er spricht wie ein Präsident. Ich komme gut mit ihm aus.

 

Christine hat schon als Kind viel gearbeitet. Nachdem sie drei Jahre zur Schule ging, entschied ihr Vater, dass das nun reiche und es besser wäre, wenn sie im Haushalt helfen und sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern solle. Als sie später nach Europa auswanderte, litt sie immer wieder unter ihrer mangelhaften Alphabetisierung.

 

Sira konnte die Schule vollständig besuchen, machte aber nicht viel daraus. Sie lebte später zusammen mit der Mutter im Haus ihres Bruders, der sie schliesslich als parasitär empfand und herauswarf. Christine überliess ihr ein von ihr gebautes Haus, in dem sie mietfrei wohnen konnte. Sie lebte dann davon, kleine Essensportionen herzustellen und diese vor einer Schule an die Kinder zu verkaufen. Sie bekam eine Tochter von einem Mann, der in Deutschland lebte und sich nicht um sein Kind kümmerte. Jahre später kam er zu Besuch und machte ihr bei dieser Gelegenheit ein neues Kind. Auch um dieses kümmerte er sich nicht.

 

Banna ist das jüngste Kind. Wie Sira ist sie eine dicke, fast fette Frau. Ich traf sie erstmals bei einem Familienfest. Sie wirkte sorglos und lebensfroh. Christine holte sie dann einige Zeit später über Umwege in die Schweiz zu uns, weil sie jemanden brauchte, der sich um unsere Kinder kümmerte. Weil sie selbst arbeiten wollte. Ich war nicht begeistert. Sie wohnte dann über drei Jahre bei uns, im hinteren Zimmer, dass eigentlich als Kinderzimmer gebraucht wurde. Sie schlief viel, beaufsichtigte die Kinder, ohne mit ihnen zu kommunizieren, telefonierte stundenlang. Gegen Abend wurde sie oft aufgekratzt, diskutierte lebhaft mit meiner Frau in einer Sprache, die ich nicht verstand. Täglich machte sie unsere Wohnung sauber, wischte, kehrte, kochte auch. Dieses feudale Verhältnis war gar nicht nach meinem Geschmack, es nervte mich sehr.

Irgendwann verstritten sich die beiden Schwestern, sie ging dann nach Italien, wo sie einen kleinen Job als Reinigungskraft fand. Mangels Zugriff auf Sozialhilfe entwickelte sie ihre Lebensfähigkeit. Inzwischen lebt sie in Zürich. Sie hat geheiratet und hilft in einem Haarsalon aus. Seit sie bei uns ausgezogen ist, verstanden wir uns wieder.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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