Gaby Schumacher

Eine etwas unübliche Gerichtsverhandlung

Eine etwas unübliche Gerichtsverhandlung

 

Nach zwei Stunden gemütlichen Zusammenseins war Schluss mit der Gemütlichkeit. Es fiel etwas vor, was als ausgesprochen impertinenter Vorfall einzustufen war, der dann auch Ernstes nach sich zog.

Es kam zur Gerichtsverhandlung. Richter Würdevoll nahm eine würdevolle Haltung ein:
„Sie heißen Emilie Stiebitz, sind 50 Jahre alt und wohnhaft in ... „
„Stimmt jenau, Herr Richter!“
„Und Sie wissen sicherlich, dass Lügen vor Gericht böse Folgen für Sie haben können ...“
„Klar, ich sag nur die Wahrheit, nix als die jaanz reine sogar!“
Bekräftigend nickte Emilie Stiebitz in die Runde, was aber weder den Richter noch den Staatsanwalt Denkfix, die Verteidigerin Frau Kombinierschnell nur ein bisschen und die Geschädigte Magdalena Stiebitz so gar nicht beeindruckte.
Der Richter:
„Herr Staatsanwalt Denkfix, bitte verlesen Sie die Anklageschrift!“
Denkfix:
„Frau Emilie Stiebitz, Sie werden beschuldigt, am 6.2 dieses Jahres während eines Treffens von außerordentlicher Seriösität genau diese in überaus dreister Weise missachtet, Ihrem Namen alle Ehre gemacht und Ihre zur Tatzeit vor Ihnen stehende Cousine Magdalena Stiebitz bestohlen zu haben.“
„Ach, so würde ick dat eigentlich nich nennen, Herr Richter. Habs ja nur gut gemeint!“
„Wiie bitte??“
Richter und Staatsanwalt schnappten nach Luft.
„Na ja, dat is ja meene Cousine und wie ich halt so bin, hab ich mir Sorgen gemacht, weil ich jemerkt hab, wie schwer die an ihrer Tasche zu tragen hatte ...“
„Vielleicht war sich die Angeklagte in jenem Moment nicht bewusst, dass sie eine Straftat beging,“ warf zögerlich Verteidigerin Kombinierschnell ein.
„Waaas?? Sie wollen doch damit nicht allen Ernstes andeuten, dass sie nur aus ...“, brauste Staatsanwalt Denkfix auf und Frau Kombinierschnell verstummte lieber, was sie für den weiteren Verlauf der Verhandlung klugerweise auch beibehielt.
´Bringt nix mehr!`

Mehr zu denken beziehungsweise in diesem Moment dann extrem fix zu denken, war selbst Denkfix verwehrt.
„Doch!“, setzte Emilie Stiebitz dagegen."Oder was würden Sie machen, wenn da Ihre Cousine steht und vor Anstrengung wegen der Tasche nen knallroten Kopp hat?“
„Erstens steht hier nicht zur Debatte, was ich tun würde und zweitens ist des jetzt eine bodenlose Unverschämtheit!“
Nun glich auch Staatsanwalt Denkfix einer überreifen Tomate.
„Ebend, Herr Staatsanwalt!"
Und sie wandte sich an Richter Würdevoll:
"Nich, Herr Richter, det wäre ne Leistung ohne Hilfe oder so ähnlich gewesen, wie dat fast hier so heißt?“
Richter Würdevoll hielt es für unter seiner Würde, sie etwa noch zu korrigieren.
´Zwecklos!`

Offensichtlich lief Emilie Stiebitz zur ihrer höchstpersönlichen Bestform auf. Mitleid war eindeutig überflüssig. Richter Würdevoll bewahrte nur noch mit äußerster Mühe seine würdevolle Haltung. Am liebsten hätte er ihr den offensichtlich ver-rückten Kopf gewaschen. Aber:
„W..Wollen Sie uns etwa v..veräppeln ...?“
„Herr Richter! Det is ´ne böswillige Untastellung, will ich ma sagen. Dafür könnt ich Sie anzeigen! - Richter beleidigt Angeklagte!“
Nein, jetzt wurds Emilie Stiebitz zu bunt.
„Wie dreist wollen Sie denn noch werden?“, brüllte jener, seine Berufswürde völlig außer Acht lassend, los.
„Herr Richter, nich, dass Se gleich ´nen Herzinfarkt kriegen!“, entgegnete sie, dabei erneut die Ruhe selber und meinte, wieder mal äußerst hilfsbereit: „Soll ich Ihnen besser ´nen Glas Wasser holen?“
Richter Würdevoll röchelte ein zweites Mal an diesem Tag nach mehr O2, der Staatsanwalt und auch die Geschworenen taten es ihm nach. So etwas hatten sie noch nie erlebt. So etwas nicht!

Als die Beiden sich nach vermehrtem Luftholen in der Lage sahen, Ersterer sich erneut würdig zu benehmen und Zweiterer wieder fix zu denken, war es beschlossene Sache, dass sie der Angeklagten einen Denkzettel verpassen wollten. Nein, in diesem Fall würden sie keine Gnade walten lassen. Erst der infame Diebstahl, dann Verhöhnen des hohen Gerichtes und gar noch Beamtenbeleidung ...
„Sofort halten Sie jetzt Ihren Mund!! Einen Diebstahl zu einer Handlung der Hilfsbereitschaft zu erklären, ist eine Unverfrorenheit! Sie hatten keine Hemmungen, Ihrer eigenen Cousine 200 Euro zu stehlen. Dazu kommen jetzt noch weitere Anklagepunkte. Es reicht!!“
Richter Würdevoll setzte noch strenger hinzu:
„Wären Sie nicht dermaßen unverschämt geworden, hätten wir es vielleicht bei einer Geldstrafe belassen ...“ -´Aber deutlich dann über 200 Euro!`, dachten er und genauso Staatsanwalt Denkfix.
„Aber so ganz bestimmt nicht!! Erstens geben Sie das Geld sofort zurück und zweitens verurteile ich Sie zu mehreren Wochen Haft, die Sie hoffentlich nutzen werden, darüber nachzudenken,was Sie sich zu tun erfrecht haben!“
Er winkte einen Polizeibeamten hinzu:
„Abführen!!“

Aber Emilie Stiebitz wäre nicht sie gewesen, wenn sie dies so hingenommen hätte:
„Dat werden Se bereuen, wenn ick wieda raus bin! Mit Emilie Stiebitz macht man dat nicht! In den Knast trotz doller Hilfsbereitschaft!!"
Als ihr die Handschellen angelegt wurden, wehrte sie sich heftig. Es fehlte nicht viel und sie hätte zugetreten.
„So“, stellte Denkfix abschließend fest. „Achjaa: Widerstand gegen die Staatsgewalt kommt auch noch dazu!!“
Auf daraufhin vielleicht noch folgende Unmöglichkeiten hatten sie sich eingestellt. Doch durchbohrten die inzwischen nicht mehr geröteten, sondern stattdessen ziemlich bleichen Juristen weder erdolchende Blicke zu noch fielen ihnen wegen unflätiger Flüche gar fast die Ohren ab. Dagegen spielte Emilie Stiebitz urplötzlich Mimik-Chamäleon und grinste süffisant. Und doch regte sich Mitleid in ihr mit jenen Juristen-Jammerlappen:
„Na, ´nen Widastand gegen undsoweiter is doch fast so schlimm wie der blöde Diebstahl! Also hängen Se gerne noch mehr Tage Einbuchten dran. - Denn im Winter bei Kälte und Schnee draußen zu pennen is nich wirklich jemütlich!!"

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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