Corinna König

Einfach Annie - Teil II

Nico setzt sich zu uns an den Tisch und ist so freundlich, mich aufzuklären: „Wir kennen uns aus der Schule. Wir haben zusammen Abi gemacht und ein Semester zusammen Naturwissenschaften studiert.“ „Ach was… Du und Naturwissenschaften?“, lausche ich gespannt Nicos Erzählung. „Ja, aber dann hast du dich entschlossen, mit Jura weiterzumachen.“, meint Lars. „Ja und Sport. Dieses Baumrinden-Gedöns war nichts für mich.“, winkt Nico kichernd ab. Ich wusste gar nicht, dass Nico auch Sport studiert hat. Aber ich finde es unheimlich interessant. Und zugegebenermaßen sexy. „Sport und Jura hat mich mehr angesprochen, als Borkenkäfern beim Pimpern zuzusehen.“ Ich muss über Nicos lustigen Vergleich lachen - was man von Lars nicht wirklich behaupten kann. „Sag mal, machst du das noch? Den naturwissenschaftlichen Kram? Erzähl mal. Wo bist du denn inzwischen gelandet? Also beruflich…“, will Nico wissen, während er mich dabei etwas schelmisch anlächelt. „Ich arbeite seit einigen Jahren als Lebensmittelchemiker an einer renommierten Hochschule.“ „Wow Ecki, das… das klingt super. Respekt.“ „Naja… ich mach das gerne. Mein Beruf macht mir Spaß. Es kann halt nicht jeder gleichzeitig Profifußballer und erfolgreicher Anwalt werden… und mit Irina Jung zum Abiball gehen.“ Da muss ich jetzt eindeutig mal unterbrechen und fuchtele wild mit den Händen vor meinem Gesicht: „Moooment mal, Männer! Ecki?? Profifußballer?! Irina?!“

Nico schmunzelt ertappt und kratzt sich am Hals. Doch Lars kommt scheinbar erst so richtig in Fahrt: „Jaja. Irina Jung. Anderthalb Jahre hab ich auf sie gestanden. Und wer nimmt sie mit zum Abiball?!? Natürlich Nico Winter!“ „Was denn?! Du standest auf sie?“ Wie ein trotziges Kind verschränkt Lars die Arme: „Als hättest du das nicht gewusst.“ Lars’ Sturheit sorgt für Erheiterung an unserem Tisch. Ehe Lars ihm noch sein Cocktailschirmchen ins Auge piekt, bietet Nico eine Runde Kurze an. Er will gerade zum Bartresen, als Lars ihm auf die Schulter klopft: „Bleib nur sitzen. Ich mach das. Ich mach das. Ich muss eh pinkeln.“ Ein bisschen wackelig taumelt Lars Richtung Toiletten.

Ich grinse Nico ein wenig neckisch an und hauche: „Irina Jung also…“ Da muss er wirklich lachen und entgegnet mir: „Dass Ecki mit der alten Nummer ankommt. Das ist schon irre witzig!“ Er nimmt einen Schluck von seinem Bier und fährt weiter fort: „Ich hatte damals keine Freundin und kein Date für den Ball. Irina hat mir über ein, zwei Freundinnen ausrichten lassen, dass ich sie bitten soll, mich zu begleiten. Also… hab ichs gemacht.“ „Das klingt aber nicht nach großer Liebe, Nico.“ Da bricht nochmal ein Lacher aus ihm heraus: „Hahaha… nein das wars auch sicher nicht. Lars soll sich nicht so haben. Er hat doch… was viel Besseres gefunden als die.“ Mir nichts dir nichts haut er so ein Kompliment raus und wirkt mit diesem tiefen innigen Blick so anziehend auf mich, dass mir heiß und kalt wird. 

 

Nach einem kurzen verträumten Aussetzer finde ich meine Sprache glücklicherweise wieder: „Und… und Profifußballer warst du auch? Also so… so dass ich dich kennen müsste? Kennt man dich? Ich hab… mit Fußball überhaupt nichts am Hut musst du wissen.“ Doch auch die Vorstellung, Nico im vollen Fußballstadion im Trikot rumrennen zu sehen, lässt mich gedanklich fast wieder abschweifen. „Ich hab nur zwei Jahre auf Profiniveau gespielt. In der Saison-Vorbereitung 2010 hab ich mir dann so ziemlich alles im linken Knie gerissen, was reißen kann und damit war die Profikarriere abgehakt. „Oh, das tut mir leid, Nico.“, bedaure ich und lege meine Hand auf seinen Unterarm. „Schon gut. Ich hatte ja dank meinem Vater zum Glück noch was „Richtiges“ studiert. Was „mit Perspektive“. Und seitdem arbeite ich eben als Paragrafen-Reiter und spiele nur noch zum Spaß Fußball.“ 

 

Seine Geschichte fasziniert mich. Ich höre so gespannt zu, dass mir auch sein deutlicher Unterton was seinen Vater betrifft, nicht entgeht. „Jetzt schau nicht so rehäugig, Kekschen. Es ist alles gut. Ich arbeite gerne in meinem Job. Wo bleibt denn eigentlich Ecki mit dem Schnaps?“ Ich will Nico nicht runterziehen und wechsle das Thema: „Der steht noch am Tresen und wartet. Aber sag maaal… was hast du denn hier so ganz alleine getrieben? Du wirst doch nicht zu traurig über meine Absage für heute gewesen sein?!“ Dabei piekse ich ihm immer wieder in die Rippen und amüsiere mich darüber, wie er jedes Mal zusammenzuckt und grinst: „Hahaha… du meinst, ob ich hier mutterseelenallein hergekommen bin, um mich volllaufen zu lassen, weil du heute keine Zeit für mich hattest? Weil du lieber mit deinem Ex rumhängst?“ „Verrat du es mir, Nico!“, fordere ich weiter pieksend. „Au. Au. Langsam tut das weh.“, lacht er und hält meine Hände fest: „Nein, ich bin mit einem der Besitzer befreundet. Ben, der da gerade unsere Shots eingießt. Ich hab ihn schon länger nicht mehr gesehen. Und außerdem… hatte Irina auch keine Zeit! Hahaha…“, macht er sich erneut über Lars lustig, der gerade mit einem ganzen Tablett voller Shotgläser an den Tisch zurückkehrt.

„Hoppla. Zwei sind leider umgefallen. Bleiben noch 13 übrig.“, lallt er etwas angeschlagen während er auf seinen Barhocker kraxelt. „Du hast 15 Kurze bestellt, Lars?“, stelle ich erschrocken fest. „Schaffst du denn überhaupt noch fünf Stück?“ „Klaaar. Ich hab zwar schon lange nicht mehr so viel getrunken, Engelchen. Aber ich fühle mich unsterblich! Und weg damit!“ In Sekundenschnelle drückt er Nico und mir ein Glas in die Hand und kippt den ersten Schnaps. „Gleich den nächsten!!“ Und so geht das noch dreimal, bevor wir das Tablett vor Lars in Sicherheit bringen. „Hey Kumpel, ich denke du hattest vorerst genug. Meinst du nicht?“, will Nico ihm gut zureden. „Pfff… ich bin doch keine Pussy. Ich bin ein Kerl! Ein Mann!“ Ich finde es äußerst unangenehm, wie Lars sich dabei immer und immer wieder die flache Hand auf die Brust schlägt. Das Bild erinnert ein wenig an King Kong. Und das Shotglas, das Nico ihm wegnehmen will ist die weiße Frau. Aber noch wesentlich schlimmer finde ich, dass er sich im Folgenden in den Schritt greift und lauthals rumposaunt: „Oder Engelchen? Duuu weißt es! Du weißt, dass ich ein Mann bin!“

Nach 15 Minuten, in denen Nico, der nette Barmann Ben und ich Lars mit Ach und Krach davon überzeugen konnten, statt den übrigen vier Kurzen ein Glas Wasser zu trinken, legt er einen Moment später seinen Kopf auf den Tisch und nickt laut schnarchend ein. „Das wird morgen nen fiesen Kater geben.“, merke ich mitleidig an. Anstelle der ohne Umschweife erwarteten Zustimmung seinerseits, starrt Nico Lars nur breit grinsend an. „Was hast du denn?“, möchte ich wissen. „Ich kann nicht verstehen, wie so jemand wie du mit… so jemandem wie Ecki hier zusammenpassen kann.“ „Naja, letztendlich hat es ja eben nicht gepasst. Sonst wären wir ja noch zusammen.“ „Erzähl doch mal ein bisschen. Wie lange wart ihr denn zusammen?“ „Ein bisschen über drei Jahre. Lars war mein erster fester Freund.“ „Dein erster… Freund, ja?! Wie habt ihr euch denn kennengelernt?“ „Ich war damals gerade 18 und zum ersten Mal in der Disco. Lars hat an dem Abend dort mit ein paar Kumpels seinen 23. Geburtstag gefeiert. Er hat mich versehentlich angerempelt und so… kamen wir ins Gespräch. Wenig später waren wir dann ein Paar.“ „Unglaublich. Irgendwie echt… unglaublich. Ecki wirkte schon immer so ein bisschen… spießig. Und unheimlich schüchtern. Ich hatte nie viel mit ihm zu tun. Aber… ganz ehrlich: Ich hätte ihn für ne Jungfrau gehalten. Und das… ohne Zweifel.“ „Ähm…“, muss ich etwas verlegen kichern: „Nein, ist er nicht. Das… weiß ich zufällig.“ „Verstehe.“, nuschelt er und kippt einen Kurzen. „Nein, eigentlich versteh ich das nicht, muss ich dir sagen.“ Ich finde es echt süß, wie er seine Stirn runzelt, weil es ihm so schwer fällt zu glauben, dass Lars mein Exfreund ist. Doch trotz der Grübelei verliert er seinen etwas bissigen Sinn für Humor dabei nicht: „Wobei… Immerhin hat er sich grade ja ziemlich eindrucksvoll die Eier gehalten und geprotzt!“ Ein etwas schlechtes Gewissen hab ich ja schon, dass wir uns so fies auf Lars‘ Kosten amüsieren. Aber das war wirklich so affig, dass ich lauthals mit Nico mitlachen muss.

Doch sein Verhör ist noch nicht beendet: „Und wieso habt ihr euch getrennt?“ Bei allem Spaß, den Nico und ich unerwarteter Weise heute Abend haben, widerstrebt es mir, so über Lars zu reden während er sturzbetrunken neben mir sitzt. „Also… neugierig bist du ja zum Glück nicht, oder Nico?!“, scherze ich. Doch Nico will nicht so recht aufgeben: „Du weichst mir aus. Sag bloß, er hat dich sitzen lassen.“ „Wie anfangs schon erwähnt: Es hat irgendwann nicht mehr gepasst.“, gebe ich ihm weiterhin zu rätseln und trinke amüsiert meinen nächsten Shot.

Nico und ich unterhalten uns noch stundenlang. Über nichts Besonderes, nichts Wichtiges. Ein bisschen Alltagsgeschehen, ein bisschen Musik, Filme, Lieblingsessen, … Die Zeit vergeht wie im Flug. Gerade verliere ich mich gefühlt zum 300. Mal heute Abend in Nicos tollem Lächeln, als Lars aus seiner Ohnmacht erwacht. Völlig zerknirscht starrt er Nico an: „Winteeer!!! Du alter Zipfel!“ Im nächsten Moment richtet er sich auf und greift nach meinem Cocktailglas: „Engelchööön. Ich will jetzt noch ein paar Shots kippen! Looos! Wir feiern!!“ Nico und ich sind uns sofort einig, dass wir besser bezahlen und verschwinden, ehe Lars sich eine Alkoholvergiftung einhandelt. „Los Lars, wir gehen nach Hause.“ Zum Glück ist meine Wohnung nur ein paar Gehminuten von der Bar entfernt. „Was denn?? Jetzt schon??? Neeeiiin!! Wir feieeern!“, trällert Lars los und umarmt mich überschwänglich: „Oh, jetzt hab ich dir versehentlich an die Boobies gefasst.“, entschuldigt er sich während Nico und ich unsere Jacken anziehen. „Deine tollen Boobies!“ „Okay Lars. Ist gut jetzt. Ab nach Hause!“, schimpfe ich etwas entnervt. „Was denn? Die sind doch toll. Winteeer, du Zipfel!! So tolle hast du noch nie gesehen.“ Gut, das wars dann wohl. So schnell werd ich mich in der PANORAMA nicht mehr blicken lassen. „Glaub ich gerne, Ecki. Los, wir hauen ab.“, entgegnet Nico ihm mit einem äußerst süffisanten Grinsen und schiebt ihn aus der Bar.

„Das kannst du auch glauben. Du du… Schürzenjäger!“, wird Lars zu allem Überfluss wie aus dem Nichts auch noch wütend: „Duuu… du Weiberheld!“ Wie in einem schlechten Film wedelt Lars mit seiner Faust vor Nicos Nase herum. Ich hingegen schaue nach, ob sich nicht irgendwo der Erdboden auftut und mich netterweise einfach restlos verschlingt. „Alles gut, Kumpel. Du solltest erstmal ausnüchtern und dann reden wir weiter.“ Wie aus dem Nichts jammert Lars urplötzlich mit weinerlicher Stimme los: „Ich war so in Irina Jung verknallt. Ich wollte so gerne mit ihr zum Abiball.“ Er legt dabei seinen Kopf in Nicos Nacken und lamentiert weiter: „Ich war so verliebt. Sie war so schön.“ Nico braucht hörbar einiges an Kraft Lars zu stützen und in Richtung meiner Wohnung zu steuern. Doch er ist nach wie vor zum Witzeln aufgelegt und wirft mir dabei ein spitzbübisch wirkendes Lächeln zu: „Ach ja? Hatte die auch so tolle Boobies?“ „Pfff… das musst DU doch wissen, Nico.“, stellt Lars in einem hellen Moment fest. „Aber ich sag dir, Winter: So eine wie Annie… findet man selten. Nicht nur, weil sie bildschön ist. Nein! Auch nicht nur, weil sie klug und witzig ist. Nein! Ich sag dir: Im Bett ist…“ „ES REICHT, LARS!! Noch ein Wort und du kannst auf der nächsten Parkbank übernachten!“, brülle ich ihn stinksauer an. Für den restlichen Heimweg ist so für Totenstille gesorgt.

Eine geschlagene halbe Stunde später haben wir endlich meine Wohnung erreicht. Und nur weitere 20 Minuten später haben wir es geschafft, Lars seine Schuhe auszuziehen und ihn auf mein Sofa zu manövrieren. Dort verfällt er innerhalb weniger Sekunden in Tiefschlaf. „Danke für deine Hilfe, Nico. Ich würde dir gerne noch einen Absacker anbieten, aber ich bin echt geschafft.“ „Kein Problem, Kekschen. Mich hat Ecki auch ziemlich geschlaucht. Ich werd dann mal.“, winkt Nico ab und deutet auf die Türe. „Es war ein schöner Abend. Ereignisreich, Interessant und… schöner als ich es noch vor ein paar Stunden angenommen hätte.“, verabschiedet er sich. „Ich finds auch toll, dass wir uns getroffen haben, Nico.“, säusele ich etwas angeheitert von der Mischung aus Kurzen und frischer Nachtluft und angetan von Nicos Outfit, seinem ganzen Auftreten und allem voran seinem Hintern. Ohne groß nachzudenken, lege ich meine Hand auf seine Schulter, strecke mich auf die Zehenspitzen und drücke ihm ein kleines unschuldiges Küsschen auf die Wange: „Gute Nacht.“ Sichtlich überrascht und meiner Meinung nach auch erfreut, lächelt Nico mich an, haucht „Schlaf gut, Kekschen.“ und verschwindet im Treppenhaus.

Ich mache mich bettfertig, sehe abschließend nochmal nach Lars und verziehe mich schließlich ins Bett. Ein Weilchen liege ich noch wach und denke über den Abend nach. Jeder Gedanke an Nico beschert mir ein wohliges Gefühl. Und als könne er hellsehen, schreibt er mir genau in diesem Augenblick: >Lass den armen Ecki bitte leben. Träumt süß ihr drei! ; P< Wir drei? Bailey ist doch bei Danny. Wen meint er de… Aaaah! Jetzt ist der Groschen gefallen. Für diesen Boobies-Spruch kriegt Lars noch die Quittung. Und für den Rest sowieso!

Der nächste Tag beginnt für mich wohl deutlich besser als für Lars. Gegen 14 Uhr klingelt Danny, um mir Bailey zu bringen. Der kleine Racker erschreckt sich fast zu Tode als er auf die Couch springen will und sich dort plötzlich der halbtote Lars bewegt. Stöhnend richtet er sich auf und öffnet sichtlich angestrengt die Augen. „Wer ist das denn?“, fragt Danny. „Das ist Lars. Kannst du dich noch an Lars erinnern? Ich schätze, dafür warst du noch zu klein, oder?“ „Hmm… ich weiß nicht, Tante Annie. Aber sieht der immer so aus?“ Dannys Kommentar bringt mich lauthals zum Lachen. Mein lautes Glucksen wiederum bringt Lars an den Rand der Verzweiflung: „Bitte!!! Nicht so laut!!!“, vergräbt er seinen Kopf unter den Sofakissen. „Danke dass du auf Bailey aufgepasst hast, Danny. Wenn du magst, können wir die große Abendrunde heute wieder zusammen laufen. Wie klingt das?“ „Super. Kann ich dann auch wieder was vom Kiosk haben? Saure Gummis oder nen Lolli?“ „Klaro!“, verspreche ich ihm, „Wir holen dich gegen 18 Uhr ab. Sag deiner Mama Bescheid.“ Wir schlagen ein und Danny verschwindet freudestrahlend in die Wohnung gegenüber.

Mit jedem Schritt, den ich Lars näherkomme, kann ich ein etwas lauteres, leidenderes Brummen vernehmen. „Naaa, Suffnase?! Verkatert?!“, tröte ich extra nervig und klaue Lars dabei zwei, drei Kissen. Doch außer weiterem Gebrumme kriege ich nichts aus ihm raus. „Los, hoch mit dir. Ich fahr dich zu dir und dann kannst du dort weiter sterben.“ Langsam regt sich etwas. „Wie… wie komm ich denn überhaupt hier her?!“, fragt Lars mit zittriger Stimme und zerknirschtem Gesicht. „Nico, der alte Zipfel“, nehme ich ihn genussvoll mit gezeigten Anführungsstrichen auf den Arm, „und ich haben dich mit Müh und Not hergewuchtet.“ Lars dämmert scheinbar, was gestern Abend so los war: „Nico? Winter? Oh Gott, den haben wir ja getroffen.“, klatscht er sich aufs Hirn. „Allerdings. Und deinetwegen stand ich zeitweise echt blöd da.“ Eigentlich wollte ich ihn erst in ein paar Tagen auf sein Fehlverhalten ansprechen. Aber ich bin schon ziemlich verärgert und kann nicht anders: „Es war echt peinlich, wie du dich aufgeführt hast. Nico und ich lernen uns gerade erst besser kennen und du… du redest über Boobies und willst über unser Sexleben auspacken. Ein Sexleben, das schon über vier Jahre zurückliegt.“ „Das hab ich gemacht?“, erkundigt er sich verwundert und macht große Augen. „Naja das Schlimmste konnte ich wohl gerade noch verhindern. Aber trotzdem. Du hast mich echt blamiert.“ Lars steht vollkommen entgeistert auf, läuft auf mich zu und umarmt mich: „Annie, es tut mir so leid. Ich… ich hab einfach zu viel getrunken. Ich kann gar nicht fassen, dass ich so ein Proll war.“ „Dann solltest du in Zukunft nicht mehr so viel trinken. Nico hat zum Glück einen facettenreichen Sinn für Humor. Aber trotzdem! Und jetzt zieh dir deine Hose und deine Schuhe an und ab ins Auto.“

Wenn ich geahnt hätte, was ich mit meinem Anschiss auslöse, hätte ich doch noch gewartet. Ich musste Lars noch 100 mal erklären, dass ich nicht mehr sauer bin und wir noch befreundet bleiben. Lars wirkte fast schon flehend. Erwartungsgemäß kriege ich keine zwei Minuten nachdem er ausgestiegen ist schon eine Nachricht von ihm. Entschuldigung bla bla… Kommt nicht wieder vor bla bla… Doch heute hab ich keine Lust mehr auf Lars und lasse seine Entschuldigung unbeantwortet.

Wieder zuhause angekommen mache ich es mir mit Bailey auf der Couch bequem und esse ein leckeres Sandwich. Ich kann es nicht lassen und sende Nico eine kurze Nachricht.
>Hi du. Na? Ist die Geburtstagsfeier schon in vollem Gange?<
Es dauert gerade mal ein paar Minütchen bis ich eine Antwort erhalte.
>Hey Kekschen. Hoffe du bist nicht verkatert. Naja wir sind erst vor ner halben Stunde angekommen. Kennst du jemanden, der sich an jede einzelne Geschwindigkeitsbegrenzung hält?! Mein Bruder! Zurück fahr auf jeden Fall ich. :D <
>Solange du vorsichtig fährst. Du hast doch morgen Abend noch was vor… : ) Nein nein. Ich bin fit. Sah bei Lars vorhin anders aus.<
>Und ich freu mich schon drauf. : ) Hab mir schon gedacht, dass er heute leidet. Ich hoffe, du hast ihm nicht noch den Rest gegeben.<
>Ich freu mich auch. : ) Sagen wir so: ich war deutlich. Aber auch gnädig. Du alter Zipfel! :D<
>:D :D So ich muss jetzt mal ein paar Hände schütteln und langweilige Gespräche führen. Ich meld mich später nochmal, Kekschen. :*<
Sein Küsschen-Smiley bringt mich mehr zum Grinsen als ich selbst gedacht hätte. Angespornt von unserer Konversation setze ich mich an meinen Schreibtisch und überarbeite meinen Roman, damit ich ihn pünktlich zur Abnahme einreichen kann.

Nico meldet sich ausgerechnet nochmal, als Danny und ich mit Bailey unterwegs sind und so antworte ich erst eine gute Stunde später. Er ist wiederum genau dann beschäftigt und so bekomme ich erst weit nach Mitternacht eine Nachricht von ihm. Und einen Gute-Nacht-Kuss-Smiley, der mir direkt wieder die Mundwinkel gen Norden schießen lässt.

Der Sonntag verläuft zunächst vollkommen unspektakulär. Wie vereinbart sitzen wir wie so oft bei meinem Papa und Dana zum Brunch. Paul und Danny sind mit Bailey beim Fußballturnier und wir lassen es uns gut gehen. Nachdem wir uns die Bäuche vollgeschlagen haben und Dana sich zusammen mit Papa um den Abwasch kümmert, beginnt Stella aus heiterem Himmel ein Kreuzverhör: „Sag mal, hab ich eigentlich was verpasst? Danny hat gesagt, gestern hat jemand auf deiner Couch gelegen als er dir Bailey rübergebracht hat. Das war doch Lars oder? Warst du nicht Freitag mit ihm unterwegs?“ „Doch. Das war nicht so geplant. Aber er hat ziemlich einen über den Durst getrunken und da haben wir ihn auf meiner Couch geparkt.“ „Ich hoffe doch, er hat die ganze Nacht auf der Couch verbracht. Weißt du, ich finde… Moment mal, Annie. Wir? Was heißt denn wir? Wer ist denn wir?“, wird Stella bei dem Gedanken, etwas aus meinem imaginären Liebesleben zu verpassen, sichtlich nervös. „Ja, wir haben zufällig…“, mitten während des Satzes muss ich grinsen wie ein verknallter Teenie: „…Nico getroffen. Und den Abend zu dritt verbracht. Naja… eigentlich doch zu zweit, weil Lars eingepennt ist. Aber…“ Weil Stellas Grinsen noch viel viel breiter wird als meins, kann ich den Satz trotz aller Anstrengung nicht beenden. Dafür lenkt sie mich einfach zu sehr ab. „Was grinst du denn so blöde?“ „Ich? Ich würde mal sagen, dass DU blöde grinst, Schwesterherz. Und zwar bei Nicos Namen.“ „Waaas?! Ach… das kann nicht… naja wobei…“, gatze ich mich um Kopf und Kragen. Da drängt Stella mich schon fast zu einem Geständnis: „Gib schon zu, dass du ihn toll findest. Ich habs gewusst. Von Anfang an. Los, jetzt kannst dus zugeben.“ „Ja du hast Recht, Stella. Er ist echt ein… ziemlich toller Kerl.“

Da kommt auch Dana mit ausgefahrenen Antennen um die Ecke: „Hast du wohl jemanden kennengelernt, Annie?“ „Dana! Wo kommst du denn… plötzlich her… ähm…“, drehe ich mich in Richtung Küche, wo Papa gerade mit der gusseisernen Pfanne kämpft. „Keine Sorge, Liebes. Dein Vater hört und sieht nichts außer Spülwasser und schmutzige Pfannen. Also?“ Doch bevor ich Dana antworten kann, prescht Stella dazwischen: „Naja, da gibt es diesen Typen. Und ich hab mir schon so oft gedacht, wie gut die beiden zueinander passen würden. Nicht nur optisch. Die haben den gleichen fiesen, schwarzen Humor, sind klug, bescheiden,… ich sag nur Arsch auf Eimer.“ „Na wo ist denn dann das Problem?“ „Das einzige Problem war eigentlich Max. Wieso sollte ich Annie jemanden vorstellen, wenn sie doch einen Freund hat?! Wir dachten ja alle noch, Max wäre nett.“ „Das macht natürlich Sinn.“ Schön, wenn Stella und Dana sich da so einig sind.

Ganz gespannt setzt Dana sich zu uns: „Erzähl doch mal, Annie. Wer ist es denn? Kennt man ihn?“ „Weißt du, es ist etwas unangenehm… aber…“, beginne ich, die richtigen Worte zu finden. Doch Dana unterbricht mich kurzerhand: „Sag mal, ist es etwa Nico?“ In Sekundenschnelle färbt sich mein Gesicht purpurrot und ich bin fassungslos: „Also… woher weißt du denn das?“ Während Stella sich schief lacht, erklärt Dana mir ihre äußerst scharfsinnigen Schlüsse: „Na das hat eben auf Stellas Beschreibung gepasst. Dass sie ihn schon länger kennt und so. Ihr habt euch auch so unheimlich gut verstanden auf deiner Willkommensfeier. Und optisch würdet ihr ein unglaublich tolles Paar abgeben. Er ist ziemlich attraktiv muss ich sagen.“ Sie zappelt auf ihrem Stuhl herum und wirkt richtig aufgeregt. „Und wie steht ihr im Moment zueinander?“ „Naja, bisher haben wir uns meistens nur durch Zufall getroffen. Oder er hat mir in der Wohnung geholfen. Also ausgegangen sind wir bisher nicht. Aaaaber…“, trommle ich mit den Fingern auf der Tischkante: „Heute Aaabend… haben wir unser erstes offizielles Date. Zuerst die Spätvorstellung im Kino und dann… mal sehen.“ Die beiden grinsen mich an: „Man könnte glatt denken, du freust dich ein kleines Bisschen.“ Und noch während meines inneren Jubels eröffnen die beiden die nächste Debatte: „Oooh Annie, das mit Nico wird bestimmt was Großes! Das spüre ich einfach. Ihr seid wie füreinander gemacht.“ „Das hast du dir auch wirklich verdient, Liebes.“ „Oh und wie sie sich das verdient hat. Denk doch nur an Max zurück. Diesen… diesen… „ „Ja, das war ja mehr als nur ein Reinfall. Du hast etwas so viel Besseres verdient.“

Doch die Richtung, die das Gespräch einschlägt schmeckt mir so gar nicht: „Können wir bitte das Thema wechseln?!“ Doch die beiden Plappermäuler nehmen mich gar nicht wahr. „Schizophrenen herrischen Testosteronbomber! Das ist Max!“ „Oh, das trifft es ziemlich gut, Stella!“ „Jetzt wollen wir nur hoffen, dass Lars nicht dazwischenfunkt.“ „Lars? Warum denn Lars?“ „Ich hab da so einen Verdacht. Jetzt wo er wieder da ist.“ Etwas genervter versuche ich nochmal mein Glück: „Können wir BITTE das Thema wechseln?!“

Plötzlich kommt mein Papa ins Esszimmer: „Was haltet ihr davon, wenn wir Danny und Paul auf dem Fußballplatz besuchen? Das Wetter ist ja doch noch ganz schön geworden.“ „Papa!! Du kommst wie gerufen. Gute Idee! Gehen wir.“, stürme ich auf ihn zu und hake mich bei ihm ein.

15 Minuten später stehen wir vier dick eingepackt am Rand des Spielfeldes, auf dem Danny kickt wie ein Großer. Ich bin begeistert, ihn so zu sehen und feuere ihn direkt lautstark an. Stella lehnt sich zu mir rüber und murmelt: „Konntest es wohl nicht bis zur Spätvorstellung abwarten, oder?“ Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Nico ist ja auch dort. Sofort fange ich an, die Lage zu sondieren und die Zuschauer zu sichten. Da lehnt Stella sich erneut zu mir - diesmal jedoch mit möglichst unauffällig erhobenem Zeigefinger: „Da rechts. Nicht ganz rechts. Halb rechts. Auf zwei Uhr! Daaa!“ Wedelt sie mit ihrem Finger vor meiner Nase rum. Im nächsten Moment erspähe ich Nico. Mann, der macht im Jogginganzug ne verdammt gute Figur. Wie er da so steht. Vollkonzentriert. Mit den Händen in den Hüften. „Ah, du hast ihn schon gesehen.“, stellt Dana kichernd fest, während sie sich ebenfalls zu mir rüber beugt. Nur Papa - der ist ganz fasziniert von Dannys Schnelligkeit und seinem Können am Ball. Paul, der neben Nico steht, wird auf uns aufmerksam und winkt freudig zu uns rüber. Er stößt Nico mit seinem Ellbogen und nickt zu uns rüber. Ich hoffe, Nico kann meine Nervosität nicht erkennen. Er winkt uns mit einem derart charmanten Lächeln zu, dass ich fast aus den Latschen kippe. Wie ein schüchterner Teenie winke ich übertrieben cool zurück.

Neben uns stehen zwei scheinbar etwas spätpubertierende Mädels und tuscheln und gackern schon die ganze Zeit unaufhörlich. Auf Nicos Gruß hin schrillen sie plötzlich los und glucksen wie wild. „Jetzt hat er rüber gewunken. Hast du das gesehen?“ „So sweet!!“, beglückwünschen diese beiden Hühner sich zu MEINEM Winken, das samt Lächeln ganz eindeutig MIR galt.

Kurze Zeit später ist Spielpause und Danny, Paul und Nico kommen auf uns zu. Mit jedem Schritt schlägt mein Herz schneller. Ich starre Nico regelrecht an und bekomme nichts mehr um uns herum mit. „Hey, ich hab dich gar nicht hier erwartet.“, lächelt Nico mich erfreut an und legt seine Hand auf meine Schulter. „Tjaaa, das war auch ziemlich spontan. Mein Papa kam auf die Idee.“ Gut erzogen wie Nico ist, geht er direkt zu Dana und meinem Papa um sie mit einem Handschlag zu begrüßen, während Danny mich löchert, ob ich seine Vorlage gesehen habe. Einen Augenblick später hüpft Danny wie verrückt um seinen Opa herum um auch ihm von seiner Weltklasse Vorlage zu berichten. Nico hingegen nutzt die Gunst der Stunde und den kurzen Moment, von meinem Vater unentdeckt sein übliches Begrüßungs-Küsschen auf meine Wange nachzuholen: „Ich freu mich schon auf heute Abend.“ „Ich mich auch, Nico.“, entgegne ich ihm und scharre dabei verlegen glucksend mit dem Bein.

Danny flitzt einen Moment später in die Kabine und ruft: „Los, Nico. Wir haben doch jetzt Mannschaftsbesprechung.“ „Oh stimmt. Tut mir leid, Kekschen. Ich muss los. Wir sehen uns später.“ Sein verstohlenes Zwinkern und die Tatsache, dass er dabei meine Hand hält machen mich schwach. 

 

So in meiner rosa Seifenblase sitzend bekomme ich fast - aber nur fast - gar nicht mit, dass eine von den beiden Trullas neben uns Nico einen Zettel zusteckt, als er an ihnen vorbeijoggt. „Kannst gern zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen.“, säuselt sie ihm zu. Dabei setzt sie einen derart billigen Schlafzimmerblick auf, dass mir schier das Mittagessen hochkommt. „So eine peinliche Bitch. Wie die sich anbiedert. Einfach billig!“, schimpfe ich und stoße Stella dabei meinen Ellbogen etwas zu dolle in die Rippen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht reibt sie sich den Arm und blökt mich an: „Aua!!! Bist du blöd, Annie?! Das tat voll weh!“ „Ach, jetzt stell dich doch nicht so an, du Mädchen!“ „Lass deinen Brass bitte nicht an meinem Arm aus, du Irre.“ Da versuche ich, mich diplomatisch zu rechtfertigen: „Na er hat mir grade ein Küsschen auf die Wange gegeben. Das könnte also rein theoretisch bedeuten, dass ich Nicos Freundin bin. Natürlich bin ich nicht Nicos Freundin. Aber man hätte es vermuten können. Wegen dem Küsschen. Theoretisch.“ „Naja…“, will Stella mich ärgern - mit Erfolg: „Aber du bist ja nicht Nicos Freundin. Und daher wird dich die Dame neben uns rein theoretisch auch nicht stören.“ Da klinkt auch noch Papa sich in unsere Debatte ein: „Worüber diskutiert ihr denn so heiß Mädels?“ Doch das behalten wir lieber für uns und winken ab.

Beim gemeinsamen Abendessen mit Stella, Paul und unserem Champion kommt Paul vor lauter Stolz eine super Idee: „Sagt mal, wir haben doch noch den Abenteuer-Therme-Gutschein von Tante Ursel. Wie wäre es, wenn wir den am Wochenende alle zusammen einlösen?“ Nachdem sowohl Danny, als auch ich totale Wasserratten sind, jubeln wir beide um die Wette.

Nach dem Essen verziehen die Herren sich auf die Couch und sehen gemeinsam Dannys absolute Lieblingsserie. So räumen wir Mädels gemeinsam den Tisch ab und bringen die Küche in Ordnung. „Weißt du schon, was du später anziehst?“, will Stella verstohlen grinsend wissen. „Man merkt richtig, wie aufgekratzt du wegen deines Dates mit Nico bist. Total süß.“ Es freut mich, wie Stella mit mir mitfiebert und wie toll sie es findet, dass Nico und ich ausgehen. „Ähm… ich hab an das dunkelgraue kurze Kleid und meinen hellgrauen Offshoulder-Pulli gedacht. Dazu ne blickdichte schwarze Strumpfhose, meine schwarzen Boots und meine schwarze Lederjacke. Findest du das „drüber“?“ „Nein, auf keinen Fall. Das ist genau richtig.“ Stellas Zuspruch geht runter wie Öl. „Und die Haare? Make up?“ „Make up nicht zu übertrieben. Ein bisschen die Augen betonen und sehr dezenten Lippenstift dachte ich. Mit den Haaren bin ich noch unschlüssig. Wahrscheinlich klemme ich mir den Pony zurück und mach daraus einen kleinen Messy-Bun.“ Stella applaudiert: „Perfekt! Nico wird Augen machen.“

Da kommt urplötzlich Paul um die Ecke: „Wegen was wird Nico Augen machen?“, fragt er und schlurft müde gähnend zum Kühlschrank: „Haben wir noch ne Safttüte für Danny?“ Ertappt wie ich mich fühle, beginne ich sofort mit wildem sinnlosem Geplapper während ich ihn vom Kühlschrank wegschiebe: „Eine Safttüte? Lass mich nachsehen. Also… Aaah hier. Eine ist noch da. Orange. Mag Danny Orange? Ich mag Orange am liebsten. Ich hab auch mal Bubbles probiert, aber das war nichts für mich. Ich bleib bei Orange. Orange ist super. Trinkt Danny gerne Orange? Ich bring ihm mal die Safttüte.“ Und schnell wie Wonder Woman hechte ich zu Danny ins Wohnzimmer. Ich kann Paul Stella noch fragen hören: „Gehts ihr gut?“ Stella fühlt sich auch sichtlich ein bisschen unbehaglich und lacht total unnatürlich schrill und lange über Pauls Frage. „Danny, manchmal verstehe ich, wieso du die meisten Mädchen aus deiner Klasse doof findest.“

Zweieinhalb Stunden später stehe ich geschniegelt und gestriegelt vor meinem Wohnzimmerfenster und starre nach unten, ob Nico vor dem Haus einparkt. Und ich soll nicht enttäuscht werden: Pünktlich auf die Minute fährt Nicos Auto in eine Parklücke direkt vor der Haustüre. Also schnappe ich mir meine Schlüssel und verlasse schließlich meine Wohnung. Stufe für Stufe werde ich nervöser. Ich habe etwas schweißige Hände und gehe gedanklich gefühlt 1.000 Ausschnitte von 1.000 Szenarien durch, wie der Abend verlaufen könnte.

Doch all diese Szenarien verschwinden umgehend aus meinen Gedankengängen als ich die Haustüre öffne und Nico angelehnt an der geöffneten Fahrertür mit seinem Handy am Ohr erspähe. Bei seinem Anblick überkommt mich eine Gänsehaut am ganzen Körper und ich bebe fast. Wie er da so steht. In seinem steingrauen sehr eng anliegenden, seine breite Brust betonenden Pulli mit herausspitzelndem weißem Hemdkragen. Die Ärmel hochgekrempelt, sodass seine silberne Uhr mit schwarzem Ziffernblatt zum Vorschein kommt. Seine Sonnenbrille hängt an seinem Kragen. Er blickt auf die Straße. Sein Gesichtsausdruck wirkt ernst und geschäftig. Ich könnte ihn auf der Stelle vernaschen. Die Tatsache, dass SO ein Typ hier ist um MICH abzuholen zu einem DATE kann ich mit jeder der fünf Stufen unserer Haustreppe weniger fassen.

Glücklicherweise wird Nico vor lauter Telefoniererei erst auf mich aufmerksam, als ich quasi direkt vor seinem Auto stehe. So hat er meinen Stolperer auf der vorletzten Stufe nicht gesehen. Er sieht mich erfreut an und beendet sofort sein Telefonat mit den Worten: „Okay, ich werd mich die nächsten Tage dransetzen. Falls dir noch was einfällt - das muss bis morgen warten. Ich hab noch was vor. Und das steht gerade ziemlich niedlich grinsend vor mir. Also dann.“ „Hi Nico.“, begrüße ich ihn mit roten Wangen wie ein schüchternes Fangirl. „Kekschen, du siehst toll aus.“ Direkt im nächsten Augenblick springt er ums Auto, drückt mir ein Küsschen auf und öffnet mir die Beifahrertüre.

Die kurze Autofahrt zum Kino verläuft unerwartet still. „War das… die Arbeit?“, versuche ich ein Gespräch zu starten. „Ähm… was?“ „Das Telefonat. Eben. Als ich… aus dem Haus gekommen bin.“ Vor Nervosität fuchtele ich übertrieben stürmisch mit meinen Fingern vor meinem Gesicht herum. Wir fahren gerade an eine rote Ampel, als ich mich über die merkwürdige Stimmung und die Tatsache, dass Nico mir nicht antwortet, wundere. „Tut mir leid. Was hast du gefragt?“, kratzt er sich schmunzelnd den Nacken. „Nico, ist alles in Ordnung? Du wirkst ein bisschen abwesend.“ „Das liegt aber mehr an dir als an mir.“, entgegnet er mir noch ein bisschen breiter grinsend. Erschrocken japse ich: „Warum denn an mir?“ „Dein kurzes Röckchen ist so mörderisch, dass ich mich richtig aufs Fahren konzentrieren muss.“, lacht er mit einem deutlich erkennbaren Blick nach unten. Ich boxe ihn und feixe: „Nicooo!“ „Aua. Was denn?!“ „Siehst du: deshalb hab ich ja eine blickdichte Strumpfhose an. Damit wir sicher im Kino ankommen. Apropos: Es ist grün.“ Nico fährt an, zieht die Augenbrauen nach oben und murmelt lächelnd: „Konzentration, Winter!“, was wiederum mich zum Lachen bringt.

Und auch im Kinosaal geht es ausgelassen und ein bisschen flirty weiter. Nico und ich bekommen nahezu nichts vom Film mit, sondern gackern um die Wette. „Und du bist echt mit ner Frau ausgegangen?! Nur um keinen Strafzettel zu kassieren?!“, fragt Nico amüsiert und ungläubig nach. „Naja, was sollte ich denn machen?! Ich war noch Studentin und hatte grundsätzlich viel zu wenig Geld. Da erschien es mir… sachdienlich.“, muss ich etwas peinlich berührt zugeben. „Sachdienlich? Wohl eher scheinheilig!“, erheitert Nico der Schwank aus meiner Jugend. Doch so gut unterhalten wie er sich fühlt - neugierig macht ihn die Story, die in einem stupiden Männerkosmos unweigerlich auf verruchte Weise ausartet, schon und so hakt er mehr als gespannt nach: „Uuund??? Wie war denn das Date mit der Politesse?“ „Naja… das Essen war lecker.“, muss ich glucksen. „Aber es war ja klar, dass das Ganze zu nichts führt und demnach war der Abend schnell vorbei. Und ich bin mir bis heute sicher, dass sie ungefähr ab Minute drei wusste, dass ich nur dem Ticket entgehen wollte.“ „Fräulein Berger. Hier kommen ja ungeahnte böse Seiten ans Tageslicht…“, macht er sich mit erhobenem Zeigefinger über mich lustig. „Ach komm schon, du hast doch bestimmt auch schon mal ne Date-Panne erlebt. Oder etwas für Außenstehende eventuell ein klitzekleines bisschen Fragwürdiges getan. Los doch. Raus damit!“ Da lehnt er sich zurück, nimmt einen Schluck Cola und meint ganz salopp: „Naja… ich war noch nie mit nem Kerl aus.“ Doch ich will nicht lockerlassen und bohre weiter nach: „Na los, Nico. Komm schon. Lass mich nicht hängen. Irgendwas fällt dir sicher ein.“

Nach kurzem angestrengten Überlegen packt Nico doch eine Episode aus jüngeren Zeiten aus: „Es gab da mal ein Mädchen, mit der war ich ein einziges Mal aus. Der Abend war ganz lustig, aber es war schnell klar, dass wir nicht zueinander passen. Wir waren einfach nicht auf einer Wellenlänge.“ Während er erzählt, höre ich ihm gebannt zu. Jetzt bin allerdings ich diejenige, die sich konzentrieren muss. Er sieht heute Abend besonders gut aus. Sein Outfit, die Frisur, und dieses Parfüm… Ich habe ordentlich zu kämpfen, seinen Worten zu folgen. „Ich dachte eigentlich, dass sie derselben Meinung war. Also hab ich sie nach Hause gebracht und mich mit einer netten, unschuldigen Umarmung verabschiedet. Damit war das Thema für mich durch. Doch weil ich kein Arschloch bin hab ich ihr am nächsten Tag geschrieben, dass es nett war aber mehr auch nicht. Einfach zur Sicherheit und um Missverständnissen vorzubeugen.“ „Oh Nico, du hast dem Mädchen das Herz gebrochen. Hab ich Recht?“, halte ich mir leidend die Hand vor den Mund.

„Sie hat zuerst ein paar Tage lang nicht geantwortet. Dann, so nach einer Woche, hat sie geschrieben, dass sie so nervös war und gern noch ein zweites Date hätte. Sie würde dann mehr aus sich herausgehen. Ich habe freundlich, lieb und nett verneint. Doch sie wurde fordernder. Ich habe weiter verneint. So ging das bestimmt anderthalb Monate. Tagtäglich! Irgendwann tauchte sie am Fußballplatz auf. Später auch in meiner Stammkneipe. Einmal war ich mit Kumpels in der Stadt bummeln und sie tauchte in drei von fünf Läden plötzlich irgendwo auf. Eines Tages…“ Meine Hand wandert vom Mund in Richtung Augen: „Mir schwant nichts Gutes!“ „Eines Tages kam ich vom freitäglichen Fußballtraining zurück. Mein Vater war nicht zuhause. Ich hab also die Tür aufgeschlossen, mir ne Pizza in den Ofen geschoben und bin direkt unter die Dusche gesprungen.“ „Langsam kriege ich Angst.“, piepse ich und halte die Spannung kaum aus. „Dann wollte ich mein Ladekabel in meinem Zimmer holen und hab mich fast zu Tode erschrocken. 

 

Da lag diese Wahnsinnige splitterfasernackt auf meinem Bett und hat meinen Benny gestreichelt.“ „Deinen… Benny?“, frage ich verdutzt nach und kann nicht verhindern, dass mein Blick dabei immer wieder in Richtung Nicos Schritt abschweift. „Oooh… nein, du Ferkel! Benny ist mein Plüsch-Nashorn. Der hat ein Trikot an und einen Ball in der Hand. Der stand früher immer auf meinem Nachttisch.“ „Aaah!! Beeenny! Gut zu wissen!“ „Jedenfalls ist diese Irre bei uns eingebrochen. Sie hat vor dem Haus gelauert bis mein Vater mit dem Auto weggefahren ist. Dann hat sie gewartet bis er um die Ecke war und ist schließlich unter dem sich gerade schließenden Garagentor durchgerollt!“ „Ach erzähl keinen Quatsch!“, winke ich total verblüfft ab und frage: „Und dann?“ „Ich hab sie natürlich rausgeworfen. Zwar unter lautstarkem Protest, aber ich hab sie gepackt, sie vor die Tür gesetzt und ihr ihre Klamotten vor die Füße geschmissen. Seither hab ich nie wieder was von ihr gehört.“ Vollkommen geschockt stammle ich: „Es gibt so kranke Menschen auf dieser Welt!“ „Und soll ich dir verraten, wer das war?“ „Was denn?? Ich kenne die?“, fallen mir fast die Augen aus dem Kopf. „Es war Irina Jung!“

Nach zwei Sekunden des Staunens, breche ich laut lachend zusammen. Und zwar so laut, dass sich manche Kinobesucher ein winziges bisschen gestört fühlen. Und so wische ich mir die Tränen aus den Augen und flüstere: „Die Irina, auf die Lars stand?“ „Oh ja! Die irre Irina nenne ich sie seitdem. Oder Nacktmull!“, grinst er belustigt. Nachdem ich mich wieder einigermaßen sammeln konnte und mir den Bauch halte, stelle ich fest: „Dann kann Lars ja froh sein, dass sie ihn nicht wollte. Sondern lieber...“ Ich beginne unweigerlich zu säuseln und schaue schmachtend in seine grünen Augen: „… dich.“ Er erwidert meinen Blick, legt seine Hand auf mein Knie und meint ganz ruhig: „Wie gesagt: Ich finde ohnehin, dass er was viel Tolleres bekommen hat.“ „Du bist süß.“, raune ich und blicke dabei verlegen auf seine Hand. „Nein nein, Annie. Ich bin einfach ehrlich.“, sagt er überzeugt und fügt schelmisch grinsend hinzu: „DUUU dürftest dich jederzeit nackt in mein Bett legen!“ „Hahaha, na das nenne ich mal ein besonders einfallsreiches Kompliment.“

Und so albern wir weiter herum, bis schließlich die Lichter im Kinosaal wieder aufleuchten. „Oh mein Gott, haben wir den ganzen Film verblödelt?!“, erschrecke ich mich. „Sieht so aus.“, stellt Nico bei einem Blick auf die Uhr fest: „Tatsächlich schon halb 1 vorbei.“

Beim Verlassen des Kinos hake ich mich bei Nico ein und meine ein kleines bisschen liebäugelnd: „Alsooo… vom Film kann ich zwar keine drei Minuten wiedergeben, aber ich fand trotzdem, dass es ein sehr schöner Abend war.“ „Allerdings. Ich hab ihn auch genossen.“, entgegnet er mir angetan. Die ganze Situation verschlägt mir fast den Atem: Nicos umwerfendes Lächeln, sein tiefer Blick in meine Augen und im Hintergrund funkeln die Sterne in dieser traumhaft schönen lauen März-Nacht. Nicos Ausstrahlung vereinnahmt mich so, dass die kurze Autofahrt nach Hause mich minütlich aufgeregter werden lässt.

Dieser Umstand ändert sich auch nicht, als er vor meiner Wohnung einparkt. „Wenn du willst können wir noch einen Abstecher in ne Bar machen oder so. Ich könnte mein Auto über Nacht hier stehen lassen.“ Ich presse meine Lippen zusammen und starre ihn glupschäugig an. Da fällt bei Nico der Groschen und er klärt mich wild gestikulierend auf: „Oooh. Nein, so hab ich das nicht gemeint. Ich hab das so gemeint, dass ich… danach nach Hause laufen könnte. Meine… meine Wohnung ist ja nur fünf Minuten Fußmarsch entfernt.“ Süß, wie mein Blick ihn aus der Ruhe bringt. Das wiederum lässt meine Nervosität schlagartig verschwinden. Und so kichere ich: „Alles gut, Nico. Lass dich nicht von mir ärgern. Aber… es ist schon fast 1! Und du musst morgen sicherlich früh raus. Also ich hab morgen auch nen ziemlich straffen Zeitplan, aber… du musst sicherlich vor mir aufstehen.“ Da will Nico sich nicht aufdrängen und steigt ganz Gentleman-like aus dem Auto: „Gut, da ist was Wahres dran. Aber dann bring ich dich noch kurz zur Tür.“

Er hält mir die Autotür auf und hilft mir beim Aussteigen. Meine Hand lässt er auch anschließend nicht los. Wir stoppen vor der Haustüre und sehen uns erneut tief in die Augen. „Wann wiederholen wir das denn mal?“, will er wissen und legt dabei sachte seine Hand auf meine Hüfte. Sein begieriger Blick lässt mein Herz fast vor Begeisterung stolpern. „Hmm… was hast du denn am Samstag vor?“, will ich wissen und beiße mir dabei unbemerkt auf der Unterlippe herum. Nico zuckt zusammen: „Samstag? Das dauert aber noch lange.“ „Naja, du wirst diese Woche noch ziemlichen Stress haben, oder? Und Freitagabend bin ich mit Lars verabredet. Er ist die zwei darauffolgenden Wochen beruflich weg und kann nicht mit uns allen meinen Geburtstag feiern. Daher will er am Freitag was mit mir trinken und quasi im Voraus anstoßen.“ Vom augenscheinlich drohenden Konkurrenzkampf angestachelt, legt er nun auch die andere Hand auf meine Hüfte: „Also… Lars lassen wir mal ganz außen vor.“, haucht er und kommt mir dabei näher und näher: „Mittwoch Abendessen? So lange kann ich geraaade noch warten.“ „Oh, du wirst mich also vermissen?“, necke ich ihn frech grinsend. „Vermissen ist der falsche Ausdruck. Also? Wie siehts aus? Mittwoch? Ich koche!“ „Männer, die kochen können find ich gut.“, flirte ich augenklimpernd und fummle dabei am Kragen von Nicos Jacke herum. „Auch Kochen ist eigentlich der falsche Ausdruck dafür, dass ich Nudeln kochen will und dabei die Bude fast in Brand stecke. Also abgemacht. Mittwochabend bei mir. 19 Uhr.“ „Abgemacht. 19 Uhr bei dir, Nico.“, willige ich ein. Nico zieht mich mit jedem Wort ein bisschen näher an sich heran. Sein Duft lässt mir bereits die Knie zittern. Ganz davon zu schweigen, was seine Berührungen, Worte und sein Blick mit mir anstellen. „Also dann müssen wir uns wohl jetzt gute Nacht sagen, Kekschen.“ „Schlaf gut, Nico.“ „Träum schön.“, haucht Nico und legt seine Hand auf meine Wange. Unsere Augen schließen sich. Wir rücken einander näher und näher. Ich kann schon Nicos Atem auf meinen Lippen spüren, als urplötzlich in voller Lautstärke mein Handy aus meiner Handtasche tönt und zu explodieren scheint.

Total erschrocken hüpfe ich einen Schritt von Nico weg und zerre mein noch immer schier brüllendes Handy aus meiner unverschämt großen und mit nutzlosem Krimskrams vollkommen überfüllten Handtasche. „Oh, das ist Lars.“, murmele ich und werfe Nico einen hin- und hergerissenen Blick zu: „Um diese Uhrzeit. Ich… ich geh besser ran. Nicht, dass was passiert ist.“ Ein paar Schritte von Nico entfernt hebe ich schließlich ab: „Lars? Ist was passiert?“ „Hey Engel. Entschuldige die späte Störung, aber ich bin… ich bin grad ein bisschen verzweifelt und wollte dich um Hilfe bitten. Um ein Ohr und eventuell… eine Schulter.“ Ich drehe mich zu Nico um, der gerade in Richtung seines Autos geht und bitte ihn pantomimisch um Verzeihung für die Unterbrechung. „Was… was ist denn los? Das klingt ja ernst.“ Er erzählt mir, dass seine Ex wohl jemanden datet und er damit absolut nicht klarkommt. Doch bei dem Anblick, der sich mir bietet - Nico in seinem tollen Outfit mit seinem sexy Hintern gegen sein sportliches Auto gelehnt - dabei kann ich mich einfach nicht auf Lars konzentrieren. „Lars… Moment mal. Hol mal Luft zwischen den Wörtern. Lass uns das bitte morgen besprechen. Ich verstehe, dass dich diese Nachricht ziemlich getroffen hat, aber… es ist schon so spät und… ehrlich gesagt passt es mir gerade nicht so… ganz.“, druckse ich herum und hoffe, ihn schnellstmöglich aus der Leitung zu bekommen. „Oh… ach so. Du hast… ein Date oder? Mit… mit Nico?“ „Mhm.“, summe ich schmunzelnd. Doch meine Mundwinkel rasen gen Süden, als Lars vollkommen niedergeschlagen und etwas rotzig dröhnt: „Okay… dann will ich nicht länger stören. Heute scheint ja Tag des Rendezvous zu sein. Viel Spaß noch.“ Mein langgezogenes „Laaars…“ hört er schon gar nicht mehr, weil er aufgelegt hat.

Ich starre noch etwas verunsichert auf mein schwarzes Handydisplay als ich Nicos Hand auf meiner Schulter spüre: „Ist was passiert?“ „Ja eigentlich schon. Irgendwie auch nicht…“, schnaufe ich irritiert: „Aber… eigentlich schon.“ Nico scheint mir meinen inneren Ringkampf anzusehen und hakt weiter nach: „Magst du es mir erzählen? Ist es was Schlimmes?“ „Ach…“, lasse ich stöhnend die Schultern hängen: „Lars‘ Ex scheint was mit nem anderen Kerl anzufangen. Oder zumindest datet sie einen Kerl. Und Lars… Lars kommt nicht wirklich damit zurecht. Jetzt wollte er sich gerne…“ „Mit dir darüber unterhalten. Um 1 Uhr nachts. Über seine Ex. Mit seiner anderen Ex.“ An seiner Reaktion kann ich ausmachen, dass Nico mein Unbehagen in Bezug darauf, dass ich Lars am Telefon so abgewürgt habe, nicht nachvollziehen kann. Seine in Falten gelegte Stirn und seine in die Hüften gestemmten Arme runden meinen Eindruck ab. 

 

Umso süßer und einfühlsamer finde ich seine Nachgiebigkeit: „Na dann geh hoch und ruf ihn zurück.“ „Nein, das ist doch… und wir waren ja gerade dabei… und überhaupt… aber naja… Lars wirkte schon ziemlich…“, stammle ich hin- und hergerissen weiter und werfe dabei etwas unkoordiniert meine Hände durch die Luft. Ich gehe kurz in mich und entscheide mich dafür, tatsächlich nach oben zu gehen. Mein schlechtes Gewissen Lars gegenüber hat ohnehin dazu geführt, dass meinerseits irgendwie die Luft raus ist und nicht mal Nicos schöne Augen können dieses Gefühl übertünchen. „Bist du sicher, Nico?“ Er setzt ein etwas gequält wirkendes Lächeln auf, zwinkert mir zu und meint: „Klar. Ich muss ja morgen eh früh raus.“, während er mir einen Klaps auf den Oberarm verpasst. Ich bin begeistert von Nicos Selbstlosigkeit und drücke ihm ein unschuldiges Abschiedsküsschen auf die Wange. „Beim nächsten Date schalte ich mein Handy aus.“, säusele ich selbstbewusst und streiche ihm dabei über den Kragen seines Mantels. Er hält mich fest - unsere Nasenspitzen berühren sich immer wieder kurz - und haucht: „Ansonsten würde ich es in den Teich werfen!“

 

In meiner Wohnung angekommen, wähle ich umgehend Lars’ Nummer. Wir telefonieren stolze 40 Minuten miteinander und alles scheint halb so wild zu sein: Lars hat noch ein paar Kartons aus seiner alten Wohnung geholt und da hat er gesehen, dass seine Ex eine Nachricht von einem gewissen „David“ bekommen hat. Vollkommen belangloses Zeug. Nichts Schlüpfriges, Verdächtiges oder Zweideutiges. Im Prinzip viel Wind um nichts. Davon hätte ich mir den gemeinsamen Ausklang des Abends mit Nico nicht versauen lassen müssen.

Als ich auflege bemerke ich, dass Nico mir während des Telefonats geschrieben hat. Seine Nachricht bringt mich zum Schmunzeln: >Jetzt sind Lars und ich wohl quitt. Ich hab ihm die Tour bei der irren Irina vermasselt und er… hat ein scheiß Timing. : ) Schlaf gut Kekschen. Bis Mittwoch dann. Und lass dein Handy besser zuhause. Nicht, dass es baden geht. : )< >Keine Angst, Nico. Unser nächstes Date wird sicherlich anders enden… : P Gute Nacht.< >Wie soll ich denn jetzt noch schlafen können?!?!? : O< Und so stehe ich kichernd in meinem Badezimmer und schminke mich ab.

Die nachfolgenden Tage ziehen sich gefühlt wie Kaugummi. Ich kann es kaum erwarten, bis endlich Mittwoch ist. Nicos und mein Kontakt beschränkt sich bis dahin auf wenige Nachrichten und meistens schicke ich den ersten Text. Er scheint von seiner Arbeit wirklich gestresst zu sein. Vor lauter Vorfreude kann ich mich in meinem Termin beim Verlag nur schwer konzentrieren. Doch mein Buch wird nur so gelobt und ich gehe überglücklich und mit zwei neuen Aufträgen aus dem Meeting.

„Was sind das denn für Aufträge?“, will Stella beim gemeinsamen Abendessen wissen. „Einmal ein Kinderbuch, Sparte 1 bis 3. Da soll es um die Sinne gehen. Ich soll mir ein paar lustige und leicht verständliche Reime einfallen lassen. Das sollte ich mit allem Drum und Dran wohl in anderthalb Wochen erledigt haben. Und dann noch ein neuer Jugendroman aus der Pauline-Reihe. Thema soll diesmal der erste Urlaub ohne eigene Eltern sein. Das volle Programm: Urlaubsliebe, Eifersucht und Herzschmerz. Zwölf bis vierzehn Kapitel auf 220 bis 260 Seiten.“ „Wow, das klingt ja nach einem großen Projekt. Wann ist denn Abgabe?“ „Ende Mai, aber ich denke so lange brauche ich gar nicht. Die Stories um Pauline schreiben sich quasi immer von selbst. Die gehören immer zu meinen liebsten Projekten.“, schwärme ich über meine Arbeiten über die 14-jährige Protagonistin der Reihe.

Da macht sich plötzlich ein etwas provokantes Grinsen in Stellas Gesicht breit: „Na Gefühls- und Liebesdinge sollten dir im Moment ja ohnehin nicht schwerfallen, Schwesterchen.“ Natürlich weiß ich direkt, worauf sie raus will und lasse ihre Sticheleien vorerst unkommentiert. „Jetzt erzähl doch mal: Was ist denn gerade Phase bei dir und Nico? Looos, ich brauche ein bisschen Mädels Talk, wenn meine Männer schon beim Fußballtraining sind.“, fleht sie schon fast. „Naja wir treffen uns morgen. Nico will für mich kochen und ich bin schon ein bisschen aufgeregt. Wenn Lars neulich nicht angerufen hätte, dann…“, druckse ich herum und halte mir verlegen die rot werdenden Wangen. Stella fällt vor Neugier fast vom Stuhl: „Dann?? Hättet ihr geknutscht? Oder mehr????“ Geheimnisvoll schmunzelnd zucke ich mit den Achseln.

Nach einer winzigen Verschnaufpause regt Stella sich wiederholt über Lars auf: „Lars hat wirklich ein fürchterliches Timing. Ich hoffe nur, dass dieser Gnom euch nicht dazwischenfunkt. Der hatte seine Chance und soll dich gefälligst in Ruhe lassen.“ Doch so ganz kann ich ihren Ärger nicht nachvollziehen: „Also ich denke absolut nicht, dass Lars auch nur ansatzweise plant, irgendwo dazwischen zu funken. Wir sind jetzt schon seit Jahren befreundet und das funktionierte immer super. Außerdem ging es in dem Telefonat um Mara, seine Ex. Sie scheint sich mit einem Typen zu treffen und das hat ihm ziemlich zu schaffen gemacht. Du siehst also: Nicht ICH bin die Ex, die er zurückerobern will.“ „Ich traue dem Gnom dennoch kein Stück.“, verschränkt sie rotzig die Arme. Ihre kindische Sturheit bringt mich zum Lachen: „Jetzt hör damit auf, ihn Gnom zu nennen und sag mir lieber, was ich morgen auf mein Date anziehen soll. Auf jeden Fall ein Kleid oder einen Rock. Das hat beim letzten Mal schon Eindruck gemacht.“, klatsche ich vorfreudig glucksend in die Hände.

Schließlich haben Stella und ich uns für meinen dunklen braun-rot geblümten Plisseerock und meinen schwarzen, weit ausgeschnittenen Pulli entschieden. Die Haare habe ich zu einem lockeren seitlichen Zopf gebunden und nur wenig Make Up aufgelegt. Als ich Bailey bei Danny abgegeben hab, hat Stella mir noch ihr Armkettchen mit den kleinen schwarzen Perlen angelegt und mich mit den Worten: „Schnapp ihn dir!“ verabschiedet.

Und so stehe ich pünktlich um 19 Uhr mit einer Flasche Mandellikör bewaffnet vor Nicos Wohnung und klingele. Keine Reaktion. Ob er wohl noch unter der Dusche steht? Oder vielleicht den brennenden Herd löscht? Ich läute nochmal. Doch wieder keine Reaktion. Langsam aber sicher werde ich etwas unsicher und noch dazu wird es mir untenrum allmählich kalt. So beschließe ich, Nico kurz anzurufen.

Und siehe da: Nach gefühlt dem hundertsten Tuten geht er ran: „Ja?“ Er klingt abgekämpft und gestresst. „Wow, auf das Menü bin ich ja mal gespannt. Scheint dir ja einiges abzuverlangen.“ „Annie. Schön, deine Stimme zu hören.“, freut er sich merklich. „Tja und wenn du mir die Tür öffnen würdest, könntest du mich sogar sehen und nicht nur hören.“ Da prustet er plötzlich erschrocken durchs Telefon: „Oh Gott!“ „Was ist denn?“ „Es ist schon 7?? Das darf doch nicht wahr sein.“, regt er sich zu meinem Leidwesen auf. Mir schwant absolut nichts Gutes: „Nico, was ist denn los?“ „Kekschen es tut mir so leid. Ich sitze noch in der Kanzlei. Ich hab vollkommen die Zeit vergessen.“ 

 

Es klingt durchs Telefon so, als würde er sich erschöpft die Augen reiben. So stehe ich niedergeschlagen und mit hängenden Schultern vor Nicos verschlossener Wohnung. Meine Enttäuschung kann man sicherlich nicht überhören: „Oh.“ „Wirklich, es tut mir unendlich leid. Meine Vorgesetzte hat mir für morgen früh eine unheimlich komplexe Verhandlung aufs Auge gedrückt. Seit geschlagenen sieben Stunden quäle ich mich durch diesen Berg an Akten. Der Prozess läuft schon seit 6 1/2 Jahren.“ „Naja. Macht ja nichts.“, beschwichtige ich und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie geknickt ich bin: „Dann treffen wir uns eben wann anders.“ „Annie, ich weiß gar nicht was ich sagen soll.“ „Alles gut, Nico.“ „Weißt du was? Ich werd in 15 Minuten da sein. Den Rest arbeite ich einfach morgen früh durch.“ „Nein, schon gut. Mach ruhig noch fertig. Wir verschieben unser Essen einfach.“ „Bist du sicher?“ „Ja. Du wärst gedanklich vermutlich eh nur bei deinem Prozess. Außerdem will ich nicht, dass du morgen schon um 4 Uhr aufstehen musst, um die Verhandlung vorzubereiten.“ „Ja, da hast du vermutlich recht. Aber ich mache das wieder gut, Annie. Versprochen.“ „Ich nehm dich beim Wort.“

Ein wenig frustrierter als mir lieb ist trabe ich also auf den regennassen Boden starrend nach Hause. Bailey lasse ich wie abgesprochen bei Danny - die anderen müssen ja nicht unbedingt was von der Pleite erfahren. Und so werfe ich mich in meine Jogginghose und kuschele ich mich aufs Sofa. Der Appetit ist mir gründlich vergangen. Einzig der Likör lächelt mich vom Couchtisch aus an. Doch den aufzumachen und alleine zu trinken ist mir dann doch eine Nummer zu viel Selbstmitleid. Das Fernsehprogramm schallert an mir vorbei, ich kann mich absolut nicht konzentrieren. Meine Gedanken schweifen in regelmäßigem Abstand von vier bis fünf Sekunden in Richtung Nico ab. Immerhin könnte ich jetzt mit ihm zusammen gemütlich auf die Couch gekuschelt sein. Vielleicht in seinen Armen. Vielleicht würden wir uns gerade… „Ach was soll das denn, Annie? Dieses Vollbad in Selbstmitleid bringt mir doch auch nichts.“, rede ich mir mürrisch selbst zu. Das Stichwort Vollbad wirkt jedoch sehr verführerisch und so lasse ich mir ein Schaumbad ein, starte meine aktuelle Playlist, zünde noch ein paar Kerzen an und hänge schließlich meinen Gedanken nach.

Nach über zwei Stunden in der warmen Wanne und einem ungeplanten kurzen Nickerchen werde ich von einer Nachricht wach. „Von Nico.“, murmele ich und blinzele auf mein hell erleuchtetes Display. >Bin gerade auf dem Heimweg. Ich hoffe, du hattest einen schöneren Abend als ich. Nochmal: Es tut mir wirklich leid. Ich hätte dich sehr gerne gesehen. Schlaf gut, Kekschen.< Ich lasse seine Worte erstmal wirken und will ihm später antworten.

Ich kraxele aus der Badewanne, schlüpfe in meinen geliebten Bademantel und schlurfe noch immer etwas betrübt ins Schlafzimmer, um mir frische Wäsche zu holen. Ich werfe seufzend einen Blick aus dem Fenster, rüber zu Nicos Wohnung. Und gerade in diesem Moment sehe ich in der Ferne sein Auto, das vor seiner Wohnung einparkt. Wie ein kleiner gruseliger Stalker drücke ich mir fast die Nase an der Fensterscheibe platt. Nico steigt aus und holt noch etwas vom Rücksitz. Wie gerne wäre ich jetzt bei ihm. Sogar aus einer Entfernung von pi mal Daumen 600 Metern sieht er unverschämt gut aus. Vor Verzückung drücke ich mir meinen Schlüppi gegen den Brustkorb.

Plötzlich sehe ich vollkommen unerwartet eine Frau aussteigen. Mein Puls steigt im Sekundentakt, meine Atmung erstarrt. Die pure Neugier führt dazu, dass ich mich verstohlen am Fenster rumdrücke und mir mehrmals fast die Stirn stoße. Die beiden wirken vertraut und gehen gemeinsam ins Haus. Was ich da beobachte gefällt mir nicht so richtig und es wirft Fragen auf. Fragen, auf deren Klärung ich brenne - auch wenn ich weiß, dass diese Klärung wahrscheinlich noch etwas auf sich warten lässt. Ich bin so angespannt, dass ich fast nicht mitbekomme, wie ich meinen Schlüppi knülle, daran zerre und meine Fingernägel hineinkralle.

Die Situation beschäftigt mich noch eine Zeit lang. Irgendwie verunsichert mich das alles etwas und hindert mich daran, auf Nicos Nachricht zu antworten. Auch die Nacht verläuft entsprechend unruhig und ich wälze mich von einer auf die andere Seite.

Die darauffolgenden Tage vergrabe ich mich in Arbeit und werkele fleißig an meinem Kinderbuch. Auf Nicos Nachricht habe ich mehr beiläufig geantwortet, als es für mich typisch ist. Was scheinbar auch er bemerkt hat. Zumindest lassen seine deutlich zahlreicheren Nachrichten und Anrufe seit dem geplatzten Date mich darauf schließen. Schon süß, wie viel Mühe er sich gibt.

Doch ich versuche, mich die nächsten Stunden auf Lars zu konzentrieren. Immerhin sind wir ja für heute verabredet und wollen meinen Geburtstag gedanklich vorverlegen. Zwar hab ich nicht unbedingt an Lars gedacht, als ich mir neulich diese knallenge löchrige schwarze Jeans gekauft hab, doch darauf kommt es heute auch nicht an. Gepaart mit meinen bequemen weißen Sneakern und meiner weinroten Bluse fühle ich mich pudelwohl und bin gewillt, den Abend in vollen Zügen zu genießen. Immerhin ist es ja mein (Fast-)Geburtstag.

Zu meinem Leidwesen dauert es jedoch nicht mal bis zur Getränkebestellung, ehe Lars Lunte riecht. „Und? Was hat dir die Laune vermiest?“, fragt er mit einem süffisanten Grinsen. „Was? Wie kommst du darauf, dass ich schlechte Laune haben könnte?“ Typisch Annie stelle ich mich doof und vergrabe mein Gesicht in der Speisekarte: „Weißt du schon, was du isst?“ „Gut, wenn du mir den Grund nicht verraten willst, Engelchen, dann erwarte ich, dass du den restlichen Abend ausschließlich dein hübsches Lächeln präsentierst und nicht so sauertöpfisch dreinblickst.“ Ich zögere kurz, aber willige ein. Schön, dass Lars nicht weiter nachbohrt. Ich fühle mich in seiner Gegenwart unwohl, wenn ich über Nico spreche - erst recht seitdem ich weiß, dass sie sich kennen.

Wir verbringen einen schönen Abend. Der Burger und die Fritten waren der pure Gaumensex. Und auch die zwei Lillet sind genau nach meinem Geschmack. Vielleicht sind sie sogar ein bisschen zu gut. Und so bremse ich Lars, als er mir das dritte Glas bestellen will. „Stopp stopp stopp, Lars. Ich brauch erstmal ne kurze Pause, sonst bin ich die nächste halbe Stunde sturzbetrunken.“ „Ach was. Du hast doch mit dem Burger ne solide Unterlage geschaffen. Da geht schon noch ein Gläschen. Oder lieber ein Verdauungsschnaps?“ „Weder noch. Ich muss echt ne klitzekleine…“ Da unterbricht der Klingelton meines Handys unser Gespräch. Es ist Nico. Als ich mich für den Abend aufgehübscht hab, hat er mir geschrieben, ob wir unser Date morgen nachholen wollen. Doch eine Antwort bin ich ihm bisher schuldig geblieben. Und genau diese Antwort will er jetzt wohl haben.

Doch ich bin gerade gedanklich überfordert und drücke ihn weg. „Wow. Habt ihr Stress?“, fragt Lars schon fast belustigt. „Nein. Wieso?“ „Weil Nico dich anruft und du ihn eiskalt wegdrückst?“ „Pff, eiskalt. Ich… finde es nur unhöflich zu telefonieren während man mit jemandem beim Essen sitzt. Das ist alles.“ „Wir sind schon fertig mit dem Essen, Annie. Und ich bin auch nicht so. Also nur zu: Ruf zurück!“, fordert er mich auf. Sein Gesichtsausdruck wirkt dabei sehr amüsiert, was mich etwas irritiert. „Ach, das… kann ich später auch noch machen. Ehrlich.“, winke ich ab und verfluche mich dafür, dass ich den letzten Lillet schon ausgetrunken und Lars daran gehindert hab, mir einen neuen zu bestellen. Lars bohrt weiter und weiter: „Jetzt erzähl schon. Warum gibts dicke Luft bei euch?“ Da gebe ich schließlich nach und werfe Lars ein paar Brocken hin: „Dicke Luft ist zu viel gesagt, Lars. Wir hatten für Mittwoch ein Date ausgemacht. Es hat nicht geklappt. Das wars auch schon.“ „Warum hat es nicht geklappt? Habt ihr euch nicht gut verstanden?“ Interessant zu sehen, wie aufmerksam Lars sich in Windeseile nach vorne lehnt und am besten alles ganz genau wissen will. 

 

„Es kam überhaupt nicht zustande. Das Date. Er hat… Nico hat es vergessen.“ „Vergessen?“ „Genau. Das Date. Und… mich.“ Lars starrt mich ungläubig an. Und an seiner Nasenspitze kann ich ein kleines bisschen Schadenfreude erkennen und bin nicht gerade begeistert davon. „Womit hat er das denn begründet?“ „Arbeit. Eine… wichtige Verhandlung. Er hat schlicht die Zeit vergessen. Also jetzt hätte ich dann doch gerne den Lillet Nummer drei und den Verdauungsschnaps.“ „Dein Wunsch ist mir Befehl.“

Leider ist das große ominöse Thema Nico nur für kurze Zeit vom Tisch: Eine Stunde, zwei Lillets und vier Shots später ruft er wieder an. Lars und ich wandern gerade zur nächsten Bar. „Jetzt geh doch endlich ran, Engelchen. Sonst lässt er dich heute nicht mehr in Ruhe. Soll… soll ich rangehen?“ Der selbstlose Lars wie man ihn kennt. „Nein. Ich ruf ihn später an.“ „Annie! Das ist dein Geburtstagsabend. Dein unechter Geburtstagsabend. Den feiern nur wir zwei. Und ich hab keine Lust, dass Nico dir den Abend versaut. Und mir. Also los. Geh jetzt ran und sprich mit ihm.“ Doch ich bin zu langsam und Nico hat bereits aufgelegt. „Hmm… beim nächsten Anruf.“ Als ich in der Dunkelheit auf mein grelles Handydisplay starre merke ich, dass ich vielleicht etwas langsamer trinken sollte. Noch bin ich kontrolliert, aber es ist auch erst halb 10.

Ich hake mich bei Lars ein und spreche etwas an, was mir seit ich Nico und diese Blondine gemeinsam in seinem Wohnhaus verschwinden sah, im Kopf rumschwirrt: „Sag mal, Lars. Hat Nico eine Schwester?“ „Eine Schwester? Hmm…“, grübelt er: „Soweit ich weiß hat er nur Brüder. Zwei oder drei Stück. Aber eine Schwester… hmm…“ „Schlank, ziemlich groß und blond. Nein?“ Er schüttelt zu meinem Bedauern den Kopf: „Davon wüsste ich nichts.“ Ich senke den Blick: „Okay. Hätte ja sein können.“ „Wie kommst du denn darauf?“ Noch bevor ich antworten kann, geht das Verhör weiter: „Hast du ihn etwa mit ner anderen Frau gesehen?“ Da gehen mir Lars‘ Tonfall und Wortwahl zu weit und ich bremse ihn etwas: „So wie du das sagst, klingt das ja gleich nach Ehebruch. Wir sind ja nicht zusammen oder so. Und außerdem… vielleicht war es ja nur die Nachbarin oder so. Wer weiß das schon.“ „Okay. Wow.“, schnaubt Lars und sein Gesicht wird dabei grimmiger und grimmiger. „Wieso schaust du denn jetzt so?“, fordere ich eine Erklärung. „Naja. Ich hätte nicht gedacht, dass du so ein Naivchen geworden bist.“ Da bremse ich abrupt und stemme die Hände in die Hüften: „Naivchen?“ „Ach komm schon Annie! Ich weiß, was Nico für einer ist. Ich hab dir doch erzählt, was er damals beim Abiball abgezogen hat!“ „Lars, das ist doch schon etliche Jahre her.“ „Einmal Weiberheld! Immer Weiberheld! Er findet ja auch scheinbar immer ein Dummchen, das mitspielt. Für was Ernstes ist einer wie der nicht gemacht. Glaub mir!“ „Mal ganz davon abgesehen, dass du mich gerade als Dummchen betitelt hast - ich hab Nico ganz anders kennengelernt. Und das hat auch nichts mit Naivität zu tun. Er war mir gegenüber immer hilfsbereit, nett, witzig, zuvorkommend, rücksichtsvoll, …“ „Charmant, gutaussehend und ehrlich? Annie! Komm schon! Wenn er so zuvorkommend und rücksichtsvoll ist und nur Augen für dich hat - wieso hat er dann euer Date vergessen und ist stattdessen mit ner Blondine vor seiner Wohnung aufgekreuzt? Wahrscheinlich war er nicht mal in der Kanzlei als ihr telefoniert habt.“ Lars’ Worte verunsichern mich. Sie machen mich wütend. Aber am schlimmsten ist, dass sie mich verletzen. „Hast du eine Ahnung, wie du Nico gerade darstellst? Und… und mich gleich mit? Ich weiß gar nicht…“ Erneut unterbricht uns ein Anruf von Nico. Wutentbrannt motzt Lars mich an: „Na perfekt. Dann sprich jetzt endlich mit deinem holden Prinzen und klär das mit ihm. Ich organisiere uns in der Zwischenzeit ein paar Shots.“ und verschwindet in der Kneipe vor der wir uns seit fünf Minuten lautstark ankeifen.

„Hey Nico.“, gehe ich etwas entmutigt an mein Telefon. „Heeey Kekschen. Endlich erreiche ich dich.“ „Ja, ich bin doch heute unterwegs mit Lars.“ „Du klingst niedergeschlagen. Alles okay?“ „Alles gut, ja. Ich hab nur vielleicht… ein, zwei Shots zu viel erwischt.“ Er zögert. Ich merke, dass er weiß, dass ich flunkere. „Okay.“ Er zögert wieder: „Sicher?“ Ich finde es total süß wie er sich um mich sorgt. Aber Lars’ Vorwürfe hallen mir ununterbrochen durch den Kopf. „Du bist noch sauer wegen Mittwoch oder? Ich hab das schon die ganze Zeit gemerkt. Und heute. Deshalb bin ich dir auch handytechnisch so auf die Pelle gerückt. Ich will es unbedingt wieder gutmachen, Annie. Und hey: Heute war mein letzter Arbeitstag. Ich bin jetzt zwei Wochen lang ein freier Mann, ehe ich bei deinem Vater versklavt werde. Zwei Wochen lang nehme ich mir jedes Sekündchen für dich, das du dir wünschst.“ Ich befürchte bei seinen Worten fast zu zerfließen und höre mich plötzlich fragen: „Nur für mich?“ Schon vor Ende des Satzes klatsche ich mir die Hand auf die Stirn. Hätte ich doch nur die Klappe gehalten. „Wie meinst du denn das?“, will Nico berechtigterweise wissen. Ich flüchte mich aus dem Gesprächsthema und meine etwas angeschossen: „Warst du schon mal in dem Burger-Restaurant in der Westendstraße? Wahnsinnig lecker.“ Nico findet mein missglücktes Ablenkungsmanöver amüsant und kichert: „Hahaha. Nein. Da war ich noch nicht. Sag mal… du lenkst doch nicht etwa ab, oder? Ich weiß nämlich noch ganz genau, warum ich schon den ganzen Tag versuche dich zu erreichen. Unser Nachhol-Date!“ „Ich weiß Nico. Hör zu, ich werd mich morgen bei dir melden. Ich weiß noch nicht, wie lange wir heute feiern und wonach mir dann morgen ist. Ich verspreche dir, ich melde mich morgen. Okay?“ Kurze Zeit herrscht Stille in der Leitung. „Alles klar. Dann warte ich auf weitere Instruktionen. Schönen Abend dann noch. Und Kekschen?“ „Ja?“ „Trink bitte nicht mehr so viel. Du lallst schon ein kleines bisschen und… ich traue Lars nicht.“ Oh mein Gott! Ich lalle schon?? Das ist mir so peinlich. So peinlich, dass ich nur noch ein kurzes atemloses: „Okay. Gute Nacht.“ rausbekomme.

Ich lege auf und betrete die Kneipe. Im ersten Moment sehe ich Lars gar nicht. Doch zwei, drei Schritte weiter erspähe ich ihn in einer kuscheligen und etwas weniger gut beleuchteten Ecke. Auf dem Tisch stehen bereits ein Lillet, ein Radler und zwei Kurze. Und neben meinem Lillet steht eine kleine silberfarbene Geschenkbox. „Was ist denn das?“, frage ich versöhnlich. „Das ist dein Geburtstagsgeschenk.“ „Aber Lars, ich…“ „Es tut mir leid, was ich gesagt hab. Wie ich dich angeranzt hab. Das war im Eifer des Gefechts. Bitte entschuldige. Ich hab… einfach Angst, dass du verletzt wirst.“ Sein Dackelblick lässt mich in Sekundenschnelle weich werden und ich entgegne ihm: „Ich bin aber doch schon groß. Und ich kann selber auf mich aufpassen. Und selber entscheiden, was gut und was schlecht für mich ist. Aber… deine Fürsorge freut mich.“ Ich streiche ihm wohlgesonnen über die Hand und die Schulter. Wir lächeln uns an und blicken uns tief in die Augen. Für uns beide ist klar: Der Streit war unnötig und wird umgehend vergessen. „Zur Versöhnung ein Schnäpschen?“, fragt Lars und hebt das Glas.

Nachdem wir die widerliche Brühe runtergeschüttet haben, drängelt Lars mich, die kleine Geschenkverpackung zu öffnen. „Los! Mach auf!“ „Bringt denn das kein Unglück? Ich hab doch erst am 30. Geburtstag.“ „Ach Käse. Los doch.“ Lars erscheint mir gespannter auf meine Reaktion zu sein als ich auf das Geschenk selbst, so hibbelig wie er auf der Eckbank hin- und her zappelt. Ich öffne also das Geschenk und mir funkelt ein gar nicht so kleiner knallpinkfarbender Stein in einer goldgelben Fassung befestigt an einer ebenfalls goldgelben Kugelkette entgegen. „Wooow!“, pruste ich etwas entgeistert. Das Ding wirkt noch größer und noch knalliger, wenn man es aus der Schatulle nimmt. „Ich leg sie dir an.“ Die Kette ist gerade so lang, dass der wuchtige Oschi direkt auf meinem Dekolleté prangt. „Danke Lars. Die ist… toll. Vielen Dank.“ „Eine schöne Kette für eine schöne Frau.“, beglückwünscht er sich selber und bestellt direkt nochmal zwei Shots.

Der nächste Tag. Der Ton meiner Türklingel bringt meinen Kopf qualvoll zum Beben. Schon die Augen zu öffnen kostet mich unmenschlich viel Kraft. Geschweige denn, der Versuch, den Kopf zu heben oder mir die klebrigen und nach Alkohol riechenden Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen. Im nächsten Moment vernehme ich dumpfe Schläge gegen meine Wohnungstüre und höre, wie jemand meinen Namen ruft. Welcher Vollidiot hämmert denn da bitte in aller Herrgottsfrühe wie ein bekloppter gegen meine Türe und brüllt das ganze Treppenhaus zusammen? „Annie?? Langsam mach ich mir Sorgen.“ Es dauert gefühlt eine halbe Ewigkeit bis ich überhaupt aufrecht stehe. Eine ganze bis ich den Türrahmen des Schlafzimmers erreiche. „Mach bitte auf!“, schallt es durch die Tür hindurch.

Bis ich an der Wohnungstüre angekommen bin höre ich mehrere Stimmen im Treppenhaus. Vollkommen erschlagen und mit Magenkrämpfen, Übelkeit und Kopfschmerzen des Todes öffne ich schließlich dem äußerst ungebetenen Gast die Tür: „Was ist denn hier los?“, stöhne ich atemlos und genervt. Vor meiner Wohnung stehen Nico, Stella und Paul versammelt und starren mich mit großen Augen an. „Da bist du ja.“, seufzt Nico erleichtert, während Stella schimpft: „Mensch Annie, wir haben uns schon Sorgen gemacht.“ Ziemlich unbeeindruckt hingegen meint Paul: „Ich nicht. Ich hab dich heut Morgen um 6 durchs Treppenhaus poltern hören und mir gedacht, dass du sicherlich hackevoll warst und erstmal deinen Rausch ausschlafen musst.“ „Tja… und trotzdem steht ihr hier alle um diese unchristliche Uhrzeit! Wie spät ist es überhaupt?“, frage ich rotzig und mit spür- und hörbarem Knoten in der Zunge. „Es ist fast 4!“ Okay… das ging nach hinten los. „Na dann hab ich eben ein bisschen länger geschlafen als erwartet. Wo ist denn euer Problem?“, maule ich mit reichlich Restalkohol im Blut weiter. „Danny hat schon dreimal geklopft und wollte fragen, ob er Bailey noch bis heute Abend behalten darf. Finn kommt uns heute besuchen und der liebt Hunde. Aber hier war alles wie ausgestorben.“ „Ich bin nur hier, weil ich Nicos Radau gehört hab.“ „Tja und ich hab das letzte merkwürdig anmutende Lebenszeichen heute Nacht um 3 gekriegt und als ich danach einfach überhaupt keine Reaktion mehr bekommen hab, wollte ich nach dem Rechten sehen.“ So viele Wörter. Das ist heute eindeutig zu viel für meinen Brummschädel. „Was für ein merkwürdig anmutendes Lebenszeichen denn?“, frage ich verdutzt. Nico gibt sich geheimnisvoll und stiehlt sich an mir vorbei: „Das klären wir lieber drinnen.“

Die Ereignisse scheinen sich in meiner heute schwer begrenzten Wahrnehmung zu überschlagen. Nico trabt vor mir in Richtung Wohnzimmer. Auf einmal höre ich ihn in einem merkwürdigen Ton „Oh!“ sagen und er bleibt so abrupt stehen, dass ich ihm fast in die Hacken latsche. „Was ist denn jetzt schon wieder?“ Aus heiterem Himmel bewegen sich meine Sofakissen und dazwischen kommt Lars‘ Kopf zum Vorschein: „Hey ihr beiden.“ „Lars??? Oh Leute, das ist mir echt zu viel. Ich muss dringend schlafen!“ „Warst du gestern auch so voll wie Annie?“, trötet Nico Lars ein wenig unfreundlich an, während ich mir gähnend die Augen reibe. Der wiederum amüsiert sich über meinen Absturz: „Nein, ich hab zwar auch nicht wenig getrunken, aber an Engelchens Pegel bin ich im Leben nicht rangekommen.“ „Dann hättest du einfach genauso viele Shots und Lillets für dich bestellen sollen, wie für mich. Dann würdest du jetzt auch qualvoll sterben.“ Wenn ich verkatert bin, ist mit mir echt nicht gut Kirschenessen. Nico legt seinen Arm um mich und haucht einfühlsam: „Am besten ziehst du dir mal was an und ich werd dir in der Zwischenzeit ein Glas Wasser holen.“ In meinem Zustand ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen, dass ich nur meinen Body mit den Spitzenborten und darüber die Bluse von gestern Abend trage. „Oh. Bin… gleich wieder da.“ Ich wanke langsam Richtung Schlafzimmer. Jeder Schritt fällt mir unglaublich schwer. Ich kann Nico sticheln hören: „Musstest du sie etwa abfüllen, damit sie sich mit dir amüsiert?“ „Was soll denn das heißen?“ „Sieh sie dir doch an. Sie ist völlig fertig.“ „Naja es waren schon einige Gläschen gestern.“, rechtfertigt Lars meinen Zustand hörbar schmunzelnd. „Du hast ja scheinbar stets für Nachschub gesorgt. Hast du denn auch jeden mitgetrunken?“ „Also, ich weiß gar nicht, was du jetzt von mir willst.“

Während ich mir die oberste Jogginghose und den obersten Kapuzenpulli aus dem Schrank hole, merke ich, wie mir speiübel wird. „Ach Herrje!“, jaule ich. Da kommen Nico und Lars ins Schlafzimmer gehechtet und finden mich auf meinem flauschigen Teppich knien. Nico hilft mir auf: „Komm, halt dich fest, Annie. Gehts wieder?“ Ich presse die Lippen zusammen und schüttle vollkommen zerknirscht den Kopf. „Los wir bringen dich ins Bad.“ Nico dreht sich mit mir im Schlepptau um und schiebt Lars mit einem satten Ellbogenstoß in die Rippen aus dem Weg. Im Badezimmer angekommen, gebe ich den Jungs zu verstehen, dass ich gerne kurz für mich wäre. „Gut, aber sperr bitte die Türe nicht ab. Nur für den Fall.“, sorgt sich Nico.

Kaum ist die Tür geschlossen, geht die Diskussion zwischen den Herren weiter: „Das hast du ja gut hingekriegt, Ecki.“ „Ach hör doch auf, Nico. Du bist doch nur eingeschnappt, weil euer Date heute wieder nichts wird. Dabei hast du sie doch letztens versetzt!“ Nico regt sich tierisch über Lars’ anmaßenden Kommentar auf: „Das geht dich ja wohl überhaupt nichts an. Mir gehts hier nicht um irgendwelche Dates oder Testosterongebombe. Schau dir an, wie schlecht es Annie geht. Was hast du dir denn davon versprochen?“ „Du solltest dich nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen, Kumpel!“

Da komme ich angeschlagen aus dem Badezimmer geschlichen und versuche, die Situation zu entschärfen: „Wow, ich hab schon lange nicht mehr bis vier Uhr nachmittags geschlafen.“ „Gehts wieder?“, fragt Nico direkt und setzt dabei einen besorgten Blick auf. „Alles gut soweit. Und jetzt hört auf mit der Zankerei.“ „Engelchen, es tut mir echt leid, dass es dir heute so schlecht geht. Das war so nicht gepl… Moment! Hast du gesagt 4 Uhr?“ Plötzlich rennt Lars aufgeregt durch die Bude: „Wie spät ist es denn schon? Ich hab um 17 Uhr ein Meeting. Wegen meinem Auslandsjob! Oh Mann! Ich muss los!“ Wie wild hetzt er durch die Wohnung und sucht nach einer Uhr. „Es ist schon kurz vor halb 5.“, hilft Nico ihm auf die Sprünge. Lars sammelt also in Windeseile seinen Geldbeutel, seine Schlüssel und sein Handy zusammen, wirft sich seine hellgraue Steppjacke über und schlüpft in seine Stiefel: „Ich muss echt dringend los. Engelchen, wir telefonieren später, ja?“ Doch meine Antwort wartet er nur noch zur Hälfte ab und schwupps ist er aus der Tür: „Ähm… okay. Also dann… tschüss.“

Ich drehe mich um und starre quasi direkt auf Nicos Brust, da er genau hinter mir steht. Ich gehe wortlos um ihn herum und lasse mich fix und alle auf die Couch fallen: „Oh mein Gott! Ich fühle mich wie zehnmal überfahren! Von einem Schnellzug!“ „Hier, trink noch einen Schluck Wasser.“ Nico nimmt neben mir Platz und hält mir das vorbereitete Glas unter die Nase. Widerwillig nippe ich daran und lasse mich schließlich wieder in die Kissen fallen. „Brauchst du irgendwas? Kann ich dir was Gutes tun?“, fragt Nico und rührt mich mit seiner Fürsorge. Ich schließe erschöpft die Augen, schüttele leicht den Kopf und greife nach seiner Hand: „Mmh mmh.“ Nico lehnt sich zurück und streichelt mit seinem Daumen über meinen. Seinen Kopf legt er an meine Stirn und so sitzen wir einen Moment still da. Bis meine Neugier die Ruhe unterbricht: „Was machst du hier?“ „Im Moment? Halte ich mit dir Händchen und bin gespannt, wo das endet.“, scherzt er mit einem schelmischen Unterton in der Stimme. „Spaß beiseite. Ich hab mir Sorgen gemacht. Deine letzte Nachricht um 3 hat darauf hingedeutet, dass du raketenvoll bist. Und weil ich dich bisher nicht erreichen konnte, wollte ich nach dir sehen.“ „Weißt du, Nico, das ist echt sü… Welche Nachricht?“, stockt mir mitten im Satz der Atem. „Du hast mir heute Nacht um 2:57 Uhr eine kurze Sprachnachricht… oder besser Lall-Nachricht geschickt.“ Trotz meiner höllischen Qualen durch den Kater meines Lebens zucke ich zusammen und richte mich erschrocken auf: „Ich hab was??“ „Weißt du das etwa nicht mehr?“, belächelt Nico mein Unwissen amüsiert. Im nächsten Moment zieht Nico sein Handy aus seiner Hosentasche und spielt die Schnapsnachricht ab, die mich noch mehr blamiert als befürchtet:

>>Ääh… Hallooo! Nicooo! Nimmt das auf? Ja es nimmt auf. Also… was ich sagen wollte… Nicooo… ich finde nicht schön, dass du mich Mittwoch vergessen hast. Ich hab dich auch nicht… hoppla gestolpert… hihihi… ich hab dich auch nicht vergessen. Das war nicht schön. Der gute Mandelkör. Schweres Wort. Mandelll… Ma… Mandel-L-I-K-Ö-R! Ich hab auch genau gesehen… was da so war. Im Auto. Und danach. Ich sag nur… Ich bin brünett! Du kleiner… Laaars??? Wie war das? Wie hast du Nico genannt? Weiber… Weiberheld. Weeeiiiberheld. Du kleiner Weiberheld. Das war nicht nett! Das war überhaupt… oh! TAXIII! TAXIII!!! Hier hier! TAAAXI!!<<

Vor Scham hab ich mir die Decke bis über den Kopf gezogen: „Oh nein! Ich bin so peinlich!!“, jammere ich von meiner eigenen Dummheit bis ins Mark erschüttert. Nico muss lachen. „Ach Quatsch. Ist doch süß. Die restlichen vier Minuten der Nachricht sind nur Geräusche aus deiner Handtasche.“, genießt er seine Schadenfreude und packt sein Handy wieder weg. „Aber sag mal: Was hast du denn damit gemeint? Dass du brünett bist. Das hab ich nicht ganz begriffen!“ Übertrieben schrill winke ich ab: „Haaa! Wer versteht schon Betrunkene?!?!“

Den restlichen Tag verbringen wir gemeinsam auf meiner Couch. Ich ernähre mich von zwei Gläsern stillem Wasser und genieße einfach Nicos Gegenwart. Wir sehen gemeinsam Filme. Ich döse ab und zu weg und freue mich jedes Mal aufs Neue darüber, Nico neben mir zu wissen, wenn ich wach werde. Wir sprechen nicht viel miteinander. Als wüsste Nico genau, dass mir nicht nach Reden zumute ist. Doch unser seichter harmloser Körperkontakt reißt nie ab: Entweder berühren sich unsere Hände oder unsere Füße oder gar unsere Köpfe. Ich fühle mich den Umständen entsprechend unheimlich wohl.

Ich bin gerade wieder weggenickt, als Nico vom Vibrieren seines Handys erschrocken vom Sofa springt und in die Küche rennt. Natürlich ohne zu lauschen, bekomme ich dennoch etwas von seinem Telefonat mit: „Hey, was gibts denn? … Oh Mann! Sein Ernst? … Worum gehts denn genau? … und ist die Prüfung wichtig? … Oh Maaann! Also gut. Ich bin in 20 Minuten da. Sag Linus, dass ich ihm für jedes falsche Ergebnis nen Arschtritt verpasse! … Alles klar. Bis gleich.“ Während Nicos Gespräch setze ich mich auf und reibe mir die Augen: „Musst du los?“ Nico ist so genervt, dass man es ihm schon aus etlichen Kilometern Entfernung ansieht. „Das war mein Bruder. Mein Neffe schreibt morgen ne wichtige Prüfung in Mathe und kann überhaupt nichts. Der ist 15 und hat momentan nur Alcopops und Titten im Kopf. Echt schlimm.“ „Und jetzt fährst du hin und gibst ihm Nachhilfe?“ Er schnappt sich seine Jacke und schlüpft in seine Sneakers: „Ja. Er droht sitzenzubleiben und… da ich mit Zahlen ziemlich gut umgehen kann versuche ich jetzt, ihm zumindest so viel Stoff in die Birne zu klopfen, dass es für ne Vier reicht. Es tut mir echt leid, Annie. Ich lass dich nicht gern alleine, wenn du so leidest.“ Ich finde es unbeschreiblich toll, wie rücksichtsvoll er ist: „Ach Quatsch, Nico. Ich liege doch ohnehin nur rum. Fahr nur.“ Mit einem Küsschen auf meine Stirn verabschiedet er sich: „Dann versuch noch ein wenig zu schlafen. Schlaf hilft immer am besten. Ich werd mich später nochmal melden.“

Nico will gerade den Türgriff betätigen, als plötzlich Schließgeräusche zu hören sind. Im nächsten Augenblick steht Stella in meinem Flur und Bailey kommt überglücklich auf mich zu gehüpft. „Nico hey. Ich wusste gar nicht, dass du noch da bist. Dann… lass ich euch mal…“ Da unterbricht Nico sie und ignoriert gekonnt ihr schelmisches kindisches überbreites Grinsen: „Ich muss sowieso los, Stella. Linus braucht dringend Mathe-Nachhilfe!“ „Was denn?! Schreibt er morgen etwa wieder eine Prüfung?“ „Hör mir auf!“, verzieht er verärgert das Gesicht. Dann spricht er etwas leiser und hofft wohl, dass ich ihn nicht höre, doch falsch gedacht: „Ich finds gut, dass du da bist und nach Annie schaust. Vielleicht bringst du sie ja zum Essen.“ „Tschüüüss Nico!!!“, dröhne ich durch die Wohnung. Mit einem Lächeln verschwindet er schließlich im Treppenhaus. Ich kann die beiden noch kurz tuscheln hören, gebe aber nicht viel darauf.

Stella kommt mit einer Packung Brezeln auf mich zu, lässt sich auf die Couch fallen und meint, dass ihre Jungs gerade zocken und sie Lust hätte, einen Film mit mir zu sehen. Und so verbringen wir den Abend gemeinsam. Doch Stella wäre ja nicht Stella, wenn sie nicht noch ein, zwei brennende Fragen hätte: „Nico war ja vorhin echt sauer auf Lars. Hat der dich echt so krass abgefüllt? Was hat er sich denn davon versprochen?! So ein Idiot!“ „Naja…“, beginne ich etwas genervt meinen kurzen Monolog: „Es war ja nicht so, dass Lars mit einem Trichter vor mit gestanden hätte und mich gezwungen hätte, die ganzen Shots zu trinken. Es war einfach ein lustiger Abend. Feucht-fröhlich eben. Als hättest du noch nie zu viel getrunken. Und Nico soll sich auch nicht so anstellen. Es geht mir gut. Ich brauche keinen Aufpasser und Beschützer.“ „Ach Annie, er meint es doch nur gut.“ „Ich weiß. Und das ist auch süß von ihm. Aber er war schon sehr ruppig zu Lars.“ „Na wenn der dich so abfüllt, dass du halbwegs stirbst!!“ „Okay nochmal: Er! Hat! Mich! Nicht! Abgefüllt!“ „Guuut! Hat er dich eben nicht abgefüüüllt.“, hebt Stella augenrollend ihre Arme. „Ich glaube trotzdem, dass er nach wie vor scharf auf dich ist. Und dass er absichtlich so viel Alkohol bestellt hat. Inklusive Hintergedanken.“ Da lehne ich mich erzürnt nach vorne und mache Stella schließlich eine klare Ansage: „Also, wenn du nur hier bist, um Lars schlechtzureden sollten wir unseren Filmabend vielleicht verschieben!“ Da scheint sie zu merken, dass ihre Kommentare unangebracht sind und gibt zum Glück Ruhe: „Ich sag ja schon nichts mehr.“

Ich bin stolz auf mich, dass ich den ganzen Film geschafft habe, ohne einzuschlafen - wenn es auch an einigen Stellen schwierig war. „Ach Annie, das hätte ich jetzt fast vergessen: Wir haben uns überlegt, morgen mit Danny schwimmen zu gehen. Du weißt schon, sein Gutschein. Hättest du Lust? Oder hast du schon was vor?“ In Sekundenschnelle zaubert meine Schwester mir damit ein Lächeln ins Gesicht. „Ja klar komme ich mit! Ich war schon so lange nicht mehr im Spaßbad. Das wird genial!“, freue ich mich. „Alles klar. Wir wollen so um halb 10 los. Kriegst du das hin?“ „Natürlich!“

Sogar am nächsten Tag merke ich noch leichte Nachwehen von meinem Kater. Doch ich sehe zu, dass ich mir nichts anmerken lasse, weil ich keine Lust auf wahnwitzige Beschuldigungen in Lars’ Richtung hab. Kurz nach 9 klingele ich mit Badesachen im Rucksack bei Stella und ihren Männern und Danny ist die Vorfreude von der ersten Sekunde ab anzusehen.

Nachdem wir Bailey bei meinem Papa und Dana zwischengeparkt haben und weitere 40 Minuten gefahren sind, bin ich froh, dass wir endlich am Spaßbad ankommen. Eine längere Autofahrt hätte mein noch leicht lädierter Magen wohl nicht wegstecken können. Auf dem Weg zum Eingang starre ich auf den Boden und fokussiere mich auf meine Atmung. Plötzlich unterbricht ein widerlich schrill kreischender Danny meine Konzentration. „NICOOO!!! Du gehst mit uns schwimmen??“ Vor Schreck bleibe ich umgehend stehen und kralle mich in Stellas Arm. Bedrohlich flüstere ich ihr zu: „Nico geht mit uns schwimmen??“ „Gern geschehen, Schwesterherz!“, winkt sie total cool und gelassen ab. „Gern geschehen? Was soll das denn heißen?!“ Doch eine richtige Antwort bleibt meine Schwester mir schuldig. „Vertrau mir!“ Lockerflockig flaniert sie zur Eingangstüre und zwinkert mir noch frech zu.

Mit Herzrasen steuere ich auf Nico zu. Wie immer ist er sehr gut gekleidet, duftet verführerisch und lächelt, dass es einem den Atem verschlägt. „Nico, hey. So… unerwartet schnell sieht man sich wieder.“, druckse ich herum und freue mich über das Küsschen auf meine Wange, mit dem er mich begrüßt.

Knappe 20 Minuten später verlassen Stella und ich die Damendusche und laufen wie mit den Männern vereinbart zur Badelandschaft im Nichtschwimmerbereich. Als ich Nico in seiner dunkelblauen Badehose mit weiß-roten Kordeln sehe, gerate ich fast in Atemnot und schlage erneut meine Krallen in Stellas Arm: „Oh Mann!“, entfleucht mir leise meine Verzückung. „Ich sag doch: Gern geschehen!“ Stella kann sich ein selbstherrliches Lachen nicht verkneifen. „Mamaaa, Anniiieee! Hier sind wir!“, ruft Danny uns voller Tatendrang zu.

Bei den Männern angekommen, kann ich mich kaum auf Pauls von wildem Gestikulieren begleitete Anweisungen konzentrieren: „Wir dachten, wir nehmen diese fünf Liegen hier vorne und dann noch die zwei kleinen Beistelltische, oder?“ Nico grinst mich unentwegt von der Seite an. Ich kann ihm vor Scham kaum in die Augen sehen. Er sieht einfach so toll aus. Breites Kreuz, definierte Bauch- und Brustmuskeln, starke Arme, … Ich muss mich zusammenreißen, damit ich nicht lossabbere.

„Was guckst du denn so?“, reißt Nico mich aus meinen schwärmerischen Gedanken und lässt mich ertappt quietschen: „Iiich? Ähm… was soll ich denn gucken?!“ Da nimmt er meine Hand, zwinkert mir zu und meint: „Los, wir gehn schon mal ins Wasser!“ Er geht mit mir im Schlepptau über eine kleine begrünte Brücke und so kann ich auch einen ausschweifenderen Blick auf seine Rückseite erhaschen und erwartungsgemäß für mehr als gut befinden. Kaum sind wir im Wasser und beginnen uns zu unterhalten ist die Anspannung meinerseits wie weggeblasen. „Wie kam es überhaupt dazu, dass du heute hier bist? Damit hab ich überhaupt nicht gerechnet.“ „Als ich Stella gestern im Hausflur getroffen hab, hat sie gefragt ob ich mitkommen will. Und… dich in Badesachen zu sehen hat mich nicht lange überlegen lassen. Ich persönlich fand ja schon den Spitzenbody unter deinem Blüschen gestern top.“, schmunzelt er spitzbübisch und raspelt weiter Süßholz: „Schade nur, dass du ihn nicht für mich angezogen hast, sondern für dein Treffen mit Ecki!“ Doch ich kontere geschickt und will ihn etwas aus der Reserve locken: „Tja, du hast ja keine Ahnung, was ich Mittwoch drunter getragen hab.“ Jawoll! Das hat gesessen! Ich amüsiere mich über Nicos Reaktion: Er beißt sich auf die Unterlippe und rollt mit den Augen: „Der Punkt geht an dich.“ Ich muss laut lachen und genieße meinen kleinen Triumph. Da stellt Nico sich direkt hinter mich, legt seine Arme um meine Taille, lehnt seinen Kopf an meine Wange, sodass mich seine Bartstoppeln kitzeln und säuselt mir lüstern ins Ohr: „Ich hoffe du gibst mir nochmal die Gelegenheit, einen Blick darauf zu werfen. Und nur so viel: Wenn es nur annähernd so gut kommt wie dein roter Badeanzug, dann…“

Mit einem Satz verfliegt die aufgeheizte Stimmung zwischen uns, als Danny direkt neben uns eine Arschbombe ins Wasser macht. „Sorry, diese blöden Schwimmflügel lassen sich so schwer aufpusten.“, entschuldigt Paul sich. „Wir haben doch nicht gestört?!“, neckt Stella mich mit wissendem Blick. „Los Nico, wir gehen ins Wellenbad rüber! Looos, bevor die Welle zu Ende ist!“, zerrt Danny ungeduldig an Nicos Armen, die mich vor fünf Sekunden noch fest umklammert haben. „Schon guuut. Wir gehen ja, kleiner Mann!“ „Ich werd mit den beiden mitgehen. Dann könnt ihr über Mädels Zeug reden!“, grinst Paul und gibt Stella ein Küsschen auf die Wange.

„Naaa? Was sagst du zu meiner kleinen Überraschung?“, lehnt Stella sich genüsslich und offensichtlich Applaus erwartend zurück. „Ich sag dazu, dass ich froh bin, dass ich mir heute Morgen noch die Beine rasiert hab, du Ulknudel!“ Wir kichern um die Wette und entspannen uns vollends. Eine Zeit lang beobachten wir aus der Ferne die Männer im Wellenbecken. Dabei entgeht mir auch nicht, dass Nico auch hier ein paar gierige Blicke auf sich zieht. Obwohl er so gut bei Frauen ankommt, scheint er absolut nicht arrogant zu sein. Das finde ich wahnsinnig anziehend.

Ganz in meine Faszination versunken, bekomme ich zunächst gar nicht mit, dass Danny nur zwei Meter von mit entfernt steht und mich ruft: „Los Tante Annie! Du rutschst doch immer so schnell wie der Blitz!“ Ich sehe ihn nur fragend an, weil ich wirklich nicht mitbekommen habe, was er denn eigentlich von mir will. Doch Paul klärt mich freundlicherweise auf: „Danny möchte unbedingt mit dir rutschen, Tantchen. Und wir wollten mal zum Restaurant schlendern und nachsehen, was es hier so gibt. Hast du den Kleinen im Blick?“ „Ach sooo, ja klar. Los Zwergi, wir rutschen!“ „Ich schließe mich an, wenn das okay ist.“, huscht Nico uns hinterher. „Du wirst Augen machen, Nico. Annie rutscht den schwarzen Blitz sooo schnell!“ „Da bin ich ja mal gespannt.“ Gemeinsam erklimmen wir den Rutschenturm und natürlich ist es für Danny nicht mit einem oder zweimal rutschen getan. Und so traben wir zwölfmal die glitschigen Stufen hinauf.

 

„Einmal noch, Kleiner. Dann machen wir mal Pause und essen nen Happen!“, bereite ich Danny schon mal vor. „Okay! Dann möchte ich jetzt die Reifenrutsche ausprobieren.“ Vorerst denke ich mir nicht großartig etwas dabei. Auch Nicos freudiges „Oh ja!!“ nehme ich emotionslos auf. Erst als wir oben ankommen und der Bademeister uns den Reifen festhält und erklärt, wer wo sitzen muss, dämmert es mir: Danny als Fliegengewicht sitzt ganz vorne. Hinter ihm dann ich. Und Nico als schwerster Matrose an Bord sitzt ganz hinten. Hinter mir. Dicht hinter mir. Seine Hände liegen auf meinen Oberschenkeln und mit den Fingerspitzen hält er Danny fest. „Wir müssen heute noch öfter auf die Reifenrutsche!“, wispert er vergnügt, was mir ein Schmunzeln entlockt. Unten angekommen ist Danny ganz aus dem Häuschen, wie toll die Reifenrutsche ist und rennt begeistert zu seinen Eltern, um ihnen zu berichten. Da balzt Nico weiter: „Siehst du: Danny will auch nochmal auf die Reifenrutsche. Das liegt nicht nur an mir.“ „Nico, kannst du das mal lassen? Deine ständigen Flirtereien bringen mich noch ganz aus dem Konzept.“ „Flirtereien?! Welche Flirtereien?“, stellt er sich dumm und grinst dabei wie ein kleiner Schuljunge.

Da beschließe ich, den Spieß umzudrehen: Ich bleibe stehen, drehe mich zu ihm um und rücke ganz nah an ihn heran: „Denn, wenn du mir nochmal deine Brustmuskeln gegen die Schulterblätter drückst kann ich vielleicht für nichts mehr garantieren!“ Mit dieser Wendung hat er scheinbar nicht gerechnet. Doch das hab ich wohl fehlinterpretiert. Denn als ich mich wieder umdrehen und zu den anderen gehen will, hält er mich an der Hand fest und sagt mit einigem Nachdruck: „Wenn du noch einmal in diesem Badeanzug mit diesem Ausschnitt wie ein Bond Girl aus dem Becken steigst kann ich ganz sicher für nichts mehr garantieren!“ Im nächsten Moment huscht er an mir vorbei und ohne sich noch einmal zu mir umzudrehen schlendert er zu den anderen. Ich bin kurz sprachlos und bleibe wie angewurzelt stehen. Doch dann, als mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper rennt, muss ich in mich hineinlächeln. Ich liebe dieses Katz-und-Maus-Spiel.

Dennoch bleibe ich etwas verdutzt zurück und will mich gerade auf den Weg zum Rest der Bande machen, als Paul mich mit einem unsäglichen Ausruf bis auf die Knochen blamiert: „Annie, wie wäre es mit nem Würstchen??“ Auch Nico springt auf die Aussage an und wirft mir ein aberwitzig breites schmutziges Grinsen zu. Auch als Stella Paul peinlich berührt boxt, versteht er nur Bahnhof. Mit hochrotem Kopf geselle ich mich stillschweigend zu ihnen.

Nach dem aus Wiener Würstchen bestehenden gemeinsamen Mittagessen möchte ich einen Moment ausspannen und Musik hörend auf meiner Liege relaxen. Nach der ersten festen Nahrung nach 39 Stunden rebelliert mein geschundener Magen noch ein wenig und ich schalte deshalb lieber einen Gang zurück. Auch als Danny quengelt, dass er wieder auf die Wasserrutsche will und seine Eltern sich einen Ruck geben und ihm hinterher trotten, bleibe ich weiterhin in Position. Natürlich gibts für Danny keine einzige Rutschpartie ohne seinen besten Kumpel Nico und so wird auch er umgehend zum Rutschenturm zitiert.

Nach einem kurzen Nickerchen meinerseits und gefühlten 3000 Durchläufen auf dem schwarzen Blitz verbringen wir alle gemeinsam noch einen tollen Nachmittag im Spaßbad. Danny kommt dabei voll auf seine Kosten. Und ich bin auch ganz angetan. Davon, wie gut Nico mit dem Kleinen kann. Davon, wie gut Nico bei uns reinpasst. Und davon, wie gut Nico beim Herumtollen mit Danny aussieht. Und auch seine verstohlenen Blicke in meine Richtung zwischendurch wirken sich positiv auf meinem Nico-Barometer aus.

Etwas erledigt traben wir ein paar Stunden später über den großen Parkplatz. „Hey Annie, vielleicht solltest du mit Nico fahren!“, schlägt Stella mir unnatürlich doll zublinzelnd vor. Während Nico und ich uns hämisch anlächeln, verstehen Paul und Danny den Sinn hinter Stellas Idee nicht im Geringsten. Und so macht Paul sich munter kichernd über seine Frau lustig: „Hä? Warum denn? Ich bin mir ziemlich sicher, Nico kennt den Weg.“ „Ich will mit Nico fahren! Ich will mit Nico fahren!“, hüpft jetzt zu allem Überfluss auch noch Danny um uns herum. Überraschend flott, jedoch weniger einfallsreich flunkert Stella sich aus der Nummer: „Oh, das geht nicht, Schatz. Dann müssten wir deinen Kindersitz extra aus unserem Auto ausbauen und in Nicos Auto einbauen!“ Doch Paul steht noch immer beidfüßig auf dem Schlauch und kratzt sich überfordert die Stirn: „Ach das ist doch im Handumdrehen geschehen.“ „Siehst du Mama! Ich will mit Nico fahren! Bitteee!“ Da gerät meine sonst so ruhige Schwester an ihre Grenzen und stellt uns allesamt in ungewohnt forschem Ton vor vollendete Tatsachen: „Nix da! Der Sitz bleibt wo er ist. Annie und Nico fahren zusammen. Wir drei fahren in unserem Auto und holen auf dem Rückweg Bailey bei Papa ab. Und jetzt einsteigen! Aber zackig!“

Ohne ein einziges Wort zu riskieren, sehen Nico und ich schmunzelnd dem Geschehen zu und flanieren langsam zu seinem Auto, das nur wenige Parklücken entfernt steht. Als Paul Danny in seinen Sitz geschnallt und die Türe geschlossen hat, hakt er sichtlich verwirrt nochmal nach: „Was war denn jetzt das Problem? Du tust ja grade so, als hätte der Kleine die beiden irgendwie gestört.“ Stella würdigt diese Feststellung nicht mit einer Antwort, sondern lehnt sich etwas entnervt gegen das Auto und setzt dabei ihren allseits bekannten Paul-überleg-doch-mal-Blick auf. Doch der Groschen scheint noch nicht so wirklich fallen zu wollen, legt Paul doch weiterhin grübelnd die Stirn in Falten: „Es ist ja nicht so, dass bei Annie und Nico was geht.“ Stellas Blick wird intensiver. Pauls Augen werden größer: „Warte mal! Geht… geht da was??“ Ich kann noch erkennen, dass Stella lachend ins Auto steigt und auch Paul ziemlich amüsiert wirkt.

Während der Autofahrt unterhalten Nico und ich uns wie gewohnt sehr gut. Bis er schließlich fragt, ob ich ihm eine Flasche Wasser aus dem Handschuhfach reichen könnte. Nichtsahnend öffne ich die Klappe des Fachs und greife nach dem Wasser, als mich plötzlich ein kleiner funkelnder Ohrstecker in einem kleinen Seitenfach anfunkelt. Wie ein Blitz schießt mir durch den Kopf, wie Nico nach unserem versemmelten Date mit dieser Blondine aus seinem Auto gestiegen ist. Und auch Lars‘ Worte über Nico kommen mir erneut in den Sinn. Ich bin schlagartig so gedankenversunken, dass ich zunächst gar nicht mehr mitbekomme, wie Nico mit mir spricht: „Annie? Hey Kekschen! Hörst du mir zu?“ Da löst sich meine Starre und ich blicke verwirrt zu ihm rüber: „Ähm… was hast du gesagt?“ „Ich hab dich gefragt, ob du auch einen Schluck willst.“ „Nein danke.“ Er gibt mir die Flasche und ich lege sie wieder zurück ins Handschuhfach. Dabei provoziert mich wieder dieser blöde Ohrstecker!

Ich bin gerade am Grübeln, wie ich Nico am besten darauf anspreche, da klingelt plötzlich quasi sein ganzes Auto. Ein Anruf von Paul: „Heeey!!“, begrüßt er uns mit einem nicht zu überhörenden spitzbübischen Grinsen in der Stimme: „Wir wollten nur fragen, ob ihr eventuell noch Lust auf ne Pizza hättet. Wenn wir Bailey abholen, dann kommen wir ja bei Toni‘s vorbei und könnten das Essen direkt mitbringen.“ Nico sieht mich erfreut an und meint: „Also ich hab heute nichts mehr vor. Bin dabei.“ Etwas zögerlich zucke ich mit den Achseln und murmele: „Gut. Für mich bitte Pasta. Die Nummer 24 bitte.“ Dabei sehe ich emotionslos aus dem Fenster und kann Nicos Verunsicherung durch mein Verhalten deutlich spüren. „Ähm… Hast du gehört Paul? Annie nimmt die 24 und ich nehm ne Pizza mit scharfer Salami und extra Käse bitte.“ Paul, dessen Grinsen wohl noch über beide Ohren zu reichen scheint, säuselt weiter: „Gut, dann ruf ich gleich bei Toni an und gebe die Bestellung durch. Ich schätze, wir sind dann so gegen halb 7 zuhause. Dann habt ihr noch ein bisschen Zeit… zu zweit!“ „Pauuul! Jetzt beruhig dich mal wieder!“, hört man Stella in der Leitung schimpfen. „Bis dann ihr zwei!“

Leider ist mit meiner kleinen Entdeckung die Stimmung deutlich abgekühlt. Ich ärgere mich selber über meinen Dickschädel, doch aus meiner Haut kann ich nun mal nicht. „Alles okay? Merkst du wieder deinen Kater?“, fragt Nico und legt dabei seine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich antworte mit einem gequälten Lächeln im Gesicht: „Nein nein. Alles gut.“ „Sicher? Du bist so still.“ „Ach ich bin einfach… müde. Der Tag war anstrengend. Schön und lustig… aber auch anstrengend.“ Seine Hand bleibt wo sie ist. Mit dem Daumen streichelt er über meine dunkelblaue Jeans. „Naja, wir können den Abend ja ganz entspannt und ruhig ausklingen lassen.“

Gerade als ich mich über Nicos Zuneigung und Rücksicht freue und beginne, meinen Frust loszulassen, geht ein erneuter Anruf bei ihm ein. Auf dem Display im Auto erscheint ein Name. Lisa. Noch bevor ich eins und eins zusammenzählen kann, überhäufen sich die Informationen in meinem Kopf. „Lisa. Wie gehts?“ „Hi Nico. Ich wollte dich kurz zurückrufen. Peter sagt, du hast versucht mich zu erreichen.“ „Ja genau. Danke, dass du dich so zeitig meldest. Und zwar wollte ich dich fragen, ob du einen Ohrring vermisst. So ein kleiner runder mit einem Steinchen.“ Was sich hier zuträgt, konnte ich nicht ahnen und komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. „Oh Gott sei Dank. Hast du ihn etwa gefunden?“, jubelt die Frau am Telefon. „Ja gestern ist er mir auf meiner Fußmatte aufgefallen. Ich wollte dir nur sagen, dass ich ihn hab.“ „Das ist echt lieb von dir. Den hat mir meine Mama zur Hochzeit geschenkt. Ich hab ihn schon überall gesucht.“ „Sorry, ich hab ihn erst gestern gefunden, sonst hätte ich mich früher gemeldet.“ „Überhaupt kein Problem. Hauptsache, er ist wieder aufgetaucht.“ Diese Lisa scheint wirklich überglücklich zu sein. „Ich weiß nicht, wann ich heute nach Hause komme, Lisa. Reicht es dir, wenn ich ihn dir morgen vorbeibringe?“ „Ja klar. Wir haben morgen nichts vor. Du kannst jederzeit klingeln.“ „Super, dann sehen wir uns morgen.“ „Ciao Nico.“

Ich bin etwas perplex. Etwas perplex und sehr neugierig. Normalerweise würde ich warten, ob Nico von selbst etwas dazu sagt, aber die schiere Spannung bringt mich fast um: „Wer… wer ist denn Lisa? Klingt… nett.“ „Lisa ist meine Nachbarin.“ „Ach.“, nicke ich verständnisvoll. „Und… sie hat ihren Ohrring verloren? Hier? Bei dir im… Auto?“ „Ja, ich hab ihn gestern gefunden, als mir das Wechselgeld vom Bäcker durchs Auto geflogen ist.“ „Ach.“, nicke ich wieder und ziehe meine Augenbrauen im Sekundentakt weiter nach oben.

Ich beschließe, meine kleine Fragestunde zunächst zu beenden. Wir wollen ja nicht, dass ich auffalle. Doch ich grübele weiter vor mich hin, erörtere für mich mögliche Szenarien, und gehe verschiedene Optionen durch, wie der verfluchte Ohrring hier gelandet sein kann. „Was ist denn?“, unterbricht Nicos Stimme meine Gedankengänge. „Nichts, wieso?“ „Weil ich dir gerade die Frage gestellt hab, ob wir in meinem Urlaub mal was unternehmen wollen. Und als Antwort kam von dir lediglich ein leises Surren, Geknabber auf deiner Unterlippe - was ich übrigens echt süß finde - und zusammengekniffene Augen.“, macht er sich über mein Unvermögen, mich auf ihn zu konzentrieren lustig. „Oh, tut mir leid. Ich bin nur… gerade am überlegen, ob… ob die Nummer 24 bei Toni‘s die Spinatsauce oder die… Tomatensauce mit Shrimps war.“ „Oh das weiß ich nicht. Isst du denn keinen Spinat? Oder Shrimps?“ Da ploppt es ungewollt aus mir heraus: „Wie kam denn Lisas Ohrring in dein Auto?“ „Äh… er hing vermutlich an ihrem Ohr, als sie neulich mit mir gefahren ist.“ „Ach.“, lasse ich erneut meine Augenbrauen tanzen.

Da riecht Nico zu meinem Entsetzen Lunte: „Sag mal Kekschen, bist du etwa eifersüchtig?“ Vollkommen überrumpelt starre ich mit riesigen Augen und roten Wangen in Nicos Gesicht, wo sich ein pubertär belustigtes überdimensionales Schmunzeln inklusive zwinkerndem Auge ausbreitet. „Waaas?! Ach… so ein Quatsch. Ich mache doch nur… Konversation.“ Und der Groschen fällt tiefer und tiefer. Nico kommt mir auf die Schliche: „Warte mal… deshalb auch deine Schnapsnachricht Freitagnacht. Jetzt gibt das plötzlich Sinn. Hahaha, das mit den brünetten Haaren war auf Lisa gemünzt??“ Ich kann ihn gar nicht ansehen und piepse: „Entschuldigung. Ich hatte 20 Liter Schnaps intus.“ „Du bist echt süß, Annie.“, gluckst er freudig weiter: „Aber sag mal: Wo hast du Lisa und mich denn gesehen?“ „Ich war… ich war in meinem Schlafzimmer und hab zufällig dein Auto gesehen und… ich dachte… vielleicht warst du ja lieber… und dann hat Lars gestern… und ich war verwirrt…und sie ist so… blond… und ich…“, erkläre ich ohne irgendeine Form von Sinn. Nico hält meine auf- und ab wedelnden Hände fest und fällt mir ins Wort: „Moment mal. Nur dass das klar ist: Ich hab Lisa nach meiner Doppelschicht zufällig im Dönerladen um die Ecke getroffen und sie gefragt, ob ich sie gleich mit nach Hause nehmen kann. Lisa und ihr Mann Peter sind seit bestimmt 10 Jahren glücklich verheiratet und außerdem hat ihre Tochter Lynn Ende letzten Jahres ein Praktikum bei uns gemacht. Das ist auch schon alles. Glaub mir: Statt zuhause alleine einen lauwarmen Döner zu essen, hätte ich den Abend viel lieber mit dir verbracht. Wo sagtest du nochmal, warst du? Im Schlafzimmer??“, zwinkert er mir unmissverständlich wollüstig zu. Ich erwidere sein Grinsen und streichle mit meinem Daumen seinen.

Und als hätte Lars einen Peilsender an meiner Schuhsohle angebracht und wüsste von der aufgeladenen Stimmung, ruft er mich in diesem Augenblick an. „Lars.“, murmele ich und blicke auf mein lauthals tönendes Handy. „Geh ruhig ran. Wenn du mich weiterhin so anschaust kann ich mich nicht mehr aufs Fahren konzentrieren.“ „Wer hier wen anschmachtet…“, schmeiße ich ihm zwinkernd hin und hebe ab: „Lars hey. Gut angekommen?“ „Ja danke. Es hat alles reibungslos funktioniert. Was treibst du denn so?“ „Ach wir waren heute schwimmen. Im Spaßbad Aquella. Kennst du das?“ „Ja, da waren wir früher oft gemeinsam.“ „Stimmt. Hat sich inzwischen ziemlich verändert. Aber es war ein unglaublich toller Tag. Danny war hin und weg.“ „Das freut mich, Engelchen. Wenn ich wieder da bin, dann müssen wir unbedingt mal zusammen dahin.“ Gerade als ich ihm antworten will, ruft Nico in den Hörer: „Sag Grüße!“ Sein Gesichtsausdruck lässt vermuten, dass der Gruß nicht unbedingt aus reiner Freundlichkeit stammt, sondern ein kleines Bisschen Provokation dahinter steckt. „Wer… wer ist denn da?“, fragt Lars irritiert. „Ähm… das war Nico. Er war auch… mit schwimmen.“ Mir ist es etwas unangenehm, Nico Lars gegenüber zu erwähnen und so knabbere ich reflexartig auf meinem kleinen Fingernagel herum. „Ach. Dann hat er heute keine Blondine getroffen?“ Von Lars‘ unangebracht schnippischer Bemerkung erzürnt, sehe ich zu, das Telefonat zeitig zu beenden - und das, indem ich mir Luft mache und Lars etwas verprelle: „Nein. Wir verbringen heute den ganzen Tag zusammen. Wir essen noch alle gemeinsam Pizza und Pasta und vielleicht sehen wir danach noch ein zwei Filme. Ab morgen hat Nico dann ja zwei Wochen Urlaub und da haben wir auch schon die eine oder andere Unternehmung geplant.“ „Ach, dann genieß die kurzzeitige Aufmerksamkeit, Annie. Ich… ich melde mich wieder.“ „Schönen Abend noch, Lars.“

Ein kurzes schadenfrohes Gackern kann ich mir nicht verkneifen, was Nico sichtlich verblüfft. „Das war aber ein abruptes Ende.“, wundert er sich mit großen Augen. Genervt schüttle ich schnaubend den Kopf: „Naja, das… Ach keine Ahnung.“ Es ärgert mich, dass Lars keine Gelegenheit auslässt, Nico schlecht zu reden. Und dass Lars ihm immer noch die uralte Geschichte mit der irren Irina vorwirft finde ich einfach kindisch. „Erzähl doch mal, Kekschen. Was unternehmen wir denn in meinem Urlaub so?“, muss Nico lachen. Ich starre aus dem Fenster in die Abenddämmerung am Horizont und antworte verträumt: „Da fällt uns sicherlich was ein.“

Auch als wir in meiner Wohnung ankommen, packt Nico die Gelegenheit am Schopf und bohrt weiter: „Was schwebt dir denn so vor? Zwei Wochen bieten ein vielseitiges Programm.“ Wir bereiten den Tisch für das Abendessen vor und so beginne ich mit meiner Planung: „Naja, da wäre ja schon mal mein Geburtstag Sonntag in einer Woche. Paul und ich haben beschlossen, dass wir alle gemeinsam eine kleine Kneipentour in der Nordstadt machen und reinfeiern. Da haben fünf oder sechs neue Bars aufgemacht und die wollen wir alle abklappern. Ich hoffe doch sehr, dass du mitkommst.“ Nico verteilt die Teller auf der Tafel und spielt den Unnahbaren: „Hmm… wenn ich offiziell eingeladen werde schon. Ansonsten würde ich mich selbstverständlich auch wieder über eine Schnapsnachricht freuen.“ „Oooh, erinnere mich nicht daran!“, vergrabe ich mein Gesicht in meinen Handflächen. Da fängt dieser kleine Fiesling neckisch an zu lachen: „Was denn? Das war doch süß! Deine Eifersucht ist süß.“ „Warte nur, wenn ich Lars in die Finger kriege…“, ploppt es ungewollt aus mir heraus. Verdattert hakt Nico nach: „Warum Lars?“ „Ach vergiss es!“, beschwichtige ich und räume weiterhin Gläser aus meiner Vitrine. Eines davon nimmt Nico mir nicht aus der Hand, sondern hält stattdessen meine Hand fest: „Sags mir. Warum Lars?“ „Ach…“, seufze ich und versuche glücklos Nicos eindringlichem Blick zu entgehen: „Das war blöd. Ich… ich war blöd. Lars kann… eigentlich nichts dafür. Ich bin ja kein… Teenie mehr.“, rudere ich auf den Boden starrend zurück. Doch er will nicht lockerlassen und stellt sich direkt vor mich. So nah, dass seine Brust meine berührt: „Annie! Raus damit!“ „Naja. Lars hat mich gefragt, warum unser Date geplatzt ist. Und da hab ich es ihm erzählt. Ich hab ihm auch von der Blondine erzählt und daraufhin hat er… Er hat gesagt, dass sie sicherlich nicht nur eine… Bekannte oder Nachbarin ist. Und dass du schon immer viele…“ 

 

„Was? Viele Weiber hatte?“, schneidet er mir zornig den Satz ab. Sein Ärger darüber verunsichert mich etwas: „Ähm… so ähnlich, ja.“ „Und wieso erzählt der solchen Quatsch? Was denkt er denn? Er kennt mich doch gar nicht.“ Kopfschüttelnd und sichtlich verärgert stapft Nico zum Tisch und stellt die letzten beiden Gläser ein wenig beherzter ab als die Vorherigen. „Der stellt mich dar, als wäre ich ein Schürzenjäger. Was soll das denn?“ „Bist du… bist du sauer?“, frage ich und kneife dabei die Augen zusammen. „Oh ja! Allerdings! Aber… natürlich nicht auf dich. Sondern auf Ecki, die Pfeife!“ „Nico, er hat das nur gesagt, weil du damals…“ Und erneut fällt Nico mir ins Wort - diesmal jedoch mit erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Augenbrauen: „Wenn du jetzt die irre Irina erwähnst, dann steige ich ohne Umschweife ins Auto und knöpfe ihn mir vor!“ „Bin schon still.“, zwinkere ich und entlocke ihm dabei ein winziges Schmunzeln. „Hat er denn… Unrecht?“, treibt mich die Neugier.

Eine Antwort bleibt Nico mir vorerst schuldig, da der Rest der Bande just in diesem Augenblick an der Türe klopft. Ich öffne ihnen und bin zunächst verwundert, dass Paul sich die Hand vor die Augen hält: „Wir sind es! Habt ihr was an?“ Noch bevor ich ich mein „Hä? Wieso?“ beendet habe, boxt Stella ihn augenrollend: „Du bist so pubertär, Paul!“ Kichernd tänzelt Paul an mir vorbei und bittet Nico, der ebenfalls nur Bahnhof versteht um ein High-Five. Nico schlägt merklich verwirrt ein und widmet sich wieder Bailey, der hellauf begeistert von Nicos Anwesenheit zu sein scheint. „Tut mir leid, Schwesterherz. Ich hab lediglich angemerkt, dass es eventuell sein könnte, dass du Nico vielleicht gut findest und Nico womöglich auch dich ziemlich gut findet und seitdem grinst er immer wieder starr vor sich hin, kichert und jubelt innerlich. Naja… nicht ganz so innerlich.“ „Ach deshalb hat er gefragt, ob…“, klatsche ich mir auf die Stirn und drehe mich zu Paul um: „Du bist wirklich pubertär liebster Schwager.“ Doch sein Gegluckse lässt sich auch davon nicht eindämmen, sondern scheint zu wachsen. Nico hingegen runzelt weiterhin verwirrt die Stirn.

Paul reißt sich im weiteren Verlauf des Abends weitestgehend zusammen. Doch als Danny nach dem Essen fast am Tisch einschläft, bringt er uns - ob gewollt oder ungewollt - erneut zum Schmunzeln: „Danny? Los, wir bringen dich ins Bett, Kumpel. Dir fallen ja schon die Augen zu.“ Stella freut sich über Pauls ungewöhnliches Engagement und gibt Danny im Vorbeigehen ein Küsschen: „Ach super, dann bleib ich noch auf ein, zwei Gläschen Wein hier. Gute Nacht mein Schatz. Träum süß.“ Da zerrt Paul urplötzlich totaaal unauffällig an Stellas Strickjacke und flüstert: „Schaaahaaatz… du solltest mitkommeeen. Lassen wir die beiden doch alleeeheeeiiin!“ Da wird es meiner Schwester zu bunt und sie schlägt entnervt Pauls Hand weg: „Also… lässt du jetzt mal diesen Blödsinn?! Am besten, du legst den beiden noch ein Kondom auf den Nachttisch!“ Da wird Danny von der lauter als gewohnten Stimme seiner Mama kurzzeitig wieder munter: „Was ist ein Kondom?“ Beim Anblick seiner großen fragenden Augen können Nico und ich nicht mehr an uns halten und lachen lauthals los. „Das erkläre ich dir, wenn du 18 bist mein Schatz. Hopp hopp, jetzt gehts ins Bett.“, schiebt Stella Danny peinlich berührt und hektisch aus der Wohnungstüre. Paul, den sie dabei im Schlepptau hat winkt uns zum Abschied spitzbübisch grinsend.

Der restliche Abend verläuft anders als gedacht: Nico und ich räumen gemeinsam den Tisch ab und dabei geht sein Fragespiel in die nächste Runde: „Und? Sind dir inzwischen Unternehmungen eingefallen?“ „Najaaa…“, tippe ich mir - nach meinem brachial fiesen Absturz mit Lars - zugegeben etwas angeheitert von einer halben Weinschorle mit dem Zeigefinger auf mein Kinn. „Wie wäre es denn mit einem Besuch im Zoo? Danny würde sich bestimmt freuen. Und vielleicht ein gemütlicher Serienmarathon. Hmm…“ „Oh, der gemütliche Serienmarathon hört sich doch sehr gut an.“, schiebt Nico mit einem freudigen Leuchten in den Augen ein. „Wir können ja heute vorerst mit einem Filmeabend starten, wenn du magst. Es sei denn natürlich, du hast noch was vor heute Abend.“, biete ich mit etwas Herzklopfen in der Brust an und setze mich dicht neben Nico auf die Couch. Er nimmt mein Angebot an und lehnt sich gespannt nach vorne: „Ich bleib gerne noch. An welche Filme hast du denn so gedacht?“ Da fällt mir auf, dass Nicos Stirn schwitzig glänzt und er im Allgemeinen ziemlich erschöpft aussieht. „Gehts dir nicht gut?“, frage ich besorgt und fühle mit dem Handrücken seine Temperatur: „Nico, du scheinst Fieber zu haben.“ „Alles gut, Kekschen. Nur eine kleine Erkältung.“, winkt er ab. „Aber du fühlst dich wirklich heiß an. Und du siehst auch nicht gut aus. Also… du siehst krank aus. Ich werd mal sehen, was ich im Medikamentenschränkchen habe und einen Tee kochen.“

Mit sorgsamer Miene trabt Schwester Annie im Stechschritt zuerst in die Küche und dann in den Flur. „Wirklich Annie. Mir gehts gut. Du musst dich nicht sorgen.“ Während der Wasserkocher brodelt, wühle ich mich durch meinen Medizinvorrat, der lediglich aus Tabletten gegen Menstruationsbeschwerden, Minztropfen gegen eine verstopfte Nase, Globuli gegen irgendwas aus meiner längst vergangenen Öko-Phase, einer schmerzlindernden Salbe und seit anderthalb Jahren abgelaufenen Hustenbonbons besteht: „Oh Mann, ich hab absolut nichts Passendes da, Nico. Soll ich… soll ich schnell zur Apotheke flitzen? Wobei es ist schon fast… Naja aber die am Gemüsemarkt müsste noch geöffnet… ich werd schnell Dr. Google fragen.“ Ich gieße Nico schnell einen Pfefferminztee mit Honig und Zitronensaft auf und mache mich auf, um mein Handy zu finden: „Hier. Pfefferminztee hilft mir immer, wenn ich krank bin. Jetzt brauche ich nur noch… mein Handy. Wo hab ich es denn nur hinge… Hier vielleicht? Nein! Ähm…“ Ich bin so in meine Suche vertieft, dass ich nur am Rande wahrnehme, wie Nico stets meinen Namen wiederholt. Als ich nur wenige Zentimeter von ihm entfernt meine Finger in die Sofaritze stecke, greift er schließlich nach meinem Arm: „ANNIE! Schooon gut! Du musst wirklich nicht zur Apotheke. Ich werd den Tee trinken, nach dem ersten Film nach Hause fahren und direkt schlafen gehen, okay? Beruhig dich. Es ist nur ne Erkältung.“ Da komme ich etwas zu mir: „Okay. Wenn du… das sagst. Aber Nico, du siehst wirklich fertig aus. Willst du wirklich einen Film an…“ „Ja!“, fällt er mir laut und sehr bestimmt ins Wort. „Aber du solltest wirklich nicht fahren. Ich könnte dich zuhause ablief…“ „Nicht nötig!“, meint er im gleichen Tonfall. „Bist du sicher?“ „Ganz sicher!“ „Aber…“ „Kein aber!“, schnauft er und sieht mich dabei gleichermaßen verzweifelt und belustigt an. „Aber… mein Handy brauche ich trotzdem.“, grinse ich. Wie aus dem Nichts wandert Nicos Hand von meinem Ellbogen schnurstracks an meinen Hintern. Ich bin so überrascht, dass ich gar nichts sagen kann. Süffisant schmunzelnd hält Nico mir mein Handy unter die Nase: „Hier! Du hattest es in deiner Gesäßtasche.“ Ich schnappe mir das blöde Teil und setze mich rotwangig auf die Couch.

Nico hat wenig später brav seinen Tee ausgetrunken. Ich will ihm gerade eine völlig irrelevante Hintergrundinfo über einen der Hauptdarsteller erzählen, als ich sehe, dass er eingeschlafen ist. Ein Anblick, der mir glatt einen leisen Seufzer entwischen lässt. Es sieht so niedlich aus, wie er sich mit offenem Mund an mein Lieblingskissen kuschelt. Ich zupfe die Decke unten etwas über seine Füße, oben etwas über seine Schulter und streiche ihm verträumt über die Schläfe. Sein Fieber hat nicht wirklich nachgelassen. Zumindest nicht nach meinem laienhaften Eindruck. Er tut mir wirklich leid. Hoffentlich ist es wirklich nur eine kurzweilige Erkältung und keine fiese Grippe.

Wenn ich so recht überlege, hat er schon den ganzen Tag unbemerkt gezeigt, dass er nicht fit ist. Als wir ihn vor dem Schwimmbad getroffen haben, war er gerade dabei, sich zu schnäuzen. Sein Mittagessen hat er nur mit Ach und Krach geschafft - obwohl er sonst essen kann wie ein Scheunendrescher. Auf dem Weg zu seinem Auto hat er sich unentwegt geräuspert. In der Mittelkonsole lag eine Packung Hustenbonbons und zu guter Letzt hat er beim Abendessen fast die halbe Pizza übriggelassen. Und einen Großteil von der anderen Hälfte hat er trotz meiner scharf kundgetanen Missbilligung Bailey unter dem Tisch zukommen lassen.

Bailey liegt zwischen Nicos Beinen und hat seinen Kopf auf Nicos Oberschenkeln abgelegt. Auch ich mache es mir wieder bequem und sehe den Film zu Ende, ehe ich leise in Richtung Badezimmer tapse. Bevor ich im Schlafzimmer verschwinde, werfe ich noch einen letzten Blick auf Bailey und unseren Patienten. Die beiden schlafen seelenruhig auf der Couch. Und so stelle ich Nico eine Flasche Wasser auf den Couchtisch, lösche das Licht und verkrümele mich in mein Bett.

Am nächsten Morgen weckt mich Baileys Kratzen an meiner Matratze. Der kleine Racker hat Hunger. Also strecke ich mich ausgiebig und stehe auf. „Sssh, Bailey. Sei schön leise. Nico schläft sicher noch.“, flüstere ich ihm zu und gebe möglichst geräuschlos etwas Trockenfutter in seinen Napf. Ich streichele ihm liebevoll den Kopf und hauche: „Ich werd jetzt kurz unter die Dusche hüpfen und dann gehen wir eine Runde, mein kleiner Schatz.“

Ich schließe sachte die Badtür. Hänge mein Handtuch nicht ganz so schwungvoll wie sonst über die Duschkabine. Ziehe mein gemütlich schlabbriges Schlafshirt aus und bin gerade dabei mit zugekniffenen Augen und in Zeitlupe die Duschbrause aufzudrehen, als ich vor Schreck zusammenzucke. Mein Handy beginnt plötzlich auf der Küchenablage lauthals zu trällern. In Windeseile hetze ich - nach wie vor möglichst leise - aus dem Badezimmer, halte mir lediglich den Arm über die nackte Brust und greife nach meinem Handy: „Hallo?“, flüstere ich etwas atemlos. Naiv wie ich in blonden Momenten nun mal bin, gehe ich davon aus, dass mein Klingelton und mein Getrampel durch die Wohnung Nico natürlich nicht geweckt haben. „Guten Morgen Kekschen.“ „Hi Papa. Was kann ich für dich tun?“ „Wir haben hier eine Menge Schreibkram. Und leider hat Marianne sich gestern beim Kegeln den Mittelfinger gebrochen. Denkst du, dass du eventuell für ein, zwei Stündchen aushelfen könntest? Jutta wird die Diktate bis Mittag nicht schaffen. Ich muss aber um 12:30 Uhr am Flughafen sein. Und mein Rückflug geht erst nach 20 Uhr.“ „Ähm… also ich wollte eigentlich grade in die Dusche und dann mit Bailey raus. Und… zur Apotheke wollte ich auch noch.“ „Oh, Apotheke? Bist du denn krank?“, fragt Papa besorgt nach. „Nein nein, alles gut. Weißt du was? Ich werd so in 45 Minuten da sein. Ist das okay?“ „Danke, Kekschen. Du bist ein Schatz.“

Ich drehe mich gedanklich in meiner Tagesplanung versunken um und kippe fast um, weil ich mich schon wieder so erschrecke. Wie angewurzelt bleibe ich stehen und sehe in Nicos Augen, die mich vom Sofa aus weit aufgerissen anstarren. „Nico! Du bist… wach!“, japse ich nach Luft. „Und du bist halbnackt.“, entgegnet er mir scharfsinnig trotz unübersehbarer Schlaftrunkenheit. Da stehe ich nun. In meiner Küche. Nur mit einer von Schokoladeneis fleckigen Schlafhose bekleidet und meinem Arm über den blanken Brüsten. Unnatürlich oft blinzelnd und tomatenrot im Gesicht. „Äh… ja. Ich wollte gerade duschen. Da hab ich dann mein Handy…“ Nicos Mundwinkel wollen gerade amüsiert nach oben wandern, als ein kurzer kräftiger Nieser mein Gestammel unterbricht. „Gesundheit. Äh… ich… ich werd mir mal was anziehen. Bin… gleich wieder da.“, rufe ich während ich schnurstracks ins Badezimmer husche, mir mein Schlafshirt überwerfe und das Wasser abdrehe.

„Och, du hättest dir meinetwegen nicht unbedingt was anziehen müssen.“, witzelt Nico und trötet anschließend in ein Taschentuch. Besorgt setze ich mich zu ihm und fühle seine Temperatur. „Gehts dir noch nicht besser?“ „Naja. Geht schon.“ Da meldet sich meine innere Krankenschwester: „Hör zu: Ich muss in 45 Minuten in der Kanzlei meines Vaters sein. Bis Mittag sollte ich dort fertig sein. Ich werde dich jetzt zuhause absetzen und du versuchst, einen Termin bei deinem Hausarzt zu bekommen. Nach der Arbeit komme ich bei dir vorbei. Ich bringe entweder was zu essen mit oder kaufe noch kurz ein und koche dir eine Suppe. Und anschließend fahre ich dich zum Arzt.“ Statt mir eine Antwort zu geben, lächelt Nico mich nur an, was mich in meinem Organisationswahn verwirrt: „Hast du verstanden?“ „Süß, wie du dich um mich kümmerst.“, antwortet er mir, greift nach meiner Hand und legt sie samt seiner auf seinen Oberschenkel. Nach einem kurzen innigen Moment inklusive einem tiefen Blick in seine tollen grünen Augen, ziehe ich verlegen meine Hand weg und meine: „Naja, ich will ja nicht, dass es schlimmer wird und sich noch zu einer waschechten Grippe entwickelt.“

Die nächsten drei Tage verlaufen im Großen und Ganzen gleich: Vormittags helfe ich für ein paar Stündchen in Papas Kanzlei aus und beantworte den Damen im Sekretariat wie gewohnt etwas unangenehme Fragen zu meinem Liebesleben; Auf dem Heimweg von dort drehe ich direkt eine Runde mit Bailey durch den Park; mache einen Abstecher in den Supermarkt und sehe schließlich nach Nico.

„Was gibts denn heute Leckeres?“ Er scharwenzelt bei meiner Ankunft in seiner Wohnung um mich herum und durchstöbert direkt meinen Einkaufskorb. „Na dir scheint es ja endlich besser zu gehen.“, freue ich mich und werfe einen genaueren Blick auf ihn: „Du siehst auch schon viel besser aus. Hast mehr Farbe im Gesicht und deine Stimme klingt auch nicht mehr sehr belegt.“ „Ja ich hab auch super geschlafen heute Nacht. Heute Morgen war ich schon duschen und jetzt hab ich einen Bärenhunger.“, reibt er sich zufrieden lächelnd den Bauch. „Na dann werde ich ein paar Spaghetti mehr kochen.“ Nico nimmt mir den Korb und meine Tasche ab und hilft mir aus meinem Mantel. „Hast du wohl wieder deinen Laptop dabei?“ „Ja, ich hab noch Einiges zu tippen, wenn ich in meinem Zeitplan bleiben will. Dass ich diese Woche so oft bei Papa aushelfen muss, hatte ich nicht einkalkuliert.“, antworte ich während ich das gekaufte Hack, die passierten Tomaten und den Parmesan auf die Arbeitsplatte lege. Nico lässt schwermütig dreinblickend seinen Kopf hängen und reicht mir die Nudeln: „Oh Mann und zusätzlich halte ich dich auch noch auf.“ „Ach was, das ist doch überhaupt kein Problem, Nico. Du warst krank und da sehe ich doch gern nach dem Rechten. Außerdem…“, lege ich die Stirn in Falten: „… hast du dir deinen Urlaub sicherlich anders vorgestellt.“ Nico lehnt sich mit dem Hintern gegen die Küchenzeile und verschränkt die Arme: „Naja auf die Grippe hätte ich gut und gern verzichtet. Aber dass ich dich dadurch jeden Tag gesehen hab…“ Sein Schmunzeln lässt mir fast einen schwärmerischen Seufzer entwischen. Kurz tief durchgeatmet konzentriere ich mich weiter aufs Kochen, während Nico beginnt, den Tisch zu decken.

Nach dem Essen macht sich Nicos Abgeschlagenheit doch wieder bemerkbar und er schläft samt Bailey auf der Couch ein. So schnappe ich mir meinen Laptop und beginne mit meiner Arbeit. Die ersten beiden Kapitel meines Jugendromans habe ich bereits fertig. Bis Ende der Woche will ich bei Kapitel sieben angelangen. Es läuft ziemlich gut. In der Glotze kommt nur Quatsch, der mich nicht ablenkt und so schreibe ich Stunde für Stunde.

Ich bin ganz vertieft in die Urlaubsromanze, die Pauline, die Protagonistin meiner Geschichte zum ersten Mal in ihrem Leben an Herzschmerz leiden lässt. Gerade beschreibe ich einen innigen und etwas wollüstigen Blick des Gegenparts als plötzlich Nicos Stimme in meinen Ohren klingt: „Du arbeitest noch? Was schreibst du denn?“ Er reibt sich den Schlaf aus den Augen und rutscht mit einem Satz direkt neben mich. Ziemlich peinlich berührt fuchtele ich mir eine Locke ins Gesicht und stottere etwas von Liebeskummer und Urlaubsflirts und nackten Oberkörpern. Neugierig linst Nico in meinen Bildschirm und zitiert: „>… seine dunkelblaue Badehose sitzt dabei so tief, dass sich ein schmaler ungebräunter Rand am Bund abzeichnet. Mit offenem Mund starre ich an meinem Handy vorbei und beobachte, wie er auf mich zukommt.< „Nico streicht sich über seinen Dreitagebart und liest ein paar wenige Absätze darunter weiter: „>Noch nie hat mich jemand so geküsst. Noch nie hat jemand mich dabei auf diese Weise festgehalten. Im Inneren werde ich im Sekundentakt unruhiger. Ein Kribbeln durchfährt meinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle.< Wow Kekschen, da gehts ja richtig zur Sache.“ „Findest… findest du es… blöd?“, hake ich zögerlich und verunsichert nach.

„Überhaupt nicht. Im Gegenteil.“ Er kommt mir näher und näher. Schließlich legt er seine Hand in meinen Nacken und säuselt: „Ich mags wenn’s kribbelt.“ Im nächsten Moment küsst er mich. Ich kann mich nicht erinnern, je einen vergleichbar leidenschaftlichen Kuss erlebt zu haben. Von Sekunde zu Sekunde wird die Situation stürmischer. Meine Fingernägel graben sich lustvoll in Nicos Nacken. Er fummelt den Laptop von meinem Schoß und packt mich am Oberschenkel. Ehe ich überhaupt richtig registriere, was hier vor sich geht, ziehe ich ihm wie ferngesteuert sein Shirt aus. Seinen warmen nackten definierten Oberkörper auf mir zu spüren, lässt mich schier durchdrehen. Während ich ihm durch die Haare wuschele, knöpft er meine Bluse auf. Er vergräbt sein Gesicht in meinem Dekolleté und versucht sich direkt am Öffnen meines Gürtels. Ich spüre wie die Lust in mir stetig steigt. Wie von Sinnen lasse ich mir von Nico die Jeans ausziehen und stecke meine Daumen in seinen Hosenbund und sein Boxershort. Gerade als ich ihn untenrum entblößen will, stoppt er schlagartig und fragt mich: „Alles okay?“

Etwas verdutzt und überfordert antworte ich: „Ja. Wieso?“ Da fragt er mich nochmal etwas lauter: „Annie? Alles okay?“ und streichelt dabei meinen Arm. Ich verstehe nur Bahnhof und lasse von Nico ab. „Was hast du denn?“, will ich verwirrt wissen und zeige mich genervt. „Annie! Hey!“, brüllt Nico mich plötzlich halbwegs an.

Ich schlage die Augen auf und schüttele kurz den Kopf. Vollkommen verwirrt blicke ich in Nicos Gesicht. Er lehnt über mir und sieht mich besorgt an. Sein Shirt hat er an und seine Frisur ist keineswegs verwuschelt. Ich bin vollends verwirrt und bitte um Aufklärung, während ich mich langsam aufrichte: „Was… was ist denn los?“ „Du bist eingeschlafen. Und plötzlich hast du so schwer geatmet. Als du dich dann noch aufgebäumt hast und immer unruhiger geworden bist, wollte ich doch mal sehen ob alles gut ist.“

Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hab geträumt! In Sekundenschnelle schießt mir spürbar die Röte ins Gesicht. Vor Scham kann ich Nico zunächst gar nicht antworten. „Ist… ist alles okay?“, hakt Nico nochmal besorgt nach. Ich halte mir die Hände vors Gesicht und piepse: „Oh Gott!“ Nico ist absolut nicht auf den Kopf gefallen und ahnt so langsam, was Phase ist: „Moment mal… dir tut überhaupt nichts weh.“ Peinlich berührt ziehe ich mir seine Kuscheldecke über den Kopf. „Du hattest… einen Sextraum!!!“, lacht er und zupft mir wiehernd die Decke vom Kopf. „Stimmt doch gar nicht!“ Doch mein Jammern bringt nicht den gewünschten Erfolg, Nico von seiner Fährte abzubringen. Stattdessen führt es dazu, dass Bailey lauthals los bellt, was Nico wiederum nur noch schriller gackern lässt. „Erzähl doch mal!“ „Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst. Wie kommst du denn nur auf so einen Quatsch? Pff… also wirklich.“, plappere ich mich um Kopf und Kragen. „Nicht so schüchtern. Was war denn so alles los in deinem Traum? Um wen ging es denn?“ Nico stichelt weiter und weiter. Die Neugier scheint ihn richtig gepackt zu haben. Doch ich winke ab und verstecke mein Gesicht unter meiner etwas zerzausten Mähne, bis ich den Eindruck habe, dass die Schamesröte nachlässt: „Pff…“ Im nächsten Moment streicht Nico besagte Haarpracht aus dem Weg und setzt sein Verhör fort: „Sag mal, Kekschen…“, grinst er über beide Backen: „Es ging doch nicht um… MICH?“ Da entkommt mir ein missmutiges Brummen und ich lasse mich zurück in die Kissen fallen: „Halt doch endlich die Klappe, Nico.“

„Hahaha, das muss dir doch nicht peinlich sein.“, will er mich besänftigen und steht auf, um eine Wasserflasche zu holen: „Ich hab auch schon ab und zu von dir geträumt. Weißt du, ehrlich gesagt bin ich geschmeichelt.“, zieht er triumphierend seine Augenbrauen hoch. „Ich werd kein Wort mehr sagen!“, pruste ich und verkrieche mich wieder unter die Decke.

Wenige Sekunden später feiert Nico meine Blamage weiter. In meinem Versteck kann ich ihn dumpf sagen hören: „Na Holla… da würde ich auch verrücktes Zeug träumen.“ Ich riskiere einen Blick, um seine Aussage zuordnen zu können und erschrecke mich fast zu Tode, als ich ihn mit meinem Laptop in der Hand sehe. „Hey!“, schreie ich auf und reiße ihn Nico aus der Hand. „Das ist doch noch gar nicht fertig. Ich muss das zum Schluss noch komplett überarbeiten und solange ist die Story TOP-SECRET!“ „Jetzt sei doch nicht so. Ich hab nur zwei, drei Absätze gelesen. Aber… die habens in sich.“, nickt er grinsend wie ein kleiner Schuljunge im Sexualkundeunterricht und schiebt mit einem Zwinkern hinterher: „Ich finds aber gut.“

„Ehrlich?“, frage ich verunsichert nach und streiche mir dabei interessiert die Haare hinter die Ohren. Nico zuckt mit den Achseln: „Schon, ja. Also… ich bin da absolut kein Spezialist, aber es liest sich super.“ Er lehnt sich zu mir rüber und meint: „Und es ist interessant, wie du dies und jenes beschreibst.“ Da finde ich meinen Atem wieder und gehe auf sein Spielchen ein. „Dies und jenes?“, hauche ich und lehne mich ihm entgegen. Nicos Grinsen wird breiter. Seinen abschweifenden Blick in mein Dekolleté versucht er gar nicht erst zu verbergen: „Jap. Dies und jenes.“ Ich treibe das Ganze weiter, überschlage die Beine und streiche mir anmutig und in Zeitlupe durch die Haarpracht: „Wie würdest du dies und jenes denn beschreiben?“ Nicos rechte Augenbraue beginnt zu zucken: „Annie! Wenn du Bailey nicht verstören willst, dann solltest du jetzt damit aufhören.“ Mit einer so schnellen Resignation seinerseits hätte ich nicht gerechnet, freue mich aber umso mehr über meinen Sieg.

Schließlich schlage ich meine Handflächen auf meine Beine und sage flapsig: „Tja, ich werd dann mal gehen. Hab gar nicht mitbekommen, dass es schon so spät geworden ist.“ „Wie? Gehen?“, schrillt Nicos dunkle Stimme hörbar überrascht durch sein geräumiges stilsicher eingerichtetes Wohnzimmer. Während ich meinen Laptop schließe, langsam aufstehe, Bailey rufe und in Richtung Küche tänzele, spüre ich wie Nicos Augen fast aus den Höhlen treten und er mir ungläubig hinterher blickt. „Ich hatte nicht daran gedacht, dass du aus der Wohnung gehst. Ich hatte eher daran gedacht, dass wir das Wohnzimmer gemeinsam verlassen.“, murmelt er und kneift sich dabei in die Unterlippe.

Schließlich kommt er zu mir und stellt sich direkt hinter mich. Während ich die übrigen Lebensmittel in meinen Einkaufskorb packe kann ich seine Hände auf meinen Hüftknochen und seinen Atem in meinem Nacken spüren. „Bleib doch.“, flüstert er lüstern. Alles in mir sträubt sich gegen meine Entscheidung, aber ich bleibe standhaft und gebe ein schwerfälliges „Ich kann nicht.“ von mir. „Doch du kannst.“, säuselt Nico weiter und beginnt meine Schulter zu küssen. Seine Daumen fädelt er dabei in die Schlaufen meiner Jeans. Ich kann ganz genau spüren, wie sehr er mich will. Seine locker sitzende Joggers macht keinen Hehl daraus. Ich schließe die Augen und greife an seinen Hinterkopf. Alles in mir bebt. „Ich lasse dich einfach nicht gehen.“, meint er und dreht mich mit einem Satz zu sich um. In seine schönen Augen zu blicken macht es mir nicht leichter konsequent zu bleiben. Daher entschließe ich mich dazu, das Pflaster schnell und möglichst schmerzlos abzuziehen: „Es geht wirklich nicht, Nico. Tut mir leid.“, schnaufe ich und gebe ihm ein harmloses Abschiedsküsschen auf die Wange ehe ich eilig zur Wohnungstüre haste.

Ich ziehe gerade meine Jacke an, da kommt Nico mir völlig verdattert hinterher getrabt und will sich gewohnt rücksichtsvoll nach dem Stand der Dinge vergewissern. „Ähm… ist denn alles okay… zwischen uns?“ „Na klar!“, zwinkere ich und will die Türe öffnen. Da hakt dieser unglaublich tolle Typ weiter nach: „Sehen wir uns denn morgen, oder übermorgen?“ „Morgen und übermorgen ist mein Terminkalender rappelvoll. Aber ich melde mich, sobald ich ein freies Plätzchen für dich habe. Komm Bailey, gehen wir heim. Gute Nacht, Nico.“ „Gute… gute Nacht.“, stottert er merklich verwundert ehe die Tür ins Schloss fällt.

Kaum habe ich den Bürgersteig betreten meldet sich mein Handy mit einer kurzen Sprachmemo von Nico. Ein deutlich hörbares Schmunzeln zwischen den Zeilen lässt sich nicht leugnen: >Also… wegen dem freien Plätzchen in deinem Kalender. Tja… ich freue mich je früher du dich meldest. Aber vielleicht nicht die nächsten… 20 Minuten. Ich werd jetzt erstmal kalt duschen. Sehr kalt. Schlaf gut Kekschen.<“

Ich muss lachen und bin ziemlich stolz auf mich, das durchgezogen zu haben. Er muss ja nicht wissen, dass sein Versuch einzig und allein an gewissen Damenproblemchen gescheitert ist. Und als zusätzlichen Pluspunkt vermerke ich, dass ich dadurch vielleicht etwas unnahbarer auf Nico wirke. Kichernd mache ich mich mit Bailey schließlich auf den Heimweg.






 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.08.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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